Eltern gegen Lehrer – Ein neuer Volkssport

Ein pensionierter Lehrer übernimmt die Vertretung einer erkrankten Kollegin und landet vor Gericht, weil er eine türkische Sonderschülerin beleidigt haben soll. Ergebnis ein Freispruch. Eltern gegen Lehrer – leider kein Einzelfall.


Dieses Verfahren hätte es nicht geben dürfen. Warum die Staatsanwaltschaft hier Anklage erhoben und damit einen unbescholtenen Mann in eine extrem belastende Situation gebracht hat, weiß nur der Anklageverfasser. Ende gut, alles gut? Keineswegs. Aber beginnen wir chronologisch.

Du riechst nach Türke

Der betroffene Lehrer wurde von der Staatsanwaltschaft angeklagt, eine 11-jährige türkische Schülerin beleidigt zu haben, indem er im Sportunterricht an ihr gerochen haben und dann zu ihr gesagt haben sollte, sie rieche nach Türke.

Was er wohl tatsächlich zu dem Mädchen gesagt hatte war, dass ihre Mutter das Loch in ihrer Gymnastikhose stopfen solle. Außerdem hatte ein Schüler im Sportunterricht eine türkische Mitschülerin beleidigt und war von dem Lehrer mit folgender Äußerung zurückgepfiffen worden:

Das geht gar nicht. Du kannst sie nicht beleidigen. Lass die Türken in Ruhe, sie haben genug Probleme. Sonst gibt’s noch einen Krieg wie bei Hitler.

Gut, den letzten Satz hätte er sich vielleicht schenken können, aber irgendeinen strafbaren Inhalt hatte auch diese Äußerung nicht.

Das Gerücht

Dieser angebliche Vorfall wurde – wie der berühmte rollende Schneeball, der sich zu einer Lawine entwickelt – bei Schülern und Eltern immer größer, je mehr diese miteinander kommunizierten. Nachdem die türkischen Eltern sich in nächtlichen Telefonaten gegenseitig „aufgeklärt“ hatten, stand für sie fest, dass der Lehrer schuldig sei. Und zwar wegen aller möglicher schlimmer Sachen. So habe er die Türken als Nazis bezeichnet und ein Mädchen als hässliche Türkin mit dunkler Haut beschimpft.

Wenn so ein fieses Gerücht mal richtig in Fahrt kommt, dann gibt es kein Halten mehr. Wäre ein Gerücht eine Aktie, man könnte auf explosionsartige Gewinne setzen. Und wenn die Wut am größten ist, dann ruft man halt nach der Staatsanwaltschaft. Im Prinzip keine schlechte Idee, jedenfalls die eindeutig bessere, als dem Lehrer selbst einen Besuch abzustatten, um ihm ein paar aufs Maul zu geben.

Hätten die Eltern des Mädchens erst ein Gespräch mit ihm erbeten, um die Vorwürfe zu klären, wäre die Sache vielleicht ganz leicht aufgeklärt worden. Aber wer will heutzutage schon wissen, was tatsächlich gesagt wurde? Wer will sich seine schöne Wut schon kaputtmachen lassen, wenn man meint rassistisch beleidigt worden zu sein? Gerade, wenn es um die lieben Kleinen und gegen einen vermeintlich rassistischen Lehrer geht?

Ein Volkssport

Lehrer anzeigen und verklagen scheint sich allmählich zu einem neuen Volkssport zu entwickeln. Nicht nur in diesem Fall und nicht nur in Balingen.

Im Balinger Fall, hätte es allerdings eigentlich auch ohne Anklage enden müssen. Offenbar wurde hier nicht so ganz gründlich ermittelt, sonst hätte die Staatsanwaltschaft schon erkennen können, das man hier ein Phantomdelikt verfolgt.

In der Sprachheilschule in Balingen werden Kinder aufgenommen, bei denen schulisches Lernen aufgrund ihrer spezifischen Voraussetzungen in den Bereichen Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache und Kommunikation erschwert ist und sich daraus ein sonderpädagogischer Beratungs-, Unterstützungs- und Bildungsanspruch ableitet.

Die Schüler haben also Wahrnehmungs-, Gedächtnis-, Sprach- und Kommunikationsdefizite. Dafür können sie nichts, es wäre aber ein guter Grund für die Staatsanwaltschaft gewesen, ihre Aussagen gegen einen Lehrer genauestens zu hinterfragen. Optimale Zeugen waren das jedenfalls nicht. Die aufgebrachten Eltern waren eh nicht dabei und das Ergebnis von deren stiller Post war sowieso völlig unerheblich.

Hätte man die Kinder im Vorfeld ordentlich vernommen, dann wäre dabei vermutlich dasselbe Ergebnis herausgekommen, wie in der gerichtlichen Hauptverhandlung. An der Sache war nichts, aber auch gar nichts dran.

Nichts dran

Das angeblich als hässliche Türkin mit dunkler Haut beschimpfte Mädchen, hatte diese Beleidigung ebenso erfunden, wie die Nazi-Äußerung. Die angeklagte Stinkbeleidigung konnte von keiner Schülerin erinnert werden. Wenn die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft in ihrem Schlussplädoyer bemerkte:

Es wurde etwas zusammengereimt, was einen heute fassungslos macht.

dann ist das zwar richtig, mich macht darüber hinaus allerdings auch fassungslos, dass die Staatsanwaltschaft so etwas überhaupt zur Anklage bringt und ein Gericht diese Anklage zulässt.

