Daoismus im Computerspiel

Was hat der Daoismus mit einem Computerspiel zu tun? Und kann uns das helfen, die jetzigen turbulenten und bedrohlichen Ereignisse in der Welt zu verarbeiten und vor allem zu mehr Resilienz verhelfen? Mir schon – sagt Autorin Chris Kaiser.

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Ich spiele seit etwa fünf Wochen ein Computerspiel. Dessen Namen ist nicht wichtig, und ich will auch keine Werbung dafür machen. Es geht um eine Zombie-Apokalypse, in der man sich in Allianzen zusammenstellt und durch stetes Wachstum und Konkurrieren mit anderen, Belohnungen erhält. Mit viel Geld kann man sich sehr schnell, sehr hoch bringen. In meiner Allianz gibt es eine gute Mischung an bezahlter und selbst erarbeiteter Stärke, und wir sind nicht schlecht. Wir arbeiten stark kooperativ, strategisch und verbringen sehr viel Zeit miteinander. Aber wir müssen uns auch gegen andere behaupten, der Konkurrenzdruck ist recht hoch. Besonders spannend finde ich die Verbindung zwischen Daoismus und Computerspiel und wie sich philosophische Ideen dort widerspiegeln. Es geht um begrenzte Ressourcen, es geht um Lebensraum, es geht um Macht und um ein Wir-gegen-Die-Gefühl.

Meine Leute

Ich freue mich tagsüber, am Abend auf „meine Leute“ zu treffen, mit denen ich angeregt chatte, während wir ehrgeizig – alleine und zusammen – auf unser Ziel des Fortschritts im Konkurrenzkampf mit allen anderen hinarbeiten. Wir sind in unserer Fraktion eine bunte Truppe, vorwiegend aus Deutschland, deswegen ist die Grundsprache, in der wir uns unterhalten, Deutsch. Aber wir haben auch einige wichtige Mitglieder, die von woanders kommen. Dafür gibt es den Übersetzungsknopf und es klappt wirklich gut. Als ob es überhaupt keine sprachlichen und kulturellen Differenzen gäbe. Der Zusammenhalt ist groß und jeder fühlt sich verantwortlich, dass es allen gut geht. Dass wir aus verschiedenen Zeitzonen sind, hilft, dass wir rund um die Uhr aufpassen können. Denn wir sind schon mehrere Male Ziel von Angriffen der stärksten Fraktionen geworden, mitten in der Nacht – deutscher Zeit. Wir wurden geplündert, doch wenn jemand von uns wach war, konnte er ein bisschen was dagegen tun und vor allem schnell in Kommunikation mit dem Angreifer treten.

Vereinbarungen werden nicht eingehalten

Es waren Vereinbarungen, die uns eigentlich davor schützen sollten, auf dem ganzen Territorium ausgehandelt. Und die stärksten Allianzen waren die Schirmherren. Was aber, wenn eine der drei Top-Allianzen plötzlich Lust verspürt, sich eine zwar recht gut entwickelte, aber militärisch komplett unterlegene Allianz vorzuknöpfen? Ausreden für das Brechen der selbst durchgesetzten Nicht-Angriff-Paktes finden sich immer, und diese Gruppe handelt nach dem Motto: Erst schießen, dann fragen. Es gibt Klagen darüber – auf den allgemeinen Chat-Channels, also „öffentlich“, so dass alle auf dem gesamten Territorium (eigentlich ein Server) das Ganze mitkriegen können. Es gibt Koalitions- und Friedensverhandlungen mit anderen Allianzen. Es gibt Revanchismus und reines Räubertum.

Kommt das dem geschätzten Leser bekannt vor?

Parallelen zur Realität

Es war schon eine irritierende Ko-Inzidenz, dass ich das alles in dieser zweidimensionalen Welt des Bildschirmes just zur selben Zeit erlebte, als gerade in der realen Welt ein starker Staat plötzlich nach einem entwickelten, aber militärisch unterlegenen Land greifen wollte. Wie eine bestehende Welt-Ordnung plötzlich keinen Wert mehr zu haben scheint, wenn Gelüste eine der stärksten Mächte der Erde befallen. Wie Verhandlungen mal zu Ergebnissen führen, um dann durch die Realität zu Makulatur werden, weil der Platzhirsch wegen Machtlosigkeit der anderen nicht zur Kooperation gezwungen wird. Wie Uneinigkeit zwischen den Schwächeren den Stärksten ermutigt, sich zu nehmen, was er aus Stärke schon nehmen kann.

