Disneys Diversity: Mehr Marketing als echte Gleichberechtigung

Eine schwarze Arielle ist in etwa so glaubhaft wie ein queeres Aschenputtel. Weshalb er von Rollenanpassungen traditioneller Figuren, die bloß dem Zeitgeist geschuldet sind, nichts hält – darüber schreibt Henning Hirsch in seiner heutigen Kolumne.

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Triggerwarnung: In diesem Text kommen weiße Meerjungfrauen vor. Bei manchen Menschen kann dieses Thema negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

Ich geb’s zu: Ich bin kein Fan von Disneyfilmen und Meerjungfrauen. Die Erstgenannten sind zumeist Tränendrüsen-strapazierend kitschig*, die Zweitgenannten erinnern mich stark an Barbiepuppen mit Fischschwänzen. Und sowohl aus Filmkitsch als auch Fischschwänzen mache ich mir wenig. Von daher bin ich entweder der komplett Falsche, mich mit dem Thema „Welche Hautfarbe haben Sirenen?“ zu beschäftigen, oder aber – weil’s mir großenteils egal ist – dann doch wieder der Richtige. Suchen Sie es sich aus.

* hiervon explizit ausnehmen muss man natürlich cineastische Schätze wie Steamboat Willie, Schneewittchen, Pinocchio und Das Dschungelbuch.

Von Undine über Andersen zu Arielle

Der Reihe nach:

Arielle, die Meerjungfrau (Originaltitel: The Little Mermaid) ist ein Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios, der im Jahr 1989 erschien. Er basiert auf den Motiven des Märchens „Die kleine Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen und ist der letzte Disney-Trickfilm, der mit Hilfe von Elektrofotografie hergestellt wurde.
© Wikipedia

Mit Elektrofotografie – sicher ebenfalls ein spannendes Thema – wollen wir uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen, sondern konzentrieren uns auf: (A) Hans Christian Andersen (B) das Original von 1989.

Hans Christian Andersen [* 2. April 1805 in Odense; † 4. August 1875 in Kopenhagen] gilt als der bekannteste Märchenonkel Dänemarks. Die kleine Meerjungfrau (dänisch Den lille Havfrue) schrieb er 1837. Die Geschichte basiert auf der Erzählung der Undine. Die ist ein weiblicher, jungfräulicher Wassergeist. Diese Nixe stammt wiederum aus dem Geschichtszyklus des oberrheinischen Rittergeschlechts der Staufenberg. Der Stoff ist in einem Gedicht um 1320 enthalten und wurde vielfach adaptiert. Mir gefiel die Version Splash mit Daryl Hannah als sexy Fischschwanz-Blondine 1984 ganz gut.

Auch wenn Andersen die Hautfarbe seiner Protagonistin nicht explizit erwähnt, wird diese mit 99.9%-iger Sicherheit weiß gewesen sein. Was nun wiederum nicht zwangsläufig auf kolonial begründeten Rassismus des Schriftstellers hinweist, sondern höchstwahrscheinlich dem Umstand geschuldet ist, dass Undine dem nordischen Sagenkreis entstammt. Und im hochmittelalterlichen Europa – der Periode, in der die meisten Sagen verschriftlicht wurden – nördlich der Alpen war Weiß nun mal der vorherrschende Hauttyp. Von daher sei Andersen – postkoloniale Diversity hin oder her – entschuldigt. Also ich entschuldige ihn. Ob Sie es tun, hängt vom Grad Ihrer Welche-Farbe-hat-eine-Meerjungfrau-Toleranz ab.

Nach diesem kleinen Exkurs in die Welt der germanisch-keltischen Mythologie jetzt zurück zu Disney. Als dessen Filmstudio den Stoff 1989 aufgriff, entschied man sich für eine hellhäutige Figur (die nachträglich Arielle getauft wurde. Im Märchen von Andersen ist sie namenlos). Auch der Nachfolger „Arielle, die Meerjungfrau 2 – Sehnsucht nach dem Meer“ (2000) und das Prequel „Arielle, die Meerjungfrau – Wie alles begann“ (2008) zeigen weiße Nixen.

