Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken

Im Wörterbuch der Phänomene geht es alle zwei Wochen um Begriffe, die unseren Umgang mit der Welt beschreiben. Darüber will Jörg Phil Friedrich zum Nachdenken anregen. Deshalb geht es in der ersten Folge ums Nachdenken.


Lassen Sie uns nachdenken. Ständig werden wir ja dazu aufgefordert, nachzudenken. Schon die Eltern forderten uns dazu auf: „Denk doch mal nach!“ Und wenn wir etwas angestellt hatten, dann fragten sie uns „Hast du denn gar nicht nachgedacht?“ Nicht nachzudenken ist ein Vorwurf, der uns irgendwie das ganze Leben begleitet. Nachdenken scheint etwas zu sein, was uns vor vielen Gefahren bewahren könnte, aber was wir doch viel zu selten tun. Nachdenklichkeit ist etwas Lobenswertes.

Aber wir sollen, so sagt man dann auch wieder, nicht zu lange nachdenken. Manchmal sollen wir einfach etwas tun, ohne viel nachzudenken. Nachdenken scheint etwas zu sein, was vom Handeln abhält. Entweder, weil es nie zu einem Ende kommt, oder, weil das Nachdenken Einsichten produziert, die uns vor dem Handeln zurückschrecken lassen.

Nachdenken ist etwas Paradoxes, denn wir sollen es tun, bevor wir handeln. Dabei verweist die Vorsilbe „Nach“ doch darauf, dass das Nachdenken erst später kommt, nach etwas anderem. Wem denkt das Nachdenken nach? Und welchem Handeln geht es voraus? Mit solchen Fragen sind wir schon mitten im Nachdenken.

Nachdenken – das Wort kann man ganz unterschiedlich verstehen. Es kann zum einen heißen, dass wir irgendetwas – erlebtes, gelesenes, gehörtes – denkend nachvollziehen. Dann ist das Nachdenken ein Denken, dass auf das Erleben folgt. Ein Denken, das das erlebte verständlich machen soll, das es vielleicht in anderes erlebtes einordnen soll.

Zum anderen kann Nachdenken auch das Nachvollziehen eines anderen Denkens sein. Da gibt es einen Vordenker, und Sie sollen ihm folgen, so, wie sie einem Vorgänger nachgehen. Einer bereitet den Denkweg, die anderen denken hinterher.

Wir müssen, wenn wir darüber nachdenken, zugeben, dass das Nachdenken zwar von beidem etwas hat, aber doch eigentlich etwas ganz anderes ist. Die Vorsilbe „Nach“ ist eine Täuschung, sie führt uns auf eine falsche Spur. Das Nachdenken ist ein Aufbruch in eine unbekannte Welt, es ist etwas, wie nachschauen, nachfragen, nachhaken. Wir graben tiefer, wir gehen weiter. Dabei sind wir beharrlich, aber auch behutsam, wir gehen Schritt für Schritt und versuchen, den Kontakt zum bisherigen zu behalten: wir sind nachhaltig. Es kommt uns nicht auf den schnellen Erfolg, sondern auf langfristige Einsichten an.

Mit dieser Kolumne beginnt das „Wörterbuch der Phänomene“, in dem alle zwei Wochen über einen Begriff nachgedacht wird, der einen Teil unserer alltäglichen Welt beschreibt. Wenn Sie eine Anregung für das Wörterbuch haben, senden Sie eine Mail an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

Jörg Phil Friedrich

Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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