In dieser wechselnden Perspektive in und aus meinem Alltag, in der ich aber zwischen Spiel und Realität eine Spiegelung zueinander sah, gab es Momente, wo es mich überwältigte und eine alles verschlingende Resignation auftrat. Das Spiel bestätigte die Mechanismen der Realität, die Ausweglosigkeit der Situation für mich als Teil des „Schwächeren“ wurde in meinen Augen zum Naturgesetz. Doch meine Gedanken arbeiteten auf einer unterbewussten Ebene daran, mich wieder aus diesem dunklen Ort heraus zu holen. Und sie kamen mit der rettenden Lösung, die ich in den letzten Wochen auf einem Podcast über chinesische Philosophie gehört habe.

Chinesische Philosophie

Ich höre immer mal wieder, seit mehreren Monaten dem Podcast „This ist the way“ (https://warpweftandway.com/this-is-the-way-chinese-philosophy-podcast/) mit Richard Kim und Justin Tiwald zu. Beide sind Professoren für chinesische Philosophie, einer an der Loyola University in Chicago, der andere an der Universität von Hongkong. Sie treffen sich alle paar Wochen online, um – oft mit einem Gast, der selber auf dem Gebiet forscht – ein Thema aus der reichen Philosophie-Geschichte Chinas zu besprechen. Es geht um Konfuzius, um Buddhismus, aber auch um Zhuangzi und das Daodejing. Der Daoismus hat dem Podcast seinen Namen gegeben, denn „Dao“ heißt „Weg“. Es gibt auch die religiöse Dimension des Daoismus, die für mich weniger interessant ist, aber die grundlegende Philosophie dahinter hat für mich einen sehr attraktiven Kern, worin ich eine gewisse Resonanz zu mir spüre.

Feld der Gelegenheiten

Sehr kurz und auch aus der Perspektive des Laien (also von mir) gesagt: Jemand, der sein Leben daoistisch betrachtet und ausrichtet, der nimmt die Realität als ein Feld der Gelegenheiten wahr, die man ergreifen kann, aber nicht erzwingt. Man bewegt sich stromlinienförmig entlang der Realität, passt sich ihr an, und wird dadurch weniger Energie verschwenden. Der Daoist ist gelassen, da er mit diesem Mindset einfach nicht an der Welt verzweifeln kann. Er hat eine duale Sicht darauf, die menschliche und die „göttliche“. Man ist Mensch mit Bedürfnissen und auch Begehren und Zwängen, aber wenn man sich von dieser „Froschperspektive“ lösen kann, dann sieht man, quasi von oben, aber noch besser – von einer überzeitlichen Sicht aus, dass all dieses Streben nicht absolut befriedigt werden kann, sondern entsteht und vergeht, letztlich je nach Abstand, den man dazu einnimmt, in Bedeutungslosigkeit verschwindet. Der Daoist verleugnet nicht das Leid oder die Bedeutsamkeit von Tod und Leben, aber er gibt selbst Lebensereignissen, die einen aus der Bahn werfen, nur die halbe Perspektive. Denn wer aus der Bahn weg ist, die er als vorgezeichnet empfand, der sucht im Daoismus einen anderen – nunja: WEG. Den er mithilfe der „göttlichen“ Sicht, quasi von oben auf eine Lebenskarte, leichter erkennen kann, als unten im Dschungel des Lebens.

Daoismus kommt ins Spiel

Die beiden Podcaster haben eine schöne – wie ich finde – Analogie gefunden, die diese Dualität ein bisschen beschreiben kann. Wenn wir ein Spiel – als Beispiel wurde „Monopoly“ genommen – spielen, dann ist es nicht so, dass wir da nur einen bunten Karton, ein paar kleine Zinnobjekte und bunte Papiere sehen, mit denen wir mit einer gewissen Mechanik des Zufalls ein Programm abspulen. Nein, wir fühlen den Verlust und den Gewinn von Geld und Immobilien ein Stück wie real und wir werden mit diesem Eintauchen in diese Vorstellung das Spiel mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und Einsatz spielen. Es macht auch nur so Spaß, sonst wäre es eben nur das mechanische Verrücken von etwas, das keine Bedeutung hat. Wir sinken freiwillig auf die Spielebene herab, auf die wir eigentlich von oben herabsehen. Wir laufen mit unserer Spielfigur mit und sind einen Moment lang Millionär oder insolvent. Und gut für uns, wenn wir nach Ende des Spiels wieder vollständig wieder auftauchen und mit Wegräumen der Objekte in den Karton nur noch eine gewisse Melancholie oder den Triumph nachspüren, ohne dass wir davon ausgehen, dass wir jetzt wirklich pleitegegangen oder Monopolist geworden sind. Und während des Spiels selber sind wir durchaus in der Lage, zwischen diesen Ebenen so zu wechseln, dass wir einerseits den Kitzel des Spiels, andererseits aber die Rettung fühlen, dass es „nur ein Spiel ist“. Wir haben eine duale Sicht, eine schwebende Nicht-Involviertheit zugleich mit einem Einsinken darin.

