Das Jahr 2026 beginnt mit den Vorzeichen einer möglichen Zäsur in der Weltgeschichte. Das Mullah-Regime in der Islamischen Republik wackelt so sehr wie nie zuvor und beißt nun wie ein tödlich verwundetes Tier noch einmal mit letzter Kraft um sich, um so viele Gegner wie möglich mit in den Abgrund zu reißen.
Für mich, seit meiner Kindheit vom Iran fasziniert, gibt es derzeit kaum noch ein anderes Thema und ich konsumiere alles, was ich an Primärquellen bekommen kann – Berichte von Iranern aus dem Iran selbst (ehe die Mullahs Internet und Telefon abgeschaltet haben, um im Dunkeln und ohne Zeugen zu morden) und Beiträge von Exil-Iranern auf verschiedenen Social-Media-Kanälen.
Nicht nur, weil ich auf Primärquellen Wert lege, sondern weil sich die Medien in ihrer Berichterstattung über die Aufstände im Iran erstaunlich zurückhaltend zeigten und erst jetzt, scheinbar zähneknirschend, das Thema etwas mehr in den Fokus rücken.
Warum unsere Politiker so herumeiern, ist klar – haben sich doch Steinmeier, Gabriel, Maas, Merkel, Roth und Co. jahrelang bei den Mullahs angebiedert, ihnen bis auf das Atomprogramm im Prinzip freie Hand gelassen und die Diktatur der Islamischen Republik damit unterstützt.
Doch die Iraner in den Social Media treibt eine Frage viel mehr um und sie stellen sie immer wieder: Was ist mit all den Aktivisten, die praktisch jedes Mal, wenn ein Israeli auch nur in Richtung Gaza gehustet hat, Campusse besetzt und die Straßen der westlichen Länder mit ihren Demos gefüllt haben? Wo sind sie jetzt? Warum kommt so gar nichts von all diesen Studenten, von Greta Thunberg, Bella Hadid oder Javier Bardem?
Bis zu 12.000 Demonstranten und Oppositionelle sollen in den vergangenen Tagen vom Mullah-Regime ermordet worden sein. Wieso zeigen sich die angeblichen Aktivisten der Freiheit und Humanität im Nahen Osten so seltsam passiv?
Der große Irrtum der intellektuellen Linken
Die „Islamische Revolution“ 1979 wurde insbesondere vom intellektuellen Elfenbeinturm der politischen Linken als erfolgreicher Aufstand gegen das Establishment gefeiert. Sprich: gegen den bösen Westen. Ayatollah Khomeini galt als Ikone des Widerstands, der Schah hingegen als Marionette der Amerikaner.
Taktisch klug nutzte Khomeini die indirekte Unterstützung der Sowjets – Feinde des Schahs – sowie iranischer linker Parteien, um an die Macht zu gelangen. Aber wie immer, wenn sich Linke zu Steigbügelhaltern von Islamisten machen, um dem Westen und dem Establishment eins auszuwischen, geht das schief und sie sind am Ende die Ersten, die über die Klippe geschubst werden.
Gelernt hat man daraus bisher allerdings immer noch nichts. Die Abneigung gegen „den Westen“ sitzt so tief, dass man weiterhin lieber mit Mordbrennerregimes und Terrorbanden paktiert, anstatt mit westlich orientierten Bündnissen.
Was aus diesen Kreisen zur Zeit gern behauptet wird, um alles zu relativieren und kleinzureden, ist, dass es bei den Demonstrationen ja nur um die Inflation und die gestiegenen Preise ginge, die Leute aber die Islamische Republik als solche gar nicht loswerden wollten. Nichts ist der Wahrheit ferner! Die Inflation war lediglich das i-Tüpfelchen, das zu den ohnehin schon bestehenden Aufständischen noch eine weitere, wichtige demographische Gruppe hinzukommen ließ. Möglicherweise das Zünglein an der Waage. Die Iraner haben mehr als nur deutlich gemacht, dass es das Regime ist, das sie stürzen wollen. Ein für allemal. Nur würde das bedeuten, dass die damaligen Unterstützer zugeben müssten, was viele Iraner heute sagen: Die Revolution von 1979 war der größte Fehler, den der Iran machen konnte. Aber niemand gibt gern so einen fundamentalen Irrtum zu, vor allem keine angeblich großen Denker. Also wird lieber geframed.
