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Wörterbuch der Phänomene: Arbeit

Arbeit ist Last und Freude, die Grundlage fürs Leben und der Grund zum Leben. Arbeiten wir zu viel?

Alles macht Arbeit
Alles macht Arbeit Foto: Jörg Phil Friedrich

Wir müssen arbeiten – es ist ein gewisser Zwang zur Arbeit da, denn ohne können wir nicht überleben. Die meisten von uns sind auf das Geld angewiesen, dass sie dafür bekommen. Außerdem brauchen wir die Arbeit vieler, damit unsere Gesellschaft weiterexistiert und unser Überleben in dieser Gesellschaft gesichert ist.

Die Arbeit hält uns von dem ab, was wir viel lieber täten. Während wir arbeiten, freuen wir uns auf die Freizeit: den Feierabend, das Wochenende, den Urlaub, die Rente.

Aber ohne können wir auch auf andere Weise nicht leben: Die meisten Menschen ziehen aus ihr ein eigenes Selbstverständnis als Mensch. Fragt man sie, was sie sind, antworten sie mit einer Berufsbezeichnung. Wir erzählen einander während der Freizeit gern und oft Geschichten von der Arbeit.

Darin unterscheiden sich Lehrerinnen nicht von Kassierern, Professorinnen nicht von Bauarbeitern. Vielleicht ist der Mensch das vernünftige Wesen, dass in jeder Arbeit einen Sinn finden kann. Zwar meinen manche, die ihre eigene höher schätzen als die der Anderen, dass diese Anderen ihre wohl nur widerwillig und nur zwangsläufig zum Broterwerb verrichten. Aber jede Begegnung mit arbeitenden Menschen, egal, was es konkret ist, beweist uns: Es gibt fast keine, an der ein Mensch keine Freude finden könnte. Zudem ist der Arbeitsplatz auch der Ort, an dem Menschen einander treffen: Nicht nur ist die sie das große Thema im privaten Gespräch, der Arbeitsplatz ist auch der Ort, an dem private Gespräche geführt werden und private Kontakte entstehen. Deshalb möchte auch niemand ganz auf den Arbeitsplatz verzichten und nur noch im Homeoffice sitzen.

Mancher, der die Erwerbsarbeit für die Quelle der Entfremdung des Menschen von seinem eigentlichen Selbst hält, mag diese Argumentation als schönfärberisch abtun und vermuten, dass ich hier nur den ausbeuterischen Charakter der Lohnarbeit verbergen möchte. Aber was wäre, wenn die Menschen auf ihre Arbeit nicht verzichten können, wenn sie im Grunde viel lieber arbeiten möchten, als irgendwelchen Hobbys nachzugehen, zu relaxen oder Unterhaltung zu konsumieren?

Das Problem ist, dass dieser Mensch sich immer neue Arbeit suchen wird, er will produzieren, schaffen, bauen, gestalten, entwickeln, verändern. Arbeit aber verbraucht Ressourcen und verändert die Welt auf unvorhersehbare Weise. Unsere Zukunftsprobleme könnten auch daraus entstehen, dass wir immerfort arbeiten wollen.

Lesen Sie auch aus dem Wörterbuch der Phänomene die Wahrheit über die Wahrheit.

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2 comments
Volkmar Richter

Aus nicht arbeiten entsteht Rückschritt, ist sowas wie mit der Entropie, dann könnten wir nur noch das Erbe von tausenden Jahren Menschheit verwalten, aber verfilmt, das wäre ja auch Arbeit!

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Karin Ritzert

Sicher hat die Arbeit einen Anteil an der Menschwerdung des Affen. Die Nutzung von Werkzeugen ist dabei ein Hauptfaktor. Die Nutzung von Werkzeugen ist inzwischen weitgehend automatisiert…, schon ein Problem in der Selbstdefinition. Doch liegt nicht auch in der Selbstdefinition über „die Arbeit“ viel zu vieler Menschen, das Problem der Überproduktion und der Zerstörung der Umwelt durch Produktionsinteressen? zu dem Thema empfehle ich: Max Weber; “ Die protestantische Ethik“.

Ansonsten kann man sich ja mal fragen wie das wäre, wenn der Gewinn der Arbeit, der inzwischen durch Roboter und andere Automatismen generiert wird, in bedingungslose Grundeinkommen, fließt und wir uns z.B. über empathisch Dienste am Nächsten definieren.., Dienst für Kinder, Alte und Kranke, oder Dienste für die Natur, Umwelt, oder in der Wissenschaft, Politik, Kunst.
Oder wie ist es wenn man längst keinen Sinn mehr in dem sieht was man da tut für Geld damit man Essen kaufen kann. In solchen Situationen braucht man ein Zeit in der man müssiggängerisch sich finden kann, neu definieren, auch über das was man tut, tun will.
Da empfehle ich : „Das Wörterbuch des Müssiggängers“ von Gisela Dischner