Wir erkennen, worauf es hinausläuft. Der Daoist versinkt nicht in ein Spiel, dass das Leben nachspielt, sondern er sieht umgekehrt das Leben ein Stück weit wie ein solches Spiel, bei dem wir bestimmen können, wie weit es uns fesselt und in seinen Bann zieht, und wann es besser ist, sich nicht davon zu sehr vereinnahmen zu lassen. Das Leben darf man spüren, aber letztlich kann man sich jederzeit davon befreien. Und wie bei Monopoly ist der beste Lebensspieler derjenige, der sich sowohl mit dem Ehrgeiz des Realen wappnet, als auch mit der kühlen Kalkulation des bewussten Spielers, Strategien und Taktiken anwenden kann. Derjenige, der – eben – die duale Perspektive einnimmt.

Differentiation tut not

Die Podcaster legten Wert darauf, zu differenzieren – dass eine solche Distanz zum Leben, zum Beispiel zu Trauer um einen geliebten Menschen nicht Ziel des Daoisten sein darf. Es ist eine feine, aber sehr wichtige Linie zwischen einem, der die ganzen Verlustgefühle zulässt, auch um den Verstorbenen zu ehren, und die Liebe, die in Trauer umgeschlagen ist, nicht wegwischt, aber nach und nach mit der göttlichen Perspektive auch wieder loslassen kann. Und dem Menschen, der den Tod des anderen nicht spürt, und nicht zulässt zu spüren, der sich nie auf andere einlässt. Denn dieser hat ebenso die duale Perspektive verlassen, ist nur noch auf der abgehobenen Ebene, die im Monopoly des Lebens nur noch bunte Flächen, Zettel und Figurinen sieht, deren Position völlig irrelevant sind, die man jederzeit wegpacken kann. Das Erspüren des Lebens, und das sich darauf Einlassen, ist wesentlich. Es macht das Leben erst lebenswert. Doch es ist eben im großen Ganzen so klein und keinen Unterschied machend, dass wir uns eben nicht in der Absolutheit des Gefühls – der Trauer oder des Triumphs – verlieren sollten.

„We didn’t start the fire“ – sagt Billy Joel und wir können mit dem Daoismus noch sagen: „and we didn’t built this world“. Wir sind Teil eines riesigen, ja unendlichen Kosmos mit einer für uns so wenig fassbaren Zeitspanne, dass die Absolutheit unserer existenziellen Nöte und Triumphe sich darin nicht nur verlieren, sondern nicht einmal eingehen.

Nur ein Spiel

In den Tagen, in denen es in unserem Computerspiel hoch herging, gab es immer wieder den Spruch von dem einen oder der anderen: „Hey, es ist nur ein Spiel, kein Grund so zu tun, als ginge damit die Welt unter.“ Selbst wenn alle Gebiete auf der Landkarte des Servers brennen würden, selbst wenn alle meine Helden und Soldaten annihiliert würden, hätte es für mich, hier im Sessel zuhause keine weiteren Konsequenzen, als das, was ich FÜHLTE, das was ich an Emotionen hineininvestiert habe. Man könnte einwerfen, dass kleine und sogar große Vermögen, echtes Geld, investiert wurde, von diesem oder jenem. Damit er oder sie die Stärke hat, alles andere niederbrennen zu können, wenn er oder sie das nur wollte. Und das Fehlen dieses Geldes im realen Leben, während es virtuell verbrannt wurde – hat einen durchaus ebenso realen Schaden angestellt. Und dass ich meine mit mir online verbundenen Freunde plötzlich nicht mehr finden kann, das kann sich auch emotional negativ auswirken. Alles richtig. Und das ständige Fertigmachen eines Familienmitglieds beim Monopoly-Spielen kann sich auf das Verhalten im Alltag auswirken. Auch wahr. Aber ebenso: Ich kann selbst bestimmen, ob ich mich in das Spiel soweit hineinversetze, dass ich darin mich selbst involviert sehe. Ich kann mich rausholen aus dem Spiel, ich kann mich – mit einiger Anstrengung vielleicht – weigern, das Ressentiment des Verlierens mit in das Familienleben wieder mitzunehmen. Und ich kann mich auch dem Spielen selbst verweigern. Ich MUSS nicht spielen. Anders im Leben – das spielt sich um mich und mit mir, auch wenn ich das nicht möchte. Also kann ich gleich mitmachen und etwas riskieren, denn der Gewinn ist real, wenn er eintritt.

