„Paterson“ – seltenes Beispiel gelungener Behandlung von Lyrik im Film

„Paterson“ ist ein Film, der in sich selbst ruht, über einen Künstler, der in sich selbst ruht. Er vermeidet die Fehler der meisten Künstlerfilme. Kolumne von Sören Heim.


Dieser Tage habe ich einen sehr ungewöhnlichen Film gesehen. Paterson, von Jim Jarmusch erzählt von einem Busfahrer, der selbst Paterson heißt, in der Stadt Paterson wohnt und Gedichte schreibt. Er lebt mit Laura zusammen, die sein Dichten bewundert, wobei fraglich bleibt, wie viel sie davon versteht. Die selbst jeden Tag eine neue verrückte Idee hat, mal möchte sie mit Cupcakes reich werden, mal Country-Sängerin werden. Der Film hat etwas von „Und täglich grüßt das Murmeltier“, nur ohne Zeitschleife, Suizid und große Lehre. Paterson macht Tag für Tag die gleichen Dinge. Er steht auf, frühstückt, geht zur Arbeit, vollendet im Verlauf des Tages ein Gedicht und nebenbei werden durch die Busfahrten und seinen allabendlichen Besuch in einer Kneipe kleine Nebengeschichten von Schule, Arbeit und Liebe erzählt.

Eine andere Besprechung argumentiert, wie man zu diesen Film stehe, müsse sehr stark davon abhängen, was man von den Gedichten halte. Halte man sie für gut, so sei es eine tatsächlich tragische Geschichte. Halte man sie für schlecht, mache der Film sich über Paterson lustig, wie er sich offenkundig über Laura und ihre täglich neuen Träume lustig macht. Die Gedichte wurden wohl extra von einem bekannten Dichter (Ron Padgett) für den Film angefertigt und jene Rezension behauptet: Zumindest der Regisseur habe sie folglich für gut gehalten. Möglich. Ich aber sage: Das ist irrelevant. Erstens: Die Texte sind wirklich nicht gut. Es sind größtenteils Reim- und rhythmuslose Alltagsbeobachtungen, in eindeutig epigonaler Imitation von William Carlos Williams. Der Film macht auch an keiner Stelle den Versuch, zu behaupten, es handele sich um gute Texte. Ja: während Paterson schreibt, sehen wir seine Texte in Schreibschrift über den Bildschirm laufen. Aber sein Vortrag ist der eines Arbeiters. Der eines Menschen, der zwischen lärmenden Kindern und Mittags- Sandwich ein paar Zeilen aufs Papier bringt, die ihm etwas bedeuten. Die Zeilen sammelt er in seinem „geheimen“ Notizbuch, das überhaupt nicht geheim ist, nur Laura überhöht es auf diese Weise. Zweimal wird er gefragt, ob er ein Dichter sei, einmal von einem jungen Mädchen, einmal von einem japanischen Touristen, der auf den Spuren William Carlos Williams‘ wandelt. Beide Male gibt sich Paterson als solcher zu erkennen, obwohl ihn der japanische Bruder im Geiste dennoch erkennt. Dieses mehrfache “aha!” ist eine der anrührendsten Szenen im Film.

(ab hier größere Spoiler)

Sie folgt auf die Sequenz, in der der Hund des Paares das „geheime“ Notizbuch zerstört hat und Paterson deshalb ein wenig niedergeschlagen ist. Laura hatte ihn mehrfach gebeten, doch wenigstens Kopien anzufertigen, doch er ist nicht dazu gekommen. Nicht aus Verweigerung, sondern einfach so. Nun hat ihm der Japaner ein neues Notizbuch geschenkt.

Und es folgt: ein weiterer Tag mit der bekannten Routine. Aufstehen, Frühstück, ein Gedicht schreiben. Großartig.

