Gesoffen wird immer (3)

Wer erkennt, dass er an den Ursachen eh nichts mehr ändern kann und sich stattdessen auf die Auslöser des Konsums konzentriert, tut sich einfacher damit, von der Droge wegzukommen

Absolvierte dreißig Entzüge & zwei Reha-Aufenthalte und besucht seit vielen Jahren regelmäßig Selbsthilfegruppen: Henning Hirsch

In der Geschlossenen

Wodka verwandelt jeden Menschen am Ende in einen Irrsinnigen.
(
Anton Tschechow)

Hatten wir am Anfang Probleme und haben deshalb gesoffen, oder haben wir zuerst getrunken und wurden Jahre später mit plötzlich unlösbar erscheinenden Schwierigkeiten konfrontiert? Klingt ähnlich wie die Frage nach der Henne und dem Ei, ist jedoch im Unterschied zur Genese des Federviehs beantwortbar: in der überwiegenden Mehrzahl der Alkoholikerschicksale stand die Flasche am Beginn der Säuferkarriere. Hierzu exemplarisch ein Dialog zwischen meinem Protagonisten Tim Keller und der Klinikpsychologin Schneider aus der Erzählung „In der Geschlossenen“:

»Sie waren also beinahe tot? Wie lange in etwa?« Die untersetzte Frau, die mir seit knapp fünfundvierzig Minuten gegenübersaß und jede Antwort aus meinem Mund mit einer neuen Frage quittierte, legte den Bleistift, mit dem sie ununterbrochen Notizen in einen Spiralblock hineingekritzelt hatte, vor sich auf die Tischplatte und taxierte mich mit zusammengekniffenen Augen. Der orange Griffel wies überall Bissspuren auf und war von ihr nahezu durchgekaut worden. Wahrscheinlich bist du bekloppter als ich, ging es mir durch den Kopf, bevor ich ihr antwortete: »Keine Ahnung. Die Pfleger haben mir das erzählt, als ich in der geschlossenen Station aufwachte. Vermute mal zwei, drei Stunden. Länger nicht. Alles halb so wild.«

»Halb so wild? Sie sind lustig. Wäre es Ihnen stattdessen lieber gewesen, für immer tot zu sein?«
Ich kratzte mich verlegen am Ohr und zog es vor, zu schweigen.
»Sie mussten reanimiert werden. Da hätte dieses Mal nicht viel gefehlt, und Sie wären Ihrem Herrgott gegenübergetreten. Das ist Ihnen schon klar, oder?«

Warum immer Ich?

Warum hat sie ausgerechnet mich zu sich hereinzitiert? Weshalb nicht Rolf, Rene oder Petra? Oder irgendeinen x-beliebigen Säufer aus der verdammten Hardcore-Fraktion? Jedes Mal dasselbe Spiel, sobald die dusselige Kuh mich erblickt: Herr Keller, schön, Sie zu sehen. Können Sie bitte nachher in mein Büro kommen! Keine Frage, sondern ein Imperativ. Wie mich das abfuckte. Soll sie sich einen anderen Idioten suchen, mit dem sie ihre Psychomasche abziehen kann. Über all das dachte ich nach und erwiderte so freundlich, wie es mir an diesem elenden, tropisch schwülen Nachmittag möglich war: »Ob Sie es glauben oder nicht, Frau Schneider: in dem Moment, als ich die dritte Flasche Wodka vorgestern Abend öffnete, kurz bevor ich bewusstlos in der Küche umklappte, war es mir tatsächlich egal, ob ich abkratze oder nicht.«
»Sie hegten also suizidale Gedanken«, schlussfolgerte die Psychologin und schrieb fieberhaft eine weitere Seite voll, bevor sie ihren Blick wieder mir zuwandte.
»Nein; mir war es wurscht.«
»Ist das nicht dasselbe?« Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, in ihrem ansonsten von professionellem Wissensdurst beherrschtem Gesicht eine Spur von Anteilnahme zu entdecken.
»Nein, ist es nicht. Weil ich eben nicht von Anfang an die Absicht hatte, mich umzubringen, sondern den Tod, der sich vielleicht hätte einstellen können, zum Schluss billigend in Kauf nahm. Aber eher in der Form eines russischen Roulettespiels. Von sechs Kammern ist nur eine mit einer Patrone geladen. Und vor jedem Schuss wird neu gedreht. Die Wahrscheinlichkeit, mit heiler Haut davonzukommen, steht also gar nicht so schlecht. Bisher ist es immer glimpflich ausgegangen.«
»Sie treffen den Nagel auf den Kopf: bisher. Und was, falls es beim nächsten Versuch nicht mehr klappt? Wenn Sie sich dann die todbringende Kugel in den Kopf jagen?«
»Dann ist es eben so. Wir müssen alle irgendwann unserem Schöpfer gegenübertreten. Die einen nach einem langen, erfüllten Leben, die anderen halt früher.« Ich zuckte mit den Schultern und überlegte, ob ich mir nachher im Raucherzimmer von Rene eine Zigarette schnorren könnte.

