Von hier an getrennte Wege

Dort, wo die einen von Terror sprechen, sprechen die anderen von Märtyrertum. Die gemeinsame Sprache, mit der über die aktuelle Situation gesprochen werden konnte, scheint verloren zu sein.

Die Terrorwelle, die Israel momentan überrollt, nimmt arabisch-jüdischen Freund*innenkreisen jede Normalität.

Der Terror hält an und erschüttert das Land immer wieder aufs Neue: Attentate in den Städten, Unruhen in der Westbank, abends Rauchwolken über den Checkpoints im Osten der Stadt. Er hat nicht nur unser Zuhause und unseren Alltag radikal verändert und die Unbeschwertheit entrissen, mit der man durch die Straßen Jerusalems gelaufen war, er hat uns auch das genommen, was uns verbindet: Eine Sprache.

مرحبا – שלום

Sprache ermöglicht es uns, Erinnerungen miteinander zu teilen und zusammen zu träumen und zu planen, zu diskutieren und zu streiten, um uns dann mit derselben Sprache wieder zu vertragen. Oft saßen wir abends mit vielen verschiedenen Menschen zusammen. Immer mehr andere Leute, die jemanden aus der Runde kennen, setzten sich dazu und die Tische wurden zu einer langen Tafel zusammengeschoben. Wir fanden uns irgendwo zwischen Hebräisch und Arabisch, Deutsch und Englisch, wieder und verbrachten so die sommerlichen August- und Septemberwochen miteinander. Zeitlos.

13. Oktober

Und plötzlich kam der 13. Oktober, der für uns schlimmste Tag des Terrors, ohne Vorwarnung, ohne, dass jemand gewusst hätte, wie wir damit umzugehen hätten. Ich kam zur Arbeit und hörte schon am frühen Mittag von einem Anschlag im Bus nach Talpiyot. Der Sohn einer Kollegin fiel dem Attentat zum Opfer. Fast zeitgleich wurde der Bruder eines palästinensischen Freundes in Ashkelon von israelischen Siedler*innen angegriffen. Noch nie war der Terror so nah, plötzlich waren es nicht mehr nur die Meldungen, die wir aufs Handy bekommen und die Sirenen der Krankenwagen. Plötzlich waren wir – irgendwie – selbst betroffen.

Abends saß ich mit eben jenem Freund zusammen, beide sehr still, in Gedanken bei dem, was passiert war. Mich plagten Gedanken, wie es in den nächsten Tagen weiterginge, wie ich sicher zur Arbeit kommen könnte, er dachte an seinen Bruder, der im Koma lag und dessen Situation kritisch war. Der Schmerz, der uns verband, war ein stummer Schmerz, keiner, für den es Worte gegeben hätte.

Das Märtyrertum des Terrors

Wir verloren an diesem Tag die gemeinsame Sprache. Es platzte aus uns heraus, denn wo ich von “Stabbing” palästinensischer Attentäter*innen sprach, sah er nur das “Shooting” israelischer Soldat*innen. Wenn ich auf die Terrorist*innen schimpfte, sprach er von Märtyrer*innen (arabisch: shaheed). Und wenn er von Widerstand spricht, nutze ich das Wort Terror. Da ist nichts mehr, was uns verbindet, es prallen zwei Narrative aufeinander, die unterschiedliche Auslöser für die Gewalt der letzten Wochen sehen.

Was ich sagen will, ist: Beide Seiten zählen die Toten. Es wurden viele Israelis ermordet, verletzt, in Angst und Schrecken versetzt. Viele Attentäter*innen wurden anschließend erschossen. Das Militär hat die Anweisung zu schießen. Das tun sie und damit verhindern sie weitere Opfer. Für Palästinenser*innen gilt das als Exekution.

Und auch wenn ich weiß, dass diejenigen Palästinenser*innen, mit denen ich befreundet bin, niemals ein Messer in die Hand nähmen, so stellen sie sich doch jetzt auf die Seite der shaheed, auf die Seite des Terrors. Sie beginnen zu verallgemeinern und verfallen in alte antisemitische Muster. Die Diskussion scheitert daran, dass wir keine gemeinsame Sprache mehr finden und ich habe das Gefühl, dass sich mit jedem Messer, das erhoben wird und mit jedem Gewehr, auf dessen Auslöser ein Finger liegt, die Schlucht weiter auftut. Der Terror hat uns unsere Sprache genommen, die die einzige Brücke war, die uns zusammengebracht hat.

Die Angst weicht der Resignation

Die Angst lässt nach, ohne dass es objektive Gründe gibt. Die „Situation“ wurde zur Normalität, die Nachrichten beeindrucken kaum noch und das Leben muss weitergehen. Die abgrundtiefe Angst ist einer drückenden Resignation gewichen, in der man sich allein zurechtfinden muss. Alleine, ohne die Freund*innenschaft, ohne gemeinsame Träume und Pläne.

Vielleicht träumen wir nun allein vom gleichen: Davon, wieder zurückkehren zu können. Davon, ohne Angst durch die Straßen zu gehen und davon, dass die Barrikaden und Checkpoints wieder abgebaut werden können. Doch wann wird das sein? Und woher weiß man dann, ob es zu Ende ist? Wenn es zwei Tage kein Attentat mehr gab? Eine Woche? Ein Monat? Es gibt keinen Endpunkt. Niemand sagt: Es ist vorbei. Niemand gibt uns unsere Sprache zurück. Niemand sagt, lasst uns wieder zusammen Pläne machen, lasst uns wieder gemeinsam lachen.

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