Über eine dreifache Ironie des Casus Relotius

Unser Gastautor Manuel Guentert beschreibt die dreifache Ironie, die dem Fall Relotius zugrunde liegt.

Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel. Gravur von August von Wille (1828-1887). Gemeinfrei.

Wie der Casus Relotius zeigt, könnte – und sollte vielleicht sogar – im „journalistischen Story-Telling“ zwischen einem ausgesprochenen expliziten und einem unausgesprochenen impliziten Auftrag unterschieden werden. Der explizite und ausgesprochene Auftrag lautet erstmal schlicht: „Berichte wahrheitsgemäß, den Fakten entlang.“ Der unausgesprochene implizite Auftrag würde dagegen in etwa fordern: „Bring unbedingt eine gute Story“. Trennscharf lässt sich eine solche Unterscheidung natürlich nicht ziehen, die beiden Aufträge bleiben ineinander verwickelt. Dem Berichten der Wahrheit wohnt immer schon die Gefahr ihrer „Ausschmückung“ inne oder sogar, da diese oft nüchtern und unspektakulär ist: die Gefahr ihrer „Über-Schmückung“. Es ist dies dann eine Über-Schmückung, die die Wahrheit selbst in den Hintergrund zu drücken droht, sie als solche vielleicht sogar absorbiert.

Relotius hat sich offenkundig vom impliziten Auftragen „gefangen nehmen“ lassen und darüber den expliziten – wohlwollend formuliert – „vergessen“. Unbedingt eine gute eine preisverdächtige Story abliefern, gut „performen“, darum ging es. Das ist ihm scheinbar gelungen, nur hat er sich dabei komplett übernommen. In tatsächlich schamloser Manier hat er im Rahmen des impliziten Auftrags gelogen, bis er am expliziten Auftrag, dabei immer die Wahrheit zu berichten, irgendwann konsequenterweise gescheitert ist. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis dieser Krug am – oder: vor dem – Brunnen zerbricht.

Die Gewalt der Erwartungshaltung

Den impliziten Auftrag hat Relotius den Lügen zum Trotz – oder: deswegen? – durchaus zum Wohlgefallen vieler erfüllt. Die Aufmerksamkeit, die ihm zugekommen ist, und die Preise, die er eingeheimst hat, sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache. Relotius hat offenbar eher solche Geschichten geschrieben, die man glauben will, als solche, die man glauben kann. Insofern ist er der Gewalt einer a priori bestehenden Erwartungshaltung erlegen. Denn eine solche Erwartungshaltung muss er auf sich lasten gefühlt haben, ansonsten hätte er sich zu einem solchen Maß an Verdrehungen kaum hinreißen lassen.

Dabei hat er gewusst, was er getan hat. Er hat ja weniger unabsichtliche Fehler begangen, oder eine Unwahrheit verkündet, von der er nicht erkannt hat, dass sie eine ist, sondern er hat im augustinischen Sinne gelogen. Denn was er da an „Fakten“ präsentiert hat, kann schlechterdings nicht seiner inneren Überzeugung entsprochen haben. Obwohl diesem Metier also, vorsichtig ausgedrückt, ein gewisses Potential zur Korrumpierung bereits innezuwohnen scheint, ist es mit einem „don’t hate the players, hate the game“ nicht getan. Immerhin trifft der Player selbst zumindest die Entscheidung, ob er sich auch wirklich korrumpieren lässt; eine Entscheidung, die auch anders gefällt werden kann. Ein Spieler wie Relotius ist selbst verantwortlich für sein Handeln.

