Gesoffen wird immer (9)

Was anfangen mit der vielen Zeit, mit der man in der Abstinenz plötzlich konfrontiert wird? Wer gerne malt, musiziert oder schreibt, ist klar im Vorteil.

Foto: JH

Wohin mit all der neuen Zeit?

Jack London hat in bewundernswerter Weise gezeigt, dass die Alkoholikergemeinschaft sich letztlich keine Illusionen über sich macht. Der Alkohol, weit davon entfernt, einen träumen zu lassen, »verwehrt dem Träumer das Träumen«. Seine Wirkung ähnelt derjenigen der »reinen Vernunft«, die uns davon überzeugt, dass das Leben ein Mummenschanz, die Gemeinschaft ein Dschungel, das Leben Verzweiflung ist.
(c) Gilles Deleuze

„Das Problem, beim Aufhören mit dem Alkoholtrinken ist, dass man plötzlich so viel zusätzliche Zeit hat. 15 Biere + 15 Schnäpse trinken und 5 Std. labern: alles kein Problem ….. 15 Apfelsäfte/Selters und 15 Sangritas: unmöglich >> Durchfall und Magenprobleme<<. Die Kneipe verlässt man nach einer Std. und 3 Selters, weil einem das Gelaber auf den Geist geht. So, nun kommt das Problem mit der Zeit. Was soll ich mit einem Mal machen???? Wer da kein Hobby hat, welches einen total ausfüllt, hat sehr sehr große Schwierigkeiten“, merkt ein Facebook-Leser in einem Kommentar zur letzten Kolumne „Gesoffen wird immer (8)“ an.

Womit er ins Schwarze trifft. Denn der Alkoholiker hat es sich im Lauf der Jahre angewöhnt, (viel) Zeit zu haben und zu vertrödeln. Zeit, die er in Bier und Schnaps ertränkte. Nun fällt der Fusel plötzlich weg, aber die Stunden, Tage und Wochen werden dadurch nicht gleichgerichtet proportional kürzer. Ein Dilemma, mit dem alle abstinenzwilligen Trinker konfrontiert sind. Viele werden rückfällig, weil sie mit sich und der Masse an Zeit, die sie bisher saufend totgeschlagen haben, nichts anzufangen wissen.

Lösungswege

Um der Langeweile zu entgehen, bieten sich drei Lösungswege an:

(A) Da sei als erstes der Beruf genannt. Falls es einem möglich ist, in den zurückzukehren, kann man statt früher vierzig nun sechzig oder mehr Stunden im Büro verbringen. Sich mit Zahlen, Schriftsätzen, Formularen ablenken, um bloß nicht ans Saufen zu denken. Vom Schreibtisch aus dann auf direktem Weg in die Selbsthilfegruppe (SHG), um die High-Risk-Time zwischen 20 u 22 Uhr zu überbrücken. Um halb zwölf todmüde ins Bett, weil der Wecker am nächsten Morgen schon wieder um sechs Uhr klingelt. Kann funktionieren; ist aber die mühsamste Variante, um trocken zu bleiben.

(B) Sport als Ventil. Den Schweiß im Fitnessstudio oder beim Fahrradfahren, Joggen und Inlinern vergießen und so die dummen Gedanken an Wodka und Doppelkorn im Keim ersticken. Nicht so einfach, wenn man vorher zwanzig oder mehr Jahre inaktiv auf dem Sofa gesessen und gesoffen hat. Ich kenne zwar trockene Alkoholiker, die täglich vier Stunden Gewichte stemmen oder für den Marathon trainieren. Aber die waren auch schon vorher sportlich unterwegs und knüpfen jetzt dort wieder an, wo sie einige Monate vorher aufgrund ihrer Trinkexzesse gestoppt hatten. Als Süchtige tendieren sie dazu, ebenfalls ihr Training suchtartig zu betreiben. Solange dabei keine Knochen brechen oder Gelenke irreparabel verschleißen, ist das völlig in Ordnung.

(C) Ein neues Hobby entdecken oder ein altes wiederbeleben. Die Psychologen haben für diesen Zweck die sogenannte Ergotherapie ersonnen. Hier wird gemalt, getöpfert, oder eine Figur aus einem Speckstein modelliert. Obwohl sicher gut geeignet für Menschen, die gerne mit den Händen arbeiten, hat mir persönlich diese Form der Beschäftigung nie allzu große Befriedigung bereitet, weshalb ich stets darum bemüht war, meine Wochendosis an Wasserfarben und Lehm so gering als möglich zu halten. Ganz anders hätte das aber ausgesehen, böten die Kliniken einen Kurs in der Disziplin kreatives Schreiben an. Selbst verfasste Gedichte und Kurzgeschichten als Eigentherapie. Musikaffine Patienten würden wahrscheinlich lieber in einem Reha-Orchester mitspielen, als Denksportaufgaben in der Ergo zu lösen. Die Grundidee, Süchtige an ein Hobby heranzuführen, ist die richtige; bloß wird sie leider zu sehr auf das Handwerklich-Manuelle eingegrenzt. Schreiben, Musizieren, Theaterspielen stehen nicht auf dem Programmzettel, sodass das Ziel der Ergotherapie – eine Zufriedenheit stiftende Beschäftigung für die nun anbrechende Phase der Abstinenz mit auf den Heimweg zu geben – bei 90% der Teilnehmer nicht erreicht wird.

