Gesoffen wird immer

Als trockener Alkoholiker hat Hennig Hirsch grundsätzliches zum Thema Alkoholkonsum zu sagen

Foto: SH

Wer kann die Geschichte des deutschen Trinkverhaltens besser erzählen als ein trockener Alkoholiker? Gestatten Sie bitte, dass ich mich kurz vorstelle: mein Name steht über der Kolumne.

Aufgewachsen in mittelstandsbürgerlichen Verhältnissen, erstes Besäufnis mit 15, zum Abitur hin schon gut im Training, im Studium dann richtig Fahrt aufgenommen mit Bier, Wein, Whiskey und Wodka. Mit 45 zum ersten Mal im klinischen Entzug, dem binnen vier Jahren 29 weitere Entgiftungen folgten – davon zehn mit dem Umweg über die Intensivstation –, zuzüglich zwei Langzeit-Reha-Maßnahmen und einer Adaption. Zwischendurch immer mal wieder im Obdachlosenheim und im Sommer draußen auf einer Parkbank gewohnt. Seit nunmehr sechs Jahren trocken: Nullkommanix an Alkohol. Anfangs schwierig, nach ein paar Monaten gewöhnt man sich an die Abstinenz, bis sie einem irgendwann in Fleisch und Blut übergeht, und man den Nicht-Konsum für die normalste Sache der Welt hält. Ich hoffe, ich kann Sie mit diesem kurzen Intro von meiner praktischen Expertise bei diesem Thema überzeugen.

Hier ein paar traurige Fakten vorab:

• Neun bis zehn Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in riskanter Weise.

(davon) 1.5 bis zwei Millionen Personen sind als alkoholabhängig anzusehen.

• Deutschland belegt mit knapp zehn Litern Verbrauch (reinem) Alkohol pro Kopf im weltweiten Vergleich eine Spitzenposition

• Jeder vierte Mann in Deutschland, der im Alter zwischen 35 und 65 stirbt, tut dies aufgrund der Folgen übermäßigen Alkoholkonsums.

• Alkohol bedeutet nach Nikotin und Bluthochdruck das dritthöchste Risiko für Krankheit und vorzeitigen Tod in den westlichen Industrieländern.

Diese Zahlen sind seit langem bekannt, schwanken ein bisschen pro Jahr – mit Dellen nach unten in beiden Nachkriegszeiten-, verharren aber langfristig betrachtet seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf einem kontinuierlich hohen Niveau. Zwei Fragen drängen sich nun geradezu auf:

  1. Warum ist das so?
  2. Welche Maßnahmen zur Eindämmung dieses Hochgesundheitsrisikos beschließt der Gesetzgeber?

Gesoffen wurde schon immer

Alkohol ist eine sogenannte Kulturdroge. Mit diesem Ausdruck bezeichnet man Rauschmittel, die schon die vorbiblischen Götter gerne zu sich nahmen. Jeder, der im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß, dass an der ewig gedeckten Tafel in Walhalla der Met aus Krügen – und nicht aus kleinen Bechern – gesoffen wurde. Tacitus beschreibt in seinem Büchlein „Germania“ die Trinksitten unserer Urururgroßeltern. Er berichtet von in Bier getauchten Schnullern für die Säuglinge, von Gelagen, die im Komasuff enden, von Ratsversammlungen, die wiederholt werden müssen, weil sämtliche Teilnehmer im Moment der Beschlussfassung betrunken sind. Für barbarisch halten Römer und Griechen die germanische Angewohnheit, Wein pur – also nicht mit Wasser gemischt – zu konsumieren. Im christlichen Mittelalter wird es nicht besser; die Erfindung der Destillation durch die Araber macht es sogar noch schlimmer. Nun ist plötzlich Aqua vitae – so lautet der beschönigende Ausdruck für Branntwein – in der Welt. Der Adel feiert rauschende Feste, die bloß dann als hip gelten, wenn am Ende alle Gäste betrunken auf dem Boden liegen. Mönche brauen Starkbier, um in der Fastenzeit nicht verhungern zu müssen. Millionen Jesuserscheinungen hyperventilierender Nonnen sind auf den übermäßigen Genuss von Kräuterlikör zurückzuführen. Der Alkoholkonsum der unteren Gesellschafsschichten beschränkt sich auf die Fest- und Feiertage; die sind allerdings häufig und die Besäufnisse heftig. Der endgültige Siegeszug des Teufelszeugs Schnaps fällt zeitlich in etwa zusammen mit dem Start der industriellen Revolution. Gewerbefreiheit, stark vermehrte Vergabe von Schanklizenzen im Verein mit der Erfindung, Kartoffeln in Wodka zu verwandeln, lassen die Preise für Hochprozentiges stark fallen. Jeder Bauer, Industriearbeiter und Tagelöhner kann sich nun in den billigen Rausch flüchten. Die Chronisten berichten seit 1830 von einer neuen Volksseuche – die sie als Branntweinpest und Elendsalkoholismus geißeln -, die in erschreckendem Ausmaß und mit großer Geschwindigkeit um sich greift. Ganze Landstriche verarmen und ergeben sich dem Suff. In der Gründerzeit wird nochmals eine ordentliche Kelle draufgekippt. Der Pro-Kopf-Konsum erreicht zwölf Liter reinen Alkohol pro Jahr. Produktionsbedingte Engpässe kombiniert mit hoher Besteuerung lassen den Verbrauch nach dem ersten Weltkrieg auf fünf – 1923 sogar nur drei – Liter absinken. Mit der wirtschaftlichen Gesundung Deutschlands in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts steigt auch das Verlangen nach Bier, Lambrusco, Doppelkorn und klebrigen Cocktails schnell wieder an: von 4 Litern Reinalkohol (1950) über 7 (1960), 11 (1970) bis zum vorläufigen Maximum 13 (1980). Danach sinken die Werte bis heute ab: 12 (1990), 10,5 (2000) auf aktuell 9,7 (2015).