Das Publikum am Grund der Lüge

Dennoch soll die Frage nach dem Game hier auch gestellt werden. In dieser Frage liegt denn auch eine erste Ironie. Zu klären wäre zunächst, was es diesbezüglich heißt, einer Erwartungshaltung gerecht zu werden. Es läuft auf ein zirkuläres Verhältnis zwischen einem Autor und seinem Publikum heraus. Versucht ein Journalist wie Relotius, seinem Publikum das zu geben, von dem er annimmt, es würde das wollen, dann geht das Publikum, für das er letztlich tätig ist, als vorbestimmter Empfänger seinen Stories voraus. Relotius hat die von ihm erhobenen Daten auf sein Publikum zugeschnitten, sie für dasselbe gefälscht. Er muss geglaubt haben, das von ihm Publizierte würde Anklang finden. Am Grund seiner Schreibhandlungen sitzt demnach, während er schreibt, bereits das Publikum, für das er schreibt. Der spätere Leser ist dadurch in seine – verfälschenden – Stories bereits eingebunden. Relotius muss schlechterdings aus dem Grund gelogen haben, um beim Publikum gut anzukommen. Das ist ihm gelungen.

Am Grund seiner Lügen und Verdrehungen steht deshalb längst das Publikum, dem er gefallen will oder: muss. So verfügt dieses in der Erwartungshaltung sowohl über eine Macht a priori, die Menschen den Eindruck vermitteln können, es gälte sie zu bedienen, wie auch über eine Macht a posteriori, die darin liegt, wie es eine Geschichte aufnimmt; ob ihm die Geschichte gefällt, aber durchaus auch, ob es an eine Geschichte glaubt, oder glauben will, ob es sie behandelt, als ob sie wahr wäre… Dieses Spiel ist so lange gut gegangen, bis die Betrügereien von Relotius aufgeflogen sind.

Die Ironie liegt nun darin, dass das Publikum von Relotius in just dem betrogen worden ist, von dem dieser angenommen haben muss, das würde es von ihm erwarten. Zwischen dem Publikum, das qua Erwartungshaltung a priori am Grund von seinen Geschichten gestanden ist und dem Publikum, das diesen selben Grund jetzt entrüstet von sich weist, dürfte es durchaus eine nicht zu vernachlässigende Schnittmenge geben. Freilich vergreift sich, wer eine erwartungshungrige Öffentlichkeit belügt, nichtsdestotrotz dürften Teile desjenigen Publikums, das Relotius verurteilt, sich ruhig einmal fragen, warum es durch eine schon bestehende Erwartungshaltung am Grund der elegant präsentierten Lügen gestanden hat.

„15 minutes of fame“ für Fergus Falls

Auch die nächste Ironie hat etwas mit dem Grund hat zu tun. Der Fall Fergus Falls demonstriert, dass ein maximaler Schaden, hier ein Image-Schaden für diesen Ort, auch schon der Anlass der Korrektur seiner selbst ist oder zumindest sein kann. Letztlich waren die dreist verlogenen Geschichten über Fergus Falls selbst der Anlass dafür, dass es eine ausgiebige Gelegenheit zur Image-Korrektur erhalten hat. Dass es sich nun präsentieren kann, „wie es wirklich ist“, hat es ironischerweise der Fehldarstellung von Relotius zu „verdanken“. Ohne die Fake-News von Relotius wären diesen doch eher unbedeutenden Ort diese 15 minutes of fame kaum zuteil geworden. Alle derart erwirkten Korrekturen basieren demnach auf den Lügen von Relotius und bleiben damit eigentlich: deren Produkt. Insofern ist die vermeintliche Wiederherstellung der „wahren Geschichte“ von Fergus Falls tatsächlich erst: deren Herstellung. Zu vermuten steht ja, dass  diesem doch eher unbedeutenden Ort sonst niemals eine Geschichte in diesem Rahmen beschieden gewesen wäre. Am Grund der so erwirkten „Wahrheit“ über Fergus Fall stehen demnach ironischerweise die Fake-News, die Relotius über diesen Gegenstand seiner Betrachtung verbreitet hat.

