Gesoffen wird immer (6)

Wer trocken werden will, muss sich von liebgewonnenen Angewohnheiten trennen und sein Leben von Grund auf umkrempeln

Absolvierte dreißig Entzüge & zwei Reha-Aufenthalte und besucht seit vielen Jahren regelmäßig Selbsthilfegruppen: Henning Hirsch

In der Geschlossenen

Kein Alkohol ist auch keine Lösung.
Campino

Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.
Erster Schritt der Anonymen Alkoholiker

»Ich will mit dem Trinken aufhören. Was kann ich tun?«, werde ich oft gefragt.
Einfache Antwort: »Tue es. Und zwar heute und endgültig.«
Aber natürlich ist es in 98% der Fälle nicht so einfach, und als Reaktionen ernte ich dann:
– »So dramatisch ist es bei mir jetzt auch wieder nicht. Ich habe die Sache schon im Griff.«
– »Heute noch nicht. Bin aktuell nicht so gut drauf. Aber kommende Woche werde ich es versuchen oder in 14 Tagen. Spätestens nächsten Monat.«
– »Mir schwebt eher eine vierwöchige Pause vor. Lebenslang finde ich doch übertrieben.«

In diesen Fällen zucke ich mit der Schulter, denke: was willst du nun eigentlich genau von mir wissen und sage: »Dann ist doch alles bestens. Du wirst das schon packen.« Jeder weitere Satz aus meinem Mund ist überflüssig und verschwendete Energie. Denn der Fragende will von mir ja bloß eine Bestätigung fürs Weitermachen hören. Für Alkoholiker gelten zwei harte Feststellungen:
(a) Sobald der erste Entzug unter ärztlicher Kontrolle absolviert werden muss, ist der Point of no return endgültig überschritten. Kontrolliertes Trinken ist von jetzt an nicht mehr möglich
(b) Je mehr Entgiftungen der Patient durchläuft, desto schwieriger gestaltet sich der Ausstieg.

Aus welcher Motivationslage heraus beschließt ein Säufer, dem Konsum ein für allemal abzuschwören? Wenn schon die Frage nach den Gründen fürs Trinken nur sehr schwer zu beantworten ist, ist es beim Stoppen nahezu unmöglich, ein Patentrezept aufzuzeigen. Aus meiner Beobachtung heraus lassen sich vier Alkoholikertypen unterscheiden:

(1) Begreift beim ersten Klinikaufenthalt, dass ihm bloß der komplette Absprung von der Droge hilft. Das sind diejenigen, die in den Selbsthilfegruppen von dreißig und mehr Jahren Trockensein berichten

(2) Ist sich des Problems zwar bewusst, experimentiert jedoch weiterhin jahrelang mit dem kontrollierten Konsum. Funktioniert nie, weshalb er immer wieder in der stationären Entgiftung landet. Ein sogenannter Drehtürpatient. Irgendwann wird allerdings auch ihm klar, dass er gegenüber dem Alkohol immer den Kürzeren ziehen wird und stoppt im letzten Moment

(3) Gibt sich bis zum bitteren Ende dem Irrglauben hin, dass er alles steuern kann

(4) Erkennt, dass der Kampf gegen den Alkohol nicht zu gewinnen ist, hat aber schon jegliche Hoffnung fahren lassen und hofft bloß noch auf einen gnädigen Tod.

(3) und (4) sind verloren. Selbst wenn man diese Menschen ein Jahr wegsperrt, wird das an ihrem Durst nichts ändern. Bereits an Tag 1 in Freiheit trinken sie. Eine Woche später wird der nächste Entzug notwendig.

Typ 2 ist häufig anzutreffen. Was also muss passieren, damit er im letzten Moment die Reißleine zieht und nicht in Gruppe 3 oder 4 abdriftet?

Ich habe dazu vor einigen Jahren eine Reihe von Kurzgeschichten zu Papier gebracht, die mit „In der Geschlossenen“ überschrieben waren. Hier eine Passage aus Folge 7:

Monotonie des klinischen Entzugs

Einige Wochen lang hatte ich mich draußen in Freiheit gehalten. Dann der nächste Rückfall. Dieses Mal mit Umweg über eine der Intensivstationen in unserer Stadt. Viele Schläuche, blinkende Lampen, ein ständiges Gepiepse der Apparaturen, das im Viertelstundentakt gleichmäßige An- und Abschwellen des Blutdruckmessgeräts. Herzrasen, Schweißausbrüche, hämmernde Kopfschmerzen, Harnkatheter, literweise Infusionen. Zehntagesbart, der mir von einer freundlichen Krankenschwester abrasiert wurde. Mediziner, die mich besorgt betrachteten und Vermerke in die Akte hineinschrieben. Die übliche Prozedur. Ich kannte und hasste sie. Komplette zweiundsiebzig Stunden. Vor meiner Überweisung in die Suchtklinik noch der warnende Hinweis des Oberarztes: »Wenn Sie nicht damit aufhören, werden Sie das Jahresende nicht mehr erleben.« Ich quittierte es mit einem Kopfnicken. Was hätte ich auch großartig erwidern sollen?

