Wenn das neue Jahr plötzlich Ernst macht
Der sechste Januar ist der Moment, in dem das neue Jahr aufhört, freundlich zu sein. Die Feiertage sind vorbei, die Wohnungen wieder ordentlich, die Bäume rausgeschmissen und die Gläser gespült. Das Lametta ist verschwunden, aber der Druck auf der Brust bleibt. Der Kalender zeigt nicht mehr ein einladendes „Frei“, sondern Namen, Uhrzeiten, Erwartungen. Das neue Jahr hat plötzlich wieder sein wahres, schonungsloses Gewicht bekommen, so wie wir selbst.
Viele Menschen wachen in diesen Tagen mit einem diffusen Unbehagen auf. Keine konkrete Angst, eher eine leise Beklemmung. Der erste Arbeitstag steht bevor. Nicht heute vielleicht, aber bald. Und mit ihm kehrt dieses alte Gefühl zurück, dass alles wieder gleichzeitig passieren wird. Dass man ständig funktionieren muss, noch bevor man sich selbst richtig wiedergefunden hat.
Dabei hatten wir uns doch so viel vorgenommen.
Zwischen den Jahren: Die große Illusion vom Neuanfang
Zwischen den Jahren war irgendwie alles möglich. Da wirkte das Leben wie eine offene Landschaft, weit, ruhig, veränderbar. Man lag auf dem Sofa, dachte nach, schrieb Listen. Vorsätze, Träume, kleine und große Neuanfänge voller Aufbruchstimmung und Kreativität. Der Mensch liebt diese Übergänge, weil sie so tun, als ließe sich ein Schnitt vollziehen. Als könnte man sagen: Bis hierhin war ich erschöpft, ab morgen bin ich es gefälligst nicht mehr.
Natürlich funktioniert das nie. Aber wir versuchen es jedes Jahr wieder, mit einer fast anrührenden Konsequenz.
Um Mitternacht an Silvester aßen manche von uns ihre Weintrauben. Zwölf Stück. Eine für jeden Monat. Manche unter dem Tisch, weil das Glück offenbar bodennah fliegt so wie man selbst. Andere hastig, weil man ja nichts falsch machen möchte. Der Ursprung dieses Brauchs liegt irgendwo in Spanien, bei zu vielen Trauben und zu wenig Abnehmern. Es ist beruhigend zu wissen, dass selbst diese neue Tradition des Jahresglücks aus einer Reaktion auf Überproduktion entstanden ist.
Andere stellten Koffer vor die Tür, um das Reisen anzulocken, sprangen mutig von Stühlen in das neue Jahr, schrieben Wünsche auf Zettel, verbrannten sie feierlich, klebten Visionboards, die aussahen wie die Werbebroschüre eines Resorts für gestresste Großstädter. Palmen, Leinenkleidung, Körper ohne Dellen und
Müdigkeit. Ein Leben, das erstaunlich wenig mit dem eigenen kleinen Alltag zwischen Schneechaos, Stromausfall und Geopolitik zu tun hat.
Fünf Tage später: Realität schlägt Ritual
Sechs Tage später hängen diese Hochglanz-Visionboards noch immer an den Kühlschränken oder Pinnwänden, aber sie haben bereits etwas Irreales bekommen. Wie Postkarten aus einem Urlaub, den man nie gebucht hat. Die Zettel sind verbrannt, die Koffer wieder im Schrank, die Affirmationen in der Notizen-App irgendwo neben Einkaufslisten und vergessenen Gedankenfetzen.
Das Glück hat sich nicht gemeldet, der Alltag schon.
In den Fitnessstudios herrscht Hochbetrieb. Menschen, die man im November nie gesehen hat, schwitzen jetzt mit einer Probewochen-Mischung aus Ehrgeiz und leiser Verzweiflung. Die Geräte sind besetzt, die Motivation groß, aber brüchig. Alle wissen: Das hier ist ein kleines, ehrgeiziges Zeitfenster aus Sandsack, Saftkur und Salatbar. Ein kollektiver Frühjahrsputz der Selbstachtung. In ein paar Wochen wird es auch hier wieder leerer sein. Auch das gehört zum Ritual.
