Winter in der Stadt

Es geschehen in Hamburg seltsame Dinge zur Winterzeit 2025/26. Der Winter zieht doch tatsächlich in die Stadt. Es schneit und es schneit schon wieder und wieder. Das war so nicht geplant.

Winter in der Stadt
Winter in Hamburg Foto: Matthias von Schramm

Eine norddeutsche Großstadt und Schnee – das kennen wir von früher. Das hat mit unserem heutigen Leben eigentlich nicht mehr viel zu tun. Vor allem zu Zeiten, in denen sich Menschen so positionieren, dass sie zwischen Wetter und Klima nicht mehr unterscheiden und dies auch nicht wollen.

Aber auf einmal ist er da. Ein richtiger Winter. Es ist rutschig auf Bahnsteigen. Familien organisieren Events, die sie eigentlich ausschließlich aus ihrer Kindheit kennen.

Das gedämpfte Rauschen – die isolierten Schritte!

Ich schaue hinaus auf die Stadt. Durch schlecht abgedichtete Fenster hört man die Geräusche der Straßen und Wege. Das Rauschen so bekömmlich leise wie unter einer Käseglocke. Reifen greifen in den Schnee. Es knirscht. Erwachsene Menschen tragen Kopfbedeckungen aus ihrer Jugend und unterhalten sich leise – ganz leise. Unterbrochen ist diese beinahe komplette Stille von Blaulichteinsätzen. Über dem gleißenden Schnee leuchtet das Blau heller und greller als sonst. Die Feuerwehr ist mit Rohrbrüchen beschäftigt. Freiwillige befreien die Tribünen im Millerntor-Stadion für ein Testspiel gegen die „Schneefreunde“ aus Bremen.

Busse und Bahnen fahren!

Wie üblich bei jedem kleinen Wetterwechsel in dieser Großstadt, bricht erst einmal der ÖPNV in Gestalt des HVV ein wenig zusammen. Dann besinnt man sich und fasst den Entschluss, per Lautsprecher im Halbminutentakt die Menschen zu informieren, was alles passieren könnte. Man lässt auf Zugstrecken erst einmal nur einen Pendelverkehr zu, nach Vorbild eines Metronoms, der z.B. „Schneefreunde“ aus Bremen und Hamburg miteinander verbindet. Dann funktioniert auf einmal fast alles. Die übliche Verspätungskultur wird lediglich beibehalten. Die Menschen beginnen allmählich zu verstehen, dass ein Winter in dieser Stadt durchaus eine Normalität hat. Dem könnte man entgegnen, dass ja der Mensch rein metaphysisch kein Anrecht auf Normalität besitzt.

Andere Bilder!

Kinder sind zum ersten Mal in ihrem Leben mit Erziehungsberechtigten, Betreuenden und sich selbst per Schlitten und geistigen Schneemannkonstruktionen unterwegs. Sie erleben vielleicht zum ersten Mal richtigen Schnee und somit eine kulturelle Erweiterung des Tuns der Erwachsenen um sie herum. Diese Bilder sind schön. Man glitscht zum Spaß, baut Bahnen und sucht auch hier im Norden Hügel und Abhänge, Huckel und Täler.

Erinnerungen werden wach!

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie wir uns als Schüler auf die zugefrorene Alster machten und die ersten KollegInnen Kopfhörer trugen, welche in einen Walkman gestöpselt waren. Dieser neue Sound in der Schneelandschaft, als ich mir so einen Walkman mal kurz ausleihen durfte. Ich glitt geschmeidig auf Gleitschuhen über den zugefrorenen Zufluss zur Innenstadt. Es war so ein Gefühl wie in den österreichischen Alpen. Klassenfahrt mit Skiunterricht. Eine musikalisch gebildete Mitschülerin teilte mit mir ihren Kopfhörer und wir lauschten in Dauerschleife „Lady Madonna“ von den Beatles und ich schwänzte den Gang zum Skilehrer, weil mein aufgeblasener, viel zu dicker Ski-Anzug mir ohnehin nicht gefiel. Aber norddeutsche Eltern hatten halt nicht zwingend einen modischen Blick für so ein elitäres Freizeitgehabe der „Neureichen“ und „Eppendorfer“.

Erbsensuppe und Bockwurst!

Im Katastrophenwinter 1978/79 gab es auf der zugefrorenen Außenalster zum ersten Mal Erbsensuppe und Bockwurst. Dazu strahlte die Sonne. Die Suppe war in Sekunden kalt. So ein Erlebnis ist hier oben nun einmal nur in seltenen Kalenderwintern drin. Und gefühlt gab es solche Ereignisse schon lange nicht mehr.

Mit dem E-Rolli auf die Straße!

Aber auch in der Gegenwart angekommen, zeigt so ein überraschender Winter im Besonderen, dass wir in der Stadt von Barrierefreiheit weit weg sind. Der E-Rollstuhl meiner Assistenznehmerin konnte nach mehreren Versuchen die Rampe vor der Haustür immer noch nicht überwinden. Der Rolli reagiert auf jeden Huckel empfindlich und verkeilt sich. Die Räder trotzen dem Schnee nicht so ohne weiteres und Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, dürfen nur bedingt am nordischen „Winterwunderland“ teilnehmen. Das ist wohl, wie Gerhart Polt sagen würde, juristisch einwandfrei (zumindest dann, wenn keiner klagt), aber ansonsten eine riesen Sauerei. So hat meine Chefin ein Video unter ihrem Instagram-Account „leben.im.sitzen“ gepostet zur Veranschaulichung besagter Problematik. „Ice Ice – Baby“

Mittlerweile konnte sie diesen Streckenabschnitt mindestens einmal überwinden.

Wie wir mit der Winterüberraschung leben!

Grundsätzlich erst einmal ist es nicht leicht, mit Überraschungen umzugehen. Hamburg geht in dieser Jahreszeit gefühlt selten über den Zustand von Schneematsch und Blitzeis hinaus. Winterbilder holt man aus dem Archiv (meines ist aus dem aktuellen Hamburger Winter) und Begriffe wie Hohlwege und ähnliches kennen wir aus literarischen Beschreibungen über Baron Münchhausen und dergleichen. Ich mag zwar den richtigen Winter in der Stadt immer noch nicht, aber ich versuche, ihm etwas abzugewinnen.

Aus Holz gebaute Schlitten und Winterbilder in Schleswig-Holsteinischer Landschaft verbinde ich mit meinen Großeltern. Und die sind beide in den 1970er Jahren verstorben.

Heinz Rudolf Kunze schrieb mal in einem seiner ältesten veröffentlichten Lieder mit dem Titel: „Noch hab ich mich an nichts gewöhnt“:

„Zum Beispiel, dass es Winter wird
Dass bald um diese Zeit
Die Sonne nicht mehr gläsern ist
Der Ausblick nicht mehr weit …“

Ich blicke nun auf die Aussicht, dass in nicht allzu ferner Zukunft das Frühjahr diesen Winter ablösen möge. Er nervt mich nämlich, wie ich zugeben muss.

 

 

 

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