Wunder.Punkt.

Über 50 Schauspieler stellten unter dem hashtag #allesdichtmachen vermeintlich kritische Videos bezüglich des Umgangs mit der Corona-Pandemie in den Medien und der Politik ins Netz. Die Blaunen jubeln. Die Samstagskolumne von Heinrich Schmitz


Bild von Jeyaratnam Caniceus auf Pixabay

Jan Josef Liefers lebt nicht schlecht vom Obulus der Gebührenzahler. Er soll laut Medienberichten für jeden Tatort, in dem er den arroganten, selbstverliebten Professor Börne verkörpert, rund 190.000€ als Gage erhalten. Dafür muss eine alte Frau lange stricken, aber es sei ihm gegönnt. Liefers alias Börne genießt eine große Popularität. Und da ist es kein Wunder, wenn ein kurzer Videoclip, den der allseits geschätzte Mime gemeinsam mit rund 50 KollegInnen ins Netz stellt, schnelle und große Verbreitung findet. Nun hat Herr Liefers natürlich dasselbe Recht, sich über den Umgang der Medien mit der Coronapandemie lustig zu machen, wie Herr Schwurbler und Frau Querdenkerin, Herr Hinz und Frau Kunz, Dick und Doof oder auch Sie und ich. Der Unterschied ist halt nur, dass eine Meinung sich flinker verbreitet, wenn sie von einem echten Promi stammt und nicht von Promis unter Palmen, bei denen das Promi vermutlich gar nicht für Prominenz sondern für Promiskuität stehen soll.

Und so bedankt sich Herr Liefers u.a.

bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben“.

Es mag Leute geben, die das für witzig halten. Ich gehöre nicht dazu.

Liefers Video

Aber schauen Sie erst einmal selbst, damit Sie wissen, von was ich hier schreibe:

 

Als ich das Video am 23.4.2021 um 14:05 Uhr bei Youtube aufrief, hatte es bereits 647.375 Aufrufe. Während die einen das Video für geistigen Dünnschiss hielten, waren andere davon total begeistert.

Pro

Gut, die Begeisterten waren Leute wie Hans-Georg Maaßen, der die Aktion auf Twitter als »großartig« bezeichnete, die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar, die Liefers und die Aktion als „intelligenten Protest“ feierte, oder auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit , der in den anderthalb Minuten gleich ein „Meisterwerk“ sah. Das ist der Hamburger Virologe, der die Warnung von Karl Lauterbach vor einer zweiten Welle als „dysfunktionale Dramatisierung“ bezeichnete und der auch nicht viel von Maskenpflicht hielt. Nun wissen wir, dass wir mittlerweile in der dritten Welle sind.

Contra

Weniger begeistert waren einige Schauspielkollegen wie z.B. Elyas M’Barek, der schrieb:

Mit Zynismus ist doch keinem geholfen.

oder Christian Ulmen, der auf Instagram meinte:

Heute bisschen für Kollegen schämen.

Okay. Man kann so etwas machen. Das blaubraune „WirsinddasVolk“ jubelt den Stars zu. Endlich mal jemand, der sagt, was angeblich in dieser Meinungsdiktatur niemand sagen darf. Endlich ein paar Mutige, die den Mainstreammedien den Marsch blasen. Was spricht denn gegen Kritik?

Grundsätzlich gar nichts. Es wäre dann allerdings auch schön, wenn etwas ganz Konkretes kritisiert würde. Aber da kommt nicht viel. „Den Medien“ – was auch immer das sein soll – wird unterstellt, dass sie einseitig berichten, mit dem Ziel die Angst oben zu halten, dies wiederum zu dem Zweck, die Menschen dazu zu bewegen, sich an die Coronaregeln zu halten.

