Am 31. Dezember 1858 startete der berühmte Wissenschaftler Prof. Dr. Silvester Böller ein Experiment: „Lass mal den Leuten für einen Tag einen Haufen Alkohol geben und dazu Sprengstoff, für den man eigentlich einen Pyroschein bräuchte, und dann gucken wir mal, was passiert!“
Leider brach er das Experiment niemals wie geplant ab, da ihm ein fehlgezündeter Knaller den Kopf wegpustete, und somit wurde die Tradition geboren, dass am 31. Dezember – also an Silvester, nach Prof. Dr. Silvester Böller – jeder Hanswurst nach drölfzig Gläsern Bowle ein bisschen mit Schwarzpulver hantieren darf.
Na gut, vielleicht habe ich diese Geschichte gerade erfunden, aber für den Privatgebrauch erhältliches Feuerwerk gibt es ungefähr seit dieser Zeit, und die Story fühlt sich, wenn ich die Jahreswechsel meines Lebens so rekapituliere, erschreckend glaubhaft an.
Es ist Silvester 2025, als ich beginne, diese Zeilen zu schreiben. Nachmittag. Das nervtötende Geknalle hat schon vor Tagen begonnen und nur das Schneegestöber hält die üblichen Verdächtigen gerade davon ab, bereits am Nachmittag komplett zu eskalieren, wie in manch einem Jahr zuvor.
Zwei unserer Katzen sind schon panisch unters Bett geflüchtet, als vorhin auf der Straße direkt vor unserem Haus irgendwas detoniert ist. Unser fragiler, ältester Kater ist zum Glück taub. Nachher lassen wir wieder alle Außenjalousien herunter und hoffen auf das Beste.
Wie jedes Jahr stelle ich mit diese zwei Fragen:
Muss das private Geböller wirklich sein?
Und: Gilt es als Notwehr, wenn ich an Silvester zum Axtmörder werde?
Eine Qual für Tiere
Meine Katzen sind noch relativ entspannt, verglichen mit dem, was ich immer wieder von anderen Tierhaltern höre. Der Hund eines Bekannten liegt jedes Jahr an Silvester (und auch an den Tagen davor und danach, wenn noch vereinzelt Knaller losgehen) hechelnd und zitternd unterm Küchentisch.
Das Pferd einer Freundin starb vor wenigen Jahren trotz aller getroffenen Vorkehrungen in der Silvesternacht an einer Stresskolik. Nachbarn haben trotz Bitten der Pferdebesitzer auf Rücksichtnahme Feuerwerkskörper direkt in der Nähe der Koppel und des Stalls gezündet.
Freunde von mir betreiben einen Gnadenhof und müssen jede Silvesternacht auf den Weiden und in den Ställen verbringen, um die aufgebrachten Tiere zu beruhigen, die in Panik auch mal einen Weidezaun durchbrechen.
Und jetzt denke man an die Wildtiere, die keine Halter haben, die ihr Möglichstes tun, um den Lärm und die Blitze für sie auszusperren. Sie sind dem Spektakel hilflos ausgeliefert und bezahlen es viel zu oft mit ihrem Leben.
(Kleine Anmerkung am Rande: Ich habe festgestellt, dass diejenigen, die sich wegen Windrädern zur Stromgewinnung so empathisch um geschredderte Vögel sorgen, oft die gleichen Leute sind, die das Silvesterböllern unbedingt befürworten, weil Tradition und so …)
Laut Schätzung des Deutschen Tierschutzbundes sterben jedes Jahr rund eine halbe Million (!) Wildtiere an unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Silvesterfeuerwerks. Die primäre Todesursache bei Tieren an Silvester, egal ob Haus- oder Wildtiere: Herzversagen durch Panik. Was für viel zu viele Leute einen primitiven Spaß bedeutet, ist für andere Lebewesen nichts als die nackte Angst ums Leben. Empathie gleich null.
Wer mir jetzt kommen will mit „Früher haben wir auch Feuerwerke losgelassen und mit den Tieren ist nichts passiert“, dem sei gesagt: Doch, auch damals ist den Tieren schon viel passiert. Allerdings war das Ausmaß der Knallerei im glorreichen „Früher“ nicht einmal mit heute vergleichbar. Die Ausgaben für Feuerwerkskörper sind inzwischen auf Rekordniveau und die Leute importieren brandgefährliche, aggressive Batterien aus Polen, Tschechien oder China. Nicht wie damals, als Opa Erich mal ein, zwei Raketen hat fliegen lassen, und ich meine jetzt nicht die an der Front in Russland.
… und eine Qual für Menschen!
Aber nicht nur Tiere leiden an Silvester, sondern auch Menschen.
