Dresdner Frauenkirche. Zehn Jahre danach.

Weihe der Dresdner Frauenkirche vor über zehn Jahren. Fotografiert von René Gaens. Kaum ein Jahrzehnt alt, aber schon, wie aus einem ganz anderen Deutschland herübergeweht. Die Zeiten ändern sich schneller. Und wir haben heute die Aufgabe, die Übersicht zu behalten.


Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.

Man darf annehmen, dass Helmut Kohl 1990 tatsächlich von dieser ökonomischen Zukunftsperspektive fest überzeugt war. Und wer vor über zehn Jahre gemeinsam mit Fotograf René Gaens die Weihe der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche erlebte, dem war der Eindruck schon sehr nahe, dass die Prophezeiung des Bundeskanzlers der Einheit ein stückweit wahr geworden ist.

Im Februar 2006 war Helmut Kohl Gast im Staatschauspiel Dresden. Ein imposantes Gebäude, das dennoch überstrahlt wird von der Dresdner Semperoper. Zu düster, zu eingezwängt und ohne diesen überbordenden Vorplatz ist das Schauspielhaus das Stiefkind, wo es wahrscheinlich in den meisten anderen bundesdeutschen Städten strahlender Mittelpunkt der Stadtarchitektur hätte sein können. Der Bundeskanzler a.D. war damals Ehrengast der Vorpremiere dieses
Roland-Suso-Richter-Schinkens „Dresden“. ¬ Eine aufwendige zwar, aber eine dieser typischen TV-Produktion ohne jede Ambivalenz, ohne verstörende Brüche, ohne diese so ersehnte Brücke ins Jetzt. Einer wie beispielsweise Leander Hausmann hätte es kaum banaler in Szene setzen können.

Kohl nahm Platz in der ersten Reihe. Ein schwerer, ein großer und damals schon seltsam jenseitiger Mensch. Eine Ikone im Guten wie im Schlechten. Eine von den Skandalen der letzten Regierungsjahre schon schwer verdüsterte Lichtgestalt. Der Film begann, es krachte, es bombte, der Raum vibrierte. Man hatte kinotechnisch alles aufgefahren, was auf diese denkmalgeschützte Bühne passte. Nach 145 Minuten wieder ins abendlich beleuchtete Dresden von heute entlassen, ergab sich trotz aller groben Mängel des Films eine Atmosphäre des Trostes, ein starkes Gemeinschaftsgefühl, das es zwischen diesen hermetischen Welten der alten und neuen Bundesländer immer schwerer hatte aufzublühen. Und es zog die Filmgäste zur angestrahlten Frauenkirche hin. Nur wenige Minuten zu Fuß. Hin zu diesem als Symbol des Friedens und der Versöhnung wiederaufgebauten einzigartigen Kirchenbaus.

2005/6 war in vielerlei Hinsicht keine einfache Zeit. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Spiegel titelte damals „Über 100.000 Tote und immer noch keine Frieden.“ Nein, es ging dabei nicht um Syrien, das heute bereits annähernd 500.000 Kriegstote zu beklagen hat, gemeint war der erbarmungslose Krieg im Irak als mittelbare Folge von 9/11 und als unmittelbare Folge eines auf einer schamlosen Lüge basierenden Angriffskrieges um Öl der Vereinigten Staaten von Amerika. Global betrachtet war also von Versöhnung und Frieden keine Spur. Aber Dresden hat seine Kriege hinter sich gelassen. Damals, als alliierte Bomber mit der totalen Vernichtung der schrecklichen Hitlerherrschaft beschäftigt, lichterloh brennende Städte und Landschaften im Akkord erzeugten. Nein, die Vernichtungskriege von heute sind weit entfernt von der Annahme, irgendwie Gerechtigkeit erzeugen zu können.

2011 war Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert in der Frauenkirche zu Gast und sprach über das Thema „Was heißt Gerechtigkeit?“ Heute darf man sich wieder fragen, wann töten für den Frieden Gerechtigkeit erzeugt. Bundeskanzlerin Merkel hat sich 2015 entschieden, Millionen Menschen aufzunehmen, die dem Tod gerade noch entronnen sind. Hat sie sich übernommen? Über 80 Prozent der Deutschen glauben das. Und tausende Dresdener werden nicht müde, die Kanzlerin Montag für Montag daran zu erinnern. Angela Merkel ist seit über zehn Jahren im Amt. Und wer sich heute die Fotografien von René Gaens anschaut, der bei der Weihe der Frauenkirche dabei war, sieht eine Angela Merkel voller Tatendrang.

An ihrer Seite Thomas de Maizière der lange in Sachsen Politik mitbestimmt hatte und nun gerade ins Kabinett Merkel gewechselt war. Damals noch als Chef des Bundeskanzleramtes. Seine Metamorphose ist am eindrucksvollsten. Eine Verwandlung, wie man sie zuletzt bei Otto Schily erlebt hatte. Eine Alterung am und eine Versteinerung im Amt, wo Angela Merkel zwar auch nicht jünger geworden ist, der man aber eine erstaunliche Entrücktheit zuschreiben darf, ein immenses Sendungsbewusstsein mit religiösen Zügen, dass mit Gelassenheit kaum zu verwechseln ist. Thomas de Maizière ist erschöpft von der Last des Amtes. Die Bundeskanzlerin befindet sich auf Missionszug.

René Gaens war ganz am Anfang bei ihr. Mit der Kamera. Bilder, die für sich sprechen. Kaum ein Jahrzehnt alt, aber schon, wie aus einem ganz anderen Deutschland herübergebeamt. Die Zeiten ändern sich immer schneller. Und wir haben die Aufgabe, die Übersicht zu behalten, wenn es irgendwie noch gut werden soll.

[huge_it_gallery id=“6″]
Fotografien: René Geans
(Text: Alexander Wallasch)

 

.

René Gaens

René Gaens

René Gaens wuchs im Dresdner Umland auf. An den Ufern der Elbe, ebenso wie in der nahen Sächsischen Schweiz, lernte er hinzuschauen. Und wer hinguckt, der entdeckt auch. Der ist im Idealfall mit einer Liebe zur Freiheit ausgestattet, die in der Lage ist, über den Bildrand hinauszuwandern. Diese Beobachterperspektive wurde vom Fotografen professionalisiert.

René Gaens fotografiert People & Industry, betreibt sein Fotostudio am Rande der Sächsischen Schweiz, nahe Dresdens.

More Posts - Website

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen