Gesoffen wird immer (2)

Ein Großteil der Reha-Maßnahmen scheitert daran, dass an den Symptomen rumgedoktert wird, anstatt einfach anzuerkennen: ich bin Alkoholiker, weil ich immer schon gerne gesoffen habe

Absolvierte dreißig Entzüge & zwei Reha-Aufenthalte und besucht seit vielen Jahren regelmäßig Selbsthilfegruppen: Henning Hirsch

Die explosive Kirschtorte

Realität ist der Zustand, der entsteht, wenn wir zu wenig trinken, lautet ein Sprichwort aus Irland, das Charles Bukowski ein Jahrhundert später leicht abwandelte: Das Leben ist eine Illusion hervorgerufen durch Alkoholmangel. Wilhelm Busch sah es wiederum so: Es ist ein Brauch seit alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.

Als psychotrope Substanz verändert Alkohol unser Bewusstsein. Sei es als Stimmungsaufheller, Enthemmer, Runterkommer, Vergessenschenker, Einschlafhilfe oder Aphrodisiakum. So lange wir ihn maßvoll und in unregelmäßigen Zeitabständen zu uns nehmen, ist alles okay mit dem Stoff. Sobald wir allerdings damit beginnen, die Droge funktional – und dann in der Konsequenz oft regelmäßig – einzusetzen, erreichen wir über kurz oder lang die kritische Schwelle vom Genuss- hin zum Gewohnheitstrinken. Die Weltgesundheitsorganisation hat Grenzwerte definiert. Die liegen für den Mann bei einer Halben (also 0.5 Liter) Bier am Tag, für Frauen darf’s ein Glas Kölsch sein. Noch besser wär’s, wenn der Konsum in unregelmäßigen Abständen stattfindet. In Deutschland geht man aktuell von einem doppelt so hohen Verbrauch pro Kopf aus, der sich natürlich nicht gleichverteilt.

Einen Riesenschritt weg vom Elend des Straßensuffs und der Trinkerheilanstalten bedeutete die Anerkennung des Alkoholismus als Krankheit, den die WHO 1952 vornahm. Deren Gesundheitsexperten erklärten damals: „Alkoholkranke sind exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht, dass sie deutliche geistige und körperliche Störungen oder Konflikte in ihren mitmenschlichen Beziehungen, ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen, oder sie zeigen Vorstadien einer solchen Entwicklung. Daher benötigen sie medizinische Behandlung“. 1968 folgte unser Bundessozialgericht dieser Beurteilung. Seither können sich Alkoholkranke in Deutschland für ihre Entziehungskur in ambulante oder stationäre Behandlung begeben. Die Kosten der Therapie übernimmt die Kranken- oder Rentenversicherung.

In deutschen Suchtkliniken werden circa 120.000 Entzugsbehandlungen (Alkohol) durchgeführt. Bei den wenigsten Erkrankten ist es mit einer stationären Entgiftung getan. 90% absolvieren mehrere Aufenthalte, manche fünf, andere zehn, einige dreißig – ich habe Patienten mit über hundert Durchgängen kennengelernt –, bis es endlich den berühmten Klick macht, und der Schalter umgelegt wird. Die rein körperliche Entwöhnung ist jedoch sinnlos, wenn nicht flankierende Maßnahmen zur Stabilisierung von Geist und Seele ergriffen werden: Langzeit-Reha (Dauer variiert zwischen zwei bis vier Monaten), die zum Großteil aus Gruppentherapie besteht, Einzelgespräche mit Psychologen, im Anschluss Besuch einer Selbsthilfegruppe.

Egal, auf welcher Stufe der Behandlung man sich gerade befindet: Krankheitseinsicht und Ursachenanalyse lauten die Zauberworte für den Erfolg. Hier lassen sich zwei immer wiederkehrende Phänomene beobachten:

  • Obwohl der regelmäßig überbordende Konsum augenscheinlich ist, wird er vom Betroffenen geleugnet oder verharmlost
  • Die wahre Ursache des Suffs wird trotz Therapie nicht erkannt oder beharrlich verschleiert.

