Deutsche Corona-Netiquette

#allesdichtmachen. Was darf man kritisieren? Welche Kritik darf man an der Kritik äußern? 15 Fragen & Antworten. Von Henning Hirsch

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Nachdem #allesdichtmachen in den vergangenen Tagen ne Menge Staub in den sozialen Netzwerken aufgewirbelt hat und die Kritiker auf teils massive Gegenkritik gestoßen waren – worüber sich die Kritiker wunderten, was ihnen aber jeder Facebook-Hilfsschüler vorher hätte sagen können –, wollen wir uns mit der aktuellen deutschen Corona-Netiquette beschäftigen: Was darf man kritisieren, ab welchem Grad der Kritik ist man als Querdenker anzusehen, ist Gegenkritik zulässig, wie hart darf diese formuliert sein?

15 einfache Fragen + 15 schlichte Antworten

(1) Sind Menschen – bspw. Tatort-Kommissare – rechts oder gar Nazis, wenn sie gegen die Corona-Maßnahmen satirisieren?

Antwort: Nein, sind sie nicht (es sei denn, sie sind trotzdem rechts, reden aber in der Öffentlichkeit nicht darüber, weshalb hier die Unschuldsvermutung gilt).

(2) Bewegen sich Menschen – bspw. Tatort-Kommissare – in die Nähe von Querdenkern, wenn sie gegen die Corona-Maßnahmen satirisieren?

Antwort: Hängt davon ab, wie viele u.v.a. welche Argumente der Querdenker 1 zu 1 übernommen werden. Bei einigen Videos wähnte man sich, sobald man die Augen schloss, auf einer Stuttgarter Ohne-Masken-Demo, was zwar durchaus ein Indikator für fortgeschrittenes Querdenken wäre, jedoch juristisch als gerichtsfester Beweis nicht ausreicht. Zumal alle Kommissare, als sie auf ihre Nähe zu den Querdenkern hingewiesen wurden, sich tags darauf empört davon distanzierten.

(3) Darf man Menschen – bspw. Tatort-Kommissare –, wenn sie ähnlich wie die Querdenker argumentieren (in den sozialen Medien wird diese, die Coronagefahren leugnende, Argumentation auch als „schwurbeln“ bezeichnet), in der Konsequenz mit „Das ist bedrohlich nahe am Querdenkertum dran“ charakterisieren?

Antwort: Ja, darf man.

(4) Sind Querdenker alle rechts?

Antwort: Nein, sind sie nicht. Einige von ihnen stehen halt (weit) rechts. Andere sind Yogalehrer, gehören fundamentalen christlichen Endzeit-Gruppen an, sind besorgt/verwirrt, haben schlichtweg keine Ahnung, wollen bloß mal auf ner Demo ohne Maske ordentlich Dampf ablassen.

(5) Darf man einzelne Präventionsmaßnahmen kritisieren?

Antwort: Ja, darf man.

(6) Darf man sich über die Maßnahmen lustig machen?

Antwort: Kann man machen. Darf sich dann aber nicht wundern oder gar jammern, wenn als Reaktion kräftiger Gegenwind entsteht.

(7) Darf man gegen ALLE Maßnahmen polemisieren?

Antwort: Ja, ist zulässig. Man bewegt sich dann aber gefährlich nah an den Querdenkern (siehe oben 3).

(8) Ist Kritik an der Kritik erlaubt?

Antwort: Unbedingt! Die Kritik an der Kritik sollte aber – Shitstorm hin, Shitstorm her – halbwegs zivilisiert ausfallen und die Grenze des guten Geschmacks nicht unterschreiten. Wobei sich Shitstorms erfahrungsgemäß um diese Grenze wenig scheren. Deshalb nennt man sie ja auch Shitstorms. Das sollte man als sensibler Coronamaßnahmen-Satirisierer rechtzeitig ins Kalkül ziehen, bevor man sein Video übereilt in Youtube hochlädt. Ein veritabler Shitstorm ist nichts für Zartbesaitete.

(9) Und wie sieht es bei Ihnen persönlich aus, Herr Hirsch?
Nervt Sie Corona nicht auch?

HIR: Mir geht Corona mittlerweile tierisch auf den Sack.

(10) Bezweifeln Sie die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen?

HIR: Ja, tue ich. Beispielsweise ist mir nicht klar, weshalb die Außengastronomie geschlossen bleibt, während Friseure öffnen dürfen. Auch an der Sinnhaftigkeit der (durchlöcherten) Ausgangssperre sind durchaus Zweifel angebracht. Dass der ÖPNV weiter unterwegs ist, ist nichts anderes als eine 24/7 Viren-Großschleuder auf Rädern.

(11) Bezweifeln Sie die Präventionspolitik der Regierung in Gänze?

HIR: Nein, tue ich nicht. Ich bin ganz im Gegenteil der festen Überzeugung, dass unsere Regierung die Sache überwiegend gut gemanagt hat und v.a. nicht künstlich in die Länge ziehen will, sondern möglichst bald in den Corona-freien Normalbetrieb zurückwechseln möchte.

(12) Sehen Sie Grundrechte u Demokratie in Gefahr?

HIR: Nein.

(13) Halten Sie sich an alle Maßnahmen?

HIR: Ja. Hin u wieder vergesse/übersehe ich schon mal was; aber über den Zeitraum der letzten 12 Monate betrachtet habe ich mich zu 98% daran gehalten.

(14) Werden Sie sich impfen lassen?

HIR: JA! Egal mit was. Notfalls auch Sputnik oder das chinesische Zeug. Hauptsache, ich kann demnächst wieder sorgenfrei vor die Haustür.

(15) Obwohl Sie einzelne Maßnahmen in Zweifel ziehen, befolgen Sie sie dennoch.
Warum? Liegt’s an einem neuen Untertanengeist?

HIR: Leck mich!
*****

Falls Ihnen noch Fragen fehlen sollten, oder Sie mit einigen Antworten nicht einverstanden sind, wenden Sie sich bitte an den Autor. Zivilisiert bevorzugt, Shitstorm ginge aber notfalls auch.

PS. Die Rolle des Gerichtsmediziners in Tatorten ist mMn nicht essenziell. Gibt tausende Krimis, die ohne Gerichtsmedizin-Prota auskommen, und in denen der Mörder am Ende dennoch gefunden wird. Alternativ könnte man über die Neubesetzung der Rolle nachdenken. Wie wär’s zur Abwechslung mit ner sexy (und selbstverständlich blitzgescheiten) Gerichtsmedizinerin?
PPS. dieser Text ist Teil der Kampagne #allesschlichtmachen
Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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