Das Lavieren mit den Masken

Masken schützen. Auch einfache. Moderat den Träger, definitiv alle anderen. Die Deutschen Verlautbarungen zum Thema Masken sind ein Tiefpunkt der Krisenkommunikation in Corona-Zeiten. Kolumne von Sören Heim


Fun Fact: Ich habe Mitte Februar schon einmal versucht, mich zu informieren, wie das mit der angeblichen Wirkungslosigkeit einfacher Gesichtsmasken eigentlich ist. Denn das Narrativ der Wirkungslosigkeit geisterte schon damals durch die westliche Presse, über chinesische Maskenträger machte man sich auf FB lustig.

Da Masken dennoch im Großen und Ganzen kein großes Thema waren, ließen sich auf den ersten Google-Seiten Verweise auf Studien finden. Darunter die bekannten Bringen-nicht-viel- Texte sowie auch eine Studie, die deren Aufbau systematisch untersucht hat und feststellt, dass es bei den meisten Untersuchungen mit der „Compliance“ mangelte. Die Träger gaben also unter anderem an, die Masken zwischendurch abzusetzen, nicht richtig aufzusetzen und so weiter. Eine weitere Studie, so muss ich aus meiner Erinnerung paraphrasieren, zeigte, dass die einfachen OP-Masken durchaus eine signifikante Reduzierung des Ansteckungsrisikos um ich glaube 60 bis 70% brachten, wenn sie denn vernünftig benutzt wurden. Man findet diese Studie leider nicht mehr (oder: ich finde sie nicht mehr), da das Netz seitdem mit Masken-Artikeln geflutet wurde.

Nachtrag: Halleluja, die ZEIT hat jetzt ein paar Texte zur Wirksamkeit von Masken gesammelt. Tut dabei allerdings so, als sei das schon immer so kommuniziert worden.

Ich habe mir trotzdem in dem Wissen, dass das Virus auch nach Europa kommen wird, drei FFP2-Masken für besondere Situation (Arztbesuche und ähnliches) zugelegt, im naiven Vertrauen darauf, dass man mit all dem Vorwissen und der Zeit, die uns China teuer erkauft hat, hier das Virus schnell ersticken würde. Das war bisher eigentlich meine einzige wirklich falsche Voraussage zum Thema Coronavirus. Aber meine Fresse, lag ich da falsch. Anscheinend gelten nicht-europäische Erfahrungen bei europäischen Politikern einfach nichts.

Seitdem ist die Masken-Kommunikation ein gigantischer Fuck-up. Fast zwei Monate leugnete man jegliche Wirksamkeit, erst in den letzten zwei Wochen wurde so langsam das Thema „Schutz Fremder durch das eigene Maskentragen“ etwas stärker in den Mittelpunkt gerückt. Aber es wird schwer werden, Menschen allein auf diese Weise vom Maskentragen zu überzeugen. Ja, zumindest innerhalb der Nationalstaaten zeigen Menschen in dieser Krise durchaus ungedachte Solidarität. Doch Selbstschutz ist immer noch ein besserer Antrieb. Menschen würden viel öfter Masken tragen, wüssten sie, dass es auch sie selbst schützt.

Und selbst einfachste Masken schützen. Mindestens dadurch, dass man sich nicht mehr ständig ins Gesicht fasst. Höchstwahrscheinlich aber auch gegen größere fliegende Tropfen (Husten, Niesen), und wenn ich meiner verschollen Studie glauben darf, vielleicht sogar noch weitergehend. Ist ja auch irgendwie naheliegend.

Aber statt das Thema von Anfang an wenigstens halbwegs von allen Seiten zu beleuchten, ist mal wieder die ganze Presse und die ganze Politik auf das „Hilft ja sowieso nichts“-Narrativ angesprungen. Möglich, weil man bereits wusste, dass die Dinger in den Krankenhäusern knapp werden würden. Aber sorry Leute: Dann kommuniziert das doch bitte ehrlich. Solche weitreichenden Lügen beißen einen in Krisensituationen immer irgendwann in den Arsch. Und: Fangt rechtzeitig damit an, entsprechend Material zu bestellen. Also im Februar. Als ich naiverweise noch darauf vertraute, dass der Staat sich der Sache annehmen würde, die Staatsorgane mit den gleichen Informationen, die mir ohne Probleme zugänglich waren, unsere Regierung verdammt noch mal bereits hätte handeln müssen, aber erstmal in Passivität verharrte. Nicht nur bei Masken. Auch beim Ausbau von Krankenhaus-Kapazitäten und an ähnlichen Baustellen.

Aber hey, warum rechtzeitig reagieren, wenn man auch reagieren kann, wenn es fast zu spät ist? Immerhin muss man auch an die Verfilmung später denken. Und „Bis 28. Februar treten 26 Fälle einer neuartigen Viruserkrankung in Deutschland auf. Schulen werden geschlossen, Menschen tragen Masken, man testet das Umfeld aller Erkrankten und deren Umfeld, und drei Wochen später ist alles in Butter“ – das wäre halt einfach kein spannender Film.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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