Deutschland verrecke

Wer „Deutschland verrecke“ kritisiert, sollte wissen, dass diese Liedzeile eine Antwort auf ein NS-Denkmal ist. Kolumne von Fred Gröger


Es gibt gerade im Zeitalter des Internets immer wieder den „aufrechten Deutschen“, der sich zutiefst darüber empört, dass auf Demonstrationen oder in Liedern von Punk-Bands der Slogan „Deutschland verrecke“ auftaucht. Gerne wird dann von „linksextrem“, „staatsfeindlich“ oder sogar „Volksverhetzung“ fantasiert. Aber es ist etwas komplizierter.

Eigentlich schreibe ich hier nichts Neues. Wer sich wirklich mal dafür interessiert hätte, woher „Deutschland verrecke“ eigentlich stammt, der hätte nach einer relativ simplen Recherche schnell darauf kommen können. Was mich persönlich aber sehr fasziniert: Es sind nicht nur die ohnehin platten Rechtsaußenstümper, die sich keine Gedanken über die Herkunft und den Sinn eines von ihnen kritisierten Slogans machen, es sind auch angebliche „Bürgerliche“ oder „Konservative“.

Also ist wohl etwas Aufklärung für die stolzen und deutschesten Deutschen des stolzen deutschen Volkes der stolzen Deutschen immer und immer wieder nötig.

Am Hamburger Dammtor steht bis heute ein „Kriegerdenkmal“ aus der NS-Zeit, das den kriegsverherrlichenden Spruch:

Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen

aus dem kitschigen Gedicht „Soldatenabschied“ von Heinrich Lersch als Inschrift trägt

Errichtet wurde dieses Denkmal 1936 vom „Traditionsverein“ des 76. Infanterie-Regiments. Natürlich kann man sich dieses Denkmal schönreden und sagen, dass die Planung durch den deutschnationalen Verein ja schon vor der Machtergreifung angegangen und der Kriegskitsch von den Nazis gerne für deren Propaganda missbraucht wurde.

Das Denkmal wurde in der NS-Zeit errichtet – zeigt Soldaten in den Uniformen des Dritten Reichs –, präsentiert einen kriegsverherrlichenden Spruch und führte in der Kombination mit dem sämtliche Gesellschaftsschichten durchdringenden Militärwahn dazu, dass Deutschland wenige Jahre später den Zweiten Weltkrieg entfachte und seine Wehrmachtssoldaten überall, wo sie einmarschierten, Massaker und andere schwere Kriegsverbrechen begingen. All das verleiht diesem Denkmal die Note, ein ekelhafter „Kriegsklotz“ zu sein – das Wahrzeichen der Schande der Soldatentümelei.

„Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“?
Ab 1939 lässt sich nicht mehr die Funktion der Wehrmacht, Kriegsmarine und Luftwaffe abstreiten, in jedes besetzte Land die Verbrechen der Nationalsozialisten zu bringen.

Deutsche Soldaten sind dafür gestorben, dass ein Deutschland, im Wahn seiner menschenverachtenden Hässlichkeit, Konzentrationslager und das Warschauer Ghetto errichtete.

Deutsche Soldaten sind dafür gestorben, dass man Zivilisten in besetzten Ländern abschlachten konnte. Es gibt keine Möglichkeit, sich die Ziele der deutschen Kriegsführung schönzureden. Deutsche Soldaten sind nicht dafür gestorben, dass ein freies und nettes Vaterländchen leben konnte, deutsche Soldaten sind dafür gestorben, dass ein mordendes Ungetüm namens „Deutsches Reich“ seinen Terror verbreiten konnte. Legenden von einer sauberen Wehrmacht und Verherrlichung des militärischen Widerstandes gegen die Nazis sind da nicht hilfreich, denn ohne .die Unterstützung des Militärs als Ganzes wäre das Grauen des Mordens für „Deutschland“ nie organisatorisch möglich gewesen. Damit muss „Deutschland“ leben.

Die Hamburger Punkband „Slime“ und die gesungene Antwort:

Deutschland muss sterben, damit wir leben können
(„Slime“ in der Bonner Biskuithalle mit „Deutschland“, 1994)

Jaja, liebe „Bürgerliche“ und „Konservative“, liebe Rechtspopulisten und Rechtsextreme, die Ihr so empört über „Deutschland verrecke“ seid, an dieser Stelle könnt Ihr von mir aus anfangen zu heulen, dass „Slime“ doch eine „linksextreme“ Band sei und so weiter.

Bloß als Randbemerkung dazu, der Song hat es bis vor das Bundesverfassungsgericht geschafft und das Ergebnis solltet Ihr kennen: BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom 03. November 2000 – 1 BvR 581/00 – Rn. (1-33)

Taschentücher rausholen, Kameraden und Spießbürgerpatrioten.

Es ändert aber nichts daran, dass sich „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ und das aus dem Refrain stammende „Deutschland verrecke“ auf dieses Denkmal und die alberne Inschrift des „Kriegerdenkmals“ am Dammtor „Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen“ beziehen. Und bis heute bezieht sich ebenfalls der Slogan, der während Demonstrationen skandiert wird, auf die ewig Gestrigen, die noch immer nicht den Bruch mit der pseudopatriotischen Blindheit geschafft haben, die verhindert, dass man sein „Vaterland“ auch mal als schlecht und mordend wahrnimmt.

Und diese Gefahr, dass „Patrioten“ wieder mit ihrem „Nationalstolz“ ein dreckiges Deutschland erschaffen, geht eben nicht nur von den Rechtsextremen aus, die kommt auch gerade aus der vermeintlichen „Mitte der Gesellschaft“, von den sich selbst als „Bürgerliche“ bezeichnenden Wackelkandidaten, die in ihrer Mittelmäßigkeit auch wieder bereit sind, über Menschenrechte und Grundrechte zu verhandeln.

Und um das mal schön einfach zu erklären, oder spöttisch unter die Nase zu reiben: Das „Deutschland“ aus der Zeit des „Kriegerdenkmals“ musste sterben, musste verrecken, damit Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, „Behinderte“, Oppositionelle und wen „Deutschland“ noch alles ermorden wollte, überleben konnten.

In diesem Sinne: Ein herzliches „Deutschland verrecke“ von mir.

Bild: pixabay

Fred Groeger

Fred Groeger

Fred Groeger, 1976 im damaligen Westberlin geboren, dort aufgewachsen und trotz intensiver Versuche des Fernbleibens auch zur Schule gegangen, hat kein Problem damit, sich auch den schlechtesten Film anzusehen und anschließend darüber zu reden oder zu schreiben. Kinobesuche mit ihm entpuppen sich kurz nach Verlassen des Kinosaals als Tortur, da man seinen unvermeidlichen Ausführungen folgen muss. Wenn er nicht gerade auf die Leinwand oder den Bildschirm starrt, übt sich Fred in fernöstlichen Kampfkünsten oder genießt lange Strandspaziergänge um die Krumme Lanke, die aber dann doch recht kurz werden, da die Krumme Lanke gar nicht sehr viel Strand zu bieten hat.

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