Leben in der automobilen Gesellschaft

Als ich die Welt erblickte, gab es sie schon: die automobile Gesellschaft. Das Leben um mich herum war auf den privaten Individualverkehr ausgerichtet. Meine Sicht auf diesen Umstand wird auch heute noch auf eine irgendwie doch harte Probe gestellt.

automobile Gesellschaft
Foto: Matthias von Schramm

Es gäbe die Möglichkeit, mit Zahlen zu operieren, um darzustellen, wie sich die automobile Gesellschaft seit meiner Geburt im Jahre 1964 bis heute verändert hat. Es soll aber diesmal ein sehr privater Ausblick sein, der nicht moralisierend damit beginnen soll, dass viel zu viele Menschen mit viel zu vielen Privatwagen unterwegs sind. Ich will lediglich einen Einblick versuchen darauf, wie es ist, in einer Großstadt ohne Auto zu leben und festzustellen, dass es viele andere nicht tun.

Das zweite Wohnzimmer!

In meiner Kindheit habe ich das Innere der Familienkutsche immer als fahrenden Raum betrachtet. Im Kabinenbereich war immer ganz viel Platz. Beinahe so groß, wie im Kinderzimmer selbst. Ich konnte mich ausbreiten, die Rückbank gehörte mir zumeist alleine. Der Wagen rollte wie durch Geisterhand über die Landstraßen der Republik, dabei das Lenkrad fest in Vaters Händen. Vorne Gespräche der Erwachsenen, die oft beschrieben, was sie gerade sahen. Über mir der helle Himmel aus Kunststoff, versehen mit schwarzen Punkten. Eine invertierte Sternenkuppel sozusagen. Akustisch war ein gleichförmiges Rauschen zu hören, welches sich mit den Stimmen der Eltern mischte. So wie im Wohnzimmer mit Legosteinen auf dem Teppich, wenn nebenbei das Radio lief.

Das gab es also alles schon. Ich konnte nicht mehr Zeitzeuge werden, wie die Welt langsam von der Kutsche zum Automobil umsattelte und die alten Kutscher und erfahrenen Spediteure vor diesem Teufelszeug warnten, welches viel zu schnell fuhr und schreckliche Geräusche machte, die aus der Hölle und dem Ungeist des ungezügelten Fortschritts kamen.

Ohne Auto kein Familienleben!

Die einzige Alternative zum eigenen Auto war ein nächstes Auto. Immerhin das Mittel, um damit in den verdienten Jahresurlaub zu fahren und dabei den halben Hausstand mit sich zu führen. Letztlich sollte man es am Urlaubsort genauso kommod und komfortabel haben wie zuhause. Bei uns waren es die naheliegenden Nachbarländer Dänemark, Österreich und die Schweiz. Schon damals immer Thema, dass man woanders ja langsamer fahren muss. Der Vorteil: diese Länder waren und sind ja relativ klein und auf ellenlange Autobahnfahrten dort musste man sich nie einstellen.

Als Jugendlicher zur Schule musste ich aber den Bus und die Bahn nehmen.

„Das wird besser für Dich, wenn Du einen Führerschein hast und ein Auto. Du wirst sehen!“, hieß es immer zuhause. Nachteil am öffentlichen Nahverkehr! Den benutzten andere auch und man musste sich mit Menschen abgeben, mit denen man sonst freiwillig nicht in einem Raum sein wollte. Letztlich war ja nicht ausgeschlossen, dass Pöbel oder noch schlimmer die Hamburger Popper dabei waren. Glück für mich, dass diese oft mit dem Jaguar des Vaters von diesem selbst zur Schule chauffiert wurden.

Eigentlich aber mochte ich die „Öffis“ von Anfang an gerne. Mit Oma und Mutter per Bus und Bahn in die Stadt, dies war schon besonders. Zudem war man nicht selten mit Freunden unterwegs und konnte sich dem erwachsenen hanseatischen Spießertum in Jeanshosen, Jeansjacken und viel zu langen Haaren entgegenstellen. Zum Teil war sogar noch das Rauchen in den S-Bahnen gestattet. Etwas was ich zunächst cool und später komplett ätzend fand.

Aber Obacht!

Vor unserer Schule standen von Anfang an Schülerlotsen, damit wir ABC -Schützen sicher die Straße überqueren durften. Denn der Autoverkehr war gefährlich. Tödliche Unfälle geschahen viel öfter als heute. Dinge wie Gurtpflicht, Kopfstützen und technisch sicherere Fahrzeuge, kamen erst mit der Zeit. Und da wo Gefahr lauerte, da gab es auch Posing.

