Gendern: Notwendig oder elitäre Haarspalterei?

Noch mehr als die Doppelpunkte nervt das falsche Partizip, sagt Kolumnist Henning Hirsch

Bild von Ryan McGuire auf Pixabay

»Der Doppelpunkt wird das Rennen machen, und das ist auch gut so«, sagt eine Bekannte, die sich beruflich viel mit unserer Sprache beschäftigt.
»Warum ist das gut?«, frage ich.
»Weil der Doppelpunkt den Lesefluss weniger stört als der Stern.«,
»Noch weniger würde es den Lesefluss stören, wenn alles so bleibt, wie es ist«, sage ich.
»Du stehst den dringend notwendigen Modernisierungsmaßnahmen unserer Sprache also ablehnend gegenüber?«
»Modernisierungsmaßnahmen sind es; aber ob sie tatsächlich dringend notwendig sind, bezweifele ich.«
»Du bezweifelst, dass Frauen aufgrund des generischen Maskulinums diskriminiert werden
»Ja, das bezweifele ich … was zur Hölle ist ein generisches Maskulinum?«
»Du musst aufpassen, dass du nicht in die Ecke des alten weißen Misogynisten gesteckt wirst«, sagt meine Bekannte, die sich beruflich viel mit unserer Sprache beschäftigt, und legt auf.

Brauchen wir das, oder kann es weg?

Beim Gendern bin ich tatsächlich oft hin und her gerissen, ob wir es wirklich brauchen, oder ob das weg kann. Es liest sich großenteils wie eine schlecht ins Deutsche übersetzte japanische Gebrauchsanleitung und klingt gesprochen, als haben Wissenschaftler eine neue Kunstsprache im Labor entwickelt, die nur von einigen wenigen Auserwählten beherrscht wird.

Während mir Doppelpunkte, Sternchen, Schräg-/ Unterstriche und Binnenversalien in Texten, die ich in gendergerechten Zeitungen und Magazinen überfliege, noch halbwegs egal sind, so lange ich nicht gezwungen werde, selber Doppelpunkte und Sternchen in meinen eigenen Beiträgen zu verwenden, überkommt mich beim Lesen des (angeblich) geschlechtsneutralen Partizips Präsens immer nervöser Schluckauf, der sich erst wieder beruhigt, sobald ich den Text mitsamt seinen verquasten Konstruktionen zur Seite lege und mir schnellstmöglich was traditionell Geschriebenes von Bukowski reinziehe. Gegen Neuerungen wie Studierende, Mitarbeitende oder Dienstleistende kann man ohnehin nichts mehr tun. Die haben sich mittlerweile etabliert. Auch wenn diese Formulierungen sprachlicher Nonsens sind, denn ein Studierender ist mitnichten dasselbe wie ein früherer Student und nicht jeder Mitarbeitende arbeitet in diesem Moment aktiv mit – was das Partizip ja eigentlich zum Ausdruck bringen möchte –, sondern chillt gerade zu Hause auf dem Sofa; jedoch – geschenkt. Von Studierenden, Mitarbeitenden & Dienstleistenden wird unsere Sprache nicht untergehen. Sie hat auch schon anderen Unfug à la Handy, Information Point und Onboarding absorbiert und überlebt.

Wovor mir jedoch regelrecht graut, ist die Intention der Hardcore-Genderisten, die Bastion Generisches Maskulinum komplett zu schleifen. Herauskommen werden Sachen wie: Gästin, PersonIn, Patient:innenanwalt:wältin, Herr Doktorin, Textschaffende, Balltretende, Speerwerfende oder Kardinal:in & PäpstIn. Und hier muss deshalb die grundlegende Frage erlaubt sein: Wozu soll die ganze Genderei gut sein bzw. was wird durch den Einsatz hässlicher Doppelpunkte und falscher Partizipien überhaupt bezweckt?

Uralte sprachliche Ungerechtigkeiten werden endlich beseitigt?

