Gesoffen wird immer (10)

Wer säuft, verliert irgendwann seinen Job und darf sich im Anschluss mit Hartz 4 und Ein-Euro-Tätigkeiten rumärgern; wenn er nicht sogar Pfandflaschen in Papierkörben suchen muss


Neulich im Jobcenter

Ich bedank mich jeden Tag bei Vater Staat, dass ich auf seine Kosten leben darf
(c) Rapper Tapete

Wer über Jahre hinweg zu viel säuft, wird irgendwann seinen Job verlieren. Diese Regel ist so unumstößlich wie die Fettleber, die sich nach zehn Jahren Alkoholmissbrauch einstellt. Die Schrittfolge verläuft bei Festangestellten über den Betriebsarzt, die nicht fruchtende Reha und die als Konsequenz ausgesprochene fristlose Kündigung. Der Freiberufler hingegen schafft es nicht mehr, seine Projekte fehlerfrei und fristgerecht zu erledigen, verliert einen Kunden nach dem anderen, ist nicht in der Lage, neue Aufträge an Land zu ziehen. Während der Prokurist eventuell eine kleine Abfindung kassiert, sich ein paar Monate arbeitslos melden kann, steht der Selbständige sofort vor dem Nichts. Eine Zeit lang gelingt es beiden, von ihren Ersparnissen zu leben, ihre Bedürfnisse einzuschränken, sich zunehmend zu bescheiden, ein paar Wertgegenstände beim Pfandleiher oder in Ebay zu versilbern. So lange wodkabedingt oben kein neues Geld zufließt, sind die Reserven jedoch irgendwann aufgebraucht. Und nun stehen die 45jährigen – das ist in etwa das Durchschnittsalter, in dem 24/7-Schnapskonsum in Alkoholismus umschlägt – vor dem schweren Gang in die Hartz4-Behörde.

In der Erzählung „Neulich im Jobcenter“ schildere ich den Verlauf eines Erstkontaktgesprächs:

Neulich im Jobcenter

»Sie schreiben also. Was darf ich mir darunter vorstellen?«
»Kurzgeschichten, Novellen, einen Roman habe ich ebenfalls in der Schublade.«
»Und das soll veröffentlicht werden, oder machen Sie es bloß zum Vergnügen?«
»Ich suche natürlich nach einem Verlag.«
»Den haben Sie bereits gefunden?«
»So halb.«
»Was heißt das? Ich kenne Ja oder Nein. Mit Halb kann ich hingegen nichts anfangen.«
»Ich bin dabei, den passenden Verleger zu finden. Besser gesagt: meine Agentin wird das tun.«
»Das ist eine zwischengeschaltete Maklerin?«
»In der Art.«
»Und die wird dafür bezahlt?«
»Klar. Was dachten Sie denn?«
»Vorkasse oder Beteiligung an den Verkäufen?«
»Die zweite von Ihnen genannte Möglichkeit.«
»Gut. Denn eine Vorauszahlung hätten wir Ihnen auf keinen Fall finanzieren können.«
»Die hatte ich doch überhaupt nicht verlangt.«
»Junger Mann, Sie kommen zu mir und fragen nach Geld. Das weder Ihnen noch mir gehört, sondern vom Steuerzahler aufgebracht wird. Da ist es ein Akt der Selbstverständlichkeit, dass ich mich bei Ihnen vorher erkundige, was Sie damit vorhaben.«
»Na, meinen Lebensunterhalt in den kommenden Monaten bestreiten.«
»Warum gehen Sie nicht arbeiten?«
»Das ist nicht so einfach. Vollzeit wird schwierig, weil ich ja Schriftsteller werden möchte. Zudem schreibe ich oft nachts und kann nicht jeden Morgen um acht Uhr irgendwo auf der Matte stehen, um einen blödsinnigen Bürojob zu erledigen.«
»Sie wollen demnach überhaupt nicht zurück ins Berufsleben?«
»Das habe ich so nicht gesagt. Ich meine nur, dass es im Moment schwierig ist, den zu mir passenden Job zu definieren.«
»Das klingt schon besser. Im Falle von kompletter Arbeitsverweigerung müsste ich Sie nämlich jetzt bitten, das Zimmer zu verlassen und mir nicht meine wertvolle Zeit zu stehlen. Draußen warten viele andere Kunden, die sich kooperativer zeigen als Sie. Weshalb versuchen Sie es nicht beim Sozialamt?«
»Da war ich bereits. Die haben mich zu Ihnen geschickt.«
»Immer dasselbe. Wenn die auf der anderen Straßenseite nicht wissen, was Sie mit einem Antragsteller tun sollen, sagen sie: Geh mal zur Frau Schröder. Die hat ein großes Herz und wird dir helfen. Über zu wenig Arbeit brauche ich mich auf jeden Fall nicht zu beklagen.«
»Frau Schröder, ich weiß nicht, wer hier für was zuständig ist. Ich beantrage einzig einen Überbrückungskredit für ein paar Monate. Sobald sich mein Roman verkauft, zahle ich das Darlehen zurück.«
»Ganz so simpel, wie Sie sich das vorstellen, läuft es natürlich nicht bei uns. Da könnte ja jeder kommen und versuchen, mir Geld aus den Rippen zu leiern.  Ich muss erst mal schau’n, ob Sie tatsächlich zu mir gehören. Ihr Nachname beginnt mit K, Wohnung im Stadtbezirk Westend, selbständige Tätigkeit. Da haben wir es schon.  Freiberufler fallen nicht in meinen Verantwortungsbereich. Um die kümmert sich Frau Memleben.«
»Wann kann ich mich mit der Dame unterhalten?«
»Heute gar nicht mehr.«
»Morgen?«
»Moment. Ich klicke mich kurz in den Terminkalender der Abteilung rein. Schon praktisch, was man mit Outlook so alles machen kann …. Ich entdecke eine Abwesenheitsnotiz. Die Kollegin befindet sich bis zum Ende des Monats auf einer Fortbildungsmaßnahme. Tut mir leid.«
»Sie wird für diesen langen Zeitraum sicherlich eine Vertretung beauftragt haben; oder?«
»Das bin ich. Sehe ich gerade. Wusste ich gar nichts von. Niemand informiert einen in dieser Behörde. Es ist ein Trauerspiel.«