Einerseits die älteren Jungs, die einen Führerschein hatten und sich bei laufendem Motor durch die herunter geschraubten Fahrerfenster unterhielten: „Neue Karre?“ „Klar, sechs Zylinder!“

Und dann dieser eine autovernarrte Nachbar. Seines Zeichens Vertreter im Außendienst und somit professionell auf den Autobahnen der Republik tätig. Der immer per vollen Schub hundert Meter seine schnelle Limousine mit Stern rückwärts bis zur Garageneinfahrt setzte und dabei einige Fast-Unfälle mit herannahenden anderen Fahrzeugen verursachte.

Als seine Söhne das entsprechende Alter erreichten, standen drei große Autos vor der Tür und man durfte Zeuge dieser berühmten Autopflege-Exzesse werden, an Sonntagen mit strahlend blauem Himmel, an denen man sich wahrlich nichts schöneres vorstellen durfte.

Frei sein ohne das eigene Automobil!

Kurze Zeit besaß ich dann auch mal ein eigenes Auto. Ein alter großer Wagen in Post-gelb, auch mit Stern, der in Köln in die Hände sammelwütiger Punks fiel … also der Stern … nicht der Wagen. Das ganze Vergnügen dauerte ein paar Wochen. Dann war Schluss, nachdem wir damit Schweizer Bergpässe im ersten Gang überwunden hatten und weil es nicht schneller ging, von der Kantonspolizei angehalten wurden. Reparaturen lohnten sich nicht mehr und ich fühlte mich endlich wieder frei. Die paar Momente, mit diesem Fahrzeug bei meiner Zivildienststelle vorzufahren, hatten gereicht. Das brauchte ich dann nicht mehr.

In einer Stadt wie Hamburg lebt es sich gut so, wie ich es gestalten kann. Eben auch deshalb, weil für mich ein eigener Wagen in vielerlei Hinsicht nur hinderlich wäre. Ich erreiche meine Ziele auch so. Für bestimmte Reisen gibt es Leihwagen und ich habe auch nichts dagegen, wenn mich Menschen per Automobil mitnehmen. Spart etwaige Taxikosten usw.

Kein umfassend erkennbarer Trendsetter!

In meiner Umgebung haben die meisten Bekannten und FreundInnen kein eigenes Auto mehr. Viele sind mit dem Fahrrad unterwegs, in der Stadt dann auch so schnell, dass die anderen Bewegungsalternativen da gar nicht mithalten können. Dennoch setzen wir Menschen ohne Automobil ganz offenbar keinen wirklichen Trend für Städter.

Die Stadt ist vollgepfropft mit Autos, Fahrzeuge die in Formgebung und Gestalt reiner technisch bedingter Sachlichkeit entsprechen und einem echten Oldtimer-Freund gewiss nicht das Herz höherschlagen lassen. Sie werden auch immer größer, diese seltsamen und immer mehr ein Eigenleben führenden Fahrkabinen mit Rädern. Parkplatzmarkierungen sind viel zu eng gestaltet für diese Familien-Maschinen der Neuzeit. Wege für Fußgänger an der Straße sind oft nicht mehr vorgesehen. Ein Gang zwischen Einkauf und Wohnung ist kaum mehr möglich, ohne über Kunststoff und/oder Blechkarawanen zu stolpern. Ladeplätze für E-Fahrzeuge werden von Verbrennern schon aus Prinzip zugeparkt. RollifahrerInnen haben es logischer Weise noch schwerer irgendwo durchzukommen und wenn es schon mal ausnahmsweise keine Barrieren baulicher Weise gibt, steht da garantiert ein hässlicher SUV vorzugsweise vor einer Kindertagesstätte oder im Eingang seltsam schräg an einem Schulgelände.

Ich habe schon Anlass und Sinn der automobilen Gesellschaft verstanden, obwohl sie ab einem bestimmten Zeitpunkt auch die Diskussion über den CO2 Fußabdruck auf natürlich gegebene Weise provozierte. Dennoch stellt mich dieser Teil der Gesellschaft immer wieder vor Rätsel. Ein Freund von mir brachte es einmal vor vielen Jahren auf einen passend naiv ausgedrückten Punkt: „So eine große Karre, um als einzelne Person von A nach B zu kommen!“

Ja, warum ist das eigentlich für viele so normal, die nicht irgendwo abgelegen hinter dem Nachtdialog von Fuchs und Hase wohnen?

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