Von finstrer Halde (Von drauß vom Walde)

Storms „Von drauß vom Walde“ war das erste Gedicht, das Kolumnist Sören Heim auswendig konnte. Dem Horrorjahr 2016 hat er eine apokalyptische Parodie darauf spendiert.

_JWM6473-2 von Joe McDonald - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Von finstrer Halde komm ich her
muss euch sagen, es stinket sehr
all überall auf den stählernen Zitzen
der toten Stadt sah ich Irrlichter blitzen
aus hohler Gassen schwarzem Tor
schaut mit fahlen Augen Behemoth hervor

Ich strolcht‘ um Ruinen, da gerann,
die Szene zu Donner, da rief’s mich an:
Hey da, rief es, versehrter Gesell,
im Osten brennet der Himmel grell!
Die Katzen fangen zu klagen an,
ums Ölfeuer tanzt der Ku-Klux-Klan,
Alt und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
denn morgen öffnen sich lohend Erden,
es soll ein Ende bereitet werden!

Asche weht von Haus zu Haus
die Kinder trau’n sich nicht heraus,
ach, wer mag noch an Kinder denken
die letzte Weihnacht, und ans Schenken?
Ich sprach: Es ist nun alles Mist
wer da noch lebt ist angepisst
doch zieh ich noch durch diese Stadt,
und mache ein paar Goule platt.
Hast denn die Flinte auch bei dir?
Ich sprach: Die Flinte, die ist hier,
Denn Kugel, Schrot und Ninjastern
fressen verstrahlte Zombies gern.
Hast denn auch noch’n Sixpack Bier?
Ich sprach: der Trank, auch er ist hier
denn kommt die letzte Nacht, zu richten
will ich schwer hoffen, dass ich dicht bin
der Donner sprach: So ist es recht.
Geh ein ins grausige Geflecht.

Von finstrerHalde komm ich her
muss euch sagen, ich mag nicht mehr
was säuselt da, wie grün, im Wind?
der Geist eines Atomtod-Kinds?

Kind:
Ach, dazumal, da gings uns gut,
hatten wohl auch noch was trotzigen Mut.

Van Ruppling:
Die Welt war trotzger Kindermut
doch wer vergoss das erste Blut?
Hieß es bei Euch denn nicht mitunter:
Nieder den Kopf und die Hosen herunter?

Kind:
Wie einer sündigt so wird er gestraft;
Wenn alle sündgen, so lobt man sie: brav.

Van Ruppling:
Steckten sie die Nas nicht tüchtig ins Buch,
lesen und schreiben und rechnen genug?

Kind:
Man lernte auch mit kleiner Kraft,
wie man Schwerter schwingt und Verderben schafft.

Van Ruppling:
Beteten sie denn nach alter Pflicht
im Bett Ihr Abendsprüchlein nicht?

Kind:
Die Priester schwor’n doch die Lämmer ein
kleine Stimmen sprächen allein;
doch wo denn alle gemeinsam beten,
träfen wohl sich’rer die Raketen .

Van Ruppling:
So hört denn meinen letzten Gruß,
weil alles einmal enden muss
genießt des Höllenfeurs Gaben
denn besseres wird es nicht mehr haben.
Es kommt mit wildem Feuerschein
Der jüngste Tag zu euch herein.
Und droben hält der Himmel Wacht;
eiskalt und leer. Und lacht. Und lacht.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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