Gesoffen wird immer (5)

Im fünften Teil von „Gesoffen wird immer“ geht es um häusliche Gewalt.

Absolvierte dreißig Entzüge & zwei Reha-Aufenthalte und besucht seit vielen Jahren regelmäßig Selbsthilfegruppen: Henning Hirsch

»Das System, in dem wir leben, trägt die Überschrift: Verlogenheit«, sagte Brick. »Schnaps heißt der eine Ausweg und Tod der andere«, fuhr er fort.
(
Tennessee Williams: Die Katze auf dem heißen Blechdach)

Blaue Augen

Die Extremform der Co-Abhängigkeit besteht im Erdulden häuslicher Gewalt. Circa ein Zehntel der weiblichen Patienten in Suchtkliniken wird mit Hämatomen eingeliefert. Ein Teil der Opfer findet den Weg ins Krankenhaus alleine, andere werden von Freundinnen begleitet, in schlimmen Fällen eskortiert von Polizei. Nun läuft folgende Dramaturgie ab: am ersten Tag schütten die Frauen ihr Herz aus. Die traurige Geschichte der andauernden Prügelorgie wird Ärzten, Pflegepersonal und Mitpatienten erzählt. 24 Stunden später, wenn der erste Schock abflaut, gibt’s die Story bereits in abgemilderter Version zu hören: »Na ja, so schlimm, wie es gestern aussah, war es dann doch nicht. Jupp – mein Mann – ist eigentlich ein herzensguter Kerl. Ihm rutscht halt hin und wieder die Hand aus«. An Tag 3 dann die 180°-Wende: »Ich bin eigenverschuldet die Treppe runtergefallen«. Zwei Stunden später sitzt Jupp händchenhaltend mit der nach wie vor arg lädiert aussehenden Lebensgefährtin im Aufenthaltsraum und hat ihr als Wiedergutmachungspräsent ein Stück Käsekuchen mitgebracht. Nachdem mich die Berichte anfangs fassungslos zurückließen, gewöhnte ich mich mit der Zeit daran und begriff, warum Staatsanwaltschaft, Psychologen und Sozialarbeitern im Falle der unterbleibenden Strafanzeige die Hände weitgehend gebunden sind.

Ein literarischer Gewaltexkurs

In einer Kurzgeschichte mit dem Titel „Blaue Augen“ schildere ich die Unterhaltung zwischen meinem Protagonisten Tim und seiner Klinikbekannten Manu, die an einem Freitagabend überraschend bei ihm in der Wohnung aufkreuzt:

Es klingelte. Ich öffnete. Manu stand in der Tür. Mit dunkler Sonnenbrille.
»Tim, kann ich reinkommen?«
»Warum?«
»Frag nicht so viel. Lass mich rein. Bitte.«
»Aber nur für fünf Minuten. Ich hab’s eilig. Bin auf dem Sprung zum Fußball.«
»Bist du sauer auf mich?«
»Nein.«
»Hörst dich aber so an.«
»Manu, was willst du?«
»Nur kurz rein zu dir und ein bisschen unterhalten. Mehr nicht. Ich schwör’s. Ich brauche jetzt aber jemanden zum Reden. Und da wollte ich zu dir.«
»Ich bin nicht dein Psychiater.«
»Nein, bist du nicht. Leider. Mein Psychologe ist nämlich ein kompletter Idiot.«
»Warum? Was macht der falsch?«
»Der will mich flachlegen.«
»Klar, was auch sonst? Und der unterhält sich nicht mit dir?«
»Nein, starrt mir bloß in den Ausschnitt.«
»Für zweihundert Euro die Stunde. Das ist schnell verdientes Geld.«
»Tim, Dieter hat mich verprügelt.«
»Hab‘ ich mir gedacht.«
»Wie kannst du das wissen?«
»Du trägst eine Sonnenbrille mit Gläsern so groß wie Suppenteller. Was soll sich darunter schon verbergen?«
»Tim, was soll ich machen?«
»Dich von dem Arschloch trennen.«
»Ich zieh zu dir. Ist das in Ordnung für Dich?«
»Nein.«
»Nur für zwei Nächte. Dann bin ich wieder weg. Versprochen.«
»Nein. Die fünf Minuten sind um.«
»Du wirst mich jetzt aber nicht rauswerfen?«
»Wenn du nicht von selber gehst: Doch.«
»Du würdest das tatsächlich tun. Das hätte ich nun wirklich nicht von dir gedacht.«

Manu ließ sich in meinen blauen Sessel fallen, öffnete ihre braune Lederhandtasche und fingerte solange darin herum, bis sie ihre Zigaretten fand.

»Hast du einen Aschenbecher für mich? Ich rauch‘ noch eine. Dann haue ich wieder ab.«
»Wirst du sowieso nicht machen. Hier, nimm die Kaffeetasse und asch nicht auf den Teppich.«
»Du musst mir helfen.«
»Weshalb? Ich bin nicht dein Vater.«
»Du bist der Einzige, an den ich mich wenden kann.«
»Manu, du kennst aktuell mindestens fünfhundert Männer. Mit vierhundert von denen warst du in der Kiste. Warum ausgerechnet ich?«
»Du hast auch mit mir geschlafen. Kannst du dich da nicht mehr dran entsinnen?«
»Und ob ich das kann. Und – das sind keine schönen Erinnerungen.«
»War doch super Sex mit uns beiden.«
»Am ersten Abend vielleicht. In der zweiten Nacht schon nicht mehr.«
»Nun hab dich mal nicht so. Ist doch alles Schnee von gestern. Die paar Stunden im Knast, die haben dich doch nicht umgebracht.«
»Das nicht. Ich lebe ja noch. Aber ich will da nicht wieder hin.«
»Sollst du ja auch gar nicht. Ich will hier bei dir bleiben und mit dir reden.«
»Manu, da wo du bist, sind die Bullen nie weit. Du ziehst das Unglück an wie ein faules Stück Fleisch die Schmeißfliegen.«
»Jetzt übertreibst du aber. So schlimm bin ich doch gar nicht. Hast du was zu trinken?«

»Nein.«
»DU hast nichts im Haus? Ist ja ganz was Neues. Seit wann denn das?«
»Knapp vier Wochen.«
»Ist deine Leber kaputt? Wer hat dir denn dazu geraten?«
»Mein Psychologe hat mir den Tipp gegeben. Wir unterhalten uns eben. Anstatt uns gegenseitig zu begrapschen.«
»Ich brauch unbedingt was zu trinken. Komm, besorg mir was. Sonst klapp ich hier gleich zusammen.«

Manu sah wirklich nicht gut aus. Grün und blau geschlagen und entzügig. Ich war in leichter Sorge, dass sie tatsächlich vom Sessel kippen könnte.

(…)

Als ich in meine Wohnung zurückkam, räkelte sich Manu nackt auf der Couch und drückte ihre Zigarette in der Tasse aus.
»Zieh dich an.«
»Mir ist heiß.«
»Dann geh duschen.«

»Gefall ich dir nicht mehr?«
»Nein.«
»Letztes Jahr hast du Nutella von meinen Oberschenkeln abgeleckt.«
»Da war ich betrunken. Und jetzt geh entweder ins Bad, oder ich schmeiß dich raus.«
»Ich habe nichts an.«
»Dein Problem. Ich werf dir die Klamotten aus dem Fenster hinterher. Kannst du unten vor der Haustür einsammeln.«
»Du bist ein elender Scheißkerl.«
»Ich bring dich ins Krankenhaus.«
»Nein. Auf keinen Fall. Was soll ich dort?«
»Du bist von oben bis unten mit Hämatomen übersät. Was hat der Schwachkopf mit dir angestellt? Dich erst verprügelt und dann die Treppe runter geworfen?«

