Gesoffen wird immer (7)

Wer es ernst meint mit der Abstinenz, besucht regelmäßig eine Selbsthilfegruppe

Foto: JH

SHG: Hilfe zur Selbsthilfe

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,  und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Gelassenheitsgebet, das am Ende jeder Sitzung der Anonymen Alkoholiker gesprochen wird

Wer dauerhaft trocken bleiben möchte, kommt um den Besuch einer Selbsthilfegruppe (SHG) nicht herum. »Was soll ich da?«, »Die können mir auch nicht helfen«, »Stinklangweilig«, sagen Sie. »Dann haben Sie die Sache immer noch nicht verstanden«, antworte ich.

Speziell am Beginn der Abstinenz ist es wichtig, sich regelmäßig mit Gleichgesinnten auszutauschen, sich in der Gruppe mitzuteilen, zu öffnen, zu berichten, weshalb der Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen ist, ehrlich zu sein und sich an Kritik zu gewöhnen. Man kann den anderen Teilnehmern nahezu alles beichten, sie hören geduldig zu, geben Tipps, wie man die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen kann, verraten dir ihre Telefonnummern, damit du sie anrufst und redest, anstatt deprimiert zur Flasche zu greifen. Nur eines darf man nicht tun: ihnen Unsinn erzählen oder die Gruppe gar anlügen. In diesem Fall können die Reaktionen heftig ausfallen. Ein Fehler, den Neulinge gerne machen, weil sie die Expertise ihres Publikums unterschätzen.

In der Kurzgeschichte „Die explosive Kirschtorte“ schildere ich die Diskussion mit einem Unbelehrbaren:

Die explosive Kirschtorte

Kalle saß seit nunmehr über sechs Monaten in unserer Runde, lamentierte und erzählte in Dauerschleife – darin einer Vinylschallplatte, die einen Sprung aufweist, ähnelnd – immer wieder denselben traurigen Hergang. Nachdem wir ihm anfangs mit offenen Mündern gelauscht und mehrmals unser Bedauern über den unseligen Vorfall ausgesprochen hatten, ermüdete uns die Story mittlerweile doch sehr.
»Kalle, hast du nicht mal was Neues auf Lager? Die Geschichte ödet mich langsam an.« Die dicke Margot klinkte sich unaufgefordert in das Gespräch ein. Ihre Stimme klang an diesem Abend seltsam unangenehm, so als ob in ihrem von schlaffem Gewebe eingerahmten Hals Fett kochte.
»Wieso?«
»Weil du vor Selbstmitleid zerfließt und uns keinen reinen Wein einschenkst.«
»Hä? Verstehe ich nicht.«
»Du säufst nicht alleine wegen des Unglücks vor einem Jahr. Du hast sicher bereits vorher getrunken. Und zwar deutlich mehr als andere. Niemand wird über Nacht zum Alkoholiker.«
»Wer behauptet denn, dass ich ein elender Säufer bin?«
»Weshalb bist du ansonsten bei uns? Das hier ist eine Alkoholikergruppe und keine Kuschelecke für Männer in der Midlife-Krise.«

Typen wie er tauchten alle Nase lang in unserer Gruppe auf. Quatschten viel belangloses Zeug, jammerten über die Ungerechtigkeit der Welt, vor allem wenn diese sich gegen ihre eigene Person richtete, führten hundert Gründe für ihr momentanes Trinkverhalten an; suchten die Ursache ihrer Sucht jedoch nie bei sich selbst, sondern stets bei anderen. Die Mutter hatte ihnen in der Kindheit zu wenig Liebe geschenkt, die Frau war fremdgegangen, die Kollegen am Arbeitsplatz mobbten und so weiter und so fort. Auf die eigentlich naheliegende Idee, dass sie in ihrer Jugend mit dem Saufen angefangen, den Konsum von Jahr zu Jahr gesteigert und irgendwann unweigerlich die Schwelle zur körperlichen und emotionalen Abhängigkeit überschritten hatten, kamen sie gar nicht. Diese Sorte von Teilnehmern blieb erfahrungsgemäß nicht lange bei der Stange. Nach einigen Wochen wurde ihnen das Spiel zu blöde, niemand von uns verstand sie, wir behandelten sie entweder zu streng oder mit zu wenig Fingerspitzengefühl, und von einem auf den anderen Tag verschwanden sie auf Nimmerwiedersehen.