Die falschen Opfer, die falschen Täter
Der Postkolonialismus hat unsere Welt mittlerweile derart in Schwarz und Weiß eingeteilt, dass es zum ehernen Gesetz geworden ist, dass der Islam und seine Anhänger stets das Gute (und somit Unterdrückte) repräsentieren und der Westen stets das Böse, den Unterdrücker.
Jetzt haben wir hier aber ein islamis(tis)ches Regime, das seine Bevölkerung foltert, unterdrückt und terrorisiert – und eine Bevölkerung, die nicht nur das Regime, sondern auch die Religion des Islam als solches immer mehr ablehnt (laut einer Erhebung von GAMAAN identifizierten sich schon 2020 63% aller Iraner nicht mehr als Muslime und man kann davon ausgehen, dass diese Zahl inzwischen weiter gestiegen ist). Die Äußerungen vieler Iraner zum Islam, die ich in den Social Media gelesen habe, würde man hierzulande wohl als „Islamophobie“ labeln – übrigens ein Begriff, den seinerzeit Khomeini populär gemacht hat, um Kritiker seines religiösen Fundamentalismus mundtot zu machen. Moscheen als Basis der Basidsch werden angezündet, Kopftücher symbolisch heruntergerissen und verbrannt. Es ist offenbar nicht nur eine Revolution gegen die Islamische Republik und ihre Zwänge, sondern durchaus auch gegen einen konservativen und politischen Islam selbst, gegen den man nach 47 Jahren Unterdrückung in seinem Namen eine ziemliche Aversion entwickelt hat.
Ein islamisch geprägtes Regime als Täter, eine westlich orientierte Bevölkerung als Opfer – wie passt das ins Narrativ? Wie begegnet man dieser moralischen Zwickmühle?
Ich konnte in den Social Media drei wesentliche Strategien dafür ausmachen:
- Man schweigt die ganze Sache komplett tot,
- Man erklärt das Regime kurzerhand zu Nichtmuslimen, weil schiitisch (passiert hauptsächlich durch sunnitische Muslime), und überhaupt, wenn es schlecht ist, kann es nicht islamisch sein,
- Man erklärt die iranischen Regime- und Islamgegner zu „Mossad-Agenten“, „US-Marionetten“ und „Zionisten“ und die Aufstände für „inszeniert“, denn die Mullahs sind ja gar nicht schlecht, das behauptet doch nur der böse Westen.
Mehr dazu im Abschnitt über die Verschwörungstheorien.
Die falschen Wünsche
Gerade Europäer in ihrer intellektuellen Hybris wollen den Iranern gern vorschreiben, was sie zu wollen haben und was nicht. Revolution ja, aber doch bitte nach unserem Geschmack! Und was die Iraner tatsächlich wollen, schmeckt ihnen so wenig, dass es in den etablierten Medien kaum Erwähnung findet: Reza Pahlavi, Sohn des einstigen Schahs.
Kein Name wird auf den Demonstrationen sowohl im Iran als auch im Exil so oft skandiert wie seiner, nicht selten sogar in Form von „Javid Shah!“ – „Ewiger Schah!“. Auf allen Kanälen trendet der Hashtag #KingRezaPahlavi. Allein sein Instagram-Kanal hat über 9 Millionen Follower, seine Beiträge bekommen hunderttausende Reaktionen. Reza Pahlavi ist die Führungsfigur, auf die sich der überwältigende Teil der Iraner einigen kann, zumindest um einen Übergang in einen neuen, freien Iran zu schaffen.
Generell: 26% der Iraner bevorzugten 2024 eine säkulare Republik, 21% die Monarchie, 33% ist es egal oder sie sind unentschieden, Hauptsache, die Mullahs sind weg. Mehr dazu auf GAMAAN.