Manu begann zu weinen. Ihr zarter Körper vibrierte wie ein auf lautlos geschaltetes Mobiltelefon. Sie zog ihre hochhakigen Stiefel an. Der Rest blieb nackt. Sie wurde wieder ruhig.
»Hatte dein Nachbar was da?«
»Ja. Wein. Mache ich dir auf.«
»Das ist nett von dir. Meinst du, ich kann ihn nach Valium fragen?«
»Patrick? Nein. So ein Zeug nimmt der nicht.«
»Verflucht. Ich könnte ein paar Pillen vertragen.«
»Du hast doch heute bestimmt schon dreißig Benzos geschluckt. Hör auf damit. Sonst müssen sie dir nachher noch den Magen auspumpen. Bleib beim Wein.«

»Tim, was soll ich machen?«
»Zur Polizei gehen. Ihn anzeigen, das Schwein.«
»Er ist mein Mann.«
»Das macht’s nicht besser.«
»Das kann ich nicht alleine.«
»Ich begleite dich.«
»Das würdest du tatsächlich tun? Du bist süß. Aber nicht mehr heute. Morgen. Versprochen. Lass uns jetzt erst mal einen schönen Abend machen.«
»Nein. Du wirst hier nicht pennen.«
»Wo soll ich denn hin?«
»Ich bringe dich ins Frauenhaus.«
»Was soll ich da?«
»Schlafen. Dich mit Profis unterhalten. Zur Ruhe kommen.«
»Aber da sind doch nur Weiber.«
»Nennt sich ja auch Frauenhaus. Männer haben dort keinen Zutritt. Die wissen schon warum.«
»Da gehe ich auf keinen Fall hin.«
»So schlimm ist es nicht. Ruth und Isabella waren im letzten Jahr für einige Zeit dort untergekommen. Komplette Kontaktsperre zu ihren Partnern. Kinder durften sie aber mitbringen. Hat den beiden gut getan.«
»Ruth? Die Ruth, die ich auch kenne?«
»Ja, genau die.«
»Und der hat es da gefallen?«
»Es war okay für sie. Auf jeden Fall besser als bei ihrem prügelnden Verlobten.«
»Ich will da trotzdem nicht hin.«
»Dann wird’s heute Abend eng für dich. Bliebe noch die Klinik. Sonst die Parkbank.«

»Klinik wär besser.«
»Weil du da alle kennst. Von mir aus. Dann begleite ich dich eben in die Klinik.«

(…)

»Manu, versteh doch endlich. Es gibt zwei Personen, vor denen man dich retten muss: deinen vollkommen durchgedrehten Mann. Denn sonst schlägt der dich eines Tages im Wahn wirklich tot. Und vor dir selber. Du brauchst unbedingt eine Therapie.«
»Dieter liebt mich abgöttisch. Das weiß ich.«
»Was ist das für eine Scheißliebe, wenn man zweimal die Woche krankenhausreif geschlagen wird?«
»Ich kann mich jederzeit von ihm trennen«
»Das höre ich gerne. Dann bringe ich dich jetzt sofort in die Klinik und sage denen, dass sie den Schwachkopf auf keinen Fall zu dir lassen sollen.«

(…)

Manus Handy klingelte. Sie nestelte es aus ihrer Handtasche heraus. Die Asche ihrer mittlerweile vierten Zigarette fiel auf das Kissen und brannte ein kleines Loch hinein.