Strafrechtliche Anklagen sind keine Lose, die die Staatsanwaltschaft kauft, um in der Hauptverhandlung mal zu sehen, ob sie einen Hauptgewinn oder wieder nur eine Niete gezogen hat. Wie schwer eine Anklage einen Unschuldigen belastet, kann sich mancher Staatsanwalt vermutlich solange gar nicht vorstellen, bis er selbst einmal Opfer einer Falschbeschuldigung oder missglückter Ermittlungen wurde. Mag sein, dass der Grund für wenig sorgfältige Ermittlungen in der Überlastung der Staatsanwaltschaft zu finden ist, eine Entschuldigung ist das aber auch nicht.

Gerade im Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern ist seit einigen Jahren eine ziemliche miese Stimmung dadurch entstanden, dass Eltern die Lehrer offenbar nicht mehr als Partner bei der Bildung und Erziehung ihrer Kinder betrachten, sondern als lästige Hindernisse auf dem Weg ihrer Kinder zum verdienten Nobelpreis, denen man – notfalls mithilfe der Justiz – permanent Paroli bieten muss.

Pippikram

Jeder noch so kleine Pippikram wird heute mit schwerem Geschütz angegriffen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Da wird ein Lehrer wegen Körperverletzung im Amt angezeigt, weil er einem Schüler sage und schreibe sechs Minuten nach der letzten Pause den Toilettengang versagt und der sich dann deshalb angeblich in die Hose macht.

Schön, wenn die Mutter die peinliche Pinkelaktion des Sohnes der BILD anbietet, da hat der Junge auch in Jahren noch was von. Dass der Lehrer sich möglicherweise nicht ganz korrekt verhalten hat, mag ja sein, aber geht‘s nicht ein Nümmerchen kleiner?

Die Zeiten, in denen Lehrer automatisch den Respekt von Schülern und Eltern erhielten, sind offenbar vorbei. Immer häufiger werden sie nicht nur Zielscheibe von Anzeigen und Klagen, sondern auch von tätlichen Angriffen. Und die kommen nicht nur von Schülern, sondern mittlerweile auch von Eltern. Laut NRW-Schulministerium hat die Polizei seit 2013 bis Mitte des Jahres 2017 landesweit 1265 Körperverletzungen gegen Lehrkräfte registriert. Dabei sind die Taten durch Schüler in etwa genauso häufig wir durch Eltern. Kein Wunder, dass manche Lehrer mehr Angst haben in die Schule zu gehen als ihre Schüler. Es gibt sogar schon Erstklässler, die Lehrpersonen angreifen und deren Eltern dann empört Anzeige erstatten, wenn ihre Kinder eine Ohrfeige bekommen.

Keine Gewalt

Selbstverständlich gibt es Situationen, bei denen der Lehrer im Unrecht ist. Das wird wohl jeder schon einmal erlebt haben. Aber auch das rechtfertigt niemals Gewalt gegen ihn.

Eltern sollten vielleicht auch einmal in Betracht ziehen, dass Lehrer weder ein Interesse daran haben, schlechte Noten zu vergeben, noch jemanden nicht zu versetzen. Sie mögen einmal in Betracht ziehen, dass ihr heimisches Universalgenie vielleicht in der Schule nicht ganz so genial ist, wie sie es vermuten oder dass ständiges Stören des Unterrichts nicht zwingend auf eine Hochbegabung, sondern womöglich auf eine mangelhafte Erziehung hindeuten könnte.

Wenn Eltern ihren Kindern etwas Gutes für die Zukunft tun wollen, dann sollten sie sich nicht mit diesen gegen die Lehrer verbünden, sondern sie sollten diese als Bildungs- und Erziehungspartner ansehen, der genau wie sie selbst das beste für ihr Kind will. Sie sollten dem Kind klar machen, dass es zwar ihre Unterstützung, nicht aber ihre blinde Unterstützung hat. Warum nicht erst mal in Ruhe hören, was der Lehrer sagt? Elternabende dienen in erster Linie der Information der Eltern über die Klasse. Bei manchen Eltern dienen sie auch der Profilierung und Demonstration eigener Eitelkeiten, bei anderen werden sie als Tribunal gegen den Klassenlehrer missbraucht. Wegen was auch immer.

Lehrer sind da nicht zu beneiden. Und ja, es gibt auch die Arschlöcher, Perverse und Sadisten unter den Lehrkräften – und ja, denen muss man auch etwas entgegen setzen.

Aber die sind eben die unrühmliche Ausnahme. Es gibt gute und schlechte Lehrer, wie es gute und schlechte Eltern gibt.

Die meisten Konflikte zwischen Eltern, Kindern und Lehrern sollten sich innerhalb der Schule und außerhalb der Justiz regeln lassen, wenn alle Beteiligten ein wenig guten Willen zeigen.

Die Rechtsanwältin, Publizistin und Bloggerin Liane Bednarz hat in ihrer Kolumne für causa@tagesspiegel zu Recht mehr Anerkennung für Lehrer gefordert. Das wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die Gesellschaft benötigt noch viele gut motivierte und engagierte Lehrer. Was sie nicht benötigt, sind überflüssige Anklagen.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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