Nun ist es in der Regel so, dass es bei der korrekten Berichterstattung über Ereignisse eigentlich nur zwei Darstellungen geben kann: eine richtige und ein falsche. Und wenn es nun 20 Grad unter Null ist, dann ist die richtige Nachricht, dass es scheißekalt ist. Man mag das bedauern und sich wünschen, dass es heiß wäre, man darf von den seriösen Medien aber nicht erwarten, dass sie dennoch berichten, es sei 20 Grad warm und sich dann auch nicht wundern, wenn man diese (falsche) Information nur bei Telegramm oder in geheimen Facebookgruppen bekommt. Den Unterschied zwischen Tatsachenbehauptungen und Meinungen sollte mittlerweile jeder kennen. Tatsachenbehauptung: Jan Josef Liefers ist ein deutscher Schauspieler, Meinung: Er spielt gut, er spielt schlecht, er ist ein kluger Mann, er ist ein wenig kluger Mann. Ganz wie man meint.

Schwurblerunterstützung

Nun spielt der deutsche Schauspieler mit all seiner Popularität hier den Schwurblern, die Corona für eine Grippe halten, den Querdenkern, also denen, die nicht geradeaus denken können und denen, die sich ohne erkennbaren Grund für eine Alternative für Deutschland halten, in die Karten. Die „wussten“ doch schon immer, dass die deutschen Medien „Lügenpresse“, „Staatspresse“ und „Merkelhuren“ sind. „Mietmäuler“, die zu „Selbstdenken“ nicht mehr in der Lage sind, weil sie wahlweise von der AntifaGmbH bezahlt oder von irgendwelchen GreatResetern geknebelt werden. Irre übrigens, dass Deutschland in der Hitaparade der Pressefreiheit gerade um zwei Plätze nach hinten gestuft wurde. Weil? Ja nicht etwa, weil es staatlichen Druck auf die Medien oder gar Zensur geben würde, oder weil reihenweise unliebsame Journalisten in den Knast gesperrt würden. Nein, das ist es beides nicht. Sondern weil es im Rahmen von Querdenkerdemos zunehmend zu gewaltsamen Übergriffen auf Journalisten gekommen ist.

Naja, muss der Herr Liefers ja nicht wissen. Wenn nun demnächst Journalisten unter Berufung auf #allesdichtmachen angegriffen werden sollten: ja dann wird Herr Liefers seine Hände in Unschuld waschen.

No Nazis

Denn im Nachgang zu dem ganzen Hype betonte Herr Liefers, dass er mit Nazis, der AfD und Schwurblern nichts am Hut hat.

https://twitter.com/JanJosefLiefers/status/1385365722575015938

und

https://twitter.com/JanJosefLiefers/status/1385365723216809988

 

https://twitter.com/JanJosefLiefers/status/1385365724043038724

 

Merkt man in dem Video zwar nichts von und von denen ist auch keine Rede, aber geschenkt.

Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte sind also nicht Liefers Zielgruppe. Schade, dass die das nicht gemerkt haben und sein Video zu ungeahnten Klickzahlen treiben. Aber dafür kann der Liefers ja nix. Die Beatles konnten ja auch nichts dafür, dass Charles Manson den Chaos-Zustand eines angeblich bevorstehenden Rassenkrieges „Helter Skelter“ nannte und sich damit auf den Beatles-Song bezog, aus dem er diesbezüglich geheime Botschaften herauszuhören glaubte. Und ja, unter den Videos stand ja auch FKNZS, was man wohl als „Fuck Nazis“ lesen muss und gegen Nazis gerichtet ist. Kann aber gut sein, dass einzelne NazInnen das als ernsthaftes Angebot für einen Geschlechtsverkehr mit gleichgesinnten SchauspielerInnen verstanden haben.