[eine halbe Stunde später]
»Wir werden in Ihrem Fall eine Ausnahme machen und Ihnen ein Darlehen bewilligen. Allerdings mit ein paar Auflagen.«
»Die da lauten?«
»Ich habe die Punkte bereits in die Eingliederungsvereinbarung aufgenommen. Lesen Sie sich die in Ruhe durch.«
Ich überflog die vier Seiten und stoppte bei dem Abschnitt, der meine Mitwirkungspflichten aufzählte. »Das ist eine Menge, was Sie von mir fordern.«
»Nun ja, Sie haben halt in den vergangenen Monaten vieles schleifen lassen. Um die Lösung dieser Angelegenheiten müssen Sie sich jetzt schleunigst kümmern.«
»Ich soll gegen meine alte Mutter klagen?«
»Sie müssen sogar. Ihnen steht seit dem Tode Ihres Vaters ein Pflichtteilsanspruch auf das Erbe zu.«
»Das muss unbedingt sein?«
»Ja! Ihre eigene Immobilie haben Sie ja bereits vor zwei Jahren clevererweise auf Ihre Ex-Frau übertragen. Andernfalls müssten Sie versuchen, die zu Geld zu machen.«
»Das war eine Übereinkunft im Rahmen unserer Trennung.«
»Ich weiß. Deshalb kommen wir da auch nicht mehr ran. Insofern haben Sie Glück gehabt. Zumindest ein Gratis-Wohnrecht hätte man Ihnen jedoch einräumen können. Dann bräuchten Sie jetzt nicht in einem teuren Apartment die Miete zu bezahlen.«
»Das ist eine schimmlige Zwanzig-Quadratmeter-Bude.«
»Mag sein. Aber eigentlich völlig unnötig. Für jemanden wie Sie geradezu eine Luxusausgabe.«
»Vermute, dass Sie sich nie haben scheiden lassen. Ansonsten würden Sie nicht so reden.«
»Stimmt. Ich habe vorsichtshalber gar nicht erst geheiratet.«
»Was soll das vierwöchige Bewerbungstraining bedeuten? Ich habe gar nicht vor, mich irgendwo zu bewerben.«
»Sondern?«
»Ich schreibe in Ruhe weiter wie bisher und warte auf den unterschriebenen Vertrag.«
»Das wird bei uns so nicht funktionieren. Wer sich im Jobcenter meldet, muss Einsatzbereitschaft zeigen. Wir sind nicht dazu da, Ihre Hobbies zu finanzieren. Zudem wird Ihnen ein strukturierter Arbeitsalltag guttun.«
»Und zusätzlich muss ich zehn Lebensläufe pro Monat rausschicken?«
»Korrekt. Zu diesem Zweck habe ich Ihnen einen Vordruck beigelegt: Nachweis von Eigenbemühungen. Ich bitte darum, den akkurat auszufüllen und mir fristgerecht bis zum 28-sten vorbeizubringen. Andernfalls drohen Kürzungen bei der Grundsicherung.«
»In Ordnung. Papier ist geduldig.«
»Das habe ich jetzt nicht gehört. Das war’s dann fürs Erste von meiner Seite aus. Wir werden uns in circa sechs Wochen wiedersehen. Sie erhalten vorher eine schriftliche Einladung von mir. War nett Sie kennenzulernen, Herr Keller.«
»Und was ist mit Geld?«
»Das überweisen wir Ihnen am 30-sten.«
»Bis dahin sind es noch über zwei Wochen. Wie soll ich so lange überleben?«
»Sie verfügen über gar keine Barmittel?«
»Ich habe noch drei Euro in der Hosentasche.«
»Ich schaue, was ich für Sie organisieren kann. Warten Sie bitte nochmal fünf Minuten vor der Tür. In der Zwischenzeit regele ich das.«

