Gesoffen wird immer (8)

Abstinenzbereite Alkoholiker scheitern oft an der Rückkehr in die Normalität. Die Hürden für den Wiedereinstieg ins Berufsleben liegen hoch. Für viele leider zu hoch

Foto: JH

Marktforschung fuckt ab

Ich war so dumm und arrogant zu glauben, ich wäre ein harmloser Gelegenheitstrinker und hätte meinen Alkoholkonsum jederzeit im Griff. Das ist Selbstbetrug, den sich jeder Alkoholiker vorgaukelt.
(c) Elizabeth Taylor

Ein Grund, weshalb viele Trinker nicht wieder in die Erfolgsspur finden, besteht darin, dass ihnen der Weg zurück entweder komplett verbaut ist oder als zu mühsam erscheint. Wer sich jahrelang aus dem bürgerlichen Leben ausgeklinkt hatte, den erwarten Familie, Freunde und ehemalige Kollegen nicht mit offenen Armen. Die Rückkehr in Beruf und Normalität muss erarbeitet werden. Das Umfeld will sehen, wie ernst die Abstinenz gemeint ist, und über welches Belastbarkeitslevel der Kandidat verfügt. Am Anfang warten oft einfache Tätigkeiten in Call Centern, in der Markt- und Meinungsforschung, als Kurierfahrer (falls der Führerschein noch vorhanden ist) oder Ein-Euro-Jobber in karitativen Einrichtungen. Wenn man da als ehemaliger Anwalt, Investmentbanker oder Abteilungsleiter eines Versicherungskonzerns Berührungsängste zeigt, wird man die ein, zwei steinigen Jahre, die den Alkoholaussteiger nun erwarten, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überstehen. Kontinuierliches Arbeiten zu Konditionen auf Hartz 4-Niveau ist nicht jedermanns Sache.

Marktforschung fuckt ab

In der Geschichte „Marktforschung fuckt ab“ schildere ich eine typische Aktivität, die den trockenen Alkoholiker im Jahr 1 seiner Abstinenz erwartet

Den nächsten Tag hatte ich für Telefonate eingeplant. Nervige Gespräche, um Termine bei den Firmen zu erhalten, die ich im Auftrag Epsilons besuchen sollte. Früher hatte ich dafür einen Stundensatz zuzüglich Erfolgsprämie erhalten. Und ich saß in der professionellen Umgebung des Instituts. Heute fläzte ich mich auf Johannes abgewetztem Ledersessel, neben mir Wäscheständer und zwei Kartons mit Altglas, ich trug von acht bis zehn noch meinen Pyjama und die Akquisition wurde mit dem Interview verrechnet. Ich sprang um 7.30 aus dem Bett, setzte frischen Kaffee auf, absolvierte zehn Sätze à dreißig Klappmesser, lutschte zwei Pfefferminzbonbons und wählte die erste Nummer.

»GNG Microsystems, Guten Morgen. Mein Name ist Sandra Reisinger. Was kann ich heute für Sie tun?«
»Tim Keller vom Epsilon Institut. Könnten Sie mich freundlicherweise mit dem Verantwortlichen für die Ausbildung verbinden?«
»Welches Institut?«
»Epsilon.«
»Noch nie gehört.«
»Doch Sie kennen uns von der Wahlforschung. Die berühmte Sonntagsfrage.«
»Keine Ahnung. Ich gehe nie wählen.«
»Soll ich es Ihnen buchstabieren?«
»Nicht nötig. Mit wem wollen Sie sprechen?«
»Demjenigen in Ihrem Haus, der die Ausbildungsabteilung leitet.«
»Einen Namen haben Sie nicht?«
»Wenn ich den hätte, würde ich Ihnen den nennen.«
»Dann tut es mir leid. Ohne Namen darf ich nicht durchstellen.«
»Das wird doch nicht der höchsten Geheinhaltungsstufe unterliegen?«
»Weiß ich nicht. Ich sitze bloß in der Zentrale. Habe strikte Anweisung, nur bei Nennung des konkreten Ansprechpartners weiterzuleiten.«
»Wahrscheinlich steht der Name sogar bei Ihnen in der Homepage.«
»Dann möchte ich Sie bitten, dort nachzuschauen und sich dann erneut bei uns zu melden.«
»Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?«
»Ich kann Ihnen alternativ vorschlagen, sich schriftlich an uns zu wenden.«
»An wen denn?«
»Darf ich nicht sagen.«
»Dann bringt das doch nichts.«
»Es bleibt völlig Ihnen überlassen, auf welchem Weg Sie Kontakt mit uns aufnehmen wollen.«
»Vermutlich stellen Sie nie Gespräche durch und wimmeln alle Anrufer ab. Haben Sie darüber schon mal nachgedacht?«
»Herr Epsilon, ich halte mich nur an meine Anweisungen. Ich kann Ihnen aber die Nummer meines Vorgesetzten geben und Sie unterhalten sich mit dem.«
»Gerne! Ist das jetzt möglich?«
»Leider nein. Rufen Sie bitte um 10.30 erneut an. Dann wird er im Büro sein.«
»Okay. Und wen verlange ich dann?«
»Darf ich Ihnen nicht sagen. Wir verfolgen bei uns eine strikte No-Name-Policy.«
»Ja ja, ich merk’s schon. Das wird zäh in Ihrem Laden. Ich mache mir eine Notiz und melde mich dann später erneut.«
»Ist Epsilon ein Markt- und Meinungsforschungsinstitut?«
»Ja.«
»Wir nehmen an keinerlei Umfragen teil.«
»Das erzählen Sie mir erst jetzt; nachdem wir den halben Vormittag miteinander telefoniert haben?«
»Es sind exakt vier Minuten und siebzehn Sekunden. Ich seh’s auf meinem Display. … Sie hatten nicht gesagt, dass Sie eine Umfrage machen.«
»Gut. Ich tue Ihr Unternehmen in die Wiedervorlage. Vielleicht ändert sich Ihre Firmenpolitik und wir kommen in einem Monat ins Geschäft. Wünsche Ihnen einen schönen Tag, Frau Reisinger. War nett mit Ihnen zu plaudern.«
»Auf Wiederhören, Herr Epsilon.«