Bei mangelnder Krankheitseinsicht ist eine Reha-Maßnahme unnütz verpulvertes Geld. Wer sich nicht eingesteht, dass er drogenabhängig ist, wird nach der Entgiftung weitersaufen, da helfen auch keine Sitzungen beim Psychologen. Die Konsequenzen, die sich  aus  oberflächlicher Ursachenanalyse ergeben, sind schwieriger einzuschätzen. Rund zwei Drittel der Teilnehmer einer Reha-Maßnahme gibt sich der Illusion hin, dass EIN Grund für ihr exzessives Trinkverhalten existiert. Also sowas in der Art des Urknalls, dem sie ohne ihr aktives Zutun schuldlos ausgeliefert waren, weshalb sie zähneknirschend eingestehen, dass sie als gottverdammte Alkoholiker zwar therapeutischer Unterstützung bedürfen, jedoch zwangsläufig – und nicht eigengetrieben – in diese Situation hineingeraten sind. Der Täter kehrt die Schuldfrage um und stilisiert sich zum Opfer. Die Top 6 der Urgründe lauten:

  • Ich wurde in der Kindheit nicht geliebt
  • Auf Partys/ bei der Bundeswehr zwang man mich zum Trinken
  • Mein Ehemann/ meine Ehefrau hat mich verlassen, und dann brach plötzlich die Welt für mich zusammen
  • Ich wurde misshandelt oder sexuell missbraucht oder am Arbeitsplatz ständig gemobbt
  • Mir wurde gekündigt, meine Firma ging pleite, ich musste Hartz 4 beantragen
  • Ich leide an Depressionen

Alle sechs im Moment des Erlebens sicher dramatisch über tragisch bis hin zu furchtbar. ABER kein Urgrund, sondern Auslöser. Begriffliche Haarspalterei meinen Sie, das eine ist doch nur ein Synonym für das andere? Nein, ist es nicht! Ich will es an einem Beispiel aus einer Kurzgeschichte erläutern, die ich vor einigen Jahren schrieb, und der ich den Titel „Die explosive Kirschtorte“ gab:

»Der Mann klebte plötzlich an meiner Scheibe. War schrecklich anzusehen. Mit den Armen voran. Als ob er einen Hechtsprung von der Brücke runter gemacht hat.« Karl-Heinz wischte sich den Talg von den mit kleinen blauen Adern übersäten Nasenflügeln.

»O weh, ist das heute wieder langweilig«, Rolf fläzte sich neben mir und schaute bereits um viertel nach acht auf seine Uhr. Wir saßen gerade mal 15 Minuten im spartanisch eingerichteten Raum 12b der Kölner Caritas, um an der wöchentlichen Dienstagssitzung des Kreuzbunds teilzunehmen.

»Wetten, gleich erzählt er, wie sehr ihn das alles mitgenommen hat«, sagte ich.

»Klar wird er das in den nächsten zehn Sekunden erzählen. So wie jeden Dienstagabend.«

»Ich sehe ständig das Bild des zerplatzenden Schädels. Überall war Blut …«

» … wie eine Flasche Ketchup, die jemand über das Glas verschmiert hat. Mann Kalle, lass dir mal was Neues einfallen«, fiel Rolf ihm ins Wort.

»Du bist so gefühlskalt und abgestumpft«, antwortete Karl-Heinz.

Das, was Kalle dem Lokführer zugestoßen war, konnte man mit Fug und Recht als unglücklich bezeichnen. Im vergangenen November, an einem nasskalten und nebligtrüben Abend sprang auf der rechtsrheinischen Strecke zwischen Köln und Koblenz an Bahnkilometer 217 kurz vor dem Abzweig nach Hennef ein 56jähriger Prokurist mit Halbglatze und Hornbrille vor den mit Tempo 100 heranbrausenden Regionalzug RB38. Und zwar vom Geländer der als Brücke ausgeführten Anschlussstelle Troisdorf-Nord an die Bundesstraße 42 hinunter frontal auf die Rundumverglasung des Führerhauses, wo der Schädel vor Kalles Augen detonierte und langsam nach unten glitt, um von den Rädern des Doppelstockwagens völlig zermalmt zu werden. Mit der rechten Hand hielt der Mann noch seine Aktentasche fest umklammert. Die doppelte Tragik bestand darin, dass Karl-Heinz die Route an diesem Tag nur deshalb befuhr, weil er für einen kurzfristig erkrankten Kollegen eingesprungen war. Wie oft hatte er uns erklärt, dass er den Moment verfluchen würde, in dem er sich gutmütig dazu hatte überreden lassen, die Rheinseite zu wechseln. »Passiert ist passiert«, pflegte Rolf ihm dann zu antworten. »Kannst du heute eh nicht mehr ändern.« An mich gewandt fügte er in gedämpftem Ton hinzu: »Unfälle und Selbstmorde sind eben sein Berufsrisiko. Das weiß man doch als Profi. Soll er froh sein, dass ihm das bisher nur einmal zugestoßen ist. Weiß gar nicht, weshalb sich der Kerl seit Monaten darüber echauffiert.«