Ein Wunder

Ich bin ja sogar noch geneigt, diese Liefersche Abneigung zu glauben. Allerdings frage ich mich, ob Liefers und all die anderen SchauspielkollegInnen – die vermutlich ähnliches von sich behaupten würden – sich nicht vor ihrer Beteiligung an den ach so lustigen Videos einmal gefragt haben, wer denn diese Aktion da so ins Leben gerufen hat. Die „Wunder Am Werk GmbH“ steht da im Hintergrund und die ist, kein Wunder, die Firma eines Bernd K. Wunder – Was das K. Bedeutet weiß ich nicht, Kain fände ich lustig. Aber da der Mann bürgerlich Bernd Katzmarczyk heißt, wird es wohl eher das heißen. Jetzt ist der Herr Wunder noch nicht so bekannt, dass Herr Liefers ihn kennen müsste, aber immerhin so bekannt, dass er ihn vor seinem wundersamen Engagement hätte googlen können.

Und da hätte er dann gelesen, dass Wunder das Coronavirus für eine Grippe hielt und Menschen, die eine Maske tragen als „Mundschutzknappen“ bezeichnet. Man kann ihn also mit Fug und Recht als Coronaleugner und Schwurbler bezeichnen; jedenfalls ist das eine zulässige Meinungsäußerung, auch wenn er jetzt behauptet, damit nichts am Hut zu haben.

Und da frage ich mich weiter, ob Liefers und Konsorten nun ganz bewusst eine Schwurbelaktion unterstützt haben oder ob sie schlicht zu blöd waren, im Vorfeld zu prüfen, welchem Rattenfänger sie da auf den Leim gehen würden. So oder so, Scheiße gelaufen.

Die geschätzten Hooligans gegen Satzbau haben das zutreffend auf ihrer Facebookseite kommentiert:

„Liebe „Prominente“, die bei #allesdichtmachen mitmachen. Bravo! Wir sind stolz auf euch. Das Netz leidet doch so sehr unter einem Mangel an Un- und Halbwahrheiten, schlechten Scherzen und Zynismus, da ist eine so ehrliche Zustimmungskampagne genau das, was wir brauchen, um die Gesellschaft zu befrieden und nicht noch weiter gegeneinander aufzustacheln! Chapeau“

und

Darum habt ihr euch der Kampagne des Bernd K. Wunder angeschlossen, der Corona nur für eine Grippe hält und Präventionsmaßnahmen ablehnt. Das ist wirklich schlau, mutig und garantiert der richtige Schritt, wie euch der Jubel von AfD, Roland Tichy und ähnlichen blitzgescheidten ‚Kritiker:innen‘ jetzt beweist. Danke dafür!“

Einige der beteiligten SchauspielerInnen haben nun offenbar verstanden, dass die ganze Aktion vielleicht doch nicht ganz so lustig war, wie sie sich das vorgestellt hatten. So hat Heike Makatsch bereits ihr Video gelöscht und dazu geschrieben

Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst

Meret Becker hat angekündigt, ihren Beitrag löschen zu lassen.

Diese Aktion ist nach hinten losgegangen

Und

ich entschuldige mich dafür, dass das falsch verstanden werden konnte.

Auch Kostja Ullmann und Ken Duken, der schon früher mal mit Wunder zusammengearbeitet hat, haben sich von der Aktion mittlerweile distanziert. Letzterer schrieb:

Diese Aktion ist gründlich in die Hose gegangen. Ich entschuldige mich für jegliche Missverständnisse.

Ja, schöner kann man es nicht sagen. Entschuldigung angenommen. Vielleicht denken die Beteiligten aber  beim nächsten Mal etwas intensiver darüber nach, was ihre Statements für Wirkungen haben und mit wem sie da zusammenarbeiten. Man muss ja auch in Zeiten von Corona nicht jeden Dreh mitmachen.

Oder um es mit Professor Börne zu sagen:

Als Professor muss man immer das Große und Ganze im Auge haben.

P.S.: Die Seite www.allesdichtmachen.de wurde mittlerweile dichtgemacht.

P.P.S. Seit heute, 24 4.21 ist www.allesdichtmachen de wieder undicht.

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Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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