Die Leberwurstaffäre

Wie viel Leberwurst vertragen wir, ohne gleich wieder beleidigt zu sein, fragt Kolumnist Henning Hirsch und äußert Verständnis für den manchmal etwas ruppigen Tonfall des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk

Bild von OpenClipart-Vectors in Pixabay

In seiner jüngsten Kolumne Leberwurstdiplomatie stört sich Heinrich Schmitz an den mitunter ruppigen Umgangsformen des ukrainischen Botschafters und sagt: „Meine Oma hätte gesagt, wie der sich benimmt, das gehört sich nicht“ und „Ein Hund, der die Hand, die ihn füttern will, beißt, ist halt ein blöder Hund …“. Und so wie mein werter Kolumnistenkollege sehen das viele in Deutschland, v.a. in den asozialen Netzwerken, wo kein Tag vergeht, an dem man sich nicht ordentlich über Andrij Melnyk auskotzt.

Ein so viel Gescholtener macht entweder alles falsch oder vielleicht doch alles richtig, weil er den Finger in Wunden legt, wo es wehtut, weshalb wir – die Kritisierten – das nicht hören wollen und uns, statt uns mit der Botschaft (womit in diesem Fall die übermittelte Nachricht und nicht das Gebäude in der Albrechtstr. 26, 10117 Berlin gemeint ist) zu beschäftigen, uns lieber auf den Überbringer stürzen und den zwar nicht gleich köpfen, aber doch liebend gerne zurück nach Kiew oder gleich an die Front schicken möchten.

Großer Schwenk vom anfangs unnötigen Säbelrasseln hin zu Waffenlieferungen

Versuchen wir deshalb in dieser Kolumne, uns der Frage, wie viel Leberwurst verträgt der Durchschnittsdeutsche, vorurteilsfrei und weitgehend emotionslos zu nähern.

Folgendes scheint mir als Faktenlage mittlerweile weitgehend anerkannt zu sein:
(A) Die Ukraine wurde grundlos überfallen (von den Nebelkerzen ‚Säbelrasseln‘, ‚die NATO ist zu nah an Russland herangerückt‘, ‚in Kiew herrscht ein quasi faschistisches Regime‘ und ähnlichem Nonsens haben sich der vernünftige Teil der Politik und die seriöse Presse GSD verabschiedet)
(B) Die Ukraine wehrt sich seitdem jeden Tag gegen Bombenhagel, Beschuss von zivilen Einrichtungen, Vergewaltigungen, Exekutionen und Deportationen
(C) Eine Verhandlungslösung ist schwierig (genau genommen sogar unmöglich), so lange der Aggressor auf Maximalforderungen beharrt
(D) Aktive Hilfe iSv. wir schicken Soldaten u/o richten eine Flugüberwachungszone ein hat die Ukraine nicht zu erwarten, da die NATO ein Überschwappen des Krieges auf ihr eigenes Territorium auf jeden Fall verhindern möchte
(E) Wir beschränken uns deshalb auf Sanktionen und Waffenlieferungen. Bei den Erstgenannten ist Gas ausgeklammert. Die Zweitgenannten laufen schleppend.

Das ukrainische Botschaftspersonal drängt deshalb weltweit sowohl auf eine Verschärfung der Sanktionen als auch eine beschleunigte Belieferung mit schweren Waffen. Andernfalls wird sich das Ukraine nicht mehr lange gegen den Aggressor behaupten können.

