Weil es mich sehr beeindruckte, was vor ein paar Jahren auf Facebook noch gern geteilte Feel-good-Berichte waren über Initiativen, die den Müll aus der Natur sammelten und richtig entsorgten, habe ich mir meinen Mikro-Beitrag dazu so ausgesucht: Wenn ich in die Arbeit fahre, mache ich einen Abstecher zum hiesigen Badesee und sammle Zigarettenstummel vom Kiesstrand und den umgebenden Wiesen. Es war kalt und nass und keine Badesaison, so dass ich keine Gefahr lief, dass es jemand als eine vorwurfsvolle Geste auffassen könnte. Es war so gut wie niemand da, außer mal eine Gruppe Jugendlicher auf dem Schulwandertag, oder ein paar Hunde-Gassiführer. Auch solche, die rauchten. Ich machte das nur eine kurze Zeitperiode, denn – um ehrlich zu sein – kam dabei nicht sooo viel zusammen. In den Facebook-Memes sprachen die von mehreren Bechern voll in einer halben Stunde. Das sah bei mir anders aus. Gut so, spricht für meine Mitmenschen.
Philosophische Tätigkeit
Es war eine meditative Tätigkeit, meine Gedanken schweiften umher, und ich konnte nicht umhin, über diese Zigarettenstummel einen philosophischen Diskurs mit mir selber zu führen. Zigarettenstummel haben heutzutage eine Mindestlänge, nämlich genau die Länge, die der Filter einnimmt. Dieser Filter, der vor ein paar Jahren noch als die Lösung gegen die schädliche Wirkung für den Raucher galt, zumindest etwas. Filterzigaretten als die weniger schädliche Alternative für den sowieso Rauchenden, der nicht aufhören, aber dennoch länger leben will. Im Zeitalter der Kunststoffe besteht auch dieser Teil der Genussindustrie eben aus Kunststoff, genauer: meist aus Cellulose-Acetat https://www.tabakguru.de/blog/zigarettenfilter. Diese sind durchaus biologisch abbaubar, sogar restlos, aber brauchen dafür unter Umständen bis zu mehreren Jahren. Die „Umstände“ sind: je neuer, desto besser wurde bei der Herstellung darauf geachtet, oder auch nach alternativen Rohstoffen und Verfahren geforscht. Insofern – die Natur wird nicht für ewig den angesammelten Zigarettenstummel-Müllberg auf sich herumtragen, immerhin.
Aber da diese Filter die Funktion erfüllen soll, die schädlichen Stoffe aus der brennenden Zigarette aufzufangen, bevor sie in den Körper des Rauchers gelangen, sind diese Toxine eben auch in diesem kurzen Stummelstück geparkt. Konzentriert. Wenn sie in der freien Natur liegen, dann regnet es darauf, und, wenn es am Badesee ist, kann der auch mal bis dahin schwappen. Wasser wäscht diese Stoffe aus und sie gelangen punktuell konzentriert eben in die Umwelt.
Umwelt, Fische, Vögel
Wenn man an unserem Badesee herumläuft wird man auch viele Wasservögel sehen, man muss regelrecht aufpassen, nicht in deren Kot zu treten. Es ist nicht so, dass Vögel diese gelb leuchtenden Stummel ständig mit dem rosafarbenen Regenwurm verwechseln, aber manchmal halt doch. So ein Stummel liegt schwer im kleinen Vogelmagen, wenn sie überhaupt noch dahin gelangen, sie können somit schlicht daran ersticken oder sich verstopfen. Übrigens geht es den Fischen nicht anders, wenn die Filter ins Wasser gelangen. Aber vor allem sind es die Toxine im „weggerauchten“ Filter, die den Tieren zusetzen, sie vergiften die Tiere direkt oder ihre Umgebung.
Lieber verzichten?
Somit überlegte ich mir – wäre es nicht umweltfreundlicher, auf diese Filter zu verzichten? Und ein bisschen böswillig, weil ich selbst Nichtraucher bin: Es vergiftet ja den Raucher selbst, nicht die Umgebung oder Umwelt. Soll er doch den gesamten „Genuss“ abbekommen. Ja, nur kurz habe ich das gedacht. Bei allem Ärger, den ich spüre, wenn neben mir jemand unhöflich raucht und ich zwangsweise damit „beglückt“ werde – was ICH fühle, sollte ja nicht Maßstab sein. Wichtig ist, dass man eine allgemeine Lösung findet. Die sowohl die Umwelt, die umstehenden Nichtraucher als auch den Raucher selbst leben lässt. Gut leben lässt. Man bedenke, dass kein Mensch ganz ohne Laster und Schaden für andere in irgendeiner Form lebt. Also was dem einen Nichtraucher der Raucher, ist dem anderen vielleicht der Skifahrer in den Bergen oder der Benziner-Fahrer (ich, zum Beispiel).
