Sauf nicht auf Antabus!

Manche Alkoholiker hoffen auf Spontanheilung und schlucken Wundermittel, die ihren Saufdruck mildern sollen. Die Tabletten und Tropfen können eine Zeit lang tatsächlich helfen. Am Ende muss aber trotzdem die freiwillige Abstinenzentscheidung stehen

Bild (gemeinfrei): pixabay

[Gesoffen wird immer: Teil 11]

Viele Abhängige träumen davon, den Teil ihres Gehirns, der auf die Droge anspringt, in den Nullzustand zurückzusetzen. Ein Reset der Synapsen. Binnen Minuten nicht mehr an der Nadel oder Flasche hängen. Und – die absolute Idealvorstellung! – ab sofort wieder in Maßen konsumieren können. So wie es am Anfang war, als man den Stoff noch nicht täglich oder gar stündlich benötigte. Einige Kliniken und Ärzte bieten zu diesem Zweck Medikamente an, die den Suchtdruck reduzieren: Naltrexon (Nemexin), Naloxon, Nalmefen blockieren die Opiatrezeptoren. Campral gilt als Ethanol-Antagonist. Baclofen hingegen ist ein Medikament, das ursprünglich zur Behandlung von Epileptikern entwickelt wurde. In hochdosierter Form schwächt es den Saufzwang ab. Es gibt Rabiat-Kuren in Russland, bei denen man die Patienten in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, in dem die Organe mit einem Wundermittel – Rezeptur streng geheim –  durchspült werden. Sobald man erwacht, ist man geheilt und kann wieder kontrolliert trinken.

Gemeinsam ist all diesen Anti-Craving-Pillen und -Tropfen, dass sie funktionieren können; das jedoch nur bei einer Minderheit tun und bei dieser Gruppe zumeist nicht dauerhaft. Der Junkie spritzt also trotz Nemexin wie bisher Heroin, der Alkoholiker säuft auch auf Campral, der Kokser zieht weiter seine Linien. Zwar spüren die Süchtigen bei der Einnahme ihrer Droge aufgrund der Blockade der GABA-Rezeptoren keinen Kick. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie von nun an auf ihren Stoff verzichten möchten. Manche versuchen es mit Überdosen, andere setzen das Medikament heimlich ab, um ihr vermisstes, künstliches Glücksgefühl zurückzuerhalten. Sind die Synapsen erstmal ruiniert, dann lässt sich das Suchtgedächtnis nicht mehr mittels Antagonisten überlisten.

Eine gänzlich andere Philosophie steckt hinter dem Wirkstoff Disulfiram, in Fachkreisen ebenfalls unter dem Handelsnamen Antabus (von lat. anti abusus) bekannt. Dieses Präparat verhindert den schnellen Abbau des Ethanols in der Leber und bewirkt so bereits bei bereits geringer Alkoholzuführung heftige Übelkeit, die nach wenigen Minuten eintritt. Kann begleitet werden von Schweißausbrüchen, Herzrasen, pochenden Kopfschmerzen und Schüttelfrost. Hier wird also nicht auf Vergessen – wie bei den oben aufgezählten Mitteln –, sondern auf Abschreckung gesetzt.

Entwickelt in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde Antabus in der Anfangszeit oft in zu starker Dosierung verabreicht, was Todesfälle aufgrund von Kreislaufversagen und Herzstillstand zur Folge hatte. Deutsche Ärzte verschrieben das Mittel deshalb seit 1980 nur noch selten auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten hin; Antabus drohte, in Vergessenheit zu geraten und vom Markt zu verschwinden. Seit zehn Jahren erlebt Disulfiram jedoch eine Renaissance. Drei Faktoren sind dafür verantwortlich: reduzierter Wirkstoffgehalt in den Tabletten, Einnahme nur noch unter Aufsicht, die Betroffenen müssen flankierende therapeutische Gruppen besuchen. Diese kombinierte Vorgehensweise ist sicherlich vernünftiger, als die psychisch oft instabilen Abhängigen mit einer 100er-Packung nach Hause zu schicken, wo sie sich in Eigenregie selbst heilen sollen. Trotz der unbestreitbar neuen Erfolge bleibt Disulfiram ein zweischneidiges Schwert. Vor einigen Jahren schrieb ich eine Kurzgeschichte mit dem Titel:

Sauf nicht auf Antabus!

Ich war seit einer Woche in der Klinik. Mit dem Programm nahezu durch. Noch ein paar Tabletten und dann konnte ich in zwei Tagen entlassen werden. Mein unbeherrschbarer Freiheitsdrang machte sich seit gestern bemerkbar. Ich wollte raus und mich wieder unter normale Menschen mischen.