Obwohl die Zahlen seit Mitte der 80er Jahre rückläufig sind, belegt Deutschland mit seinem Pro-Kopf-Konsum von knapp zehn Litern Reinalkohol nach wie vor jedes Jahr eine Topplatzierung in der globalen Tabelle der Säufernationen.

Der Gesetzgeber schweigt

Da Alkohol den Volkskiller Nr. 3 darstellt (hier sind die mittelbaren Toten durch alkoholverursachte Verkehrsunfälle und Gewalt gar nicht hinzugerechnet), fragt man sich, was Regierung und Gesetzgeber tun, um dieser Seuche Einhalt zu gebieten. Bei anderen Hardcore-Gesundheitsgefährdern zeigt man sich ja nicht so zimperlich: Opiate und Koks sind verboten, Tabak wird zunehmend tabuisiert, sobald ein Rind an BSE erkrankt oder ein Hühnerei einen zu hohen Pestizidgehalt aufweist, werden zig Tonnen an Lebensmitteln vernichtet, und die Produzenten vor Gericht gezerrt. Weshalb passiert nichts Entsprechendes, wenn der 1000ste Verkehrstote aufgrund überbordenden Jägermeisterkonsums des benebelten Autofahrers zu beklagen ist? Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Die Antwort ist einfach. Sie lautet: ja!

Den radikalsten Versuch, das Problem in den Griff zu bekommen, unternahmen die USA im Jahr 1919. Der 18. Zusatzartikel der Verfassung aka National Prohibition Act aka The noble experiment wird im deutschen Sprachgebrauch schlicht als Prohibition bezeichnet und bescherte uns Gestalten wie Al Capone, den Film „The Untouchables“ und Sean Connery einen Oscar für die beste Nebenrolle als knorriger Streifenpolizist Jim Malone. Getrunken wurde nach wie vor. Bloß nun heimlich und in Lokalen, die die Unterwelt belieferte und betrieb. Die Beschaffungskriminalität mit auf offener Straße ausgetragenen Bandenkriegen nahm ungeheure Ausmaße an, weshalb Präsident Hoover das Experiment 1933 für gescheitert und beendet erklärte.

Das Komplettverbot hatte sich mithin als untauglich erwiesen. In einigen Regionen der USA soff die Bevölkerung in der Phase zwischen 1919 und 33 mehr als jemals vorher und danach wieder. Der Wunsch der Menschen, sich sporadisch zu berauschen, war stärker als ihre Furcht vor Strafe. Bedeutet diese Erkenntnis nun im Umkehrschluss, dass man sowieso nichts Sinnvolles gegen den Missbrauch tun kann und die Sache deshalb am besten still und leise einfach weiterlaufen lässt? Falls also die einzig realistische Reaktion in fatalistischem Schulterzucken bestünde – weshalb reguliert der Gesetzgeber dann sowohl den Alkoholverkauf an Minderjährige als auch die Herstellung und Distribution harter Drogen? Warum werden Einschränkungen und Repressalien in diesen beiden Bereichen als Instrumente der Verbrauchsdrosselung eingesetzt, beim Alkohol für Erwachsene jedoch nicht? Das leuchtet von der Logik her irgendwie nicht ein. Denn zehn Liter reiner Stoff pro Kopf und mehrere zehntausend Tote sowie irreparabel Dauererkrankte pro Jahr sind ja nach wie vor eine ordentliche Hausnummer, die eigentlich nach einem Sofortprogramm schreien. Bloß welchem?