In der geschlossenen Abteilung zahlreiche neue Gesichter. Ich kannte kaum noch jemanden. Die alte Garde war entweder dement oder tot. Rolf war wieder hier. Jetzt im Rollstuhl. Immer mehr Russen. Wo die bloß alle herkamen? Einige sehr aggressiv. Pöbeleien an die Adresse des Personals, Schlägereien im Essensraum. Die Pfleger fixierten den ein oder anderen, verabreichten starke Beruhigungsmedikamente. Hin und wieder flogen Tabletts durch den Raum. Zumeist von Junkies geschmissen, die sehnsüchtig auf ihre Ration Methadon warteten. Das mussten schlimme Entzugsschmerzen sein. Dagegen war eine Alkoholentgiftung wahrscheinlich Pillepalle. Und die war schon heftig genug. Ich hatte das alles schon so oft gesehen. Mein Gefühl schwankte dieses Mal zwischen Abgestumpftheit und Langeweile. Es fehlte nicht viel, und ich hätte mich mit einem der Typen aus Kasachstan geprügelt. Schwester Veronika hielt mich im letzten Moment davon ab. Ich hatte die Schnauze echt gestrichen voll von der Abteilung.

An unserem Tisch saß Bodo. Polytox, schluckte und spritzte alles, was er in die Finger bekam. Hauptsächlich Schore. AIDS im Endstadium. Wohl wegen verdreckter Nadeln. War kein schöner Anblick. Bei den Mahlzeiten blickte ich stumm auf meinen Teller. Vermied es, ihn dabei anzuschauen. Ansonsten hätte mir mein Essen nicht mehr geschmeckt. Er sollte in einigen Tagen in ein Sterbehospiz überführt werden. Neben ihm ein anderer Fixer mit aufgeblähtem Bauch dick wie ein Medizinball. Leberzirrhose in der finalen Phase. Obwohl ich das alles häufig erlebt hatte, drückte die Klinikatmosphäre bei diesem Aufenthalt doch merklich auf meine Stimmung. Das konnte es auf Dauer nicht sein.

Frustration und Sorge vor dem nahenden Tod

Aufenthaltsraum. 15.20.
»Tim, du schaust so schlecht gelaunt in der Gegend herum. Ist dir was aufs Gemüt geschlagen?«
»Ja, irgendwie fühle ich mich dieses Mal nicht wohl hier, Rolf.«
»Ist natürlich kein Fünfsternehotel hier mit Frühstücksbuffet für den verwöhnten Herrn.«
»Das ist es nicht. Mich nervt alles. Die Station, das Eingeschlossensein, die immer blöder werdenden Patienten, dieses Rein und Raus. Die Spirale abwärts, die sich immer schneller dreht.«
»Kann ich verstehen. Geht auch mir manchmal so. In diesen Momenten musst du an was Positives denken.«
»An was denn zum Beispiel, Klugscheißer?«
»Wie wär’s mit Schwester Veronika? Ihr mögt euch doch ganz gerne. Heitert dich denn deren Anblick nicht ein bisschen auf?«
»Rolf, ich schaue ihr hier auf ihren knackigen Arsch. Veronika bemerkt es, und ihr gefällt es. Aber meinst du, draußen dürfte ich ihr auch nur die Hand schütteln? Die würde die Straßenseite wechseln, wenn sie mich sieht. Als ob die im realen Leben was mit einem Alkoholiker zu tun haben möchte. In der Station ist es okay für sie. Das ist schließlich ihr Job.«
»Und das verursacht dir Bauchschmerzen?«
»Ich habe den Zustand akzeptiert. Gefallen tut er mir trotzdem nicht.«
»Ist nicht einfach für uns Alkis in Freiheit. Manchmal glaube ich, der einzige Ort, an dem wir halbwegs akzeptiert werden, ist diese Station.