13.00 Aufenthaltsraum
»Du hast mitbekommen, dass dein Kumpel Rolf seit heute Morgen wieder hier ist?«
»Ja, habe ich.«
»Sah klapprig aus, der Gute.«
»War wohl vorher drei Tage auf der Intensivstation.«
»Wenn er auf Antabus säuft: selbst schuld.«
»Hier bleibt auch nichts länger als zwei Minuten geheim.«
»Rolf hatte uns darüber Vorträge gehalten. Warst du doch dabei, Tim.«
»Ja, er redet manchmal ein bisschen viel.«
»Ist wie oraler Durchfall. Ich steh überhaupt nicht auf das neunmalkluge Gelaber von dem.«
»Du bist halt ein anderer Charakter, Petra.«
»Du meinst, als Bordellbesitzerin bin ich zu blöde, um seine Ergüsse zu verstehen?«
»Habe ich so nicht gesagt.«
»Du windest dich mal wieder raus. Typisch. Wie ist das eigentlich: wirst du mich dieses Mal besuchen kommen?«
»Bis in die Eifel? Das ist echt weit.«
»Erzähl mir jetzt nicht so einen Schwachsinn. Das sind läppische siebzig Kilometer.«
»Petra, ich bin eher der urbane Typ. Sobald ich die Stadtgrenze überquere, fühle ich mich schlagartig unwohl.«
»Was man nicht alles so für Gründe erfindet, um nicht zu mir fahren zu müssen. Du hast einfach keinen Bock darauf. Gib’s zu und gut ist es.«
»Ich überleg’s mir.«
»Du wirst es nie tun. Hier drinnen bist du super freundlich zu mir. Schläfst deinen Rausch an meiner Schulter aus, schnarchst mir ins Dekolleté hinein; und draußen vergisst du mich innerhalb von fünf Minuten. So bist du eben: flatterhaft und unstet.«

14.25. Raucherzimmer
»War eine üble Angelegenheit dieses Mal, Tim. Haarscharf am Tod vorbei geschrammt.«
»Ist natürlich auch ein Wahnsinnsexperiment, auf Antabus zu saufen.«
»Wem sagst du das? Wäre beinahe dabei drauf gegangen. Kompletter Kreislaufzusammenbruch. Re-Animation. Hing stundenlang alles am seidenen Faden.«
»Rolf, ich will jetzt hier nicht als Klugscheißer daherkommen. Das ist ja eher deine Rolle. Aber das weißt du doch vorher.«
»Was?«
»Wie gefährlich es ist, auf das Dreckszeug zu trinken. Du musst es Minimum eine Woche vorher absetzen, um halbwegs sicher sein zu können.«
»So schlau bin ich auch, du Halbmediziner. Ich hatte aber großen Durst. Was sollte ich tun? Sieben Tage warten?«
»Und dann direkt eine komplette Flasche Doppelkorn. Das ist nahezu ein Selbstmordkommando. Michael hatte es im Sommer mit einem halben Glas Bier probiert. Der hat es nicht mehr von der Küche bis aufs Klo geschafft. Sich komplett vollgeschissen. Hatte er damals auch dir erzählt. Du warst also vorgewarnt.«

Rolfs Ader an der linken Schläfe schwoll gefährlich an. Das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass er verärgert war.
»Wie sollen wir es sonst jemals packen, trocken zu werden? Sag du es mir Tim. Der du hier im Vierwochenrhythmus ein- und ausgehst.«
»Ich halte nichts von all diesen Wundermitteln.«
»Weil du Manschetten hast, die zu schlucken?«
»Bin mir unsicher, ob es was mit Feigheit zu tun hat. So lange ich aber den Schalter im Kopf nicht klar in Richtung Abstinenz umlege, werden dir all die Tabletten nichts helfen. Weder Antabus noch Nemexin und Campral oder gar Baclofen. Ich kenne niemanden, der davon dauerhaft clean geworden ist. Von dem Dutzend Teilnehmern am letzten Antabusprogramm mussten elf mit Rettungswagen in die Klinik. Der Zwölfte war so schlau, das Zeug vorher abzusetzen und einige Tage verstreichen zu lassen, bevor er die erste Flasche gekippt hat.«
»Du willst einfach nichts an deinem Lebenswandel ändern, Tim.«
»Schon, aber nicht mit Medizin, die letztlich nichts bewirkt. Ich hoffe mehr auf eine mentale Veränderung.«
»Tim, du wirst noch als Penner enden.«
»Sind wir das nicht alle bereits, Rolf? Zumindest aus Sicht der Gesellschaft. Viele Freunde und Verwandte von früher sind bei mir nicht übriggeblieben. Die Krankheit macht einsam.«
»Tu, was du willst. Ich werde mir – sobald ich hier raus bin – Antabus sofort wieder verschreiben lassen.«
»Hört sich für mich nach einem Freifahrtschein ins Jenseits an. Rolf, du bist alt genug. Du musst selbst wissen, was das Beste für dich ist.«

