Im Land der Selbstgerechten

Auf eine weinende Athletin einzuprügeln ist billig und geht komplett am eigentlichen Problem vorbei, meint Kolumnist Henning Hirsch

Bild von gregorkasulke auf Pixabay

Wenn ein Tourist (bspw. ein Han-Chinese aus Schanghai) uns Deutsche für seine daheimgebliebenen Parteigenossen charakterisieren soll, dann dürfen folgende Attribute in seiner Aufzählung nicht fehlen: Bratwurst, solide Mittelklasse- und Oberklasse-PKW, die rund um die Uhr auf Vollepulle-Autobahnen dahinflitzen, Luther, Beethoven (der allerdings seine produktivste Zeit in Österreich verbrachte), Heidegger (unter der Voraussetzung, dass sich unser chinesischer Tourist für Fragen der theoretischen Philosophie interessiert), paradiesisches Refugium der 10.000 Biere und nicht viel weniger Brotsorten, aber auch Land der Freitagabendstammtisch-Komatrinker und der 24/7-Selbstgerechtigkeit. Gibt kaum ein anderes Volk weltweit, das sich derart im Besitz der Wahrheit wähnt und mit diesem Wahn seinen Nachbarn ständig gewaltig auf die Nüsse geht. Wenn wir Deutschen sagen, der Müll gehört 5-fach getrennt, weil nur auf diese Weise die Welt gerettet werden kann, dann ist das Fakt und alternativlos. Kein Urlaubsort, wo keine 5-fach Mülltrennung! Weshalb wenige Deutsche nach China zum Skilaufen oder ans Meer fahren, während die Han-Chinesen keine Berührungsängste mit dem deutschen Freitagabendkomasaufen zeigen und sich nur hin und wieder über unser mittelalterliches Mobilfunknetz wundern. Womit wir uns vom chinesischen Touristen, der bloß als Intro diente, schon wieder ab- und dem Kern dieser Kolumne, der wahnhaften Selbstgerechtigkeit, zuwenden.

Scheißestürme in der digitalen Jauchegrube

Die Kehrseite des uns mit der Muttermilch eingeflößten Hangs zur Selbstgerechtigkeit (Herr, ich bin gut, weil ich meinen Müll 5-fach trenne und die Milch beim Biobauer kaufe) lautet Entrüstung: Herr, strafe meinen Nachbarn, der seinen Müll nicht trennt und die Milch beim Aldi holt!

Besonders augenfällig ist die Empörung der Selbstgerechten in den Sozialen Netzwerken aka digitale Jauchegruben, wo dieses Phänomen als Shitstorm bezeichnet wird, was man mit Scheißesturm übersetzen könnte, jedoch nicht tut, weil sich Scheißesturm irgendwie unfein anhört. Während wir in der guten alten Boomer-Zeit Shitstorms – die damals noch nicht so, sondern irgendwie anders hießen. Der Begriff fällt mir aber gerade nicht ein, und ich bin zu faul zum Recherchieren. Deshalb belassen wir es beim Shitstorm – bloß aus dem Boulevard kannten, man ihnen also entgehen konnte, indem man sich am Kiosk nicht die BILD, sondern den Kicker besorgte, kann ihnen (also: den Shitstorms) heutzutage niemand mehr entfliehen. Es sei denn, er meldet sich aus sämtlichen Online-Foren ab, wirft PC & Smartphone in den Müll und übersiedelt auf eine einsame Insel am Rande der Arktis, die noch nicht an die globale Kakophonie angeschlossen ist.

Wie das mit allen Sachen, die anfangs Spaß machen (z.B. Schnaps, Koks, Fetischspiele) so ist, mutiert die anfänglich sporadische Nutzung schnell zur Sucht: Herr gib mir meinen täglichen Shitstorm, an dem ich mich mit selbstgerechten Kommentaren beteiligen darf! Denn ohne meine tägliche Dosis Selbstgerechtigkeit fühle ich mich unausgeglichen und antriebslos.