Die Aneignung des Spiegels

Eine dritte Ironie liegt im Verhältnis von Relotius zu seinem Arbeitgeber. Es ist in der Medienlandschaft nicht unbeobachtet geblieben, dass die Aufarbeitung des Spiegels demselben impliziten Auftrag gefolgt ist, von dem angenommen werden muss, dass Relotius ihm erlegen ist. Dieser Geschichte wohnt eine Doppelanklage inne. Auf der Anklagebank sitzen sowohl der Lügner Relotius als auch sein Arbeitgeber, durch dessen akribisch prüfenden Korrekturapparat gerade diese Geschichten irgendwie „gerutscht“ sind.

Ob und in welchem Rahmen man dem verlorenen Sohn Relotius eine Rückkehr in die Gemeinschaft, gegen deren Prinzipien er in doppelbödiger Manier verstoßen hat, gewähren wird, ist zu diesem Zeitpunkt kaum zu beurteilen. Reuig zeigt er sich. Wie „echt“ das nun ist, ist gleichfalls kaum zu beurteilen. Unter Umständen ist er auch diesbezüglich im Spiel verblieben, das ihn zum Scheitern gebracht hat und er folgt noch in seiner Reue einer „höheren Erwartung“.

Der Spiegel als angeklagtes Schlachtschiff des Journalismus‘ hat Relotius gegenüber einen Standortvorteil, weil er für die impliziten Anforderungen der guten Story nur indirekt – nicht gut genug geprüft, Sicherungsmechanismen nicht gegriffen – und nicht ganz unmittelbar zur Verantwortung gezogen werden kann. Paradoxerweise kann das Magazin sich dieses Vergehen zu einem gewissen Maß sogar aneignen. Das zeigt die öffentlichkeitswirksam und  mit einer ordentlichen Portion Pathos inszenierte, ostentativ demütige Aufarbeitung der Vergehen Relotius‘.

In dieser Aufarbeitung ist zum einen dessen Storytelling teilweise reproduziert worden, zum anderen – das ist entscheidend – benutzt das mächtige Journal das Vergehen nun, um sich selbst daran gesundzustoßen. Die Bedingung seiner unbedingten Aufklärung bleibt ironischerweise das Vergehen selbst bleibt. Das heißt, die Negativfolie, die lügendurchsetzten Geschichten von Relotius, geben dem Spiegel – und mit ihm vielleicht sogar dem Journalismus selbst – einen Grund, sich von ihnen abzulösen und langfristig freizusagen. Ohne „Fake“ am Grund gibt es auch keine mit viel Brimborium inszenierte Korrekturbewegung. Diese Korrekturbewegung wird damit ironischerweise just von dem betrieben, das sie aus sich ausscheiden will.

Manuel Guentert

Manuel Guentert

Manuel Güntert hat Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaften an der Universität Konstanz studiert und ist irgendwann ebendort mit einer Arbeit über Machtausübung in informellen Gruppen promoviert worden. Er interessiert sich dafür, wie gedankliche Inhalte in konkretes Handeln umgesetzt werden, was anlässlich dieser Übersetzung „verlorengeht“, ob das, was verloren geht, sich dennoch irgendwie bemerkbar macht und entsprechend natürlich auch dafür, wie sich umgekehrt das konkrete Handeln wieder auf die gedanklichen Inhalte auswirkt bzw. schon ausgewirkt hat. Insofern ist es vielleicht der – böse? – Gedanke selbst, der das, was ihn zum Verschwinden bringt, eigentlich trägt. Dieses Interesse zeigt sich denn auch in seinen jüngsten Publikationen: Sparta – Ein Ethos im Widerstand gegen sich selbst. In: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte 66/II. Die Geburt des ontologischen Gottesbeweises aus dem (Nicht?)-Vollzug des ontologischen Menschenbeweises. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 1/2018. Der Aufsatz über den ontologischen Gottesbeweis ist zu einem Buch ausgearbeitet worden, das demnächst erscheinen wird. Zudem betreibt er den Schriftschlag Blog/Verlag. https://www.degruyter.com/view/j/saeculum.2016.66.issue-2/saeculum-2016-0209/saeculum-2016-0209.xml http://www.ingentaconnect.com/contentone/klos/zphf/2018/00000072/00000001/art00002

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