Wann das Generische Maskulinum Einzug in den mitteleuropäischen Sprachraum hielt, weiß heute niemand mehr so ganz genau. Vielleicht mit Luther, vielleicht mit den Mönchen in ihren frühmittelalterlichen klösterlichen Studierstuben, eventuell sind es Nachwirkungen der Völkerwanderung oder die Germanen/Kelten/Skythen waren schuld. Vermutlich ist diese Ungerechtigkeit aber noch wesentlich älteren Ursprungs und wurde um 3000 vuZ von den sogenannten Kurgan-Leuten eingeschleppt, die uns damals nicht nur das Pferd, sondern ebenfalls ihr männlich dominiertes Pantheon und das Patriarchat aus der südrussischen Steppe mitbrachten. Vorbei war’s mit der Großen Erdmutter, der Venus von Milo und der Frauenherrschaft. Ab sofort übernahmen im Jenseits Zeus/Jupiter/Wotan/Odin, im Diesseits herrschten anstatt weiser und gütiger Priesterinnen fortan Kriegerfürsten & Könige und zu Hause in der verrußten Bretterbude war jetzt der Pater familias das unumstrittene Oberhaupt des Jungsteinzeit-Clans. 5 Jahrtausende sind viel Zeit, um einer Sprache einen männlichen Stempel aufzudrücken.

Das ist zum einen hochgradig ungerecht und zum anderen wird es nach 5000 Jahren allerhöchste Eisenbahn, das wieder umzukehren, sagen Sie? Ungerecht ist es, da stimme ich Ihnen zu. Aber hochgradig? Bei hochgradig ungerecht fallen mir echt andere Sachen ein als männliche Berufsbezeichnungen. Und DRINGEND? Wir wollen also in einer linguistischen Gewaltaktion sämtliche generischen Maskulina (das Deutsche kennt rund 10.000) entweder ausmerzen oder in falsche Partizipien transformieren -> Warum?

Weil:
(a) Frauen dann endlich gleich behandelt werden?
(b) wir uns alle besser fühlen?
(c) hin und wieder eben was modernisiert werden muss? Wer fragt da schon kleinlich nach der Notwendigkeit?

Sprachkosmetik ohne konkrete Folgen

(a) trifft erwiesenermaßen nicht zu. Rückkehr nach Mutterschutz & Elternzeit in den Beruf ohne Karrierenachteile befürchten zu müssen, Teilzeitangebote, flächendeckende Kita-Versorgung, Frauenquote für Führungspositionen, verpflichtend gleiche Bezahlung für gleiche Tätigkeiten bringen deutlich mehr. Wir werden keine einzige Ministerin zusätzlich bekommen, wenn wir den Minister in Ministrierende umbenennen. Keine Abteilungsleiterin on top, obwohl wir sie jetzt doch als Abteilungsleitende bezeichnen. Das ist bloß schlecht aufgetragenes Sprach-Make-up, das beim Reden noch schneller abbröckelt als beim Schreiben. Es läuft also stark auf (b) hinaus: Wir wollen uns durch korrekte Wortwahl besser fühlen. Jedoch billig besser fühlen, denn konkret gemacht haben wir ja nichts für den Aufstieg der Frauen im Berufsleben. Das ist wie mit den Bildchen in Facebook: ‚Je suis Charlie‘, ‚Stay home“ oder ‚Solidarität mit XY‘ = reine Lippenbekenntnisse.

