Kann man aus der Geschichte lernen? Eine Replik aus aktuellem Anlass

Die Erfolgsgeschichte der 1949 entstandenen „zweiten“ deutschen Demokratie war nicht zuletzt damit verbunden, dass sie aus dem Scheitern ihrer Weimarer Vorgängerin entsprechende Lehren gezogen hatte. Dieser schmerzhafte Lernprozess spiegelt sich in der Kolumne von Fred Gröger, die hier am 28. Dezember veröffentlicht wurde, in keiner Weise wider.

Hier fiel Willy Brandt vor den Opfern des Warschauer Ghettoaufstandes auf die Knie. Foto: fritztram. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Willy Brandts Kniefall

Der Beitrag von Fred Gröger vermittelt den Eindruck, als ob die Ideologie, die zur Entstehung des Hamburger „Kriegerdenkmals“ von 1936 führte, auch heute noch den politischen Diskurs der Bundesrepublik bestimmen würde. Die hitzigen Debatten über die deutsche Vergangenheit, die in den letzten Jahrzehnten hier stattfanden, werden in dieser Kolumne gänzlich außer Acht gelassen. Das Gleiche betrifft auch solche symbolischen Gesten wie den Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettoaufstandes im Dezember 1970. Obwohl dieser symbolische Akt in der damaligen Bundesrepublik sehr umstritten war,  den Völkern des europäischen Ostens, die unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft am stärksten gelitten hatten, vermittelte er ein vollkommen neues Bild von Deutschland – eines Landes, das aus den Fehlern der Vergangenheit entsprechende Lehren gezogen hatte.

Die im Sommer 1980 in Polen ausgebrochene Revolution der „Solidarność“ war untrennbar mit diesem Paradigmenwechsel verbunden. Die Auflehnung der polnischen Gesellschaft sowohl gegen das Warschauer Regime als auch gegen seine Moskauer Gönner konnte nicht zuletzt deshalb eine für den gesamten Ostblock beispiellose Dimension erreichen, weil das Regime jetzt nicht mehr imstande war, die eigene Gesellschaft mit dem Heraufbeschwören der deutschen Gefahr zu disziplinieren.

All diese Vorgänge werden im Beitrag von Fred Gröger ausgeblendet.

„Bonn und Berlin sind nicht Weimar“

Kann man also aus der Geschichte lernen? Diejenigen, die diese Frage verneinen, stellen im Grunde die Staatsräson der Bundesrepublik in Frage. Denn das Prinzip der „wehrhaften Demokratie“, auf dem die „zweite“ deutsche Demokratie basiert, ist untrennbar mit den geschichtlichen Lehren verbunden, die aus dem Scheitern der „ersten“ Demokratie (Weimar) gezogen wurden. Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes, in dem von der unantastbaren Würde des Menschen die Rede ist, stellt seinerseits die Antwort der Urheber des Grundgesetzes auf die beispiellose Missachtung dieser Würde in der NS-Zeit dar. All das zeigt, dass die Weisheit von der Geschichte als der „Lehrmeisterin des Lebens“ keineswegs veraltet ist.

Es ist paradox, dass ausgerechnet nach der größten Katastrophe der deutschen Geschichte, die stabilste Demokratie in der Geschichte des Landes entstehen konnte. Beide Vorgänge waren allerdings eng miteinander verknüpft. So konnte nach 1945, angesichts der totalen Niederlage des Dritten Reiches, keine Legende von der „im Felde unbesiegten Nation“ entstehen, die die politische Kultur von Weimar derart stark vergiftet hatte. Auch die Dolchstoßlegende erlebte nach 1945 keine Neuauflage, denn oppositionelle Gruppierungen, denen man 1918 Verrat an der Heimatfront vorgeworfen hatte, waren im Dritten Reich bereits während der Gleichschaltung von 1933 völlig zerstört worden. So hatte die NS-Führung bis zum letzte Atemzug des Regimes die totale Kontrolle über das Land. Den Gegnern des Nationalsozialismus ist es nicht gelungen, breitere Bevölkerungsschichten zu erfassen. Der Bochumer Historiker Hans Mommsen spricht sogar vom „Widerstand ohne Volk“. Und schließlich hat auch die Kriegsschuldfrage nach 1945 keine vergleichbaren Kontroversen wie nach dem Ersten Weltkrieg hervorgerufen. Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler schreibt dazu:

Zu offenkundig war, dass der Mann an der Spitze des Reiches den Zweiten Weltkrieg entfesselt hatte und die Hauptverantwortung für seine Ergebnisse trug. Kriegsunschuld- und Dolchstoßlegenden hatten nach 1945, anders als nach 1918, keine Aussicht, den Beifall der Massen zu finden.

So konnte sich die Bundesrepublik, anders als die Weimarer Republik, ohne den Ballast der Mythen entfalten, die seinerzeit die Zerstörung der „ersten“ deutschen Demokratie mitverursacht hatten.

Aber auch die Politik der westlichen Siegermächte trug erheblich zur Stabilität der „zweiten“ deutschen Demokratie bei. Denn statt Reparationen vom besiegten Deutschland zu verlangen, versuchten sie durch die CARE-Pakete die Hungersnot im Lande zu lindern und mit Hilfe des Marshall-Plans die zerrüttete deutsche Wirtschaft zu sanieren.

Freilich kam hier der immer schärfer werdende Kalte Krieg  den Westdeutschen zugute, denn die Einbindung  des wirtschaftlichen, politischen und später auch  militärischen Potentials  Westdeutschlands in den von den USA  dominierten demokratischen Block stellte die unabdingbare Voraussetzung  für die Bewahrung  des Kräfteverhältnisses im Ost-West-Konflikt dar. Daher auch die  recht milde Behandlung  der Besiegten durch die westlichen Sieger.

Nun aber zurück zum Beitrag von Fred Gröger. Wenn der Autor in seiner Kolumne schreibt: „Ab 1939 lässt sich nicht mehr die Funktion der Wehrmacht … abstreiten, in jedes besetzte Land die Verbrechen der Nationalsozialisten zu bringen“, rennt er offene Türen ein. Denn in der heutigen deutschen Geschichtsschreibung werden, anders als dies noch in den 1950er Jahren der Fall gewesen war, all diese Verbrechen minutiös und anschaulich beschrieben und analysiert. Der Münchner Militärhistoriker Johannes Hürter sagt in diesem Zusammenhang:

 Heute ist von den Legenden von der ´sauberen Wehrmacht´ und ihrer hoch professionellen, zwar politisch naiven, doch moralisch integren Generalität wenig übrig geblieben.

Historiker, die die Verstrickung der Wehrmacht in die Verbrechen des NS-Regimes in Frage stellen, vertreten in der heutigen Geschichtsschreibung eher Außenseiterpositionen.

Zwar enthielt und enthält die deutsche Vergangenheitsdebatte seit der „Stunde Null“  auch viele Schattenseiten (Verdrängungsmechanismen, Schlussstrich-Forderungen usw.). Dennoch dominieren im öffentlichen Diskurs der Gegenwart, vor allem in der Historikerzunft, ganz andere Tendenzen. Dies lässt Fred Gröger in seiner Kolumne außer Acht.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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