Gut zu beobachten in den vergangenen 14 Tagen bei den Olympischen Spielen, bei denen wir von den Athleten nicht nur Medaillen – denn wozu sonst geben wir Jahr für Jahr so viel Steuergeld für den Spitzensport aus? Geld, das man alternativ auch für die Erforschung der 6-fachen Mülltrennung einsetzen könnte –, sondern ebenfalls hyperkorrektes Benehmen erwarten. Eine Rugbymannschaft, die sich abends aus Frust über eine Niederlage volllaufen lässt und in die Duschkabine pisst, geht nicht ( = Alkoholexzess), ein Coach, der vom Straßenrand aus seinem Fahrer zuruft, „Hol dir den Kameltreiber!“, geht doppelt nicht ( = steht unter dringendem Rassismusverdacht) und eine 5-Kämpferin, die auf einem lahmen Gaul, der sich weigert, über die Hürden zu springen, in Tränen ausbricht, während ihre Trainerin verzweifelt „Hau drauf!“ schreit, geht dreifach nicht ( = Tierquälerei). Und wenn im Volk der Discount-Bratwurst-aus-Massentierhaltung-Brutzler eins noch schlimmer ist als die Erhöhung der Fleischpreise, dann ist es das Stigma ‚Tierquäler‘. Haben Sie schon mal den Du-elender-Tierquäler-Todesblick einer Nachbarin erlebt, deren Hund in ihrer 2-Zimmer-Wohnung 12 von 24 Stunden kläfft und jault, bis man ihm entnervt vom Balkon aus zuruft, „Hör endlich auf, sonst komm ich rüber und setz dich am Flussufer aus oder bringe dich ins Tierheim zum Einschläfern“? Nein? Ich schon.

Und so erwischte die deutsche 5-Kämpferin folgerichtig die volle Breitseite eines Shitstorms der Stärke 8: Negativberichterstattung in den Medien, Youtube-Clips, in denen sie heulend auf der bockenden Mähre gezeigt wird, vernichtende Kommentare in den „Sozialen“ Medien zzgl. Hassnachrichten an ihre persönliche Adresse.

Da muss man als Tierquäler durch, sagen Sie?
Ja, da muss man heutzutage als weinende 5-Kämpferin halt durch, antworte ich.

Empörungswellen werden zu 99.9% von Ahnungslosen dominiert

Unnötig zu erwähnen – ich tue es der guten Ordnung halber trotzdem –, dass 99.9 Prozent der Shitstorm-Teilnehmer von Pferden und vom Pferdesport Nullkommanull Ahnung haben. Ich übrigens ebenfalls nicht. Aber ich beteilige mich an solchen Aktionen auch nicht, sondern schreibe lieber im Nachgang eine Kolumne darüber. Ob also der Sachverhalt, dass ein Reiter seine Gerte einsetzt, um das Pferd zum Sprung zu bewegen, bereits den Tatbestand der Quälerei erfüllt, kann ich nicht beurteilen. Das mögen Experten tun. Was ich jedoch auch als Laie darf – Fragen stellen:
(a) Weshalb werden Pferde im Modernen 5-Kampf als Sportgeräte angesehen?
(b) Warum muss bei einem 5-Kampf überhaupt geritten werden?
(c) Springen Pferde gerne über (hohe) Hindernisse, oder müssen sie vorher (hart) trainiert werden, damit sie es unter Wettbewerbsbedingungen tun?

(a) ließe sich schnell lösen, (b) hört sich so an, als müssten die Funktionäre dazu 10 Jahre beraten, um am Ende dann alles beim Alten zu belassen und (c) rüttelt an den Grundfesten des Reitsports. Kann mir keiner weismachen, dass Pferde freiwillig dämliche Pirouetten drehen und mit Freude über Mauern und Wassergräben hüpfen. All das setzt HARTES Training voraus. Und zwar mit Methoden, die den Einsatz der Gerte durch die deutsche 5-Kämpferin wie einen zarten Klaps auf den Po erscheinen lassen, während man im Verborgenen, da wo keine Kameras zugelassen sind, auch den Einsatz von Elektroschocks kennt.

Wir Reiter lieben unsere Pferde, kommt jetzt?
Das tun Eiskunstlauf-Mütter und Turnerinnen-Väter auch, wenn sie ihre Töchter noch im Kindergartenalter jeden Tag ins Sportzentrum chauffieren, damit sie dort so lange geschunden (pardon: trainiert) werden, bis sie endlich olympiafähig sind und mit 14 Jahren Sachen auf dem Schwebebalken machen, wo’s mir beim Zuschauen mehr gruselt als bei Carpenters Halloween 1 (übrigens ein guter Film. Die nachfolgenden Teile taugen hingegen wenig. Aber das ist bei nachfolgenden Teilen ja oft so).

Ob das Whataboutismus ist?
Natürlich ist es das.
Aber wer sagt denn, dass Whataboutismus immer verkehrt ist?