»Es tut dir wirklich leid? … Und du liebst mich? … Ja, bei Tim. Nein, der ist kein Arschloch. Wir haben uns bloß unterhalten … In einer halben Stunde. Gut. Ich liebe dich auch«. Manu legte auf.
»Tim, das war …«
»… dein zugedröhnter Mann. Hab’s mitbekommen.«
»Er hat gesagt, dass es ihm leid tut.«
»Und, das reicht dir?«
»Er liebt mich.«
»Nimm deine Klamotten mit und warte draußen auf ihn. Ich will die Kakerlake nicht in meiner Wohnung haben. Sonst laufe ich mit seinem Kopf gegen die Wand, damit er sieht, wie weh das tut.«
»Tim, warum bist du jetzt böse auf mich? Ich habe dir doch nichts getan.«
»Weil es einfach sinnlos ist. Eher überzeuge ich einen Junkie davon, sich die Nadel aus dem Arm zu ziehen als dich, diesem räudigen Typen endlich den Laufpass zu geben. Aber, was rede ich nur mit dir? Da haben sich Dutzende von Ärzten und Psychologen schon den Mund fusselig geredet. Ich hatte dich im vergangenen Jahr auf Knien gebeten, dich von dem Schwein zu trennen. Mit dem Resultat, dass ich eine Nacht in den Bau wanderte und der aggressive Vogel nach wie vor auf freiem Fuß ist«
»Ich hab’s am nächsten Tag bei den Bullen richtig gestellt.«
»Am Tag danach. Du sagst es. Aber eben nicht in dem Moment, in dem es drauf ankam.«
»Tim, ich muss jetzt gehen. Dieter kommt gleich. War schön bei dir. Ich ruf dich die Tage an.«
»Bloß nicht.«

(…)

Die Geschichte mag sich für den Laien übertrieben anhören. Derjenige, der mit drogenbedingter Gewalt konfrontiert wurde, weiß, dass es sich so und teils noch schlimmer abspielt.

Fünf Indikatoren

Die Rollen in dieser Tragödie sind klar verteilt: Mann prügelt, Frau erduldet. Die umgekehrte Variante existiert zwar ebenfalls, ist aber nur SEHR selten anzutreffen. Alkoholisierte Frauen neigen eher zu verbaler denn zu körperlicher Gewaltanwendung.

Psychologen weisen auf fünf Frühindikatoren möglicher später folgender häuslicher Gewalt hin:
(a) Generelle Einstellung: Partner äußert sich häufig respektlos und herablassend über Frauen
(b) Eifersucht: harmlose Flirts werden zu Staatsaffären aufgebauscht
(c) Kontrollwahn: er will – bis ins Detail hinein – für sie entscheiden, über alles informiert werden
(d) Isolation: er separiert die Partnerin von Familie, Freunden und Arbeitskollegen
(e) Gewalt gegenüber Sachen: wenn er zornig wird, zerstört er Einrichtungsgegenstände u.ä. Will sie durch dieses Verhalten einschüchtern.

Die Droge ist dann bloß noch der Brandbeschleuniger, um die angestaute Wut explodieren zu lassen und in physische Gewalt zu verwandeln. Stereotype Entschuldigungsmuster am Tag danach:
• Ich hatte zu viel getrunken. Nüchtern passiert mir das nicht
• Jetzt übertreibst du aber. So schlimm war das gestern doch gar nicht
• Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern.

Das Problem zeigt sich allerdings mehrschichtig. Vereinfacht ausgedrückt kann man drei Opfertypen unterscheiden:
(1) ist sich darüber im Klaren, dass häusliche Gewalt ein wiederkehrendes Phänomen darstellt, es bei nächster Gelegenheit erneut passieren wird und sucht aktiv nach einem Ausweg
(2) wie (1) allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass aufgrund falsch verstandener Loyalität und/ oder Sorge vor dem finanziellen Absturz der Verbleib in der Beziehung als das geringere Übel angesehen wird. Oft auch Angst davor, dass der verlassene Partner nun  richtig aufdreht
(3) hat die Gewalt akzeptiert und entwickelt ihrerseits unter Alkoholeinfluss sogar den Wunsch, periodisch verprügelt zu werden.

Externe Unterstützung ist für die Gruppen (2) und (3) nur sehr schwer möglich, weshalb diese Frauen mit steter Regelmäßigkeit in den Kliniken aufschlagen.

Kompetente Hilfe findet man hier (Liste nicht abschließend):
– Frauenberatungsstellen, Frauenhäuser
– Opferschutzbeauftragte der Polizei
– Opferhilfe, bspw. Weisser Ring
– Sozialdienst kath. Frauen
– Hilfetelefon: 08000-116016, www.hilfetelefon.de

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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