Geringe Erfolgsaussichten für Langzeitalkoholiker

Wer sich auf Marktforschung am Telefon einlässt, muss bereit sein, sich als Pseudo-Selbständiger bei einem Institut zu verdingen, das in der Regel einen lausigen Stundenlohn zuzüglich variabler Erfolgsprämie pro durchgeführtem Interview bezahlt. Monatliche Rechnung, der Mikro-Freiberufler muss für sämtliche Sozialleistungen zu hundert Prozent selbst aufkommen. Gemäß der Logik seines Auftraggebers könnte er ja noch bei zwei, drei weiteren Unternehmen beschäftigt sein. Bloß: wie will er das zeitlich bewerkstelligen, wenn schon fünfzig (Netto-) Stunden pro Woche beim ersten Institut nicht ausreichen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten? Für Paketfahrer und andere Low-Payment-(Schein-) Selbständigkeit-Jobs sieht es bezahltechnisch nicht besser aus.  Das System grenzt hart an Ausbeutung.

Da die meisten Langzeitalkoholiker wissen, welche Plackerei ihnen am Beginn der Abstinenz bevorsteht, überlegen sie genau, ob der Weg zurück für sie überhaupt erstrebenswert erscheint. Oft gelangen sie zu dem Schluss, dass Weitertrinken von zwei schlechten Alternativen die bessere darstellt. Das Leben mit ALG2-Unterstützung und häufigen Krankenhausaufenthalten ist dann verlockender als die finanziell eher trüben Erfolgsaussichten. 90% der Abhängigen droht Altersarmut, egal ob sie konsumieren oder nicht. Diese Sorge lässt sich am schnellsten in Wodka ersäufen. Ein Teufelskreislauf, aus dem kaum einer ausbricht. Es existieren zwar sogenannte Adaptionsprogramme, in denen Patienten unter therapeutischer Aufsicht ins Berufsleben zurückgeführt werden sollen. Allerdings sind diese zeitlich recht kurz dimensioniert (drei, vier Monate), oft müssen Praktika in Handwerksbetrieben akzeptiert werden, die Firmen unterbreiten bloß in seltenen Fällen ein Übernahmeangebot. Der – bis zu diesem Zeitpunkt unter Aufsicht trockene – Alkoholiker wird nun in eine äußerst ungewisse Zukunft entlassen. In der Konsequenz werden die meisten binnen weniger Wochen rückfällig und kehren in den ihnen vertrauten Schoß der Klinik zurück. Erfolgsquote der dauerhaften Abstinenz bei Langzeittrinkern liegt im kleinen einstelligen Prozentbereich. Bewirkt unter anderem durch die mangelhaften Berufsperspektiven bei Rückkehr ins normale Leben. Wer es schafft, sich zwei Jahre in prekären Beschäftigungsverhältnissen durchzubeißen, dem winkt eventuell im Anschluss eine Wiedereinstellung im früheren Job. Sicher zu schlechteren Bezügen als zum Zeitpunkt des alkoholbedingten Ausstiegs; aber immerhin. Jedoch gibt es für dieses positive Ende natürlich keine Garantie. Also saufen viele lieber weiter bis zum bitteren Finale.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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