»Lasst uns zügig weitermachen«, Regina klatschte in die Hände. »Ich will das heute Abend nicht wie ein Kaffeekränzchen in die Länge ziehen.«
»Apropos Kaffeekränzchen – ich habe mir gestern ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte gegönnt.« Karl-Heinz strahlte wie ein kleiner Junge übers ganze Gesicht.
»Du weißt, dass da Alkohol drin ist?«, fragte lauernd Margot, während sie gleichzeitig die dritte Tafel Nougatschokolade innerhalb der Zeitspanne einer knappen Stunde in ihren gierigen Mund hineinstopfte.
»Aber doch nur in winzigen Mengen. Da merkt man überhaupt nichts von. Meiner Meinung nach völlig ungefährlich«, verteidigte sich Kalle.
»Von wegen«, ereiferte sich Lothar, der ein neues Empörungsthema entdeckt hatte.

Das Thema Alkohol in Lebensmitteln war seit jeher ein heiß umkämpftes. Hier spalteten sich die Teilnehmer in zwei scharf voneinander abgegrenzte Lager: die Orthodoxen, die jedes Produkt penibel daraufhin untersuchten, ob eventuell ein Nanogramm Äthanol darin enthalten sein könnte und die Liberalen, denen das ziemlich egal war. Ich persönlich vertrat die Auffassung, dass jeder für sich selbst entscheiden sollte, ob eine Kirschtorte oder ein Champagnertrüffel für ihn ein Problem darstellte. Die Rechtgläubigen sahen das anders und bezichtigten jeden, der mit Odol gurgelte oder zu Weihnachten klebrige Pralinés verspeiste, sofort des Verrats an der heiligen Sache der lebenslangen Abstinenz. Die beiden Auffassungen ließen sich erfahrungsgemäß nicht unter einen Hut bringen und erhitzten unnötigerweise und ohne zufriedenstellendes Ergebnis die Gemüter. Deshalb war es vernünftig, die Sache nur dann aufs Tapet zu bringen, wenn sie unvermeidbar erschien.

»Kalle rafft es einfach nicht. Sie werden ihn gleich ordentlich in die Mangel nehmen«, zischte ich leise durch die Zähne.
»Er ist halt dumm. Siehst du ihm doch an der Nasenspitze an«, kicherte Rolf.

»Karl-Heinz, ich frage mich ernsthaft, ob du den Ernst deiner aktuellen Situation richtig einschätzt«, eröffnete Regina das Sperrfeuer auf den nichtsahnenden Lokomotivführer.
»Du wirst vom Dienst suspendiert, absolvierst seit Monaten eine Therapie. Wirst täglich darauf hingewiesen, dass jeder Tropfen einen Rückfall auslösen kann, und trotzdem begibst du dich wissentlich in Gefahr. Das kann ich ganz und gar nicht gutheißen«, fuhr sie mit ihrer Philippika fort.
»Nun mal halblang, Lady. Ich kann schon selber auf mich aufpassen. Ein Stück Torte haut einen Anderthalbzentner-Mann wie mich nicht um. Ich vertrage ja abends auch eine Flasche Bitburger vor dem Schlafengehen. Alles halb so wild.«
»Ich höre wohl nicht richtig? Du trinkst Bier?? Das darf doch nicht wahr sein!« Angelika verlor für einen kurzen Moment die Fassung, derweil sich auf der milchig-weißen Haut ihres Dekolletés kleine rote Flecken bildeten.
»Von Krankheitseinsicht als erstem Schritt zur Genesung hast du vermutlich noch nie was gehört?«, trompetete Margot aus mit Luft und Nougatschokolade aufgepumpten Backen. Ihr dicker Hals schwabbelte dabei ganz fürchterlich. Die Sache mit der Krankheitseinsicht lag ihr sehr am Herzen. Sie konnte darüber stundenlang referieren.
»Ich bin nicht krank«, versuchte Kalle, sich zur Wehr zu setzen.
»Sondern?«
»Ich hatte eine schlechte Phase im vergangenen Jahr nach dem Unfall in Troisdorf. Scheint mir normal zu sein. Wäre euch ebenso gegangen.«
»Mag durchaus sein«, überlegte Lars laut. »Jedoch haben wir erkannt, dass unser übermäßiges Trinken krankhaft ist. Und nicht auf einen einzigen Grund oder Auslöser geschoben werden kann. Das ist der wesentliche Unterschied zu deiner Auffassung.«
»Mir völlig wurscht, wie ihr darüber denkt. Ich mache es so, wie ich es für richtig halte. Mit dieser Einstellung bin ich immer gut gefahren.«
….