Die Suche nach dem Urknall

Frau Schneider und ich hatten uns in den vergangenen Monaten oft in ihrem kleinen Arbeitszimmer getroffen und über die Ursachen meines exzessiven Trinkverhaltens diskutiert. Wie alle Psychologen war sie auf der Suche nach dem Urknall: der Stunde Null, in der ich vom normalen Menschen zum Säufer mutiert war. In geradezu stupider Regelmäßigkeit verneinte ich all ihre Annahmen und Hypothesen von trübsinniger Kindheit, zu strengem Vater, unglücklichen Liebesbeziehungen in der Jugend, traumatischen Schulerlebnissen und was ihr alles sonst noch an Erklärungen in den Sinn kam und bejahte als einzige glasklare und nicht zu leugnende Auslöser meines Alkoholismus die Gene mütterlicherseits und jahrelange Gewöhnung an die Droge. »Mehr fällt Ihnen in diesem Zusammenhang nicht ein? Speziell von Ihnen hätte ich eine tiefschürfendere Analyse erwartet«, versuchte sie vergeblich, an meine vor vielen Jahren verloren gegangene Marktforscherehre zu appellieren.

Ich beneidete Frau Schneider nicht um ihren Job. Im Gegensatz zu ihrer attraktiven Kollegin mit den pfirsichförmigen Arschbacken, der die Patienten in der offenen Station die Bude einrannten, wirkte sie zum einen mit ihrer pummeligen Figur und dem Bürstenhaarschnitt äußerlich wenig anziehend, und zum anderen betreute sie in der geschlossenen Abteilung eine hartgesottene Klientel, die sich weniger für psychologische Ursachenforschung denn für die fristgerechte Überweisung des Hartz IV-Regelsatzes interessierte. Pünktlich zum Ersten jeden Monats leerte sich die Station schlagartig, um sich dann in den folgenden Tagen bis zum spätestens Fünften allmählich wieder zu füllen. Diese zweiundsiebzig bis sechsundneunzig Stunden reichten den meisten Patienten, die dreihundertfünfundsechzig Euro, die ihnen alle vier Wochen zustanden, komplett auf den Kopf zu hauen. Frau Schneider redete auch zu akademisch daher und schaffte es einfach nicht, den zu ihrer Kundschaft passenden Tonfall anzustimmen.

Ich gähnte herzhaft, denn am zweiten Tag der Entgiftung schwammen dreißig Valium träge wie winzige pharmazeutische U-Boote in meiner Blutbahn herum, was selbst für mich eine recht starke Dosierung bedeutete. Diese Ration war notwendig geworden, weil ich es bei der Essensausgabe weder schaffte, ein Tablett festzuhalten noch eine Tasse Kaffee zum Mund zu führen. Ich zitterte am gesamten Körper wie ein Eichhörnchen auf Koks, der Schweiß rann mir in Strömen von den Schläfen die Wangen hinab, die Blutdruckwerte bewegten sich im Bereich schwangerer Giraffen, sodass der zum Zeitpunkt meiner Einlieferung zufällig anwesende Oberarzt entschied, die an und für sich zulässige Maximalmenge von vierundzwanzig um sechs zu erhöhen. Die allmähliche Linderung der Schmerzen ging einher mit einer Form des Sekundenschlafs, der mich an den unmöglichsten Orten einpennen ließ. Vor drei Stunden erst hatte mich Pfleger Franz unsanft im Bad geweckt, wo ich mit blankem Hintern auf der Kloschüssel weggenickt war. Früher wäre mir das unsagbar peinlich gewesen. Heute jedoch ließen mich solche Vorkommnisse völlig kalt.

In der Nische eingerichtet?