… [zwei Seiten weiter im Text] Kalle haderte seitdem mit sich und der Welt und trank mehr, als für ihn bekömmlich war. Nach einigen Wochen fielen seine krankheitsbedingten Fehlzeiten und die Schnapsfahne, die er trotz kiloweise Pfefferminzpastillen nicht dauerhaft übertünchen konnte, sowohl Kollegen als auch Vorgesetzten auf. Da ein Lokführer mit Alkohol im Blut eine potenzielle Gefahr für Passagiere und Allgemeinheit darstellt, beorderte ihn sein Boss zum außerplanmäßigen Routinecheck beim Betriebsarzt. Leberwerte im Keller, allgemeine Konstitution glich eher einem 60- denn einem 40-jährigen, einfachste Denksportaufgaben bereiteten Karl-Heinz große Mühe. Nach Rücksprache mit einer auf Suchtfragen spezialisierten Psychologin wurde Kalle bis auf Weiteres vom Dienst suspendiert mit der Auflage, sich einer ambulanten Therapie zu unterziehen. Hierzu gehörte ebenfalls der Besuch der Dienstagabend-Selbsthilfegruppe des Kreuzbunds. Und jetzt saß er seit nunmehr über sechs Monaten in unserer Runde, lamentierte und erzählte in Dauerschleife immer wieder denselben traurigen Hergang. Nachdem wir ihm anfangs mit offenen Mündern gelauscht und mehrmals unser Bedauern über den unseligen Vorfall ausgesprochen hatten, ermüdete uns die Story mittlerweile doch sehr.

»Alter, hast du nicht mal was anderes auf Lager? Die Geschichte ödet mich langsam an«, meinte Rolf.

»Wieso?«

»Weil du vor Selbstmitleid zerfließt und uns keinen reinen Wein einschenkst.«

»Hä? Verstehe ich nicht.«

»Du säufst nicht alleine wegen des Unglücks vom vergangenen Winter. Du hast hundertpro auch schon vorher getrunken. Und sicher deutlich mehr als andere. Niemand wird über Nacht zum Alkoholiker.«

An dieser Stelle stoppe ich mit der Erzählung und erkläre bloß noch kurz den Titel. Karl-Heinz wird aufgrund des Verzehrs von einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte rückfällig, fährt betrunken Auto, mangelt einen Rentner über, verliert Führerschein und Job, entgleitet nun völlig und wird zuletzt mit einer Flasche Doppelkorn in der Hand auf dem Bonner Bahnhofsvorplatz gesehen, bevor sich seine Spuren im Irrgarten von Obdachlosenheim, Parkbank und Schnorren in der Fußgängerzone verlieren.

Kalles striktes Beharren auf dem Urgrund „tragischer Zufall“ machte es ihm unmöglich, sein maßloses Trinkverhalten richtig zu analysieren und so erfolgreich gegenzusteuern. Denn natürlich traf Rolfs Bemerkung „niemand wird über Nacht zum Alkoholiker“ auch auf unseren Lokführerbekannten zu. Seine Kollegen, von denen einige ebenfalls den Weg in unsere Gruppe fanden, berichteten, dass Karl-Heinz bereits seit Jugend ein arger Schluckspecht gewesen war, den sie nach Betriebsfeiern oft liegend nach Hause transportieren mussten, und der den Großteil seiner dienstfreien Zeit mit dem Konsum von Hochprozentigem verbrachte. Eine nachträgliche Enthüllung, die jetzt weder Rolf noch mich verwunderte. Für 95% der Patienten gilt die Regel: zuerst kam der Alkohol, und danach entstanden die Probleme. Und nicht etwa umgekehrt, wie gerne behauptet wird. Ich kenne ein paar Ausnahmen, aber das sind wenige. Von denen werde ich in Teil 3 berichten. Kein Mensch, der ein normales Trinkverhalten an den Tag legt, käme auf die Idee, sich wegen einer Kündigung tagelang volllaufen zu lassen oder nach der Trennung des Partners totsaufen zu wollen. Zu solch exzessivem Verhalten neigen nur diejenigen von uns, die auch vorher schon ein massives Alkoholproblem hatten. Das heißt, um für heute ans Ende zu gelangen: der Urgrund des Suffs ist der Alkohol selber. Mobbing, Liebeskummer, Konkurs, Hartz 4 sind hingegen Auslöser, die den bereits riskanten Konsum plötzlich in ein 24/7-Dauerverlangen nach der Droge steigern mit der Konsequenz, dass die Stufe des Kontrollverlusts erreicht und die Grenzlinie zur krankhaften Abhängigkeit – die ist irreversibel – endgültig überquert wird.

In der Fortsetzung geht’s um die Beantwortung der Frage, wie man es mittels korrekter Ursachenanalyse schaffen kann, dem Teufelskreislauf „Auslöser, Suff, Krankenhausaufenthalt, erneuter Auslöser, wieder Suff etc. etc.“ zu entkommen, und es wird von einer Nonne erzählt, der der Herrgott befahl, täglich den übriggebliebenen Messwein auszutrinken, bis sie ebenfalls bei uns in der Gruppe landete  

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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