»Ich würde vorschlagen, dass wir das Thema für heute beenden«, meldete ich mich zu Wort. »Karl-Heinz wird sich bis zum nächsten Mal die Frage stellen, ob er mit seinem aktuellen Trinkverhalten in einer Alkoholikergruppe richtig aufgehoben ist. Nützt ja nichts, wenn wir alle auf ihm rumhacken. Er muss selbst entscheiden, was für ihn der vernünftigste Weg ist.«
»Der Oberdiplomat hat gesprochen«, giftete Rolf, der mir meinen Ellbogencheck anscheinend übelnahm.
»Was soll der Kerl bei uns? Der gehört hier nicht hin. Von mir aus braucht er nicht wiederzukommen. Mit seiner laschen Einstellung stellt er eine Gefahr für sich und die labilen Gruppenmitglieder dar.« Lothar regte sich mit hochrotem Kopf immer noch auf und schaute Beifall heischend von links nach rechts. Allerdings applaudierte ihm niemand, einige blickten sogar beschämt nach unten auf den Boden.
Bevor Margot, die sich in diesen entscheidenden Minuten merkwürdig passiv verhielt und damit ihrer Funktion als Moderatorin in keiner Weise gerecht wurde, energisch einschreiten konnte, sprang Kalle zornbebend von seinem Stuhl auf, pfefferte eine Handvoll Erdnussflips auf den zerschlissenen Teppich, wo er sie mit der linken Schuhsohle zermahlte und schrie: »Ihr könnt mich alle kreuzweise. Mich seht ihr nie mehr wieder.« Daraufhin stürmte er zur Tür, knallte sie wütend hinter sich zu und lief schnurstracks zur Tankstelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo er sich mit einigen Dosen Bier eindeckte.
»Bravo. Das habt ihr super hinbekommen«, rief ich in Richtung Lothar und Rolf.
»Was ein kleines Stück Kirschtorte mitunter für Explosionen auslösen kann«, räsonierte der stille Lars und sprach damit das Schlusswort für den heutigen Abend.
….

Selbsthilfeangebote gibt es in jeder Stadt

Die Konversation zeigt, dass es bei den Treffen schnell ungemütlich werden kann, sobald ein Teilnehmer sich entweder als lernresistent erweist oder gar gegen den Kodex der Abstinenz verstößt. Natürlich können Rückfälle passieren und werden von der Gruppe auch verziehen; allerdings muss der Konsum dann offen zur Sprache gebracht und ehrlich bereut werden. Andernfalls drohen Szenen wie oben beschrieben.

Selbsthilfe für Suchtkranke wird von einigen Organisationen angeboten. Die bekanntesten heißen: Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler, Diakonie, Freundeskreise und Anonyme Alkoholiker. Insgesamt rund 7000 Gruppen mit circa 200.000 Besuchern. Das Prinzip lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Mitglieder schildern ihren Alltag, erzählen von ihren Sorgen und Erfolgen. Sie ermuntern sich gegenseitig, in dem Bemühen um Abstinenz nicht nachzulassen. Jeder spricht nur über sich, Zuhören ist wichtig, Vertraulichkeit wird garantiert. Die Treffen dauern in der Regel 90 Minuten, maximal zwei Stunden. Während sich Kreuzbund, Blaues, Kreuz, Guttempler etc. einzig in der Zusammensetzung der jeweiligen Teilnehmer unterscheiden – ansonsten vom Ablauf der Sitzungen her identisch sind -, hebt sich das Konzept der AA doch etwas ab. Hier sind keine Fragen an den Vortragenden erlaubt. Diese Vorgehensweise soll sicherstellen, dass niemand aufgrund befürchteter Kritik schweigt. Die Teilnehmer berichten deshalb sehr offen; das Prinzip des Nichtunterbrechens führt jedoch mitunter zu langen, ermüdenden Monologen. Jeder Neuling sollte anfangs ein paar SHGen testen, um die für ihn am besten geeignete herauszufiltern. Einen Sonderfall stellt die therapeutische Gruppe dar, die von einem Psychologen geleitet wird. Diese Variante ist allerdings gebührenpflichtig. Die Übernahme der Kosten kann bei der Krankenkasse beantragt werden.

Als Schlusssatz bleibt festzuhalten: wer es ernst meint mit der Abstinenz, besucht regelmäßig eine Selbsthilfegruppe.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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