[nach 45 Minuten Warterei]
»Herr Keller, ich bin so weit.«
»Was kann ich heute mitnehmen?«
»Fünfzig Euro.«
»Viel ist das nicht.«
»Sie können nächste Woche gerne wiederkommen und den nächsten Teilbetrag anfordern.«
»Okay. Wo kann ich mir das Geld abholen?«
»Sie erhalten einen Lebensmittelgutschein. Einlösbar in vielen Supermärkten. Allerdings in einem Schwung; Restgeld wird nicht ausgezahlt. Alkohol und Tabak sind selbstredend vom Einkauf ausgeschlossen.«
»Das soll wohl ein Witz sein?«
»So lauten nun mal die Vorschriften. Und genehmigen Sie sich ein ausgiebiges Bad. Sie scheinen es dringend nötig zu haben.«
Ich stand auf und ging zur Tür. Frau Schröder räusperte sich: »Ach Herr Keller, bevor ich es vergesse. Stellen Sie sich innerlich darauf ein, dass ich Sie für eine Arbeitsmaßnahme im Januar vormerke.«
»Was soll das sein?«
»Ein Ein-Euro-Job. Zusammenbau von simplen Elektroteilen. Das ist kinderleicht und verschafft Ihnen einen kleinen Zusatzverdienst. Zudem ermöglichen wir Ihnen dadurch einen Neustart ins Berufsleben.«
Du kannst mich mal, dachte ich. Bis zum Jahreswechsel kann noch viel passieren.

Hartz 4 als Perpetuum Mobile

Hartz 4 wird den Säufer von nun an über die gesamte Dauer seines Leidenswegs begleiten. Die Diskussion, was schreibe ich in die Scheißformulare rein, um schnell an meine Kohle ranzukommen, beansprucht viele Stunden in den verqualmten Raucherzimmern der Suchtkliniken. Einige versuchen, mittels attestierter Schwerbehinderung in die Sozialhilfe auszuweichen, da die vom Antragsteller keine – wenn auch oft nur auf dem Papier stehende – Arbeitswilligkeit verlangt. Anderen wiederum sind die halbjährlichen Neubeantragungen, die Streitereien mit den Jobvermittlern und Behörden generell so verhasst, dass sie auf ALG2 verzichten und sich stattdessen mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs und Einsammeln von Pfandflaschen über Wasser halten. Die Mitglieder der zweitgenannten Gruppe fliegen aufgrund von Mietrückständen oft aus ihren Einzimmerappartements raus und müssen fortan abwechselnd in Obdachlosenunterkünften und auf der Straße ihr Dasein fristen. Ich habe frühere Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer kennengelernt, die mir im Brustton der Überzeugung versicherten, dass sie lieber auf einer Parkbank schlafen, als im Jobcenter um Geld zu betteln. Das Procedere sei zu entwürdigend. Für die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen ist es indes frustrierend, wenn jeder fünfte sogenannte Kunde betrunken zum Quartalsgespräch erscheint und die vereinbarten Bewerbungstermine krankheitsbedingt nicht wahrnimmt. Eine Abwärtsspirale, aus der es mit jedem Monat, die man länger in ihr verbringt, schwieriger wird, auszubrechen. Irgendwann gibt man resigniert auf und akzeptiert die staatliche Grundsicherung als Normalzustand.

Wer noch nicht Alkoholiker ist, kann es nach zwei Jahren in der Hartz4-Maschinerie durchaus werden.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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