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Christan Lindner und der blinde Fleck – Ein Appell

Ein blinder Fleck hindert Christian Lindner daran, das volle Potential der Freien Demokraten auszuschöpfen. In den Sondierungsgesprächen zu Jamaika wurde der tote Winkel des FDP Vorsitzenden offensichtlich.

Bildnachweis: https://pixabay.com/de/christian-lindner-fdp-2333992/ CC0 Creative Commons Nur redaktionelle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

 

Ich bin enttäuscht, dass Jamaika gescheitert ist. Ich wollte die FDP in der Regierung, um zu sehen, was sie wirklich ist: Eine liberale oder eine konservative Partei?

Zu vielen schönen Worten folgen hässliche Taten. Das Grundsatzprogramm der FDP ist toll. Doch die wirkliche Politik wird davon bestimmt, was der Parteivorsitzende in die Kameras sagt.

Christian Lindner hat einen blinden Fleck in seiner Wahrnehmung. Seit zwei Jahren erzählt er landauf, landab man müsse die „Zuwanderung begrenzen“ und Einwanderer „müssen sich anpassen.“ Während der Sondierungsgespräche war es ihm wichtiger Familien fernzuhalten, als Integration zu fördern indem er die grundsätzliche doppelte Staatsbürgerschaft nach vorne rückt.

Damit will er konservative Wähler für die FDP gewinnen – und nimmt gar nicht wahr, wie er jene zutiefst verbittert, die er für dieses Ziel unter den Karren wirft.

Fast 40 Prozent der Kleinkinder in Deutschland haben Eltern oder Großeltern, die im Ausland geboren wurden. Diese Menschen zahlen Steuern, sie finanzieren unsere Renten und verhindern den Zusammenbruch unserer Wirtschaft.

Wenn Sie eines Tages pflegebedürftig werden, wird es eine ausländische Pflegekraft sein, die Ihnen das Wasser reicht und den Hintern abwischt. Kein Glatzkopf mit Springerstiefeln.

Zuwanderung begrenzt?

Tag für Tag hören 9 Millionen Ausländer und ebenso viele Merit-Deutsche, dass „Zuwanderung begrenzt“ werden müsse – dass sie also offenbar eine Belastung für das Land wären.

Regelmäßig verkündet der Vorsitzende der FDP, dass Ausländer sich gefälligst „anpassen“ müssten. Dass „nicht wir Deutschen uns anpassen müssen, sondern jene die zu uns kommen.“

Wer so redet verweigert Integration.

Offenbar sind Ausländer – so wie sie sind – nicht gut genug für die „neue“ FDP. Das finde ich komisch. Ich war bisher der Ansicht, dass in unserem Land die Menschen die Gesetze befolgen müssen – und sonst gar nichts.

Eine liberale Partei würde offensiv die Würde des Individuums verteidigen. Das Recht des Punks sich eine Sicherheitsnadel durch die Nase zu stecken, des Volksmusik-Fans ein Dirndl zu tragen (sogar zu seinem Vollbart) und das Recht einer Muslima ein Kopftuch anzuziehen.

Eine liberale Partei würde jeden Menschen wegen seiner Einzigartigkeit wertschätzen. „Anpassung“ fordert eine konservative Partei.

Farbe bekennen

Ich bin enttäuscht, dass Jamaika gescheitert ist. Denn in der Regierung hätte die FDP Farbe bekennen müssen.

Christian Lindner hat einen blinden Fleck: 4.3 Millionen Ausländer dürfen in zwei Jahren bei der Europawahl wählen. Genau wie Millionen Deutsche mit Vorfahren im Ausland.

Späte Rache

Gebrochene Wahlversprechen mögen die Menschen irgendwann verzeihen – einen Angriff auf ihre Würde, den Vorwurf, sie wären weniger wert als andere – das vergessen Menschen niemals. Dafür rächen sie sich auch noch nach Jahren.

Der Einwand, gut gebildete Einwanderer seien nicht gemeint, zieht nicht. Denn gut gebildete Einwanderer sind genau das: Gut gebildet. Sie verstehen sehr genau, wenn Politiker sie als Köder für Dog Whistle Kommunikation missbrauchen.

Ich möchte eine FDP, die Menschen verbindet, anstatt sie zu Prügelknaben zu machen. Ich möchte eine FDP die jeden Einzelnen wegen seiner Individualität wertschätzt und es ihm ermöglicht seinen persönlichen Lebenstraum zu verwirklichen.

Ich möchte eine FDP die selbstverständlich sagt: Auch Du gehörst zu uns.

Christian Lindner hat einen blinden Fleck. Aber er ist jemand der zuhört und für Argumente offen ist. Die Tatsache, dass er selbst auf Emails einfacher Mitglieder persönlich antwortet, kann man gar nicht genug wertschätzen. Aber persönliche Emails haben keine Wirkung. Wer Veränderung will, muss laut werden.

Also Christian: Ich fordere Dich auf, die Integration von Ausländern in den Mittelpunkt der Fraktionsarbeit zu stellen. Dafür müssen wir Integration ermöglichen und nicht verweigern. Ausländer in ihrer ganzen Identität wertschätzen, anstatt sie zu limitieren.