Und genau deshalb ist es absolut irrelevant, ob wir oder der Regisseur die Gedichte für gelungen halten. In Paterson wird uns eine Figur vor Augen gestellt, die tatsächlich in sich ruht. Etwas absolut Unmögliches in unsere rastlosen Welt. Entsprechend zeitlos und ortlos sind die Figuren ja auch gestaltet. Paterson in Paterson, wobei diese Stadt durchweg fantastisch wirkt: Eine kleine Industriestadt, die gleichzeitig mehrere der großen Dichter hervorgebracht hat. Ein Gedichte schreibender Busfahrer, von dem wir niemals erfahren, wie er eigentlich zu seiner Begeisterung für Lyrik gekommen ist (er schreibt nicht nur, er liest auch, und nur die ganz Großen). Auch wie das Paar zueinander gefunden hat, finden wir nie heraus. Paterson und Laura sind einfach da. Die beiden sind das personifizierte innerhalb der Welt aus der Welt gefallen sein. Eine kleine Utopie, eine Form des lässig-anspruchsvollen Eskapismus. Aber gleichzeitig auch ein Stachel gegen den Status Quo: Warum lässt man solche Patersons in der realen Welt nicht existieren? Genau das ist das Entscheidende; ob die Gedichte gut oder schlecht sind – egal. Paterson ruht in sich. Der Film macht sich nicht lustig über ihn. Und auch über Laura nicht, die anders, aber ebenso in sich ruhend an seiner Seite existiert. Paterson hat sein eines Ding, sie braucht die Abwechslung. Aber nicht als etwas, das man anderen aufdrängt, niemals in einer Weise, in der sie versuchen würde, Patersons ruhige Kreise zu stören. Sie liebt, bewundert und respektiert ihn. Und er liebt und respektiert sie (k.A. ob er sie bewundert… wohl eher nicht). Es gibt kein Sich-lustig-Machen in diesem wunderschönen Film. Das trägt nur hinein, wer meint, ein selbstgenügsamer Dichter und ein Mensch, der sich tatsächlich in den Kopf gesetzt hat, jeden Tag etwas ganz Neues zu probieren, könnten nur als lächerliche Menschen existieren. Der Film hat dabei noch nicht einmal eine Botschaft. Er sagt nicht: Seid wie Paterson. Er sagt nur: Paterson ist so.

Damit steht der Film tatsächlich einzigartig innerhalb der Welt der Filme und Serien (Folgen) über das Schreiben. Meistens ist es eben doch relevant, ob die Texte gut sind, denn sie werden uns im Film als gut präsentiert. Damit steht und fällt der Film/die Folge. Das sorgt dann regelmäßig für eine unerträgliche Text-Bild-Schere. Ich habe das am Beispiel von Californication schon einmal ausgeführt. Auch in Monk sollen wir davon ausgehen, dass seine früh verstorbene Ehefrau eine vielversprechende Dichterin gewesen sei. Aber wenn dann mal ein paar Zeilen zitiert werden, foltert man uns mit dem übelsten Kitsch.

Normalerweise ist daher immer anzuraten: Wenn ein Werk sich um eine/n fiktive/n große/n KünstlerIn drehen soll, dann sei man sich besser verdammt sicher, dass man diese Kunst ebenso beherrscht wie die Kunst des Rahmenwerkes, oder man zeige so wenig wie möglich davon. Einer der wenigen Momente, in denen „Show, don’t tell“ definitiv nicht gilt: Ekphrasis, also die Beschreibung eines Kunstwerkes im Film oder im Roman, kann sehr viel kraftvoller sein als das eigentliche Werk. Gerade im Film, wo man so organisch Reaktionen zeigen und über Werke reden kann. Paterson zeigt das lyrische Werk in epischer Breite. Und ist trotzdem ein herausragender Film geworden. Weil es um Paterson geht, und was seine Lyrik für ihn bedeutet. Und vielleicht noch für sein nächstes Umfeld. Ob diese Gedichte gut, mittelmäßig oder misslungen sind – für den Film ist es, ich wiederhole: irrelevant.

PS: Noch ein starker Text zum Film.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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