Da haben wir vom Krieg traumatisierte Leute, die bei jedem Feuerwerksknall gegen Panikattacken kämpfen müssen, weil ihr Nervensystem darauf konditioniert ist, dass Explosionen unmittelbare Lebensgefahr bedeuten. So etwas kann man sich nicht mal eben einfach abtrainieren, damit Jörg weiter in Ruhe seine Polenböller loslassen kann. Das betrifft auch nicht nur Geflüchtete, die sich aktuell in Deutschland aufhalten, sondern auch ältere Generationen Einheimischer, die als Kinder oder junge Erwachsene den Krieg miterlebt haben. Gerade bei dementen Menschen werden durch diese Geräuschkulisse nicht selten ganz ungute Erinnerungen freigesetzt, die sie aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr rational einordnen können.
Und dann sind da die Menschen, die die Scheiße händeln müssen, die durch diese sinnlose Böllerei verursacht wird. Feuerwehrleute, Notärzt*Innen, Sanitäter*Innen, Kranken- und Altenpflegepersonal, Tierärzt*Innen, die Polizei. Was diese Leute in der Silvesternacht wegen absolut vermeidbarer Unfälle leisten müssen, ist eigentlich unzumutbar. Wenig verwunderlich, dass gerade diese Berufsgruppen immer wieder regelrecht um ein privates Böllerverbot flehen. Bisher leider ungehört.
Aber hey, Hauptsache, Jörg und Gabriele und ihr mit 30 noch im Keller wohnender Sohn haben Spaß! Und der Kumpel des Sohnes wiederum, der muss seinem zweijährigen Lütten ja auch unbedingt demonstrieren, wie man richtig laut krakeelend ein echter Mann wird, und dass der größte Spaß immer der ist, den man auf Kosten anderer hat. Ach ja, und dann die halbgaren Jungs mit den Alpakafrisuren, die gern mal ein bisschen Krieg spielen wollen, so richtig mit eigener Stalinorgel, vorzugsweise gegen Polizisten gerichtet.
Eine Zivilisation auf ihrem Höhepunkt. Nicht.
Aber Traditionen und so!
Da höre ich schon die ersten Feuerwerksfreunde nölen: „Aber das ist nun mal Tradition! Ihr könnt uns nicht alles wegnehmen!“
Hömma. Es war früher auch Tradition, Leute auf dem Festplatz öffentlich hinzurichten und dazu Wein auszuschenken und Tanzmusik zu spielen. Machen wir auch nicht mehr, weil wir irgendwann festgestellt haben, dass es vielleicht doch etwas weniger traumatisierenden Spaß für die ganze Familie gibt. Und auch sonst fällt es uns doch eigentlich nicht schwer, auf vermeintlich oder tatsächlich primitive Traditionen anderer Kulturkreise herabzublicken und diese abzulehnen.
Warum müssen wir dann unbedingt auf dieser einen Tradition beharren, die nachweislich jedes Jahr so viel Schaden anrichtet? Sind wir so von unserem eigenen Ego besoffen, dass wir für einen Abend „Spaß“ einen so hohen Preis für angemessen halten – das Leben und die Gesundheit anderer Lebewesen?
Meine klare Meinung dazu: Ein Verbot muss her. Denn, wie man auch in anderen Bereichen immer wieder sieht, ist freiwilliger Verzicht aus Gründen der Vernunft und Empathie in Deutschland einfach nicht umzusetzen. Wenn wir Jörg und Gabriele empfehlen, aus Rücksicht auf andere nur einen oder zwei ungefährliche Böller zu kaufen, kaufen sie aus Trotz gleich 100 „Super Schock“ aus Polen und schicken sie mit Grüßen an „die da oben“ in Richtung Himmel.
Was bringt ein Böllerverbot wirklich?
Natürlich ist mir vollkommen klar, dass auch ein gesetzliches Verbot einige Unbelehrbare nicht von der Knallerei abhalten würde. Hat man ja in den Coronajahren gesehen.
Aber:
Auf viele Leute hat ein gesetzliches Verbot mitsamt Strafandrohung schon eine abschreckende Wirkung. Das ist Punkt eins.
Punkt zwei ist, dass die Läden hier keine Feuerwerkskörper mehr verkaufen dürften.
Punkt drei ist, dass demnach jeder trotz Verbot losgelassene Feuerwerkskörper illegal aus dem Ausland besorgt sein muss. Und da es sich nun mal nicht so wirklich heimlich und unauffällig böllern lässt, wäre das praktisch ein direkter Hinweis: „Guckt mal, liebe Polizisten, wir machen genau hier illegale Sachen! Kommt doch mal vorbei! Folgt dem bunten Licht vom Sprengstoff aus dem Ausland!“
Wenn solche Leute dann ein paar Mal richtig empfindlich eins auf den Deckel bekommen, würde das die Wirkung von Punkt 1 wiederum verstärken.
