Das „Göttliche“ an der „Komödie“ – und wie man es verspielt

Zwischen den Jahren hat Kolumnist Sören Heim die illustrierte Neuauflage von Dantes „Die göttliche Komödie“ unter die Lupe genommen.

Gustave Doré, Styx. Illustration zur Göttlichen Komödie wikipedia, gemeinfrei

Dante Alighieris Die Göttliche Komödie dürfte das Buch sein, bei dem die Zahl derer, die davon fasziniert sind, und denen, die es tatsächlich gelesen haben (noch dazu bis zum Schluss!) im krassesten Missverhältnis steht. Höchstens Paradise Lost könnte vielleicht mit der Göttlichen Komödie noch um diesen Titel streiten. Iced Earth zitiert sie, ebenso Weezer und Milla Jovovich als Musikerin, zahlreiche Filme und Serien und sogar das Lustige Taschenbuch. Ja, für mich war Dante selbst dank solcher Pop-Kultur-Bruchstücke einst eher in der Sphäre der Teufel anzusiedeln als unter den Schriftstellern. Dazu trägt natürlich bei, dass die Faszination, die von der Göttlichen Komödie ausgeht, sich größtenteils auf den ersten Teil, den Gang des Reisenden durch die Höllenkreise, beschränkt.

Vielzitiert, kaum gelesen

Und vielleicht auch nicht wirklich zu Unrecht. Nach einer modernen Dramaturgie betrachtet ist die Komödie ein zutiefst misslungenes Werk. Der spannungsgeladene Höhepunkt steht eigentlich ganz am Anfang: Aufregender als in dem Moment, in dem der Erzähler im dunklen Wald sich auf unbekannte Pfade verirrt, wird es bei Licht betrachtet nicht mehr. Selbst, wenn das Licht im folgenden Drittel der Reise die glimmenden Gluten der Hölle sind. Die göttliche Komödie ist praktisch handlungslos und damit auch ohne diese Was-passiert-mit-dem-Helden Spannung, die wir gewohnt sind von heutigen Texten zu erwarten. Begleiter Vergil ist immer beim Helden und wird ab dem Läuterungsberg von der verflossenen geliebten Beatrice ersetzt. Die göttliche Komödie ist in erster Linie ein Lehrgedicht, das dem Leser die Gräuel der Hölle ausmalt um im Anschluss auf den richtigen Weg zum Glauben zu führen. Dabei werden fast alle Diskurse des Mittelalters und der heraufdämmernden Renaissance beschworen. Gerade das letzte Drittel ist von teils wahnwitzigen theologischen Spekulationen und Stellungnahmen in theologischen Streits der Zeit durchsetzt, hinzu kommen zahlreiche Seitenhiebe gegenüber Zeitgenossen. Und selbst, wer sich für das spekulative Unternehmen, den Glauben zu begründen, durchaus interessiert, dürfte bei den Kirchenvätern oder Thomas eine anregendere und fundiertere Lektüre finden als in Dantes wildem Höllen- und Himmelsritt.

Woher die Faszination?

Warum also Die göttliche Komödie lesen? Wie ist die Faszination zu erklären, die das Werk offenkundig bis heute ausübt? Ist das wirklich nur ein bisschen Höllenfeuer, lückenhafter Lektüre und Missverständnissen geschuldet?
Ich glaube nicht. Die Sprache macht es, und der unglaubliche Ernst, der selbst in den zugegeben regelmäßig schwierigen Übersetzungen von diesem Projekt noch zu spüren ist. Sich durch Die göttliche Komödie arbeiten ist tatsächlich genau das: Arbeit. Durch die Hölle in die höchsten Höhen. Und es ist eine Arbeit, die vom Genuss des unglaublich Sprachflusses Dantes zugleich veredelt wird. Man spürt darin tatsächlich ganz viel vom Ringen des vernunftsbegabten Christen in einer Welt, die es unglaublich schwer macht, einen guten Gott zu glauben. Und gleichzeitig spürt man den Versuch der Überwindung dieses Widerspruches bereits in den herrlich leicht dahinschwebenden Terzinen, die mit den schwersten Themen ringen.

Manesse hat eine neue Ausgaben der Göttlichen Komödie vorgelegt, die mit zahlreichen Kupferstichen von Gustave Doré und insgesamt prachtvoller Aufmachung diese Besonderheit des Werkes noch unterstreicht. Schade, dass als Textgrundlage die Blankversversion von Ida und Walther von Wartburg gewählt wurde, die so bewährt wie beliebt ist. Denn hat man den Anspruch, dass für alle nicht rein für den Wissenschaftsgebrauch gedachten Übersetzungen gelten sollte, dass Übertragungen zuerst als Kunstwerk in ihrer Sprache überzeugen müssen, kann die nicht wirklich genügen. Und für Dante hätte der Anspruch mindestens doppelt zu gelten! Es ist die Sprache, in der das „Göttliche“, das den Kern von Dantes Werk ausmacht, sich manifestiert. Davon so viel wie möglich in eine andere Sprache zu retten sollte Primat einer jeden Übersetzung der Komödie sein. Natürlich ist der tänzelnde Wohlklang des italienischen Originals im schwerfälligeren Deutsch kaum ganz zu reproduzieren. So viel mehr Möglichkeiten zu Reimen (ohne die Satzstruktur zu biegen) hat das italienische schon allein. Wer sich dafür interessiert, wie schrecklich eine Terzinen-Übersetzung auf Deutsch tatsächlich klingen kann, schaue einmal in die gemeinfreie Übertragung von Rudolf Borchardt rein.

Wunschzettel für weitere Neuauflage

Von einer Neuauflage wäre angesichts der zahlreichen bereits bestehenden „Gebrauchsübersetzungen“ zu wünschen, dass sie sich auch an eine neue, die Eleganz des Originals wenigstens anklingen lassende, gereimte Übertragung der Danteschen Terzinen wagt. Gern auch mit einer dem beigestellten Blankvers- oder Prosaübertragung für den wissenschaftlichen Gebrauch. Dem Studenten immerhin, wie auch dem interessierten Laien, gibt die neue Manesse-Ausgabe einen mehr als umfangreichen Kommentar zur Hand. Walther von Wartburg liefert sowohl ein allgemeines Vorwort als auch ausführliche Hinweise zu jedem einzelnen Gesang.

Und wer noch tiefer in Die göttliche Komödie einsteigen möchte, als dass im Rahmen einer kleinen Rezension möglich war, empfehle ich mit etwas Vorsicht www.divina-commedia.de. Diese Seite ist ein Faszinosum für sich. Erstellt von einem ausgewiesenen Dante-Gegner, der zeigen möchte, dass Dante aufgrund seiner inhumanen Weltanschauung keinesfalls als Schullektüre taugt, ist es die umfangreichste mir bekannte frei zugängliche Analyse des Werkes, und durchaus im Großen und Ganzen eine gute Analyse – sie lässt nur außer Acht, dass ein Kunstwerk durchaus weltanschaulich vom zeitgenössischen Standpunkt problematisch und dennoch genießbar sein kann (und Lehrer könnten zB die Probleme thematisieren und für den Unterricht fruchtbar machen). Ja, dort gibt es sogar Audioausgaben der ersten Gesänge in Deutsch und Italienisch und die vergriffene relativ gelungene Terzinen-Übertragung von Richard Zoozman. Wer sich bisher nicht vorstellen kann, welche Faszination dieses Werk ausübt – sogar auf Gegener – dort wird man fündig.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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