Rolf hatte, hierin seelenverwandt mit Dante, seinen sozialen Absturz nie richtig verarbeitet. Obwohl er seit Jahren auf Sozialhilfe angewiesen war, tat er nach außen hin immer noch so, als würde er eine gut florierende Anwaltskanzlei leiten. Wenn er sauer auf mich war – was bei unseren Diskussionen hin und wieder vorkam -, dann warf er mir vor, dass ich mich zu schnell mit meinem Schicksal abgefunden hatte. Er hingegen würde alles Menschenmögliche unternehmen, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Und bemerkte bisweilen gar nicht, dass diese sich immer enger um seinen Hals zusammenzog. Mein Weg war ein anderer. Ich wollte gegen den Alkohol gar nicht erst kämpfen. Wozu auch? Das war ein Krieg, der nicht zu gewinnen war. Ich konnte die Krankheit allenfalls stoppen, nicht jedoch besiegen. Mir fiel es auch einfacher als ihm, mich mit den traurigen Gegebenheiten zu arrangieren. Mein Motto lautete: Es werden auch wieder bessere Zeiten folgen. Ich hatte kein Problem damit, an der Schulter einer Puffmutter einzuschlafen, die Rolf auf dem Flur noch nicht einmal gegrüßt hätte. In seinen Augen war das Fatalismus. Mir half meine Philosophie, mich irgendwie durch diese schwierigen Jahre durchzuhangeln ohne dabei in Resignation zu verfallen. Denn das verschwieg Rolf bei all seiner schlauen Argumentation gerne: dass er nämlich ohne eine starke Dosis Antidepressiva gar nicht mehr leben konnte. Ich brauchte diese Tabletten nicht.

16.55. Vor der Blutdruckmessung
»Ich habe mit der zuständigen Ärztin telefoniert. Sie werden mich nächste Woche wieder ins Programm aufnehmen.«
»Ob das tatsächlich so eine gute Idee ist, Rolf? Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Du erfüllst nur mit äußerster Mühe die körperlichen Minimumvoraussetzungen für Antabus. Ich verstehe überhaupt nicht, dass sie dir das Zeug verschreiben. Lass die Finger weg davon.«
»Du hast dich aufgegeben, Tim. Ich mich noch lange nicht.«
»Rolf, wir sind alle nicht als Alkoholiker geboren worden. Viele von uns haben erfolgreichere Jahre erlebt, bevor sie hier landeten. Du bist nicht der einzige, der wieder auf die Beine kommen möchte. Die Frage ist aber, ob dieses gefährliche Medikament das richtige für dich ist.«
»Du kannst mich nicht umstimmen.«
»Okay, dann viel Glück bei deinem zweiten Höllenritt!«

Vier Wochen später landete Rolf erneut in der Intensivstation. Seitdem sitzt er im Rollstuhl.

Ohne flankierende Therapie bringen auch Wunderpillen keinen Erfolg

Losgelöst vom Spezialfall, dass Hardcore-Alkoholiker ebenfalls auf Antabus trinken, weil Herzrasen und Kreislaufprobleme sie nicht genügend schrecken, soll abschließend auf folgenden Aspekt hingewiesen werden: Disulfiram ist eine Krücke. Bedeutet: wer einzig deshalb nicht säuft, weil er unmittelbare negative Folgen fürchtet, wird es nach Absetzen des Medikaments mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort wieder tun. Aus dem Gedanken heraus: jetzt war ich ein, zwei, drei Jahre trocken. Darauf habe ich mir einen kleinen Schluck verdient. Und vier Wochen später ist das tägliche Quantum auf demselben Level angelangt wie vor Beginn der Behandlung. Denn – ich wiederhole mich – ein einmal geschrottetes Suchtgedächtnis kann nie mehr in den Nullzustand zurückversetzt werden.

Die Antabus-Periode muss deshalb intensiv genutzt werden, um sich in Richtung freiwilliger Verzicht weiterzuentwickeln. Was man am besten durch den konsequenten Besuch von Selbsthilfegruppen schafft. Andernfalls droht nach der letzten Tablette schnell der nächste Rückfall.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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