Bei meiner früheren Arbeitsstelle waren wir nur zu dritt: die Chefin, eine Kollegin und ich. Da wir dort alle Teilzeit gearbeitet haben, sind wir uns nur selten begegnet und haben mehr oder weniger über das gemeinsame Terminbuch kommuniziert, wann wer da ist oder mal zu bestimmten Tagen und Uhrzeiten nicht kann.
Eines Tages entdeckte ich einen Eintrag meiner Kollegin Jessy, drei Jahre jünger als ich, die für einen frühen Donnerstagabend bitte keine Patienten annehmen wollte. Grund: Matthias Reim.
Ich war verwirrt. Sie war Anfang zwanzig, ich Mitte zwanzig, irgendetwas musste ich da missverstanden haben. Sie konnte unmöglich meinen, dass sie auf ein Konzert der rauchgrauen Reststimmenrockrackete (Zitat Oliver Kalkofe) gehen möchte! Oder?
Einige Tage später, der Donnerstag war inzwischen vorbei, erwischte ich Jessy bei der Übergabe und fragte sie: „Samma, warst du jetzt wirklich bei einem Konzert von Matthias Reim?“
„Ja!“, gab sie mit leuchtenden Augen zur Antwort. „War echt toll!“
Ich nickte mit einen gezwungenen Lächeln, fuhr nach Hause und kippte mir auf den Schock erst mal einen Ouzo in den Mischer. Mit meiner Kollegin stimmte was nicht. Sie brauchte eindeutig Hilfe. Aber was konnte ich tun?
Der Zirkel des Grauens begann sich zu offenbaren
Ich wandte mich an meine Freundin Franzi, mit der ich damals meine Ausbildung gemacht hatte: „Boah, ich muss dir war erzählen. Meine Kollegin, die ist ja in unserem Alter, war letzte Woche bei Matthias Reim!“
Ich erwartete einen Aufschrei des Entsetzens oder zumindest ein Schütteln des Gruselns, aber nichts dergleichen geschah.
„Ist doch toll!“, erwiderte Franzi stattdessen. „Ich war ja neulich mit Martin bei Helene Fischer und Santiano. Das war auch mega.“
Ich kniff mich in den Arm, um aus diesem Albtraum aufzuwachen. Aber ich blieb darin gefangen. Die Matrix hatte einen Glitch. Und Jessy und Franzi blieben nicht die Einzigen: Da war dann noch Lena, Anfang der 90er geboren, alternativer Look mit vielen Piercings, Tattoos und bunten Haaren. Sie geht gern zu Kaisermania ans Elbufer. „Der Alte ist der Hammer“, sagte sie mir im Brustton der Überzeugung. Nicole, geboren 1980, hat sich eine CD von Andy Borg signieren lassen.
Ich brauche mehr Ouzo.
Patient 0: Der besoffene Typ am Ballermann
Was am Ballermann unter grölenden Gästen mit gefühlten 7 Promille mit Malle-Schlagern von Jürgen Drews und Micki Krause begann, breitete sich in den 2010er-Jahren unaufhaltsam auf das deutsche Festland aus, leitete die Renaissance des Schlagers im Allgemeinen ein sowie insbesondere des Pop-Schlagers à la Helene Fischer, Vanessa Mai oder Andrea Berg.
Nicht lange danach begann auch Dieter Bohlen bei Deutschland sucht den Superstar junge Schlagersänger anstatt zukünftige Popstars zu casten, weil: „Das ist jetzt wieder total im Kommen!“ Und leider behielt er recht.
Eine meiner früheren Lieblingsbands, Faun, trimmte ihre Musik plötzlich auf schlagertauglich und trat im ZDF-Fernsehgarten auf, den man früher eigentlich erst nach Vorzeigen eines gültigen Rentenbescheids überhaupt ansehen durfte.
Ich war noch immer in Schockstarre und fragte mich: Was ist nur passiert? In den Nullerjahren wäre jemand in meinem Alter, der sich mit solcher Mucke den Ohrenschmalz verbrämt, dafür noch verprügelt worden. Der Kram war nicht ab 18, der war ab 81. Gab es ein Loch im Zeit-Raum-Kontinuum und alle sind an mir vorbeigealtert, während ich nichtsahnend Melodic Metal über meine Kopfhörer gehört habe?
Die Überreste jugendlicher Rebellion?
Meine Oma hat ihre Mutter wahrscheinlich mit Rock’n’Roll provoziert. Die Generation meiner Eltern die ihren mit Punk. In meiner Jugend waren Reggae und Hip Hop der angesagte Shit, oder, für Ausgestoßene wie mich, Metal und Punkrock.
Und jetzt singen plötzlich faltenfreie Münder deutsche Schlagern mit, deren Texte Monika dazu bringen sollen, Jürgen in einer lauen Nacht auf Mallorca zu verführen, um wieder ein bisschen Schwung in die langsam Moos ansetzende Ehe zu bringen (Spoiler: Jürgen hat leider an der Hotelbar zu viel getrunken und die Nudel wird nicht bissfest). Für Monika (68) kommt bei solchen Texten vielleicht ein bisschen Nostalgie auf: Damals, als Jürgen noch keinen Bierbauch hatte und noch nicht so ein verbitterter, geiziger Griesgram war, sondern ab und zu mal Blumen mitbrachte und das Geschirr abtrocknete … Aber was sehen Jessy, Franzi und Lena darin? Und warum lässt sich Nicole mit einem verschwitzten Andy Borg fotografieren und postet das stolz auf Facebook und Instagran?
