Der Streit und die Herrlichkeit

Zum 50. Geburtstag der bedeutenden Rockband Yes gratuliert Ulf Kubanke mit einem Porträt.

Photo: Cover of „90125“; Copyright by Yes/Atlantic Records

Zerwürfnis, dein Name sei Yes. Ein halbes Jahrhundert lang existiert die Band bereits. Unbestritten handelt es sich um eine der größten Rockbands aller Zeiten. Stilistisch wegweisend, kommerziell höchst erfolgreich und musikhistorisch bedeutend. Gleichzeitig erzählen 50 Jahre Yes auch eine Geschichte von Fehden, Intrigen und Egoismen shakespearschen Ausmaßes. Zur exzentrischen Pointe der Geschichte trägt folgender Clou bei: Andere Gruppen lösen sich in solch einem Chaos auf. Nicht so diese Briten. Yes gibt es inzwischen sogar zweimal.

Verwirrend? Es geht noch widersprüchlicher. Bei Yes herrschen unter Fans zwei Lager. Da gibt es zum einen jene, die den reinen Progressive Rock der frühen 70er-Inkarnation schätzen und nachfolgende Poprock-Phasen a la „Owner Of A Lonely Heart“ etc. als oberflächlichen Kommerzkram wahrnehmen. Daneben stehen viele, die letzteres schätzen und die Artrock- und Progsachen als egozentriert überladenes Gefrickel bar jeder Sinnlichkeit einstufen.

Dieser Artikel wählt einen dritten Weg, der beide Facetten schätzt und selbige als unterschiedliche Ausprägungen versierter Musiker wahrnimmt. Einerseits loteten sie in den Seventies die Möglichkeiten komplexer, audiophiler und intellektueller Strukturen aus. Andererseits lernten sie in den 80ern endlich, sämtliche Ideen griffig auf den Punkt zu bringen und in klassisches Rock/Pop-Songwriting zu überführen, ohne dabei zu verflachen.

Das Tor zum Verständnis dieser Ausnahmeband öffnet sich dem Hörer über ihre Schlüsseljahre zwischen 1971 und 1977. Hier begründen sie jenen Weltruhm, der sie neben King Crimson oder Genesis zum ewigen Aushängeschild des Progrock macht. Trotz vielfältiger Besetzungswechsel stechen ein paar Namen als ultimative Kernformation heraus. Allen voran steht im wahrsten Sinne des Wortes Frontmann Jon Anderson. Dessen Falsett klingt technisch wie emotional schlichtweg Weltklasse. Auch live leistet er sich nicht den kleinsten Fehler. Trotz seiner extrem hoch angelegten Stimmlage klingt sein Vortrag – man kennt derlei von Sting – durchweg maskulin. Auch als Haupttexter bei Yes zeigt er schon in frühen Jahren, dass anspruchsvoller Sarkasmus, Philosophie und Spiritualität in der Rockmusik keine Fremdkörper sein müssen. Einer der besten Texte im Hause Yes ist „I’ve Seen All Good People“ vom frühen Klassiker „The Yes Album“ aus dem Jahr 1971. Zynisch hält er der berechnenden menschlichen Natur einen Spiegel vor und vergleicht den Verlauf von Liebesbeziehungen mit Zügen auf einem Schachbrett. Solo machte er sich besonders durch das Projekt Jon & Vangelis einen Namen – Als Duo brachten beide Freunde mehrere erfolgreiche Platten heraus.

Hinzu kommen die beiden Ausnahmedrummer Bill Bruford und Alan White. Bruford ist seines Zeichens der einzige Mensch auf diesem Planeten, der bei allen drei Giganten Yes, King Crimson und Genesis die Felle gerbte. White ist ein musikalischer Schwamm. Unfassbar, wie er sich 1972 nach Brufords Ausstieg binnen läppischer drei Tage die gesamte Setlist der anstehenden Tour samt der kompletten „Close To The Edge“-LP beibrachte und auf dieser nicht nur überzeugte, sondern als echte Säule fungierte. Bassist Chris Squire, mittlerweile verstorben, galt als ausgleichendes Element zwischen all den Streithähnen.

Pianist Rick Wakeman erreicht sogar für englische Verhältnisse ein Ausmaß an Exzentrik und Verschrobenheit, das seinesgleichen sucht. So absolviert er seit den frühen 70ern öffentliche Auftritte nahezu ausnahmslos im Cape. Die englische Presse taufte dieses Markenzeichen liebevoll „seinen Bademantel“. Sein Hang zum Christentum irrlichterte zwischendurch derart, dass er Yes eine Zeit lang ohne jede Ironie als Satanswerk bezeichnete. Und Lou Reeds Debütalbum ruinierte er mit unpassend kitschigen Ideen, die den grantigen New York City Man fast die Solokarriere kosteten. Davon abgesehen veredelte er viele frühe Bowie-Songs wie etwa „Life On Mars“ oder Elton Johns frühen Meilenstein „Madman Across The Water“. Als absolute Großtat jenseits der Mutterband schlägt jedoch das berühmte Piano-Intro von Cat Stevens „Morning Has Broken“ zu Buche. Bei Yes erbaute sich der Tastenkönig ein eigenes Reich, bestehend aus diversen Synthies. Er brachte das Wissen um Chor-Arrangements und klassische Strukturen in die Band.