Der Shitstorm als würdiger Nachfolger des Lynchmobs

Was hat das nun alles mit selbstgerechter Empörung zu tun? Stimmt, ich bin ein wenig vom Ausgangsthema abgewichen. Eine Marotte alter Männer, für die ich mich beim eiligen Leser entschuldige. Deshalb jetzt zurück zum Auslöser des Textes:

Der Shitstorm gegen die deutsche 5-Kämpferin fällt in 2 Kategorien:

(A) oberflächlich, uninformiert
Nicht die einzelne Athletin gehört an den Pranger gestellt, sondern der Verband, der Pferde als Ausleih-Sportgeräte ansieht, muss die Breitseite der Kritik abbekommen. Nicht die mediale Gerte ist das Problem, sondern die Trainingsmethoden, die im Hintergrund praktiziert werden, sind grenzwertig bis hin zu unmenschlich (besser: komplett wider die tierische Natur).

(B) selbstgerecht
Obwohl ich (in diesem Fall meine ich Sie und nicht mich) jede Woche 5 Kilo Fleisch aus Massentierhaltung auf meinen Webergrill lege und eine Gerte nicht von einer Trense unterscheiden kann, erlaube ich mir eine Meinung „TIERQUÄLEREI!“ und nehme selbstverständlich am Shitstorm teil. Denn die Teilnahme an einem Online-Lynchmob ist Gute-Bürgerpflicht, v.a. für diejenigen, die ihren Müll 5-fach trennen (Lynchmob trifft es ganz gut, denn beim Lynchen war/ist der Grund des Hängens eigentlich nebensächlich. Hauptsache, es wurde jede Woche einer gehängt, und man war nach dem Zuschauen pünktlich zum Abendessen wieder zurück zu Hause und sprach vor Bratwurst und Stielkotelett ein frommes Tischgebet).

Hauptsache, die Bratwurst liegt pünktlich auf dem Grill

Während wir in den guten alten Zeiten Hinrichtungen und Shitstorms allenfalls im Wochenrhythmus erlebten, werden wir heute beinahe täglich Zeuge einer Online-Exekution. Ich kann mich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass wir geradezu sehnsüchtig auf den nächsten Fauxpas eines A-, B-, C- oder D-Promis oder werbetreibenden Unternehmens warten, um dem dann Minuten später unsere geballte Laien-Wut um die Ohren zu hauen. Mittlerweile reichen Schlüpfrigkeiten à la, „Oralverzehr – schneller gelangst du nicht zum Samengenuss (True Fruits)“, um die Empörungsmaschine anzuwerfen und zehntausendfach Schmähkommentare zu generieren. Unser Dealer (pardon: Gratisinformationshändler) versorgt uns mehrmals am Tag mit niedrigschwelligen Shitstorm-Angeboten, von denen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit 1 oder 2 auswählen werden, um uns im Anschluss online auskotzen und abreagieren zu können. Die Ziele unserer Hasstiraden sind egal und beliebig austauschbar (wer wird morgen noch wissen, wie der Name der weinenden 5-Kämpferin lautet?). Wichtig ist einzig: Wir haben uns ausgekotzt, teilen dieses Kotzen mit möglichst vielen anderen (denn alleine kotzen kann mitunter peinlich sein. Schon klüger, wenn sich viele gleichzeitig übergeben) und fühlen uns im Anschluss euphorisch: Ich, der Bratwurst-aus-Massentierhaltung-Brutzler, der seit Jahren seinen Müll penibel 5fach trennt, habe dieser unsäglichen Athletin jetzt mal ordentlich Bescheid gegeben. Da schmeckt das abendliche Schweinenackensteak gleich um 10 Keulenschläge besser. Und weil die Euphorie nur von kurzer Dauer ist, der Patient (korrekt: der Social-Media-Abhängigkeitserkrankte) sich bereits am Morgen danach wieder lustlos und schlapp fühlt, muss schnell nachgefeuert werden, weshalb man/frau sich um 6.30 vor den Monitor setzt und mit zittrigen Fingern nach dem nächsten „Skandal“ forscht. Und so weiter und so Kacke in die Tastatur, bis die Wände des Internets am Abend mal wieder komplett mit Scheiße beschmiert sind.
+++

Zum Schluss der Kolumne 3 Merksätze:

(1) Die Teilnahme an einem Shitstorm ist vergnüglich, so lange es einen nicht selbst erwischt.

(2) Sobald man/frau die Schwelle zur Shitstormabhängigkeit überquert hat, wird kontrolliertes Shitstormen unmöglich. Da hilft dann bloß noch die komplette Abstinenz (Monitor & Smartphone in den Müll = Elektroschrott = Tonne Nr. 6).

(3) Auch Kolumnisten profitieren von Shitstorms. Wir tippen allerdings keine Hasskommentare, sondern schreiben im Anschluss eine Kolumne darüber. Mit der wir dann, wenn die Reichweite stimmt, höllenmäßig viel Geld verdienen.

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

More Posts - Website

Follow Me:
Facebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.