Oh, Winter, dein schmutziger Schnee

So weit ich mich in meine Kindheit zurückerinnern kann, verbinde ich nur schöne und wunderschöne Erinnerungen mit Schnee. Winter ist seit jeher meine Lieblingsjahreszeit, in welche nicht nur das für Kinder geschenkereichste Ereignis – Weihnachten – fällt, sondern, in welcher die Ruhe in der Natur noch ruhender und stiller ist und in welcher es mannigfaltige […]

Schnee wird schmutzig
Bild von der Autorin

So weit ich mich in meine Kindheit zurückerinnern kann, verbinde ich nur schöne und wunderschöne Erinnerungen mit Schnee. Winter ist seit jeher meine Lieblingsjahreszeit, in welche nicht nur das für Kinder geschenkereichste Ereignis – Weihnachten – fällt, sondern, in welcher die Ruhe in der Natur noch ruhender und stiller ist und in welcher es mannigfaltige Vergnügungen gibt, zu denen man sich nicht einmal mit Freunden verabreden musste, um sie doch dort zu treffen.

Dieser Eindruck, durch mein glücklichseligmachendes Kindheitserleben geprägt, wurde in diesem Jahr doch sehr in Frage gestellt. Nach langen Jahren, in denen mal kurz geschneit und dann meist eher nicht, wurde das strahlende Weiß und das Gefühl der seligen Einsamkeit nicht angekratzt, das für mich der Winter ausmachte. Er trat halt einfach nicht so richtig ein.

Dieser Winter

Doch, was ist das da, in diesem heurigen Winter? Heftige Schneefälle, mit besten Voraussetzungen, ein bisschen liegen zu bleiben, und dann gleich am nächsten Tag Bäche und Wasserpfützen, weil die Kälte sofort in unangenehme einstellige Plusgrade umschlug. Oder gleich direkter Übergang von Schneefall zu Dauerregen. Gestern noch geschippt und den von der Schneelast umgekippten Flieder freigeschüttelt und heute gerade einmal ein paar hartnäckige Häufchen grauem Matsch, wo ich beim Schippen die Massen auftürmte. Die Kinder der Nachbarn haben es nicht einmal geschafft, einen Schneemann zu bauen, denn nachdem sie aus dem Kindergarten heimkamen, war der Spuk schon vorbei. Beim Schippen habe ich schon gemerkt, dass der bodennahe Schnee und der auf dem Auto schon am Tauen war.

Bei meinem Arbeitsplatz, wo daneben eine Druckerei steht, wurden die Schneeberge stärker verdichtet, maschinell zusammengedrückt, mitsamt der sonst frei herumfliegenden Restdruckerschwärze. An den Tagen, an denen diese Berge auf dem Betriebshof heruntergetaut waren, blieb ein großer Fleck mit zermalmten Rollsplitt, zersetzt mit Papierresten und Packbanderolen. E-kel-haft!

Fress-Kotz-Winter

Natürlich hatte ich auch in meiner Kindheit diesen Schmutzhaufen vor Augen, gegen Ende Februar, der dann endlich von der Stadtreinigung abgeholt wurde. Und davor ein nur allmählich sich vergrauendes Weiß, weil es immer ein bisschen nachweißte, und nicht sofort, innerhalb von Stunden entzauberte. Und ich wohnte in der Nachbarstadt zum Bitterfeld Rumäniens (Copșa Mică), wo die schwarze Hölle der Rußproduktion die ganze Landschaft drumherum in völliges Schwarz tauchte. Aber eine solche rapide Verschwärzung wie in diesem Winter, im so grün-sauberen rußfreien Süddeutschland, an eine solche kann ich mich nicht erinnern. Als ob das Wetter in diesem Jahr einen Fress-Kotz-Anfall hatte, präziser: ein „Schnee-Wegtau“-Anfall.