Philosophisches Prinzip
Aber für mich stehen diese Filter in der Zigarette, vor allem damals auf meinem Gang um den Badesee herum, symbolisch für ein grundsätzliches und allgemeines Problem für uns Menschen. Oder sagen wir nicht gleich „Problem“. Ein Prinzip. In meiner Lebenshälfte angelangt (ich hoffe, nochmal so lange zu leben, haha) habe ich so viele meiner „absoluten Prinzipien“ im Härtetest der Realität sich plötzlich umkehren sehen. Zeitlich versetzt oder sofort ins „einerseits-andererseits“ driften.
So wie die Zigarettenfilter einst als Gesundheitsschutz angepriesen wurde, um dann toxisch in der Natur rumzuliegen – und ja, der Raucher könnte seine Raucherreste auch gleich im Mülleimer entsorgen, aber das ist jetzt nicht der Punkt, denn wir sind Menschen, und Menschen machen eben nicht immer alles im Optimum – so ist zum Beispiel auch der Veganer mit all seiner guten Tierliebe (nichts dran zu meckern, super!) an anderer Stelle problematisch. Ein Veganer würde den Pullover aus Schafwolle und die coole Lederjacke ablehnen. Oder den Lederschuh. Weil vom Tier. Und dafür lieber die Jack-Wolfskin-Keflar-Jacke und die Crocs nehmen, weil Plastik und kein Tier dafür gestorben. Aber – eben: Plastik. Schwer abbaubar, toxisch in der Herstellung, etc. Nungut, Leder wird auch nicht gerade auf die untoxischste Weise bearbeitbar gemacht . Aber im Prinzip so für mich als Verbraucher – trage ich Plastik oder Naturstoff? Vegan oder Tierleid?
Umkehrung der Umstände
Eine ganz interessante Wandlung alter Positionen, die man sicher glaubte im „Guten“, ist auch das soziale Miteinander, das gesellige Zusammensein. Es ist doch gut, wenn man Freunde trifft, oder? Es spricht für einen, wenn man auf Vereinsversammlungen geht, oder? Wenn man im Chor singt, ist es doch wunderbar, oder? In Corona – war es das Gegenteil. Man war sozial, wenn man sich fernhielt. Ganz schöne Umstellung im Kopf. Dass sich eine lost generation von Jugendlichen, die die wichtige und prägende Pubertät zuhause verbringen mussten, heute mit vielen psychischen Problemen herumschlagen muss – ist auch so eine Sache. Es gab einfach keine gute Lösung. Nur eine der Abwägung und des echten oder vermeintlichen kleineren Übels. Drastisch gesagt: Willst du, dass der Jugendliche sich sozial problematisch entwickelt, weil er erfährt, dass er mit seinem Rumstreunen die Großeltern auf dem Gewissen hat, oder weil er nicht mehr weiß, wie er mit Gleichaltrigen umgehen kann?
Kleines Prinzip – große Politik
Auch geopolitisch verkehrt sich gerade so vieles. Ich bin ein Fan von Israel. Israel ist so ein leuchtendes Vorbild, bewundernswert, mit all seinen Brüchen, die es immer schon verwalten musste. Es war nie „sauber“, konnte sich das nie leisten. Es musste sich behaupten, sonst war es dem Untergang geweiht. Klar könnte man da einiges verurteilen, aber dann gäbe es das Land nicht mehr. Und der 7. Oktober 2023 – diese Gräueltaten, die die Hamas dort verübte – da war kein Deuteln, da war kein „einerseits-andererseits“ für mich zu sehen. Sicher, das sehen einige jubelnde Palästina-Fans anders, die konnten darin eine „verdiente Strafe“ sehen. Für etwas, wo man das zweifelsohne gebeutelte palästinensische Volk als Opfer sah.
Aber letztlich ließ dieses Datum mit all den verstörenden Nachrichten eine eindeutige Betroffenheit zu. Dazu muss man nicht mal ein Fan sein wie ich. Dass sich im Folgenden eine nach und nach grauer aufmachende Zone in dem Zurückschlagen einer Regierung, deren politisches Spektrum nicht meinem entspricht, mir immer schwerer machte, darin „nur“ ein gerechtfertigtes Vorgehen zu sehen – lässt mich nicht von diesem Glauben in das Land Israel und seine Bewohner abfallen, aber ich kann nicht mehr jedem Narrativ folgen, das sich Carte Blanche in der Zivilbevölkerung im Gaza holt.