Was tun?

Als vernünftige Maßnahmen unterhalb der Schwelle zum Totalverbot bieten sich an:

  1. Preise drastisch erhöhen (via Verbrauchssteuern)
  2. Verfügbarkeit stark einschränken (es muss nicht in jedem Supermarkt, jeder Tankstelle und jedem Kiosk Alkohol in den Regalen stehen). Verkauf nur nachmittags und abends (bis max. 20h)
  3. Alkohol – egal in welcher Darreichungsform und in welcher Dosierung – generell erst ab 18 Jahren
  4. Werbung analog zu Tabakwaren gestalten: weniger (v.a. nicht im TV) und dabei auf die Folgen des Missbrauchs auf jeder Flasche und Dose aufmerksam machen
  5. Hausärzte dazu anhalten, alkoholbedingte Ausfälle ihrer Patienten auch als solche in die Akte hineinzuschreiben und nicht mittels fingierter Krankheitsbilder zu verschleiern (denn die ohnehin hohen Zahlen der Alkoholerkrankungen sind aufgrund oft geschönter Diagnose noch zu niedrig angesetzt).

Am allerwichtigsten ist jedoch:

  1. Bei der Jugend einen Bewusstseinswandel herbeiführen, dass es eben NICHT cool ist, sich am Wochenende komatös in den Orbit zu schießen und wie ein Zombie durch die Gegend zu torkeln, bevor man eingepisst und vollgekotzt seinen Rausch im Kofferraum des vom Papa ausgeliehenen VW-Passat ausschläft oder fixiert ans Bett einer Intensivstation aufwacht.

Lehren der Vergangenheit

Punkt 6 stellt sicher die mit Abstand schwierigste Aufgabe dar, während (1) bis (5) relativ einfach in die Wege zu leiten wären. Aufgrund der in der Weimarer Republik gemachten Erfahrung, dass hohe Preise in Kombination mit eingeschränkter Verfügbarkeit rasch ein signifikantes Absinken des Konsums bewirken (von 12 Litern zur Jahrhundertwende auf 3 im Jahre 1923), fragt man sich, weshalb der deutsche Gesetzgeber hier überhaupt keine Anstalten macht, ein Maßnahmenpaket zur Volksgesundung zu schnüren. Die Antwort lautet: dem Parlamentarier bzw der Partei, der/ die höhere Verbrauchssteuern für Alkohol im Plenum vorschlägt, winkt sofortiger Liebesentzug der Wähler. Wer Bier und Schnaps verteuern möchte, dem droht dasselbe Schicksal wie weiland den Grünen mit ihrem Vorstoß, die Benzinpreise drastisch raufzusetzen: der Stimmenanteil halbiert sich über Nacht. Statt der Promille purzeln die Prozente. Billiger und an jeder Straßenecke frei erhältlicher Alkohol genießt in Deutschland denselben hohen Stellenwert wie schnelle Autos und die Fußballbundesliga. Es bedeutete für jeden Politiker eine Harakirimission, Hand an dieses nationale Heiligtum anlegen zu wollen. Dann die Menschen lieber ungehemmt weiter saufen lassen mit all den unschönen Konsequenzen, die das zur Folge hat, als den politischen Selbstmord zu riskieren.

Also bleibt uns im Moment doch nichts anderes übrig, als lakonisch zu konstatieren, »da kann man eh nix machen«, und das Hoffen auf einen Bewusstseinswandel in der Zukunft? Solange Bier in Bayern verharmlosend als Grundnahrungsmittel deklariert wird, Schnaps bei Aldi & Co für fünf Euro die Flasche erhältlich ist, man sich 24/7 in den Tankstellen mit dem Stoff eindecken kann, und die Konzerne jugendliche Zungen mit Alkopops und Mischgetränken ködern dürfen, wird sich am aktuellen 15.000-(unmittelbare) Tote-und 120.000-klinische-Entzüge-pro-Jahr-Zustand nichts grundlegend ändern.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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