Man könnte Doppelpunkt und (falsches) Partizip als Marotte einer selbst ernannten Sprach-Avantgarde abtun, die uns Normalbürger – die wir weiter, „Ich geh zum Bäcker Brötchen holen“, sagen, auch wenn der Bäcker eine Bäckerin ist (denn das generische Maskulinum umfasst als abstrakte Idee ja ebenfalls das zweite Geschlecht und mittlerweile auch noch die Transgender-Bäcker) – nicht großartig zu berühren braucht, falls dabei nicht zwei konkrete Gefahren drohten:

(1) Wir geben denjenigen, die nicht freudig mitmachen (sei es aus Unwissenheit, Unfähigkeit oder aus sprachästhetischen Gründen heraus) das Gefühl, etwas Schlechtes zu tun, wenn sie nicht doppel:punkten, mit Sternen um sich werfen oder ihren Sohn traditionell als Schüler anstatt Zu-Beschulenden bezeichnen. Ist derselbe Elite-Dünkel wie ‚Ich kauf mein Fleisch beim Biometzger; du jedoch holst dir dein mariniertes Schweinesteak aus der Kühltruhe beim Lidl. Ist dir klar, wie sehr DEIN Schwein vorher leiden musste?‘ Oder: ‚Unsere Familie ist mit sämtlichen 4 Autos auf E-Mobilität umgestiegen. Du aber fährst nach wie vor deinen stinkenden Benziner (noch schlimmer: deinen Giftstoffe ausstoßenden Diesel)‘. Wobei ich persönlich sowohl den Umbau unserer Mobilität als auch die Eindämmung der Massentierhaltung weitaus wichtiger finde als die korrekte Platzierung der Binnenversalie.

(2) Wir schaffen damit ein massives Integrationshemmnis: Unsere Sprache ist unbestreitbar schwer zu erlernen. Ich zolle jedem Ausländer (korrekt = Mensch:in mit Migrationshintergrund), der nach ein paar Jahren Deutsch spricht und schreibt, höchsten Respekt. Und jetzt sollen Syrer, Nigerianer und Vietnamesen (alternativ: Kasachen, Usbeken und Weißrussen) zusätzlich auch noch fehlerfrei Doppelpunkte und (falsche) Partizipien beherrschen, bevor sie das Zertifikat B1 ausgehändigt bekommen? Das wird die Quote der erfolgreichen Lehrgangsteilnehmenden ganz sicher halbieren. In der Folge weniger Jobangebote für z.B. Flüchtlinge (was nicht dasselbe wie Flüchtende ist), weniger Aufenthaltstitel, mehr Abschiebungen = Aufnahmestopp durch die gender-sprachliche Hintertür.

Es kann eher weg

Wenn wir die Pros & Cons des Genderns nüchtern abwägen, erkenne ich außer des Beweggrunds, sich durch die hypersensible Wortwahl womöglich etwas besser als sonst zu fühlen, keinerlei Vorteil, für den es sich lohnt, unsere schöne Sprache einer derartigen Radikalkur zu unterziehen. Die o.g. Bäckerin wird nicht 1 Dinkelvollkornbrötchen mehr verkaufen, bloß weil wir sie jetzt Bäcker:in schreiben und in Backschaffende umtaufen. Um auf meine Ausgangsfrage „Brauchen wir das, oder kann es weg?“ zurückzukommen –> m.E. kann es eher weg. Die Doppelpunkte – und noch weniger die falschen Partizipien – benötigt kein Mensch. Wobei mir klar ist, dass der Gender-Zug rollt und vermutlich nicht mehr zu stoppen ist. So sehr Realist bin ich bei allem Generisches-Maskulinum-Traditionalismus dann doch. Ob’s mir gefällt, dass wir unsere Muttersprache ohne Not verhunzen, steht auf einem anderen Blatt.

PS. Ob mir bewusst ist, dass ich ein alter weißer, misogyner Mann bin? Ja, ist mir bewusst. Bei misogyn streite ich mich allerdings noch mit meiner Psycholog:in, wie stark das bei mir vorliegt.

PPS. Wir könnten überlegen, die deutsche Sprache von ihren ungerechten Artikeln „der“ und „die“ zu befreien und ab sofort nur noch das neutrale Genus verwenden:

– Das Kanzler
– Das Astronaut
– Das Geschäftsführer
&
– Das Kosmetikerin
– Das Prostituierte
– Das Kindergärtnerin.

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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