Erst beim Remake „Arielle, die Meerjungfrau“, das 2023 ins Kino kommt, beschloss man, die Hautfarbe zu wechseln. Jetzt schwimmt dort Halle Bailey und zwar real. Also ein zweifacher Shift: Sowohl weg vom Cartoon als auch hin zur Trendfarbe Schwarz.

1989 wär’s innovativ gewesen

Und das finde ich – pardon – lächerlich. Es geht mir dabei nicht um die Grundsatzfrage, ob Meerjungfrauen weiß, schwarz, braun, gelb, blau oder grün durch unsere Weltmeere pflügen, sondern einzig um die nachträgliche Umlackierung der Arielle. Die in Schwarz zu zeichnen, wäre 1989 wirklich innovativ gewesen. In Südafrika machte das Apartheidsregime seine finalen Seufzer, Nelson Mandela saß noch im Gefängnis, in den USA konnte man der zweiten (oder dritten) Generation Schwarze Panther nördlich der 110ten Straße in Manhattan begegnen, und in Hollywood waren schwarze Stars eher rar gesät. Mir fallen da spontan bloß Sidney Poitier, Richard Roundtree, Danny Glover und Eddie Murphy ein (denen mehrere Dutzend weiße Filmidole gegenüberstanden). 1989 wäre also ein Zeitpunkt gewesen, an dem eine schwarze Meerjungfrau tatsächlich Erstaunen hervorgerufen hätte, wo es mutig gewesen wäre, mit einer dunkelhäutigen Wassernixe Neuland zu betreten. Jedoch 2022: Welchen Zweck verfolgt man heute mit einer neugestrichenen Arielle? Die halt traditionell weiß ist: Sowohl als Undine als auch als Andersens Meerjungfrau und als Original von 89.

Was kommt als nächstes: ne schwule Micky Maus, ein chinesischer Donald Duck, der lieber an ner Tasse grünem Tee als an einer Flasche Cola nuckelt, Tick, Trick & Track sind unbegleitete frühpubertäre Einwanderer aus Honduras, Goofy als Afro-Entenhausener und Onkel Dagobert wird Philanthrop und spendet seine Fantastilliarden an Greepeace und Ärzte ohne Grenzen? Das ist Diversität-Unfug und (Comic-) Geschichtsklitterung. Genauso Banane wie Scarlett Johansson in „Ghost in a shell“ eine japanische Manga-Kriegerin spielen zu lassen oder Indianerrollen mit Sonnenstudio-gebräunten Weißen zu besetzen (wobei das seit den 70er Jahren stark rückläufig ist).

Mehr schwarze Hauptdarsteller statt bemühter Farbwechsel

Disney hat mit Arielle 2022 eine doppelt schlechte Entscheidung getroffen: Zum einen ein fader Aufguss einer schon 3x verfilmten Story (gehen denen die kreativen Drehbuchschreiber aus?), zum anderen die Auf-Teufel-komm-raus-Anpassung an den politisch korrekten Zeitgeist. Ich warte nun darauf, dass Bernard und Bianca beim Remake in Bonobos (stehen ganz oben auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten) umgewidmet werden. Käm‘ ja auch niemand auf die Idee, Shakespeares Othello plötzlich als Weißen auf die Bühne zu schicken bzw. der Aufschrei, wenn dies geschähe, wäre noch auf der Rückseite des äußersten Saturnrings zu hören.

Ich mein‘, es hindert niemand Disney daran, ne neue Geschichte mit nem coolen schwarzen Helden:in auf den Markt zu bringen (wie es bspw. Marvel mit Black Panther gelungen ist). oder generell mehr Filme mit schwarzen Hauptdarstellern zu drehen oder Schwarze gar in Führungspositionen im Konzern zu berufen. Das wäre wahre Gleichberechtigung. Aber seine Sensibilität bloß dadurch unter Beweis stellen zu wollen, indem man der seit Jahrhunderten weißen Undine/Arielle im Jahr 2022 einen schwarzen Anstrich verpasst, wirkt auf mich sowohl bemüht als auch rein auf kommerziellen Überlegungen (woke Familien mit Kindern ins Kino locken) gründend.

Aber was weiß schon ich, alter, weißer, (verbitterter) Mann?
Vielleicht ist ne schwarze Meerjungfrau ja genau das, was unsere heutige Zeit benötigt, und wir freuen uns alle schon ganz doll auf ein queeres Aschenputtel.

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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