Pahlavi und „Javid Shah!“ sind der absolute Gegenentwurf zur Islamischen Republik. Der Anti-Ayatollah. Sein Vater, Schah Mohammed Reza, war alles andere als ein Heiliger – auch er ließ politische Gegner inhaftieren und foltern. Aber wie schlimm muss das Leben unter den Mullahs sein, wenn sich die Iraner sogar nach diesen Zeiten zurücksehnen?
Reza Pahlavi ist jedoch nicht sein Vater. Er hat aus dessen Fehlern gelernt und in all den Dekaden keinerlei Anlass gegeben, ihm unlautere Motive zu unterstellen. Er setzt sich klar für eine säkulare Demokratie ein. Warum wollen ihn so viele Nicht-Iraner trotzdem nicht an der Spitze eines möglichen Umsturzes sehen?
Nun – Reza Pahlavi lebt derzeit in den USA, ist ein Freund des Westens und wird natürlich postwendend als dessen „Marionette“ diskreditiert. Und, noch viel schlimmer: Er ist ein Freund Israels. Es wird ernsthaft versucht, ein Bild, auf dem er bei einem Besuch in Jerusalem mit Kippa an der Klagemauer zu sehen ist, gegen ihn zu verwenden. Es kann doch nicht angehen, dass ein zukünftiger politischer Führer des Irans freundschaftliche Beziehungen zu Juden und Israel unterhält und den friedlichen Dialog sucht, wo der Iran doch der ewige Erzfeind Israels ist! Diese Kritik kommt vorwiegend von arabischen und pakistanischen Muslimen und natürlich der „Free Palestine“-Bewegung. Pahlavis Beliebtheit macht diese Leute wütender als all der Mord und die Folter durch das Mullah-Regime über fast fünf Dekaden. Bezeichnend.
Dabei haben der Iran und Israel eine lange, gemeinsame, von diplomatischer Freundschaft geprägte Geschichte. Sowohl in der Antike als auch in der Gegenwart. Beide wehr(t)en sich gegen sich ausbreitenden arabischen Nationalismus im Nahen Osten. Der Iran war einer der ersten muslimisch geprägten Staaten, der Israel anerkannte (was später von Khomeini rückgängig gemacht wurde) und beherbergte einst die größte jüdische Gemeinde in der muslimischen Welt.
Dass ein freier Iran diese diplomatischen Beziehungen wiederaufnehmen würde, ist richtig und wichtig und würde einen enormen Beitrag zum Frieden in der Region leisten.
Eine weitere GAMAAN-Umfrage offenbarte außerdem, dass die meisten Iraner die Schuld am Zwölftagekrieg, in dem Israel im Juni 2025 den Iran bombardierte, bei der Islamischen Republik selbst sahen. Außerdem waren 69% der Iraner der Ansicht, dass die Mullahs aufhören sollten, die Zerstörung Israels zu fordern (20% dagegen, der Rest hatte keine Meinung). Auch ein interessantes Ergebnis dieser Umfrage: Die USA und Israel sind jene Staaten, die von den Iranern am positivsten (!) gesehen werden. Wahrscheinlich, weil sie die konsequentesten Gegner der Mullahs sind und von ihnen am ehesten praktische Unterstützung bei einem möglichen Regimesturz zu erwarten ist.
Das Mutterschiff des Widerstands ist in Gefahr
Ein freier Iran bedeutet auch das: Das Terrornetzwerk des Nahen Ostens würde seine Basis verlieren und, zumindest vorerst, zusammenbrechen. Hamas, Hisbollah, Houthis, PIJ und weitere Terrorgruppen auch in Afghanistan und Pakistan sind alle verlängerte Arme der Islamischen Republik.
Gerade in der „Free Palestine“-Bewegung betrachtet man diese Terroristen jedoch gern als Partisanen und Freiheitskämpfer und ein Wegfall der finanziellen und ideologischen Unterstützung aus dem Iran würde der sogenannten Sache natürlich erheblich schaden.
