Mehrehen. Offener Brief an den Integrationsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Joachim Stamp

Ein offener Brief an den Integrationsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Joachim Stamp.


 

 

Lieber Joachim,

„Der Bundesrat hat auf unsere Initiative hin beschlossen, das Staatsangehörigkeitsrecht so zu ändern, dass Mehrehen absoluter Auschlussgrund für Einbürgerung sind“, verkündest Du heute stolz – und meine Familie und ich, wir fühlen uns verarscht.

Wenige Tage vor der Europawahl bedienst Du ein absolutes Nischenthema, das im besten Fall ein paar hundert Menschen tatsächlich betrifft – das aber ideal geeignet ist, jedes rassistische Vorurteil zu bedienen. Ich weiß: Die FDP steht nur noch bei fünf Prozent im Politbarometer zur Europawahl. Da ist die Versuchung nahe, nach „Bäcker“-Anekdote und „Fridays For Future“-Belehrung noch einmal die eigene Zielgruppe der reaktionären Besitzstandswahrer zu bedienen.

Die Interessen von vielen hunderttausend Menschen, die seit Jahren bei uns leben und gerne deutsche Staatsbürger werden wollen, scheinen Dir dagegen nicht besonders wichtig zu sein.

Ich spreche Dich hier mit Vornamen an, weil wir uns persönlich kennen – aber auch auch damit Du etwas Wichtiges verstehst: Einbürgerung ist nichts Abstraktes, es geht nicht um „die Ausländer“ als Objekt. Bei Einbürgerung wird es persönlich und direkt.

Denn echte Menschen sind davon massiv in ihren Rechten und ihrer Würde als Individuum betroffen.

Menschen wie meine Frau zum Beispiel.

Evgenia lebt seit 2012 in Deutschland. Ihr Studium hat sie in Moskau absolviert und ihre Fähigkeiten in unsere Wirtschaft eingebracht. Sie arbeitet seit dem ersten Tag, hat zigtausende Euro an Steuern bezahlt – und ihre Rentenbeiträge sind so hoch, das sie damit ganz alleine einen deutschen Durchschnittsrentner durchfüttert. Sie spricht besser Deutsch als ich und begeistert sich für unsere Demokratie.

Sie ist „perfekt integriert“. Und verklagt jetzt die Stadt Düsseldorf. Weil sie muss.

Denn wie belohnen wir Deutschen jene, die sich einbringen und einen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten? Mit Respektlosigkeit und Mißachtung. Anstatt alles zu tun, damit Menschen wie Evgenia möglichst fest an unsere Gesellschaft gebunden werden, stoßen wir sie zurück. Im konkreten Beispiel weigert sich eine Beamtin ihren gesetzlich vorhandenen Ermessens-Spielraum zu nutzen und Evgenia einzubürgern. Weil ein anderer Staat sie nicht aus der Staasbürgerschaft entlassen will.

Per Gesetz könnte ihr die Einbürgerung gestattet werden. In unserem Eigeninteresse als Gesellschaft sollte sie so rasch wie möglich Deutsche werden – aber stattdessen wird sie abgewiesen.

Und das ist kein Einzelfall. Jeder, der einen Deutschen in der dritten Generation, immer noch als „Der Türke“ bezeichnet, beweist das er die Grundlage unserer Demokratie nicht verstanden hat – und das die Forderung „Ausländer sollen sich integrieren“ ein schlechter Witz ist.

Evgenia möchte dazu gehören. Sie hat alles dafür getan. Aber das geht nur, wenn unsere Gesellschaft Menchen wie meine Frau auch aufnimmt. Und das findet nicht statt.

Jede siebte Ehe in Deutschland ist binational. Nicht nur unsere ausländischen Ehefrauen und Ehemänner haben die Nase voll von dieser Mißachtung. Auch wir deutschen Ehegatten.

Bei der Europawahl werden wir uns erinnern, welche Politiker unsere Würde verteidigen – und welche Parteien auf unsere Kosten um rechte Stimmen buhlen.

Chris Pyak
Spitzenkandidat der Neue Liberale – Die Sozialliberalen zur Europawahl!

Chris Pyak

Chris Pyak

Chris Pyak ist Geschäftsführer der Immigrant Spirit GmbH. Der Kommunikationsexperte berät Unternehmen bei der Anwerbung und Integration internationaler Fachkräfte. Als Journalist hat Chris in fünf verschiedenen Ländern gearbeitet und Teams in vier verschiedenen Kulturen geleitet. Chris Pyak ist verheiratet und lebt in Düsseldorf.

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