Die FDP fordert die grundsätzliche doppelte Staatsbürgerschaft. Ich fordere Dich auf diese als ersten Gesetzentwurf der FDP in den Bundestag einzubringen.

Damit klar wird: Die FDP ist keine konservative, sondern eine liberale Partei.

Chris Pyak ist ab dem zweiten Dezember Co-Vorsitzender der ALDE Party Individual Members. Die ALDE Party ist die europäische Dachpartei der FDP.

 

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3 comments
Chris Pyak

Christian Lindner war es für den ersten FDP Gesetzentwurf nach 4 Jahren Pause dann doch wichtiger Familien fernzuhalten. Die „neue“ FDP.

http://www.zeit.de/amp/politik/deutschland/2017-11/familiennachzug-afd-fdp-bundestag-gesetzesinitiativen

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Wolf Achim Wiegand

Ja, gut so! Ein Text, der betroffen und nachdenklich macht.

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Erik Flamme

Echte Integration scheint mir wechselseitig zu sein und sollte nicht auf das Territorium der Bundesrepublick Deutschland beschränkt bleiben !

Wir haben viel mehr zu gewinnen – seitens der Menschen, der Kulturen, der Wirtschaft – wenn es bilaterale und multilaterale Beziehungen im Rahmen intensiver Dialoge mit den betreffenden Ländern gibt.

Das hat den Vorteil, daß sich im Rahmen einer solchen Zusammenarbeit, Deutsche im „Aus-Land“ (man sollte wirklich einen neuen Begriff erfinden!) EBENFALLS INTEGRIEREN müssen und Partner werden können mit denen, die dies in unserem eigenen Heimatland tun müssen.

Die Kultur-Unterschiede können dann von beiden Seiten („deutsch“ und „aus-ländisch“) betrachtet, interpretiert und umgesetzt werden.

Ich habe hier reichhaltige Erfahrungen in der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Die eigentliche Komplementarität unserer beiden Staaten schlägt wirtschaftlich oft in Feindschaft um, weil sich jeder selbst sehr gut kennt und dabei „das Andere“/ „den Anderen“ vergißt.

Hand in Hand, Herz zu Herz … und dies auch auf die europäische Ebene tragen, z. B. im Rahmen der Initiierung und Begleitung gemeinsamer Projekte mit klein- und mittelständischen Unternehmen sowie Initiativen der Kommunen, Landkreise, Städte …

Erlauben Sie mir bei dieser Gelegenheit darauf hinzuweisen, daß Deutschland und seine Institutionen in der Auslandspolitik zu oft über die Medien AN DER NASE HERUMGEFÜHRT werden:

Wir besitzen „den Porsche“ (unser Know How, unseren Idealismus, unsere Solidarität), können ihn aber aufgrund einer gezielten Desinformationspolitik und fehlenden Integration von Deutschen im „Aus-Land“ nicht auf die Straße bringen. Die Räder erreichen den Boden der Tatsachen trotz vielfältigster Theorien und scheinbarer Schläue bzw. Bildung … NICHT !

Auch politischen Stiftungen sind politisch die Hände gebunden.

Und irgendwann schwappen die Folgen der Verfehlungen in Form zigtausender Flüchtlinge zu uns rüber: Wir beheben „Probleme“ nicht an der Wurzel. Die WIRKLICHEN POTENTIALE sind erst garnicht Thema. Unsere Zukunft fährt rückwärts !

Sollte es möglich sein, mit Ihnen eine derartige „integrative Wirtschaftspolitik“ auf der Ebene von Projekten, Informationsaustausch außerhalb „autorisierter Wege“ zu betreiben (d. h. jenseits von politischer Deformierung durch „Interessen“), stehe ich gerne zur Verfügung.

CHANCE AFRIKA

Afrika braucht mehr als nur „Problembekämpfung“, sondern Chancen-Nutzung und die realistische Einschätzung politischer Situationen, um auf Berlin wenn nötig DRUCK auszuüben !

Der französische Präsident, Emmanuel MACRON, ignorierte – entweder aufgrund fehlender Erfahrung, zu großer Naivität und Jugendlichkeit oder bewußter Ignoranz – auf dem kürzlichen Gipfeltreffen der EU mit der Afrikanischen Union und den Vereinten Nationen in Abidjan/ Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) komplett die EIGENTLICHEN HERAUSFORDERUNGEN !

Er stößt Afrika vor den Kopf, die man nicht hört … sondern demütigt. Und so ist „Intelligenz“ nicht eine Frage der Einsicht, sondern der Macht.

Wir kommen an dem „dieKuhliefumdenTeich“ nicht herum.

Terrorismus bekämpfen, indem man ihn schafft. Entwicklung verhindern, indem man über sie redet. Das ist möglich, wenn die eigentliche Intelligenz, die Wahrheit und die Ideen nicht im Zentrum stehen.

Und unsere liebe Angela MERKEL scheint voll … vom Positiven überzeugt, und hinterließ nach dem Gipfel eine Bremsspur der Verzweiflung in den Bevölkerungen, die sich „gipfelmäßig unverstanden“ fühlen.