Das „Netteste“, was ich von einer Pro-Palästina-Aktivistin auf Threads auf die oft gestellte Frage, warum sie den iranischen Aufstand nicht unterstützt, gelesen habe, war noch:
„Das lenkt nur von Gaza ab. Was im Iran passiert, ist das Problem der Iraner.“
Das bisher Krasseste war:
„Because the current government in Iran supports the resistance against Israel. We have no guarantee that a new government in Iran would do the same and maintain the axis of resistance.“
[„Weil die gegenwärtige Regierung des Iran den Widerstand gegen Israel unterstützt. Wir haben keine Garantie, dass eine neue Regierung im Iran dasselbe tun und die Achse des Widerstands aufrechterhalten würde.“]
(Wer denkt, dass ich das erfinde: Ich habe selbstverständlich Screenshots gemacht! Das waren bei Weitem keine Einzelfälle.)
So egal sind diesen Leuten also die jungen Menschen im Iran, die ihr Leben im Kampf für ihre Freiheit lassen. Gegen Israel sein ist wichtiger.
Würde es diesen sogenannten Aktivisten in ihrem ideologischen Narzissmus wirklich um Frieden und Freiheit gehen, würden sie im Zusammenbruch dieses Terrornetzwerks und guten Beziehungen zwischen Iran und Israel auch die echte Chance für einen Neuanfang für Palästina ohne den Einfluss diverser Terroristennetzwerke erkennen.
Aber nein, man lässt dann lieber alle weiter leiden, die Menschen im Iran, in Israel und in den palästinensischen Gebieten, weil irgendwelche festgefahrenen Ideologien gegen einen solchen Frieden stehen würden. Gott bewahre, wenn auch noch Trump dafür ist. Dann lieber aus Prinzip weiter die Mullahs, gell?
Verschwörungstheorien
Die Iraner würden sich doch niemals aus Eigenantrieb gegen die Mullahs erheben! Da muss etwas anderes dahinterstecken. Natürlich: CIA und Mossad.
Jedenfalls ist es das, was viele Gegner der Demonstrationen in den Social Media behaupten.
Sie sind dermaßen (kultur-)rassistisch gegenüber den Iranern eingestellt, dass sie der festen Überzeugung sind, dass diese sich niemals selbst eine eigene Meinung gegen ihre Unterdrücker bilden und diese loswerden wollen könnten. Das muss alles fremdgesteuert sein, natürlich von Trump, Israel oder „dem Westen“ im Allgemeinen. Die Iraner riskieren und verlieren zu tausenden ihre Leben, weil eine zionistische Verschwörung sie dazu manipuliert.
Wer das wirklich glaubt, sollte sich dringend psychologische Hilfe suchen.
Auch wird gern behauptet, die Proteste fänden entweder gar nicht oder nur in einem sehr kleinen Ausmaß statt und die Bilder und Videos seien KI-generiert.
Man sieht: Nichts greift den modernen Aktivismus so sehr an, wie unterdrückte Leute, die nicht in das Skript passen wollen. Genau das sind die Iraner. Und deshalb sind sie so überaus bewunderns- und unterstützenswert in ihrem Kampf, bekommen genau diese Unterstützung aber nicht.
Fazit
Die Hauptgründe für die Zurückhaltung spannen sich also von „Uns passt die Art der Revolution ideologisch nicht in den Kram“ bis hin zu „Alles fake von den Amis und Israel“.
Traurig, finde ich. Vor allem, wenn es am Ende vielleicht ausgerechnet jemand wie Trump ist, der helfend eingreift, anstatt wir, die wir uns immer den Frieden, die Freiheit und die Demokratie auf die Fahnen schreiben und jetzt zeigen könnten, wie ernst es uns damit wirklich ist.
Ich verfolge den Aufstand natürlich weiterhin und hoffe, dass die Iraner ihr wunderschönes Land von den Mullahs zurückerobern. Es würde die Wurzel des Unfriedens im Nahen Osten ziehen und den Boden für einen Neuanfang bereiten. Nicht nur für den Iran. Für die gesamte, freiheitliche Welt.
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