Gesoffen wird immer (4)

Im vierten Teil von Henning Hirschs Alkohol-Serie geht es um Co-Abhängigkeit

Absolvierte dreißig Entzüge & zwei Reha-Aufenthalte und besucht seit vielen Jahren regelmäßig Selbsthilfegruppen: Henning Hirsch

Alkohol dezimierte die Arbeiterklasse und tötete so viele gute Männer.
(
Martin Scorsese)

Auf Anregung einer Kommentatorin folgt nun ein kleiner Schwenk hin zum Thema „Co-Abhängige(r)“. Die wissenschaftliche Definition für dieses Phänomen lautet: Bezugsperson eines Abhängigen, die durch ihr Verhalten – aktives Tun und/ oder Unterlassen – die Sucht des Erkrankten zusätzlich fördert und darüber hinaus unter der Situation leidet. Dies kann im Extremfall soweit gehen, dass der Co-Abhängige selbst süchtig wird.

Welcher Patient kennt sie nicht: die Ehefrauen, teils mit Hämatomen übersät, die ihre saufenden Männer in der Klinik besuchen und ihnen dort tränenreich verzeihen, anstatt wortlos die Adresse des Scheidungsanwalts zu übermitteln und wieder zu gehen? Ich habe mich anfangs oft gefragt: Warum tun die das? Weshalb versauen sich diese Frauen ihr Leben mit einem trinkenden, prügelnden und offenkundig therapieunwilligen Kerl? Welche Stufe des Masochismus muss man erreicht haben, um sich diesem Psychoterror freiwillig jahrelang auszusetzen? Eine mögliche Antwort versuche ich mit einem Auszug aus einer meiner Kurzgeschichten zu geben: Tod eines Prokuristen. Ihn taufte ich auf den Namen: Klaus.

Tod eines Prokuristen

(…) Klaus gehörte zu den wenigen, die täglich Besuch in der Station erhielten. Zwar einzig von seiner Frau, aber immerhin. Die meisten von uns hatten sich damit abgefunden, die Entzüge mutterseelenalleine durchzuziehen. Verwandte und Freunde hatten sich spätestens nach der zehnten Entgiftung abgewandt. Manche gewöhnten sich im Laufe der Zeit an ihr Dasein als Eremit, genossen es sogar; andere hingegen kamen mit der Einsamkeit überhaupt nicht zurecht und fühlten sich mies, wenn sie Klaus und sein Eheglück beobachten mussten. Auch Dante wurde zweimal am Tag von seiner Lebenspartnerin mit frischen Lebensmitteln beliefert, da er als Gourmet den Klinikfraß kategorisch ablehnte. Allerdings schimpfte sie oft mit ihm und schalt ihn vor uns allen einen üblen Trunkenbold, weshalb mir diese Szene glaubwürdiger erschien als das Händchenhalten und Wispern von Klaus und Hedwig.

»Was ist das für eine Beziehung, die du führst?«, hatte ich mich an einem verregneten Abend im vergangenen November bei ihm erkundigt.
»Sehr harmonisch. Wir lieben uns.«
»Trinkt deine Frau?«
»Keinen Tropfen.« Klaus schüttelte verneinend den Kopf.
»Und erträgt stoisch deine vielen Rückfälle? Das macht doch niemand auf Dauer mit. Es sei denn, sie hat einen an der Klatsche.« Im Moment, als ich den Satz aussprach, tat er mir schon wieder leid. Ich wollte Klaus und seine Frau nicht beleidigen.
»Wir würden füreinander sterben.« Er strahlte mich auf eine Art an, die mich für einige Sekunden an seinem Geisteszustand zweifeln ließ.
»Natürlich. Das ist des Rätsels Lösung.« Ich stand auf, um mir im Essensraum einen Hagebuttentee zu organisieren.