Wollen wir in Wahrheit doch immer noch unsere Eltern provozieren? Meine Mutter, geboren in den späten 60ern, findet Schlager ganz schrecklich. Die würde mich enterben, wenn ich ihr so was begeistert vorspiele. Vielleicht ist das am Ende genau der Punkt: Tut, was eure Eltern hassen!
Sexismus zum Mitsingen
Oder hat das alles etwas mit dem neuen Erstarken (rechts-)konservativer Werte zu tun? Der deutsche Schlager ist fraglos sexistisch. Übergriffiges Verhalten wird als romantisches Durchhaltevermögen besungen, Frauen scheinen kein anderes Ziel zu haben, als sich von einem geheimnisvollen Typen knattern zu lassen, und überhaupt treten die weiblichen Sängerinnen zur Befriedigung des männlichen Publikumsanteils fast grundsätzlich in Outfits auf, in denen sie nach Feierabend auch auf der Reeperbahn noch ein bisschen was hinzuverdienen könnten. Male Gaze und so.
Und natürlich alles auf Deutsch, nicht in dieser blöden Amerikanersprache. Heimat! Schunkeln! Catcallen! Frauen zurück an den Herd, aber sexy! Zecks auf Mallorca! Nein heißt ja, wenn man lächelt wie du!
Ich beobachte tatsächlich, dass sich viele meiner Altersgenossen einer recht altmodischen Lebensführung zugewandt haben, insbesondere, seit sie Kinder haben. Ein bisschen Frühschoppen mit den Kumpels für Papa, Mama managt die Kinder (Papa fährt sie höchstens mal zum Fußball), hier und da ein wenig Alltagsrassismus, Urlaub im Robinson-Club (natürlich auf Malle) und im Autoradio läuft der deutsche Schlager. Mama trennt sich irgendwann (das ist dann das moderne, feministisch angehauchte Element) und postet Pärchenbilder mit ihrem Neuen auf Facebook, versehen mit romantischen Andrea-Berg-Texten, denn diesmal ist es der Richtige. Die Patchwork-Familie funktioniert wieder genauso wie die vorherige, inklusive Frühschoppen für Papa, rinse and repeat. Der zurückgelassene Ex ist frustriert und geht kurzfristig vom Heile-Welt-Schlager zu frei.wild und Onkelz über, aber sobald seine neue Freundin Steffi in sein Leben tritt, kehrt auch Santiano in sein Radio zurück, denn die Sonne scheint jetzt wieder. Irgendwo weinen Samy Deluxe und Max Herre, die früher nebst Bob Marley im CD-Spieler dieser Leute heiß liefen. Steffi und Papa holen sich einen Listenhund, Mama wird noch mal schwanger vom Neuen, auf der Heckscheibe prangt ein „Happy Family“-Aufkleber.
Ja, vielleicht ist es das. Die besungene, heile Welt, oder jedenfalls die Illusion davon, während ringsherum alles vor die Hunde geht. Mensch, ich werde doch auf meine alten Tage nicht noch verständnisvoll für schlechten Musikgeschmack!
Über Geschmack lässt sich nicht streiten – ich mach’s trotzdem
Wahrscheinlich haben so manche Leser, ich nenne sie mal symbolisch Michael und Uwe, eventuell auch Monika, schon seit den ersten zwei Absätzen eine pochende Ader an der Stirn, weil sie nicht verstehen, wie ich mich so an einem Musikgenre abarbeiten kann. Über Geschmack lässt sich ja nicht streiten, sollen die Leute doch hören, was sie mögen, lass ihren ihre Freude, und überhaupt, was für ein schlechter „Journalismus“, bla, blubb.
Ja, Mann, ich lass sie doch! Ich habe bis dato noch niemanden entführt und einen Exorzismus an ihm oder ihr vollzogen, weil er/sie gern Schlager hört, auch wenn das Bedürfnis durchaus da war.
Aber Musik ist eben nicht nur dudelnde Unterhaltung. Musik ist ein Identifikationsmerkmal sowohl für Individuen als auch ganze Generationen. Musik kann ganze Gesellschaften verändern, weshalb bestimmte Musikrichtungen in besonders autoritären Regimes auch verboten werden. Man ist sich ihrer Macht bewusst.
Und ich frage mich schon, was das über meine Generation aussagt, wenn sie plötzlich wieder zu oberflächlicher, sexistischer Schunkelmucke, die inhaltlich höchstens vom Deutschrap Konkurrenz erfährt, abhottet.
Ich sehe da schwierige Zeiten auf uns zukommen, gelinde gesagt.
Was kommt nach den Schlagern? Die richtige Volksmusik? Feiert die Gen Z bald im Musikantenstadl zu den Zillertaler Schürzenjägern („Die Schürzenjäger sind total lit!“) und errichtet einen Post-Mortem-Kult um Karl Moik?
Bleibt nur zu hoffen, dass die Generation Alpha, geboren ab 2012, zum Rock’n’Roll zurückfindet. Oder zum Punk. Meinetwegen auch zum Hip Hop oder den Spice Girls. Aber bitte sperrt die Schlagerbarden zurück in die Mottenkiste, aus der sie gekommen sind, und werft den Schlüssel weg. Nehmt die Deutschrapper gleich mit, die verstehen sich bestimmt prima.
Verzweifelte Grüße von einer Millennial mit Ohrinfektion!
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