Auch das hat nichts mit dem Islam zu tun!

Sören Heims Textperiment zum Thema Erwachsen-Sein kreist um ein Nilpferd und hat einen doppelten Boden

Staring into the gaping mouth of a Hippo - von ghatamos - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Wenn wir im Urlaub mit dem Vater Fußball spielten, nannten wir ihn immer „Turbonilpferd“, wegen des Tempos, mit dem er auf kurzen Strecken durchstarten konnte. Weil er nicht mehr der leichteste war. Und auch wegen des Enthusiasmus, mit dem er trotz Defiziten bei der Ballkontrolle bei der Sache war. Wie ein Nilpferd, das nach langer Durststrecke den heimatlichen Fluss erreicht. Lustig war’s. Aber so verhalten sich doch Erwachsene nicht!

Wie wird man „erwachsen“?

Ich hatte gewisse Vorstellungen vom Erwachsenwerden, als ich klein war. Oder eher: vom Erwachsen sein. Denn das manche Menschen erwachsen waren, war ja klar. Doch wann fing das an? Und wie wurde man das? Ein ewiges Rätsel etwa: Man(n) müsste, um erwachsen zu sein, erstmal eine Frau finden. Aber wie? Man wird wohl von Tür zu Tür gehen und fragen. So hatte ich mir das zumindest für unser kleines Dorf zurecht gelegt.

Mittlerweile bin ich Anfang 30. Verdiene mein eigenes Geld, habe eine eigene Wohnung, wie das mit den Frauen funktioniert hat sich, naja, wenn auch nicht ohne Komplikationen, geklärt. Und wenn ich doch nochmal aushilfsweise eine Kassenschicht im örtlichen Jugendzentrum übernehme, siezen die Gäste mich. Sauerei. Man ist also erwachsen. Aber dieses völlig andere Lebensgefühl, das ich als Kind nur halb bewusst damit assoziierte, es will sich nicht einstellen. So eine stoische Ruhe vielleicht? Ein mehr funktionierendes als dahin stolperndes und experimentierendes Ich? Stattdessen ist man noch immer enttäuscht, wenn gerade ein witziger Spruch einfällt und niemand in der Nähe ist, an dem man ihn ausprobieren kann. Und davon, spontan beim Fußballspiel der Kids im Park einzusteigen, hält nur das vage Wissen davon ab, wie man selbst wohl einst auf so einen komischen Typen reagiert hätte. Und die Erinnerung, wie dem Kumpel bei einem ähnlichen Versuch aus dem Stand die Achillessehne abriss. Dass der Körper nicht mehr will wie man selbst, das zeigt zumindest: Man wird älter.

Ein neues Phänomen?

Aber erwachsen? Gut, mag man sagen, das liegt daran, dass Du als Autor einem Beruf nachgehst, der sowieso mehr Spiel ist als echter Beruf. Maschinenbauer und Lokomotivführer, die werden erwachsen. Aber spätestens die Existenz sozialer Netzwerke sollte auch das widerlegen. Gibt man erwachsenen Menschen einen Fotoapparat in die Hand, eine Internetverbindung und ein paar blaue Buttons zu drücken, ist da nicht mehr viel von der stoischen Ruhe, vom selbstgenügsamen vor sich Hinleben. Ein Zeitgeistphänomen? Es wird ja viel geklagt, die Menschen würden nicht MEHR erwachsen. Junge Männer leben ewig bei den Eltern, man verheiratet sich immer seltener, die Werbung predigt ewige Jugend. Ein schwacher Arbeitsmarkt und die seit den Siebzigern forcierte Vereinzelung in der Arbeit mögen solche Phänomene begünstigt haben. Aber ist das Lebensgefühl so ein Neues? Facebook zB ist längst auch die Spielwiese der Generation 50, 60, ja 70 Plus. Nach Ihrem Für und Wider: Verhalten die sich erwachsener?

Der Mensch sei Mensch wo er spielt. Und was das Kind als Erwachsensein erfährt ist vielleicht einerseits einfach die fürsorgliche Rolle, die die Eltern ihm gegenüber einnehmen. Andererseits die Wunden, die das ewige „man muss“ des Lebens geschlagen hat. Im idealen Fall vielleicht noch die Fähigkeit, diesen Sinn abzugewinnen und sich partiell von ihnen frei zu machen. Fröhliche Resignation. Doch wo die Freiheit ins Spiel kommt, kommt sogleich auch das Spiel ins Leben. Und so auch wieder die Unerwachsenheit. Wenn wir die Wahl haben, regredieren wir zum Turbo-Nilpferd, und das nicht erst gibt, seit es Computer gibt. Sollte (es scheint sehr zweifelhaft) der Mensch im Schnitt heute wirklich so viel weniger erwachsen sein als früher, muss das nicht zwingend Negatives bedeuten. Als „kindisch“ hätte der gesunde Menschenverstand wohl die Masse der größten Köpfe der Menschheit abzuqualifizieren.

Schlussfolgerung: So richtig erwachsen, wie es das Kind sich vorstellt, wird der Mensch einfach nicht.

Tada! Der Islam.

Aber was hat all das mit dem Islam zu tun? Nun, wie angekündigt: Nichts. Oder soviel, dass ich mich schon länger frage, ob Klickbaiting auch funktioniert, wenn der Text den Köder konterkarriert. Das soll mit diesem kleinen Textperiment vor Weihnachten angetestet werden. Ich werde je nach Signifikanz mehr oder weniger ausführlich berichten. Schöne Weihnachten, und werden Sie nicht zu erwachsen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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