Aus dem geschützten Raum in die harte Realität

Sobald die Reha – dauert für Alkoholiker zumeist drei bis vier Monate – vorüber ist, muss der – bisher im geschützten Raum trockene – Patient sofort auf eigenen Beinen stehen. Häufig ohne Job, finanziell auf ALG1- oder gar Hartz4-Niveau angelangt, in einer kleinen Wohnung hausend; die nicht-trinkenden Freunde sind ihm im Lauf der Jahre abhandengekommen. Wer es jetzt nicht schafft, sich schnellstmöglich eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen, bei dem kann man Wetten darauf abschließen, wie schnell er frustriert wieder zur Flasche greifen und den nächsten Gang in die Entgiftung antreten wird.

Wichtig ist es, Struktur in den Alltag hineinzubringen. Das, was für die meisten Menschen selbstverständlich anmutet – z.B. von Montag bis Freitag um halb sieben aufzustehen und drei Mal am Tag eine Mahlzeit einzunehmen –, ist es für den Alkoholiker überhaupt nicht. Der ist aufgrund langjährigen Konsums aus allen gesellschaftlichen Rastern ausgebrochen, schläft bis 10 Uhr, nimmt Nahrung nicht vor der Tagesschau zu sich, und wird erst munter, wenn der Normalbürger sich schon wieder ins Bett legt. Empfehlenswert ist deshalb ein Mix aus den oben genannten drei Vorgehensweisen: sich in einen Job vermitteln lassen (Teilzeit ist besser als gar keiner), Sport treiben (es reichen 45 Minuten am Tag. Nicht jeder ist für den Iron Man tauglich), sich für ein Hobby entscheiden, das man mit Freude ausübt und abends eine SHG besuchen. Wer gerne malt, musiziert oder schreibt, ist klar im Vorteil. Auch hier wird der Süchtige häufig suchtartig agieren: zehn Bilder pro Woche, ein halbes Dutzend Gedichte am Tag, ein neuer Song in der Stunde. Suchtverlagerung von der Droge in einen neuen Bereich. Komplett egal, solange die Aktivität das bewirkt, wozu sie gedacht ist: Befriedigung verschaffen und die neu gewonnene Zeit sinnvoll nutzen. Im Lauf der Monate und Jahre wird der Massenoutput der anfänglichen Sturm-und-Drang-Periode ohnehin reduziert, und rückt der Qualitätsgedanke in den Vordergrund.

Nachdem mir eine Ärztin anlässlich meiner 30sten Entgiftung erklärt hatte: „Suchen Sie sich DRINGEND eine Aktivität, die Sie vom Trinken ablenkt, sonst erleben Sie das kommende Jahr nicht mehr“, begann ich eines Abends mit dem Schreiben. Anfangs ein paar Kritzeleien, denen kurze Geschichten folgten, bis ich mich nach einigen Wochen entschloss, meine Erlebnisse in Romanform zu Papier zu bringen. Binnen drei Monaten stapelten sich 400 ausgedruckte Seiten neben meinem Laptop. In einem Interview, das ein Jahr später erfolgte, erklärte ich mein Verhalten so:

„Das Schreiben dieses Buchs war die beste Therapie für mich, weil ich mir viele Sachverhalte, die mir Ärzte und Psychologen zwar erklärt hatten, nun selbst erarbeiten musste und mir dabei über Ursachen und Auslöser – die Zweitgenannten sind am wichtigsten – meines exzessiven Trinkverhaltens langsam klar wurde. Je weiter der Roman voranschritt, desto stärker wurde mein Entschluss, tatsächlich abstinent zu leben. Vorher hatte ich Lippenbekenntnisse abgelegt und kurze Trinkpausen eingelegt. Jetzt wurde mir klar, dass einzig der völlige Verzicht auf jeden Tropfen Alkohol mich vor dem kompletten Absturz bewahren kann. Anfangs war es etwas schwierig für mich, die Geschehnisse in ungeschminkter Wahrheit niederzuschreiben, denn einige Dinge waren ja sehr unangenehm und peinlich. Mit zunehmender Dauer des Projekts wurde es jedoch einfacher, das traurige Schicksal eines Alkoholikers zu schildern. Ich wollte nichts beschönigen, aber auch auf keinen Fall den mahnenden Zeigefinger erheben.“

Meine Freude am Schreiben habe ich beibehalten. Die Abstinenz dauert mittlerweile sechs Jahre an. Ein Beispiel für die Trinker, die den Ausbruch aus dem Teufelskreislauf mittels kreativem Hobby versuchen wollen.

Nach einem Jahr wird es einfacher

Das erste Jahr der Abstinenz ist erfahrungsgemäß das schwerste. In diesen 365 Tagen und Nächten wird der Süchtige häufig von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht: physische Nachwirkungen (spontanes Zittern, Schweißausbrüche, Herzrasen, Müdigkeit), Melancholie/ depressive Schübe, Selbstwert im Keller, Gedanke „Wozu das alles überhaupt?“, albtraumartige Fantasien von Alkohol, Schlafstörungen, in der Konsequenz: Saufdruck.

Sobald die ersten zwölf Monate überstanden sind, wird es einfacher. Der trockene Alkoholiker begreift die Tagesstruktur nun als Normalzustand, der verantwortungsvolle Umgang mit Zeit geht ihm in Fleisch und Blut über, muss nicht mehr täglich mühsam erkämpft werden, das Gefühl der Leere verschwindet. Nach zwei, drei oder gar vier Jahrzehnten mit der Droge muss sich der Süchtige binnen weniger Monate nicht nur körperlich, sondern ebenfalls geistig von allem lösen, an das er sich zwei Drittel seines Lebens lang gewöhnt hatte. Und das ist verdammt schwer!

Wem es gelingt, durch den Beruf, im Sport oder mittels Schreiben, Malen und Musizieren ein der Droge ähnliches Zufriedenheitsgefühl zu erzeugen: der kann sich glücklich schätzen.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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