»Ich habe den Eindruck, dass Sie es sich in Ihrer Nische mittlerweile ganz bequem eingerichtet haben«, versuchte Frau Schneider ein letztes Mal, mich aus meiner nachmittäglichen Lethargie wachzurütteln.
»Wie meinen Sie das? Verstehe ich nicht.«
»Sie erscheinen hier mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Manchmal zu Fuß, oft liegend auf einer Trage und in letzter Zeit zumeist mit dem Umweg über die Intensivstation. Sie entgiften schnell, sind nach einer Woche wieder zu Hause, trinken dort munter weiter, zumal Sie wissen, dass Sie bei uns im Notfall sofort aufgenommen werden. Sie kennen im Krankenhaus Gott und die Welt, sind wegen Ihrer ruhigen Art bei den meisten Ärzten und Pflegern beliebt, sodass ich die Befürchtung hege, dass Sie sich hier drinnen zumindest genauso wohl fühlen wie draußen auf der Straße. Während ich im vergangenen Jahr den früheren Manager und Familienvater in Ihnen noch erkennen konnte, ähneln Sie heute einem abgerissenen Hippie, der seit Woodstock ununterbrochen säuft. Das meine ich mit bequem in der Nische einrichten.« Frau Schneider blickte mich triumphierend an in der Gewissheit, dass dieser fiese Nierenhaken mich reumütig in die Knie zwingen würde. Du kannst mich mal, dachte ich bitter, gähnte herzhaft, rutschte halb vom Stuhl herab und signalisierte deutlich, dass ich langsam ans Ende der Unterhaltung gelangen wollte. »Ich merke, dass Ihre Aufmerksamkeitspanne noch nicht für eine längere Sitzung ausreicht. Ich will Sie heute auch nicht länger foltern. Ihr sicherlich quälender Entzug ist Strafe genug. Ich würde vorschlagen, dass wir uns übermorgen wiedersehen. Ich finde Sie im Aufenthaltsraum. Vor mir weglaufen können Sie in der geschlossenen Abteilung ja nicht. Das ist praktisch.« Über Frau Schneiders Lippen huschte ein boshaftes Lächeln, und sie entließ mich mit einem kurzen Kopfnicken, derweil sie ihren Vermerk über meine mangelhafte Krankheitseinsicht zu Ende formulierte.

Soweit die Unterhaltung aus der Kurzgeschichte, die sich fiktiv anhört, aber durchaus auf realen Begebenheiten fußt. Bei Tim Keller – meinem Alter Ego – muss man natürlich ins Kalkül ziehen, dass er, als er dieses Gespräch mit Frau Schneider führte, schon eine Menge Erfahrung mit Entgiftungen, Reha-Maßnahmen und psychologischer Ursachenanalyse gesammelt hatte. Ihm war klar geworden, dass es für ihn völlig irrelevant ist, ob ein Urgrund existiert, weil er den dreißig Jahre später ohnehin nicht mehr ändern oder gar ungeschehen machen kann. Und bei nüchterner Betrachtung der Mitpatienten gilt für die dieselbe Erkenntnis: ich alleine habe mir die Sache eingebrockt. Niemand hat mich zum Saufen gezwungen. Ich bin der Verantwortliche. Von daher ist es verschwendete Lebenszeit, in dutzenden von Therapieeinheiten nach einem Urknall zu forschen, der häufig gar nicht stattfand oder – in den seltenen Fällen, wo es ihn tatsächlich gibt – nicht mehr zu revidieren ist. Von weitaus größerer Relevanz muss es deshalb sein, die konkreten Auslöser für das exzessive Konsumverhalten zu identifizieren und ehrlich zu benennen. Dient mir der Alkohol: als Einschlafhilfe, Beruhigungsmittel, Stimmungsaufheller, Vergessenfinder, Enthemmer, Libidoverstärker, um cool zu wirken? Am Ende der Wegstrecke natürlich für alle genannten Zwecke. Am Anfang stand/en aber vermutlich nur ein oder zwei Motiv/e im Vordergrund. Und die gilt es, klar zu erkennen. Falls das nicht gelingt, wird man nach jeder Entgiftung und nach jedem Reha-Aufenthalt sofort wieder zur Flasche greifen, sobald man mit einer Situation konfrontiert wird, die man vorher nicht als Hochrisiko-Gebiet lokalisiert hat. Dass es mit dem Verstehen der Gefährlichkeit bestimmter Situationen nicht zum Besten bestellt ist, belegt die Statistik: dauerhafte Abstinenz gelingt nur wenigen Alkoholkranken; die Quote bewegt sich im einstelligen Prozentbereich. Gutes Beispiel: Menschen, die nach der Trennung des Partners bis zur Bewusstlosigkeit saufen. Anstatt nun simpel zu begreifen, Beziehungen sind nichts für mich, ich lebe die kommenden Jahre als nicht-trinkender Single, werden Romane über schiefgelaufene Mutter-Kind-Dramen erzählt, der nächste Lebensabschnittsgefährte bereits in der Reha-Klinik akquiriert; und man kann die Uhr danach stellen, dass derjenige, der so handelt, in spätestens drei Monaten erneut im Krankenhaus aufschlagen wird. Mit derselben traurigen Story: wurde verlassen, kam damit nicht zurecht, musste trinken, und er/ sie wird es zwei Wochen später in Freiheit sofort wieder tun: sich in eine labile Kurz-Partnerschaft stürzen. Lerneffekt gleich Null.

In der Fortsetzung kommt nun endlich die Messwein trinkende Nonne zu Wort und wird mit dem Märchen aufgeräumt, alle Alkoholiker seien depressiv und suchten den Selbstmord auf Raten

 

 

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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