Es ist ein „Aushalten“ gegensätzlichen Befolgens von ethischen Grundsätzen geworden. Es ist ein „einerseits-andererseits“ geworden. Auch wenn ich immer noch der Meinung bin, dass mir als Deutscher nicht zusteht, Israel zu belehren oder ihm mit meiner Ethik vor der Nase rumzufuchteln. Ich erlaube mir lediglich, das Leid in Gaza zu sehen. Und auch ein Stück weit zu verstehen, dass Menschen, die das direkt betrifft, sich zum Teil abstoßend und tödlich verhalten.
Vorbild Amerika?
Und was Amerika anbelangt – was für ein Turn-Around. Anti-Amerikanismus gab es schon vorher, not my cup of tea. Ich habe immer an die Selbstheilungskräfte dieses Vorreiters der modernen Demokratie geglaubt. Inzwischen habe ich erhebliche Zweifel. Wenn die Weimarer Republik immerhin nur kurz auf dem Plan war, und man – wenn man möchte – darin einen der Gründe für die menschenverachtende De-Demokratisierung des Landes sieht, so beweisen womöglich die Vereinigten Staaten, dass keine Festigung fest genug ist, um Anti-Demokratie standzuhalten. Und Anti-Amerikanismus erlebt eine Rennaissance als Selbstschutz der Europäer. Und ich zucke nicht mal.
Das könnte das echte „Ende der Geschichte“ sein , anders als Francis Fukuyama jedoch 1992 postulierte, indem der Liberalismus über den Kommunismus siegte, einfach indem er in sich selbst ruhte, nicht in einem Kampf um die Deutungshoheit. Dieses heute sich mir aufdrängende „Ende der Geschichte“ ist dafür das Ende der Gewissheiten. Dass selbst Liberalismus ein inneres Schlachtfeld um Deutungshoheit aufmacht, dass JEDE Weltsicht in sich gespalten werden kann und sich darin wiederum erbitterte Gegner und treffende Gegenargumente finden können.
Frieden ist möglich
Sollten wir nicht endlich den Frieden damit machen, dass es kein Gut und Böse gibt, sondern ein „jetzt“, „hier“ und „vielleicht“ uns treffender definiert? Was uns auch für die Zukunft eben gerade versöhnungsbereiter machen kann, wenn wir dereinst mit der so erbittert entgegenstehenden Gegenseite wieder gemeinsam in die Zukunft schauen? Nicht, dass ich mich jetzt mit AfDlern verbrüdere und ihnen in dieser Brüderlichkeit Macht über mein Leben gebe. Sondern andersherum: Dieser Mensch da, der heute AfD vielleicht aus irgendeinem Grund wählte, dass ich mit ihm in diesem Grund zwar genau die AfD nicht wähle, aber vielleicht finden wir in diesem Punkt eine gemeinsame Lösung. Und in anderen Punkten eben nicht.
Menschen sehen
Menschen sehen, statt Positionen. Positionen halten, ohne ihnen Absolutheitswert zu geben. Sich selbst auch bewegen, ohne sich zu verlieren. Nur so können wir auch in der nächsten Pandemie alles in unserem Leben für kurze Zeit umkehren, und dennoch nicht zu dem schwarzen Schaf der Querdenker werden. In einer Zukunft sich vielleicht plötzlich Palästinenser und Israelis darauf besinnen können, dass sie beide dieses Stück Land lieben und gemeinsam bebauen sollten. In welchem die Amerikaner ihre Demokratie neu erfinden und auf festeren Füßen wieder aufstellen können. In welchem Russen und Ukrainer plötzlich gemeinsame Linguistik-Konferenzen abhalten könnten, worin sie besprechen, wie sie ihre Schrift wieder angleicht. Zum Beispiel.
Das einerseits-andererseits ist keine Verwirrung, es ist die Realität, die uns gestalten und auswählen lässt. Ein bisschen Spielraum für unsere sonst so determinierten Leben. Denn was mir heute gewiss böse vorkommt, morgen ein „vielleicht doch“ vorkommt.
Ach ja, bevor ich es vergesse: Vögel nutzen diese toxischen Filter für den Nestbau, um sich die Parasiten vom Leib zu halten, gezielt und mit Erfolg. Einerseits-andererseits.
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