Selbstfürsorge als Leistungssport
Wir nennen das Selbstfürsorge, aber in Wahrheit ist es oft Selbstdisziplin mit freundlichem Marketing. Der moderne Mensch kümmert sich nicht sanft um sich, er managt sich perfektioniert. Zwischen Reformer Pilates, Breathwork und dem dritten Matcha Latte des Tages bleibt wenig Raum für etwas so Unproduktives wie Nichtstun. Selbst Pausen müssen sich inzwischen rechtfertigen. Am besten mit einem gesundheitlichen Mehrwert oder zumindest mit guter Instagram-Ausleuchtung.
Dabei sind wir müde. Nicht ein bisschen. Richtig.
Diese Müdigkeit ist kein individuelles Problem, sondern ein kollektiver Zustand, der gefühlte Zustand des ganzen Landes. Eine Erschöpfung, die entsteht, wenn alles wichtig ist, alles gleichzeitig passiert und nichts jemals wirklich abgeschlossen oder gelöst scheint. Wir beginnen dieses Jahr nicht frisch und voller zukunftsweisender Visionen. Wir beginnen es eigentlich ziemlich mitgenommen. Und trotzdem verlangen wir uns alles ab, als wären wir ausgeruht.
Der erste Arbeitstag und die Rückkehr des Funktionierens
Der erste Arbeitstag des Jahres wirkt in dieser Stimmung wie ein Test, auf den man sich nicht vorbereiten konnte. Die Postfächer sind voll, die weltpolitische Lage ist desaströs, alle Themen sind zurück am Tisch, die Erwartungen ungedämpft. Niemand fragt, ob man bereit ist. Man ist es einfach oder man tut zumindest so.
Und irgendwo zwischen der ersten E-Mail und dem fünften Kaffee stellt man fest, dass all die großen Vorsätze erstaunlich wenig Platz im realen Tagesablauf haben. Mehr Zeit für sich. Mehr Ruhe. Mehr echte Begegnungen. Alles schöne Ideen aber sie passen schlecht zwischen Meetings und Deadlines.
Warum Nähe immer zuerst verliert
Gerade die Nähe fällt als Erstes hinten runter. Gespräche ohne Zweck, Treffen ohne Kalendereintrag und Agenda, Menschen, bei denen man nichts erreichen muss. Sie verschwinden leise, verdrängt von Dingen, die irgendwie dringlicher wirken. So wird das neue Jahr schneller zum alten, als man auch nur „Achtsamkeit“ sagen kann.
Vielleicht liegt genau hier der Kern unserer Erschöpfungsgesellschaft: Wir haben verlernt auch mal kreative Unproduktivität auszuhalten. Tiefere Reflektionen und Nähe lassen sich nicht beschleunigen. Stille lässt nicht optimieren und echte Erholung kann man schon gar nicht her-manifestieren.
Ein anderer Blick nach vorn
Vielleicht sind Neujahrsvorsätze deshalb so gnadenlos. Sie verlangen Veränderung von Menschen, die eigentlich eine Pause bräuchten. Sie setzen Disziplin dort an, wo Nachsicht hilfreicher wäre. Und sie machen aus Hoffnung schnell Selbstvorwurf.
Der sechste Januar ist kein Neuanfang mehr. Aber er ist auch noch kein Scheitern. Er ist dieser Moment, in dem man kurz ehrlich werden könnte mit sich selbst. Mit dem eigenen Energielevel und der Erkenntnis, dass man nicht alles gleichzeitig besser machen muss.
Vielleicht braucht dieses Jahr keine neue Version von uns, vielleicht reicht es, die alte nicht ständig zu überfordern. Ein bisschen weniger Optimierung und ein bisschen mehr Mensch sein.
Das wäre, gemessen an unserer Zeit, doch fast revolutionär.
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Unsere Autorin Isabel Wiest ist im richtigen Leben eigentlich Wirtschafts-und Verwaltungsjuristin. Um dem Leben das nötige Drama hinzuzufügen, schrieb sie nebenher ein paar Jahre als Ghostwriterin für eine bekannte Late-Night Show die Witze. Das hat sie so gestählt, dass sie heute die Untiefen der kommunalen Politik als Hamburger Bezirksabgeordnete mit der nötigen Portion Humor durchschifft.
Von Ihr könnt Ihr unter der Rubrik: „Zwischen Zeitgeist und Zukunft“ scharfsinnige Texte über Politik, Gesellschaft, Zeitgeschehen und aktuelle Trends lesen.
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