Am Ende hätten wir zwar hier und da immer noch Böllerei, aber viel, viel weniger.
In den Coronajahren, in denen privates Feuerwerk verboten war, lag zum Beispiel die durchschnittliche Anzahl der in der Silvesternacht in die Notaufnahme eingelieferten Patienten nur wenig über dem Niveau der restlichen Tage des Jahres. Jetzt, ohne das Verbot, ist die Zahl wieder dreimal so hoch.
Noch ein kleiner Funfact: 97% aller Patienten mit feuerwerksbedingten Verletzungen sind Männer. Vielleicht sollte man Männer so einen Kram einfach gar nicht entscheiden lassen.
Ein Kompromiss: Tradition, aber modern
Grundsätzlich verstehe ich durchaus die Freude daran, sich ein Feuerwerk anzusehen und das alte Jahr mit ein bisschen Lärm zu verabschieden. Menschen lieben und brauchen Rituale für ihr soziales und spirituelles Wohlgefühl.
Aber muss das tatsächlich jeder privat machen? Und gibt es nicht inzwischen weitaus unschädlichere, aber mindestens genauso tolle Alternativen?
Ein oft vorgeschlagener Kompromiss wäre es doch, in jeder Gemeinde an einem zentralen Ort um Mitternacht herum von einem Pyrotechniker ein Feuerwerk für alle veranstalten zu lassen.
Oder noch besser und moderner: Drohnen- und Lasershows mit Musik. Ich habe so was mal vor einigen Jahren im Rahmen eines Lichterfestivals gesehen: eine Lasershow am Nachthimmel, zu der „Ode an die Freude“ gespielt wurde. Hatte was.
Wer hingehen will, geht hin, wer nicht will, bleibt zu Hause. Und wenn dieses Feuerwerk dann vorbei ist, ist wieder Ruhe für alle.
Was spricht gegen diese Lösung, außer Ignoranz und Egoismus?
Der Morgen danach
Das neue Jahr ist da. Verkaterte junge Männer aus der Nachbarschaft sammeln den Müll der vergangenen Nacht von der Straße – immerhin. Ich habe mir sagen lassen, woanders bleibt der Kram einfach liegen, bis sich die Gemeinde darum kümmert. Ausgerechnet mein tauber, 20 Jahre alter Kater war dann doch gestresst und wollte nicht mehr fressen, ich habe dann recherchiert, dass die Katzen trotzdem die Vibrationen und die angespannte Stimmung wahrnehmen. Zum Glück geht es ihm heute Morgen wieder gut. Andere Tiere hatten nicht so viel Glück.
Ich muss aber sagen: Es war dieses Jahr gar nicht so schlimm wie sonst. Lag’s am Wetter? Oder werden die Leute doch langsam von allein vernünftig?
Ein kurzer Blick in die Boulevardzeitungen lässt diese Hoffnungen zu (Fein-)Staub zerfallen: Zwei Achtzehnjährige starben durch selbstgebaute Böller, ein historischer Dachstuhl in Erfurt ist durch eine Silvesterrakete in Brand geraten, in mehreren Großstädten wurden Polizisten gezielt mit Böllern attackiert, eine Wohnung wurde beim Böllerbau in die Luft gejagt, in Holland brennt eine alte Kirche und allgemein gab es wieder viele zerfetzte Hände. Hach, die Traditionen sterben eben einfach nicht aus!
Laut aktuellen Umfragen würden übrigens 60% aller Deutschen ein privates Böllerverbot befürworten, nur 37% ein solches Verbot ablehnen und den übrigen ist es wurscht. Ein Verbot würde also deutliche Unterstützung finden und den verunsicherten Politiker nicht allzu viele Wähler kosten (ich mutmaße sowieso, dass diese 37% sich zu erheblichen Teilen aus gewissen Wählerkreisen speisen, deren präferierte Parteien ein solches Gesetz ohnehin nicht unterstützen würden).
Auch hier wieder: Hauptsächlich Männer sind gegen das Verbot. Die sind wohl hormonell bedingt traditionsbewusster oder so was.
Wenn Sie auch dafür sind, die Politik bezüglich dieses Themas endlich mal am Kragen zu packen und durchzurütteln, dann lade ich Sie dazu ein, die aktuelle Petition der GdP (Gewerkschaft der Polizei) zu unterzeichnen: https://innn.it/boellerverbot
Ich wünsche Ihnen ein ruhiges und stressfreies neues Jahr mit vollzähligen Gliedmaßen und fröhlichen, gesunden Haustieren.
+++
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