Auch Gitarrist Steve Howe verfügt über eine Bandbreite, die instrumental von Rock über Klassik bis hin zu Jazz reicht. Das oft schwierige, sich aneinander reibende Verhältnis zu Anderson war selten Balsam für die zwischenmenschliche Bandchemie, förderte in kreativer Hinsicht jedoch Höchstleistungen zu Tage. So beruht das ebenso sperrige wie brillante 1973er Meisterwerk „Tales From Topographic Oceans“ auf dem zumindest musikalisch tief verwobenen Verständnis beider ungleicher, sich künstlerisch ergänzender Männer. Neben dem Artrock der Mutterband feierte er Welterfolge im Melodic Rock-Segment. Hier stechen GTR, ein Projekt mit Steve Hackett von Genesis, sowie Asia heraus. Letztere Truppe besonders bekannt für den Überhit „Heat Of The Moment“.

Jeder der sich für Progrock interessiert sollte vor allem ihre Phase bis 1977 einschließlich der LP „Going For The One“ kennenlernen. Neben den genannten Scheiben stehen besonders auch „Fragile“ (1971) und „Relayer“ (1974) qualitativ hoch im Kurs. Danach machten Punk und interner Zwist ihrem Erfolg vorerst den Garaus. Ein negativer Höhepunkt war das kurze Gastspiel Trevor Horns (u.A. Frankie Goes To Hollywood, Art Of Noise) am Mikro. So großartig und wichtig Horns Rolle in der Musikgeschichte auch ist: Das Intermezzo bei Yes erwies sich musikalisch als großes, kurioses Missverständnis.

Die Neuerfindung folgte 1983 mit dem grandiosen Album „90125“ und dem verdienten Welthit „Owner Of Alonely Heart“. Howe war zu diesem Zeitpunkt nicht Teil des Line-Ups, sondern mit Asia beschäftigt. Der neue, Trevor Rabin, erwies sich für Anderson und Co als echter Glücksfall. Rabin zeichnet sich gleichermaßen als starker Gitarrist, Produzent und Songwriter aus, der neben seinen fünf Platten mit Yes unter anderem Musik für mehr als 30 Spielfilme schrieb. Seine Fähigkeit, all ihre wichtigen Merkmale kompakt zu bündeln, um daraus eine ansprechende Melange aus melodischem Rock und Artpop zu machen, erwies sich als ähnlich erfolgreich wie zur gleichen Zeit etwa Mike Oldfields artverwandte Hinwendung zu eingängigen Mustern. Als Anspieltipp dieser Phase empfiehlt sich neben dem klangfarbenprächtigen „It Can Happen“ das hymnische „Changes“. Zu Recht wurde letztes mit den Jahren ein absoluter Live-Favorit bei Fans, der in etlichen Konzertversionen existiert.

Und heute? Zum runden Wiegenfest hat sich die Yes-Welt längst weiter in Richtung Groteske bewegt. Anderson und Howe kommunizieren nur noch über Anwälte miteinander. Der Sänger, Rabin und Wakeman stehen dort nicht mehr zur Verfügung, touren aber als Yes Featuring ARW. Die Konzerte sind qualitativ erstaunlich hochwertig. Besonders Andersons Gesangsleistung beeindruckt trotz seiner knapp 75 Jahre auf dem trainierten Buckel noch immer. Die zum Bandgeburtstag taufrisch erschienen DVD „50th Anniverarys – Live At The Apollo“ lohnt sich sehr als Einstiegsdroge für Novizen und sollte auch dienstältere Fans begeistern.

Die verbliebenen Howe und White laden sich derweil Howes Asia-Kumpel Geoff Downes ein und fabrizieren als offizielle Yes die kollossal schlechten Studioplatten „Fly From Here“ und „Heaven & Earth“. Der neue Sänger Jon Davison tritt dabei als eine Art zweitklassiger Anderson-Klon in Erscheinung. Auch diese Formation tourt um die Welt, versenkt als Schatten seiner selbst gleichwohl die eigene Legende. Wer sich die Kultband noch einmal anschauen möchte, greife getrost zur ARW-Version. Wer indes glaubt, bereits alles zu besitzen, sollte ein Ohr in die hervorragenden Neuabmischungen vieler Albenklassiker machen. Kein geringerer als Steven Wilson polierte den Sound fachkundig auf. So werden wundervolle Lieder wie „Heart Of The Sunrise“ sicherlich auch noch die nächsten 50 Jahre überdauern, ohne Patina anzusetzen.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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