Wo der Whataboutismus seinen Sinn hat

Whataboutismus nervt. Aber nicht jeder Vergleich ist ungerechtfertigter Whataboutismus.

relativity theory - von Blende57 unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Vor kurzem hat Heinrich Schmitz hier seine Darlegungen zum Whataboutismus aktualisiert. Whataboutismus, das ist, kurz runtergebrochen: Das Kontern einer Verfehlung durch den Hinweis auf eine Verfehlung eines anderen bzw. der „anderen Seite“. Die Kritik am Whataboutismus ist hoch verdient, der ursprüngliche Artikel wurde nicht zu Unrecht beinahe zum Online-Standardwerk in anstrengenden Facebookdiskussionen. Das ständige Ablenken vom Gegenstand der Debatte nervt, und Verfehlungen werden nicht aufgewogen durch die Verfehlungen anderer. So weit, so klar.

Auf welches Argument wird geantwortet?

Doch auch der Vorwurf des Whataboutismus hat sich bereits wieder verselbstständigt. Ob passend oder nicht, Diskutanten knallen sich heute gern angesichts jeglicher Erweiterung der Perspektive, angesichts jeden Vergleiches den Vorwurf des Whataboutismus vor die Rübe. Gern erweitert um die etabliertere Schmähung mit „Relativismus“. Dafür kann die ursprüngliche Whataboutismus-Kritik wenig. Es lässt sich ja kaum noch eine Perle zu Tage fördern, die nicht irgendein Depp in eine Steinschleuder spannt.

Denn es gibt Situationen, genauer: Muster der Argumentation, da ist die Frage „aber was ist mit XY?“ absolut angebracht.

Erstens: Auf das Argument des Gegenübers und dessen Stoßrichtung kommt es an. Ein Beispiel anhand eines Dauerbrenners: Der klassische Versuch, islamistischen Terror mit den Kreuzzügen zu relativieren, oder aktueller mit der engen Verschränkung religiöser und weltlicher Motive in faschistischen Staaten des Modelles Franco: Das ist ein klarer Fall von Whataboutismus.

Behauptet mein Gegenüber aber, der islamistische Terror zeige, dass diese Religion per se bedrohlich sei und sich darin von allen anderen unterscheide, denn keine andere Religion habe je Massaker und Gewaltherrschaften inspiriert: dann ist der Hinweis auf die ruhmreichen Taten christlicher Mörder durchaus gerechtfertigt. Obschon es sich dennoch um unterschiedliche Phänomene handelt, aber das ist Thema für einen anderen Text.

Langfristige Agenden nicht ignorieren

Einfacher Merksatz: Wird ein Einzelfall herangezogen, um daraus eine umfassende Regel abzuleiten ist der Hinweis auf dieser Regel widersprechende Ereignisse kein Whataboutismus.

Zweitens: Es kann sinnvoll sein, blinde Stellen von Diskutanten herauszuarbeiten. Fällt etwa auf, dass bestimmte Personen oder Personenkreise Unrecht stets nur sehen, wenn es ihnen Nahestehende (Personen oder Ideologien) trifft, relativiert das zwar den Einzelfall nicht, doch es hilft zumindest, die Fronten in der Debatte zu klären. Hat der Ottokar etwa zwei Nachbarn, den Navid und den Klaus Günther, die beide ihre Kinder schlagen, und der Ottokar beschwert sich Tag um Tag bei seinen Kumpels immer nur, dass der Navid seine Kinder schlage, dann gibt es durchaus gute Gründe danach zu fragen, warum es dem Ottokar bei Klaus Günther egal ist. Nicht, dass es den ersten Fall entschuldbarer machen würde, doch im Konfliktfall sollte definitiv abseits konkreter Einzelfälle auch die längerfristige Perspektive und die Agenda der Beteiligten in den Blick genommen werden.

Und das ist von meiner Seite auch schon alles zum Whataboutismus. Whataboutismus bleibt ein nützlicher Begriff für das betrachtete Phänomen. Doch wie überhaupt bei jedem Begriff sollte man immer mal wieder prüfen, ob er nicht im Laufe seiner Nutzung entstellend entgrenzt worden sein könnte.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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