[drei Seiten später]
»Ist schon hart, wenn du weißt, dass in ein paar Tagen alles vorbei ist. Da haben wir als Alkis es eventuell besser getroffen. Wir fallen im Suff vom Balkon runter. Bums aus. Wir müssen uns aber vorher nicht damit beschäftigen, dass es in naher Zukunft geschehen wird. Das ist schon ein Unterschied.«
»Und letztlich hat Bodo sich das Leid ja selber zugefügt. Hat ihn ja keiner zu gezwungen, zu spritzen.«
»Das ist aber doch bei uns dasselbe, Rolf. Auch wir trinken freiwillig. Zumindest wirft unser Umfeld genau das uns vor. Hätten wir Krebs, Diabetes, Ebola oder Fleckfieber. Bei jeder dieser Krankheiten hast du das Mitgefühl deiner Verwandten. Bei Sucht hingegen? Da spucken sie dir ins Gesicht und sagen: ‚Du bist zu schwach. Hast nicht genug Willen. ’ Oder gar: ‚Du willst sowieso nichts an deinem Leben ändern. «
»Und falls das stimmen sollte; was dann?«
»Wer von uns Hardcoresäufern hat wirklich Bock darauf,, alle vier Wochen in einer Intensivstation aufzuwachen? Oder wie du im Rollstuhl zu sitzen? Der Spaßfaktor mit der Droge ist uns doch bereits vor langer Zeit abhandengekommen. Wir spielen Russisch Roulette. Irgendwann wird die Kugel uns treffen. Ist nur eine Frage der Zeit.«
»Hast du eine Lösung parat, Tim?«
»Wer von uns hat die schon? Entweder bringe ich es mit Anstand hinter mich. Setze mich mit einem Kasten Bier und sechs Flaschen Wodka abends an den Fluss und saufe mich dort zu Tode. Aber alleine. Oder ich muss komplett aufhören. Kontrolliertes Trinken funktioniert nicht. Habe ich oft genug ausprobiert.«
»Kein einziges Glas Bier mehr? Und das lebenslang? Klingt unrealistisch; das weißt du?«
»Die Abstinenz ist ein Vierundzwanzigstundengeschäft. Man kann froh sein über jeden Tag, an dem man es packt. Ich werd’s versuchen.«

Rolf sah mich an wie einen armen Irren. Mir war’s egal. Ich hatte die Geschlossene einfach satt.
…….

Abschiednehmen von liebgewordenen Angewohnheiten

Sobald man körperlich entgiftet hat – was natürlich in Abhängigkeit von der vorherigen Dosis unterschiedlich lange dauern kann –, ist der Rest Kopfsache. Da der Alkoholiker nicht auf eine kurze Drogenkarriere, sondern im Normalfall zwei, drei Jahrzehnte Substanzmissbrauch zurückblickt, steht er allerdings vor dem Problem, dass er sich sein Leben ohne Bier, Wein und Wodka beim besten Willen nicht vorstellen kann. Denn alles, was er bisher getan hat, ist mit dem Stoff eng verwoben. Er schläft unter Alkoholeinfluss, beruhigt sich mit Schnaps, bringt sich mit Cognac in Schwung, kippt vor dem Sex vier Rum Cola, fühlt sich abends in Gesellschaft bloß noch ü2 Promille wohl, trinkt abends, während er sich mit einem Gedichtband von Rilke entspannt, einen halben Kasten Bitburger Die letzten Bastionen bilden oft Büro und Sportstudio. Sobald auch die geschleift sind, der Flachmann immer griffbereit unterm Schreibtisch bereit steht, bestimmen der Alk und dessen Beschaffung 24/ 7 den Lebensrhythmus, aus dem er nun nicht mehr wegzudenken ist. Abstinenz bedeutet dann, all diese Aktivitäten von der Droge zu entkoppeln. Der erste Streit mit dem Partner, ohne sich vorher Mut anzutrinken. Liebeskummer, der nicht in einem Hektoliter Whiskey ertränkt wird, Sex ohne vorher drei Bloody Mary als Aphrodisiakum einzuwerfen. Das ist anfangs wirklich schwierig, für viele Abhängige leider unmöglich.

Zwischendurch stellt der Süchtige unterschwellig immer mal wieder eine Bilanz auf: welchen Vorteil bringt mir der Konsum, welche Nachteile habe ich davon? Während es für die Frühaussteiger reicht, wenn sich die Waage leicht ins Negative neigt, muss sie für den Harcdore-Trinker schon beinahe die Tischplatte berühren, bevor er den Ausstieg als lohnenswerte Möglichkeit ins Kalkül zieht. Erst, wenn der Rausch keinerlei Genuss mehr erzeugt, sondern sofort ins Komatöse abgleitet, der Süchtige die Abstürze jedes Mal mit sehr schmerzhaften Entzügen bezahlen muss, wird der Prozess des Umdenkens einsetzen. Manche benötigen Reanimationsmaßnahmen auf der Intensivstation und Warnhinweise à la „das nächste Saufgelage überleben Sie nicht“, um zur Vernunft zu kommen. Wobei Vernunft, Intelligenz und Willen nur Teilaspekte des berühmten „es muss klick machen“ bilden. Manchmal lautet die Triebfeder für den Ausstieg auch ganz banal: ich habe keinen Bock mehr auf den Wahnsinn.

Im nächsten Teil wird der Frage nachgegangen: was sollte man tun – und was lässt man besser sein –, um das erste Jahr der Abstinenz tatsächlich trocken zu überstehen?

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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