Idealvorstellung vom Winter

Ob ich aber gerne an Orten leben würde, in denen eine stabile Minustemperatur den Schnee gegen das schwarze Nass des schmutzigen Tauwassers lange verteidigt – ist natürlich eine ganz andere Geschichte. Natürlich lieber ganz genau austariertes Von-Ende-Dezember-bis-Anfang-Februar-Kalt mit Schnee. Ein Kalt, das mich mehr als zwei Stunden Schlittenfahren lässt, bevor ich mich behaglich beim Kamin mit Bratäpfeln wieder aufwärme. Am besten in einer naturnahen Großstadt, die ihre Straßen sauber und sicher hält, und dennoch ein paar dieser idyllisch gelegenen Orte bietet, bei denen der flache See einfriert und die hügelige Landschaft mehrere lange und ein paar kurze Pisten bietet. Und natürlich keine Überschwemmung im Frühling, also wenn die ganzen Schneemassen sich endlich entschieden haben, nicht mehr nachzuweißen, sondern in einer kurz und schmerzlosen Prozedur im grau-schwarzen Matsch verschwinden, aber doch nur nach und nach von Region zu Region, die Berge langsam genug hinauf, um nicht die Pegel zu übersteigen.

Überhaupt – wie überraschend genau dieser Wunderstoff Wasser sich um unser Existenzvermögen als Spezies und als planetarisches Biotop so verschiedenartig präsentiert. Gerade mal diese ominösen 100 Grad Celsius zwischen dem kochenden Verdunsten und dem entschlossenen Einfrieren  – während die Sonne gleich auf lauschige 5000 hinaufsteigt. Wir Menschen schieben schlau diese 100 Grad Bandbreite ein bisschen nach unten, um dauerhaft zu überleben. Der heißeste Ort (Lufttemperatur) der Erde ist im Death Valley und wie der Name schon sagt, nicht sehr geeignet, sich niederzulassen. Über 57 Grad wurden da mal gemessen. Und der kälteste Ort, in welchem noch dauerhaft Menschen wohnen, liegt – welche Überraschung – in Sibirien. Auch wenn es andere Möglichkeiten gibt, der Temperatur eine Skala zu geben, so ist das Verhalten des Wassers und seine Übergänge in andere Aggregatszustände auf der Erde sehr sinnvoll, sich danach zu orientieren. Wasser ist Leben, zumindest, wie es sich hier im Irdischen entwickelt hat. Die fantastische Kristallisation des gefrorenen Wassers in einer verzweigten Schneeflocke – die ist nicht ganz einzigartig, aber recht selten unter den Molekularstrukturen. Und das ergibt gleich diese weiße Decke, dieses zusammenschiebbare Zeug, das leicht und schwer zugleich ist, aus dem man vorübergehend was zusammentöpfern kann, mit bloßer Hand oder nur ein bisschen Handschuh drauf. Zum Beispiel einen Schneemann.

Dass es überhaupt einen Winter gibt

Ein so fragiles „um-den-Nullpunkt-herum“ Dasein von uns Menschen, das uns dank der besonderen Neigung der Drehachse unserer Erde in Relation zur Bewegung um die Sonne hier in Europa dieses besondere Ding „Winter“ schenkt, dass wir es noch mit einer Freude genießen können, wenn wir uns dabei nicht allzulang und allzuweit von unserer wärmenden Hütte entfernen – wie kann ich da nicht dankbar sein. Und wie traurig macht es mich, dass es in diesem Winter damit nur wie in einem Schabernack vor meiner Nase herumgebaumelt hat und – kaum genossen – es schon weg war und im Ekel endet, schlimmer noch, als gleich ganz ohne. So haben wir nicht gewettet, Wetter!

Melancholisch schaue ich hinaus auf die kleinen getauten Tropfen, die noch am Baum festhalten wollen, wo sie gestern noch durch die Verhakungen der kristallinen Form gleich zigfach schwerer dran hingen. Ade, mein Winter. Vielleicht sage ich nächstes Mal, wenn ich nach meiner Lieblingsjahreszeit gefragt werde, lieber gleich Frühling.

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