Perspektive

Und wenn Donald Trump als Präsident des stärksten Landes der Welt entschließt(https://www.deutschlandfunk.de/trump-bringt-seine-haltung-im-streit-um-groenland-in-verbindung-mit-dem-nicht-erhalt-des-friedensnob-102.html), dass er die militärische Macht und seine Verfügungsgewalt darüber dafür nutzt, dass er Grönland, ein Gebiet mit 52.000 Einwohnern, einfach zum Verkauf erpressen kann, oder wirklich mit Gewalt nehmen, dann kann ich – also ich, die reale Person – überhaupt nichts dagegen tun. Und selbst mein Land Deutschland tut sich damit schwer, selbst meine Europäische Union wurde davon überrumpelt. Und wenn mich dieses Ohnmachtsgefühl zu überwältigen droht, dann kann ich nicht, wie bei meinem Computerspiel, einfach ausschalten und mich wieder dem Kolumnenschreiben widmen, statt die Zeit dort zu verbringen. Aber ich kann den Gedanken ins Auge fassen, dass Trump ein endliches Leben hat, dass in 100 Jahren alles dieses Geschichte ist. Und wenn wir die Umwelt dieses Planeten mit ein wenig mehr Mühe in eine Wüste verwandeln, dann wird nach wenigen Millionen Jahren sich entweder die Natur ohne Menschen wieder alles erobern, oder es kreist ein namenloser, gedächtnisloser, völlig irrelevanter Steinhaufen um eine Sonne mit anderen sieben Planeten, ohne dass es jemanden juckt. Und wenn wir uns um die Umwelt kümmern, dann könnten wir und ein paar Generationen darin ein schönes Leben führen, aber dann wird nach wenigen Millionen Jahren sich entweder die Natur ohne Menschen wieder alles erobern, oder es kreist ein namenloser, gedächtnisloser, völlig irrelevanter Steinhaufen um eine Sonne mit anderen sieben Planeten, ohne dass es jemanden juckt.

Ich weiß nicht, wie es dem Leser geht, ob ihm eine solche göttliche Perspektive gruselt, oder ihn, wie mich, irgendwie tröstet. Natürlich müssen wir alles einsetzen, dass wir uns und unseren nachfolgenden Liebsten etwas Besseres oder wenigstens etwas schenken, das gut genug ist, aber wir müssen uns nicht darum kümmern, dass sich die Welt „an uns erinnert“ oder dass wir der Welt eine Prägung geben. Die Realität als „normative Kraft des Faktischen“ lohnt nicht, sie zu brechen, aber man kann Wege finden, die jenseits dessen liegen, womit man jetzt im Moment, und hier konfrontiert wird. Und ansonsten, wenn man nicht mehr weiterkann, sich dem Augenblick hingeben und ihn zugleich durchlebend als auch davon distanziert wahrnehmen, damit man weder darin verbrennt, noch in zu weiter Ferne davon erfriert. Spiele sind erst ein Erlebnis, wenn man sich der Illusion der Realität hingibt, ein Stück weit zumindest. Und durch Spielen lernen wir die Realität etwas zu verstehen und trainieren, ein bisschen zumindest, das Leben auch als Spiel zu begreifen. In dem wir allerdings nicht nur Spieler, sondern sehr oft eben auch Spielfiguren oder sogar dekorative Kulisse sind. Und nur unsere „göttliche Sicht“ im Abstand dazu gibt uns dann die Erhabenheit zurück, die wir als denkende Wesen vom Leben fordern.

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