René Gaens Fotografie

Serie I/ 2015
Olympisches Dorf von 1936 – Berlin Elstal

Wenn man bereit ist hinzuschauen: Dann entdeckt man eine an die frühen Gartenstädte erinnerte Einfachheit, dann meint man sogar aus diesen verstreuten Häuschen mit ihren geradezu niedlich romantisierenden, längst verwilderten Vorgärten den Geist von Hellerau herauszuschauen.

©René Gaens

Olympisches Dorf Berlin (1936)

Kennen sie diese kontaminierten Klebealben vom „Cigaretten-Bilderdienst“ wie „Olympia 1936“, die man manchmal noch auf Flohmärkten kaufen kann – je nach Zustand und Vollständigkeit von zwanzig Euro aufwärts? Zeitzeugen mit Geschmäckle, immerhin stammen sie aus dem Vorzimmer der Hölle.

Damals, als die KZ’s genauso schnell aus dem Boden sprossen, wie die Waffenschmieden im Dreischichtbetrieb produzierten, entstand eine zwischen Bauhaus und Größenwahn aufgeriebene Ästhetik, zu deren bekanntesten Protagonisten „NS-Künstler“ wie Leni Riefenstahl und Arno Breker zählten. Zur Inszenierung der Olympischen Sommerspiele in Berlin 1936 erklärte Heinrich Mann:

„Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.“

18 Kilometer westlich des Berliner Olympiastadions bauten die Herren der Spiele das Olympische Dorf für diese „inszenierten Sportler“. Die Ruinen stehen bis heute. Denkmalschutz konserviert leidlich, was Krieg, russische Besatzung oder einfach der Zahn der Zeit übrig gelassen haben. Das weiträumige Areal ist für jedermann zur Besichtigung freigegeben. Besucher erhalten hier Einlass von April bis Oktober täglich von 10 bis 16 Uhr.

Durchaus eine zeitlose Schönheit

René Gaens war vor einigen Jahren dort noch exklusiv unterwegs und konservierte mit geschultem Blick eine einzigartige Atmosphäre. Fotografien, die alles das in sich zu tragen scheinen: die Tragödie des Missbrauchs der olympischen Idee, eine auf seltsame Weise anziehende morbide Ästhetik ebenso wie die Erkenntnis, dass eine von ideologischen Zwängen befreite Architektur außerhalb eines bestimmten verengenden Zeitfensters durchaus eine zeitlose Schönheit offenbaren kann: Jedenfalls wenn man bereit ist hinzuschauen. Dann entdeckt man eine an die frühen Gartenstädte erinnerte Einfachheit, dann meint man sogar aus diesen verstreuten Häuschen mit ihren geradezu niedlich romantisierenden, längst verwilderten Vorgärten den Geist von Hellerau herauszuschauen.

Im Mittelpunkt noch heute zweifellos dieses architektonisch so hochintelligent angelegte augenförmige Haus der Nationen, ein Speisehaus aus 38 Speisesälen, von denen jeweils einer jeder teilnehmenden Nation zugedacht war. Vom obersten der drei terrassenartigen Stockwerke hinweg war das Olympiastadion in der Ferne zu sehen.

Treppenwitz der Geschichte: Eine britische Zeitung hatte ironisch mit Blick auf diese Gelände geschrieben, das dem Idyll nur noch die Störche fehlen würden. Postwendend ließen die NS-Organisatoren die Störche des Berliner Zoo zum Teich des künstlichen Dorfes bringen.
(text: alexander wallasch)

René Gaens

René Gaens

René Gaens wuchs im Dresdner Umland auf. An den Ufern der Elbe, ebenso wie in der nahen Sächsischen Schweiz, lernte er hinzuschauen. Und wer hinguckt, der entdeckt auch. Der ist im Idealfall mit einer Liebe zur Freiheit ausgestattet, die in der Lage ist, über den Bildrand hinauszuwandern. Diese Beobachterperspektive wurde vom Fotografen professionalisiert. René Gaens fotografiert People & Industry, betreibt sein Fotostudio am Rande der Sächsischen Schweiz, nahe Dresdens.

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