(…) Klaus war seit zehn Jahren impotent. Angeblich wegen einer irreparablen Verkrümmung des Urogenitaltrakts. Hatte er mir beim letzten Mal in der Klinik unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt. Da Dante mir die Story bereits berichtet hatte, konnte die Sache nicht ganz so vertraulich sein, wie Klaus mich glauben machen wollte. Dante meinte dazu, dass Klaus deswegen keinen mehr hochkriegen würde, weil er zu viel gesoffen hätte. Ihm und vielen anderen ginge es genauso. Mir lief es heiß und kalt den Rücken runter. Auch bei mir stellte ich seit einiger Zeit einen drastischen Rückgang meines Verlangens nach Sex fest. Hatte mir jedoch über die Ursachen bisher keine großen Gedanken gemacht. Sobald ich hier raus bin, verbringe ich eine Nacht im Puff und teste meine Funktionsfähigkeit, nahm ich mir vor. Erektionsschwäche hätte mir zu all meinen Geld- und Beziehungsproblemen gerade noch gefehlt. Ist ein guter Grund, um endgültig einen Schlussstrich unter die Scheißtrinkerei zu ziehen, überlegte ich. Und trotzdem blieb Hedwig bei ihm. Weshalb? Es gelang mir beim besten Willen nicht, mir darauf einen Reim zu machen.

(…) Als ich vor vierzehn Tagen das erste Mal bei Klaus nach dem Rechten sah, fläzte der sich volltrunken auf der Wohnzimmercouch. Hedwig stand daneben und betrachtete ihn stumm.
»Pack deine Sachen. Ich bringe dich in die Klinik«, sagte ich.
»Nein«, erwiderte er mit schwerer Stimme.
»Warum nicht? Du bist sternhagelvoll und musst entgiften.«
»Ich habe alles unter Kontrolle.«
»Einen Scheißdreck hast du. Steh jetzt auf und komm mit!«
»Nein!«
Ich blickte Hedwig an; die meinte: »Immer dasselbe Trauerspiel mit ihm. Er ist nicht einsichtig. Ich habe bereits den Hausarzt informiert.«
»Dann warte ich eben auf den. Habe heute keine Eile.« Ich setzte mich zu ihr in die Küche und trank eine Tasse Cappuccino aus ihrer neuen, sündhaft teuren Kaffeemaschine.

(…) »Was soll ich bloß unternehmen, Tim?«, fragte sie mich eine Stunde später, als sich der Spuk wieder aufgelöst hatte.
»Keine Ahnung. Ihr liebt euch doch. Also musst du diese Kröte wahrscheinlich schlucken.«
»Nein, ich liebe dieses egoistische Arschloch schon seit vielen Jahren nicht mehr«, schrie sie nahezu hysterisch.
»Warum seid ihr dann immer noch zusammen?«
»Weil wir nicht voneinander loskommen.« Hedwig sprang vom Stuhl auf, knallte die Tür zu und lief in den Nachbarraum, wo ich sie hemmungslos schluchzen hörte.
»Morgen wechsele ich die Schlösser aus und sage ihm, er soll sich eine eigene Bude suchen. Mir reicht es ein für allemal«, redete sie laut. Vermutlich telefonierte sie mit einer Freundin.

(…)

»Und du hast die Schlösser nicht ausgetauscht?«
»Nein. Habe ich nicht übers Herz gebracht. Er hat nach seiner Rückkehr furchtbar getobt, weil ich so überreagiert hätte. Mit dir darf ich nicht mehr reden, weil du ihn an die Sanitäter verraten hast.«

(…)

»Er riecht komisch. Eine Mischung aus Pisse und Eukalyptus. Was ist das?«
»Dieses Zeug hier.« Hedwig hielt mir eine grüne Plastikflasche vors Gesicht.
»Einreibelotion für Pferde. Enthält zwölf Prozent Alkohol«, entzifferte ich. »Die trinkt er?« Mann, was musste Klaus für mordsmäßigen Saufdruck verspüren, dass er solch einen Dreck runterwürgte.

(…)

Ein willkommener Genickbruch

Die Geschichte endet so: Klaus, der sich nach fünfzig stationären Entgiftungen standhaft weigert, jemals wieder ein Krankenhaus zu betreten, will sich zu Hause in Ruhe totsaufen. Kurz bevor Hedwig einen richterlichen Beschluss auf Einweisung bewirkt, stürzt er auf der Suche nach versteckten Alkoholvorräten die Kellertreppe hinunter und bricht sich das Genick. Hedwig trauert kurz, angelt sich einen nicht-trinkenden Kollegen von Klaus, zieht zu dem in den Nachbarort und ist mit dem zweiten Prokuristen seitdem glücklich liiert.

Woran erkennt man, in welchem Stadium der Co-Abhängige sich befindet? Diese seelische Erkrankung – denn um eine solche handelt es sich – wird in drei Phasen eingeteilt:

(1) Nachsicht
• Verständnis für vieles Trinken
• Zuwendung durch Aufmerksamkeit und Mitgefühl
• Verdrängung der Realität
• Ermunterung zu Selbstdisziplin: »Versuch, einen Abend nichts zu trinken«
• Empfehlungen: »Geh doch mal zum Psychologen und rede mit dem«
(2) Vertuschen
Trinken wird zugedeckt und vor Nachbarn/ Verwandten verheimlicht
• Aufgaben des Abhängigen werden übernommen: Einkaufen, Hausarbeit, Behördenbesuche etc.)
• Uferlose Diskussionen mit dem Trinker, die allerdings jedes Mal ohne konkretes Ergebnis enden
(3) Überwachung
• Beobachten und kontrollieren
• Isolierung und Ausgrenzung
• Aggressionen
• Verachtung

Nur wenigen gelingt der letzte Schritt: Verlassen/ Auszug, Scheidung.

Je länger der Partner die Trinkexzesse toleriert, desto schwieriger wird es, die Geisterbahnfahrt aus eigener Kraft zu stoppen. Hätte Klaus sich nicht freundlicherweise das Genick gebrochen, lebte Hedwig mit hoher Wahrscheinlichkeit heute noch mit ihm unter einem Dach. Zwar kreuzunglücklich, aber sie täte es. Denn auch an den Zustand der Co-Abhängigkeit kann man sich gewöhnen.

Was sollte man vernünftigerweise tun, um Schaden von sich selbst – und Kindern, die es ja auch oft gibt – abzuwenden? Spätestens zum Zeitpunkt der Weigerung, sich mit einem Psychologen über das Problem auszutauschen, muss mit Konsequenzen gedroht werden: »ICH ziehe aus und nehme die Kleinen mit«. Den Trinker aus dem Haus zu bekommen, gestaltet sich zumeist schwierig. Er/ sie wird es nicht einsehen, ständig anrufen, vor der Tür stehen bis hin zum Stalking. Mitleid ist das falsche Rezept. Er kann gegensteuern, den Konsum reduzieren (besser: komplett stoppen), ärztlichen Rat einholen, sich in therapeutische Behandlung begeben. Falls er das selbständig nicht auf die Reihe kriegt, existieren zwei Erklärungsansätze für das Versagen: entweder will er nicht, oder die Krankheit ist bereits so weit fortgeschritten, dass es ihm nicht mehr möglich ist, auf die Bremse zu treten. Im zweiten Fall hilft eh nur ein Entzug mit professioneller Unterstützung, der jedoch nur dann erfolgreich sein wird, wenn sich Reha und der Besuch einer Selbsthilfegruppe anschließen.

Die falsche Herangehensweise ist es, dem Trinker ein schönes Zuhause anzubieten, wo er sich jeden Abend gemütlich volllaufen lassen kann. Das bisschen Stress am nächsten Morgen, »boh, was warst du gestern wieder betrunken. Denk doch auch mal an mich und die Kinder«, steckt er locker weg, weil er weiß, dass nichts weiter passieren wird. Alkoholiker sind Egoisten, die alles und jeden ihrer Sucht unterordnen. Allerdings benötigt ein Großteil von ihnen ein halbwegs intaktes familiäres Umfeld, denn der Säufer ist labil und hat große Angst vor dem Alleinsein. An dem Tag, an dem dies wegzubrechen droht, schaffen einige es in letzter Sekunde doch noch, die 180-Grad-Kehrtwende herbeizuführen; den anderen ist vom Laien sowieso nicht zu helfen. Wer als Partner eines Süchtigen nicht in die Co-Abhängigkeit wegdriften will, ist also, solange der Erkrankte keine Anstalten macht, die Situation von sich aus zu verändern, gut beraten, die Koffer zu packen und das gemeinsame Haus des Elends – ohne Rückfahrkarte – zu verlassen,. Die Erfahrung lehrt: es wird schlimmer und nicht besser. Bis hin zu häuslicher Gewalt. Co-Abhängige, die bleiben, sind immer gefährdet, selbst in die Sucht abzurutschen, Zudem steigt bei ihnen das Risiko, an Angstattacken, depressiven Schüben, Selbstzerstörungstrieb u.ä. zu erkranken, stark an. Wie es Hedwig mir einmal erklärte: »Klaus hat den Alkohol im Blut, ich im Kopf. Ich kann kaum noch an was anderes denken«.

Kompetente Unterstützung erfahren Co-Abhängige bei allen auf Suchthilfe spezialisierten Organisationen: AA, Kreuzbund, Blaues Kreuz, Caritas, Freundeskreise.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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