Ruppiger Sound, der oft ins Schwarze trifft

Man kann also hin u wieder über die Tonlage Melnyks verwundert sein, nicht jedoch über sein legitimes Anliegen. Und natürlich hat er völlig Recht, wenn er bemängelt, dass der Westen – und hier speziell wir Deutsche – sich von Putin viel zu lange hat hinter die Fichte führen lassen. Wir haben sämtliche Warnsignale überhört und waren noch am Vorabend des Einmarsches in die Ukraine der felsenfesten Überzeugung, dass es sich bei der massiven Truppenkonzentration um eine bloße Übung der russischen Streitkräfte handelt. Weil ja Putin und Lawrow ständig sagten, wenn man sie danach fragte, dass es sich dabei bloß um eine Übung handelt. Und wenn zwei lupenreine Demokraten sowas sagen, muss es auch stimmen. Der Westen – wiederum speziell wir Deutsche – hat jahrelang jede Warnung der Osteuropäer nonchalant überhört. Wer sind schon Kiew, Bratislava und Tallinn? Wir sprechen und verhandeln nur auf identischer Augenhöhe mit Moskau. Was Moskau von identischer Augenhöhe mit Berlin hält, erleben wir jetzt: 40 Jahre Wandel durch Handel wurden von Putin über Nacht in die Tonne gekloppt. Das tut natürlich vielen hier im Westen weh, dass sie sich derart im Friedenswillen des Kreml getäuscht hatten. Kann ich verstehen. Täte mir auch weh. Allerdings habe ich an diesen Friedenswillen nie geglaubt: Grosny, die Krim und Aleppo lassen grüßen. Dass einem Ukrainer ob so viel westlicher – und speziell deutscher – Naivität, die hart an Realitätsverweigerung und Arroganz grenzt – mitunter die Hutschnur platzt, kann ich völlig nachvollziehen.

Ob Melnyks manchmal etwas ruppiger Sound ihm (bzw. der Ukraine) immer nutzt, sei jetzt mal dahingestellt. Verständlich ist es aber, dass er uns ständig drängt, mehr zu tun als das, was wir bisher – häufig nur deshalb, weil Druck aufgebaut wurde – tun.

Melnyk-Bashing ist eine Nebelkerze

Diejenigen, die sich seit Wochen am ukrainischen Botschafter abarbeiten, eröffnen schlichtweg nur einen Nebenkriegsschauplatz bzw. werfen eine neue Nebelkerze. Wer sagt, „Der Melnyk muss weg!“, will eigentlich sagen: „Auf gar KEINEN Fall Waffen an die Ukraine. Und schwere schon gleich gar nicht“. Und dann kommt von den Melnyk-Gegnern in der Fußnote oft noch ein Hinweis darauf, wie teuer der Sprit vor der Ukrainekrise war u wie teuer er jetzt ist. Und weil es z.T. unpopulär ist, das zu sagen (und da sich ja ohnehin angeblich viele Deutsche nicht mehr trauen, das zu sagen, was sie eigentlich sagen wollen), regen sie sich stattdessen lieber über den Melnyk auf. Denn über den regen sich halt alle auf; also kann man sich da gefahrlos einreihen u ebenfalls sagen, dass man ihn hier nicht mehr als Botschafter haben möchte. Und – ganz ehrlich die Hand aufs Herz – wollen wir von diesem Krieg am liebsten gar nichts hören. Denn so ein Krieg in der unmittelbaren Nachbarschaft stört ja schon dabei, mit gutem Gewissen die nächste Mallorcareise zu planen, und im Supermarkt findet man seitdem kein Mehl und Sonnenblumenöl mehr in den Regalen, was auch sehr ärgerlich ist. Falls das schon unausweichlich scheint, dann will man aber wenigstens nicht jeden Tag vom Herrn Melnyk daran erinnert werden.

Lieber 10 Melnyks als 1 Offener-Brief-Schreiber*innen

Ich wiederum rege mich nie über den Melnyk auf. Ich kann seine Gefühlslage, die – wenn er täglich mitansehen muss, wie seine Ukrainer im Bombenhagel sterben u aus ihren Städten vertrieben werden – wahrscheinlich oft an Verzweiflung grenzt, gut verstehen u sehe ihm seine mitunter undiplomatische Art dafür nach. Ich reg mich mehr über deutsche Sofaklugscheißer auf, die dumme offene Briefe veröffentlichen. Wobei ich mir, wenn ich mich aufrege, immer vornehme, es nicht – oder nur kurz – zu tun, weil zu viel Aufregung im Alter nicht gut für den Blutdruck ist. Wir sollten also beim Dauerschimpfen über Herrn Melnyk alle mal nen Gang runterschalten. Der Mann macht seinen Job. Und dieser Job ist seit zehn Wochen echt nicht einfach. Ob er dabei stets die richtigen Worte wählt – geschenkt. Ob die Ukraine ihn irgendwann mal abzieht u durch einen ruhigeren Vertreter ersetzt – diese Entscheidung sollten wir Kiew überlassen. Bis dahin sei er ein zwar häufig unbequemer, aber doch willkommener Gast in unserem Land.

Ich halte mich derweil an die Gleichung: Lieber 10 Melnyks als 1 Offener-Brief-Schreiber *innen

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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