„Darling, nimm den dunklen Zug“ – über Gothic-Rock anhand des Samplers „The Second Wave“

Ulf Kubankes Hörmal-Kolumne beschäftigt sich in dieser Folge mit schönem Gothic Rock, gräßlichen Szeneentwicklungen und dem Cameron Crowe des deutschen Musikjournalismus, Thomas Thyssen.

pic by "Aufnahme + Wiedergabe"

Finsternis in den Straßen. Zwei schimmernde Gitarren; getauft mit fahlem Mondlicht. Was hier wandert, wandert allein gleichwohl unablässig lauernd. Das Biest auf der Pirsch! Im Chorus packt seine Klaue zu: „The World is evil! Brother Sons break their Tribes.“ Alles Unheil nimmt den unvermeidlichen Lauf und Dronning Maud Land ist sein Prophet.

Klingt animierend, nicht wahr?

Kein erdiger Brit-Goth

Das kommt nicht von ungefähr. Doch wer nunmehr vermutet, man habe es mit erdigem Brit-Goth zu tun, der irrt beträchtlich. Dieses Juwel plus knapp zwei Dutzend weiterer schwarzer Perlen sind Teil der herausragenden Compilation „The Second Wave“; ihres Zeichens ein Sampler mit ausschließlich deutschen Gothic Rock-, Gitarren-Wave- und Post-Punk-Acts der späten 80er und frühen 90er Jahre.

Strukturell bietet sich ein Vergleich mit der legendären NWOBHM an. Ähnlich wie dort Judas Priest, Iron Maiden & Co. stürzen sich inspirierte Musiker auch hier auf jenes weite Feld, welches die Pioniergeneration hervorbrachte. Waren die Vorreiter dort Black Sabbath, Deep Purple etc., sind es hier Bauhaus, The Cure, The Sisters Of Mercy, The Smiths, Siouxsie & The Banshees, Alien Sex Fiend oder Fields Of The Nephilim.

Nun stellt sich die berechtigte Frage: „Warum denn eine rein national konzipierte Zusammenstellung?“

Was ist mit „Krautgoth“?

Dieser Ansatz hat weder etwas mit nationalistischem Gehabe zu tun, noch mit nerdy Special Interest für eine minimale Die Hard-Fraktion. Vielmehr ist der Blickwinkel musikhistorisch berechtigt und längst überfällig. Denn die deutschen Post-Boten der Mark II-Phase leiden – trotz hochwertigen Songwritings – unter zwei unverdienten Hemmschuhen in Bezug auf popkulturelle Wahrnehmung.

Zum einen galt Krautgoth – abgesehen von wenigen Feigenblättern wie Deine Lakaien – international zu Unrecht als vernachlässigbare Größe. Ein Umstand, der sich negativ auf Verbreitung, mediale Relevanz und Produktionsbedingungen auswirkte.

Desweiteren ist das Bild, welches ihre deutschen Nachfolger (Mark III) hieraus bis in die Gegenwart malen, künstlerisch weitgehend entmutigend. Statt den Stein der Weisen von Vordenkern wie Dronning Maud Land, Catastrophe Ballet oder Love Like Blood verständig auf zu nehmen und gen Zukunft zu tragen, ignoriert man flächendeckend den möglichen Erkenntnisgewinn; erstickt man den möglichen Lerneffekt im Keim.

Hieß es anno Robespierre noch zutreffend „Die Revolution frisst ihre Kinder“, verlief es hierbei weitgehend umgekehrt: Diese Kinder fressen ihre Gothrevolution! Das Ergebnis ist eine überwiegend tumbe, stereotype und bis ins Schlagereske verkrüppelte Schwarze Szene voller Lachnummern. Am Ende dieser Rückentwicklung stehen musikalisch langweilende Kombos voll schimmliger Kalenderblattlyrik, die nur deshalb nicht neben De Höhner etc. auftreten, weil die Komik der Letztgenannten eine rein freiwillige ist.

Man erblickt nicht nur ästhetische Totalausfälle wie Blutengel. Es gibt ebenso viel trendy produzierte Nichtigkeiten von Combos wie Mono Inc, Letzte Instanz, Unheilig und Konsorten. Zusammen beweisen sie, dass „modernistisch und kalkuliert“ etwas vollkommen anderes ist als „modern und inspiriert“.

Der mithin ebenso bekümmernde wie unverdiente Irrlauf der Musikgeschichte macht deutlich, wie wichtig diese Dokumentation in ästhetischer, konzeptioneller und künstlerischer Hinsicht ist. Sie ermöglich den unverstellten Blick auf ein Genre, welches auch in den Heimatgefilden eine qualitativ weitgehend eigenständige Idee formulierte. Eine Idee deren klangliche Umsetzung womöglich D.I.Y.-bedingt nicht durchgehend ausgereift geriet. Dabei jedoch stets das Ziel der Weiterentwicklung im Auge behielt und sich nicht an Nivellierung verkaufte. Wer könnte mithin geeigneter sein, den tragischen Helden dieser Lost Generation die Tarnkappe zu entreißen, um sie aus unsäglicher Wahrnehmungsquarantäne zu führen als Thomas Thyssen?

Niemand! Und das hat Gründe.

Thyssen fungiert hier in einer Doppelrolle als Wächter der Kunst und Archäologe. Ersteres wegen seiner untrüglichen Nase für Qualität, letzteres wegen des Ausbuddelns wahrer Schätze, die nicht verborgen bleiben dürfen. Kein Wunder, darf man ihn doch getrost als den Cameron Crowe des deutschen Post-Punk bezeichnen. Wie jener – man erinnere sich an „Almost Famous“ – begann Thomas seine journalistische Profilaufbahn bereits als Teenager. Er schrieb schon Anfang der 90er kompetent für diverse Gazetten, interviewte Ikonen wie Andrew Eldritch und behielt stets seinen ebenso liebevollen wie kritischen Ansatz. Kurzum: Er war dabei und weiß sehr genau, wovon er spricht.

Und wovon er spricht lässt jeden nach unten gemerkelten Mundwinkel rasch in die Höhe schnellen. Am Stück genossen bieten die gefeaturten Bands nämlich echtes Schaulaufen. Schon der Beginn mit den drei dynamischen Openern „Heaven Knows“ (Elephant vs. Bromley), „Take The Dark Train“ (Revenge Of Nephtys) und das schnelle „Summerrain“ (Decay) rocken sich angenehm in Herz und Bauch. Vom sichtbaren Talent her muss sich keines dieser Kellerkinder hinter den englischen Nachtschattengewächsen verstecken. „…outside the Summerrain falls, inside it feels like Winter….“ https://aufnahmeundwiedergabe.bandcamp.com/track/summerrain

Die anderen beiden Tipps findet ihr hier:

Elephant vs. Bromley:


und

Revenge Of Nephtys:

Zum Schluss empfehle ich von „The Second Wave“ einen persönlich lang gehegten Underground-Favoriten: Fallen Aparts „Hey Friend“. Sicher, der Gesang befand sich hörbar noch im Entwicklungsstadium. Doch ihr Clou ist das kaminzimmerwarm flirrende Gitarrenarrangement. Guter Goth Rock versteht – dank u.a. Wayne Husseys Ideen auf „First And Last And Always“ und diversen Mission-Tracks: Das Klangbild wird umso effektiver, je weniger Kälte es transportiert. Viele Bands der zweiten Welle haben dies wohltuend verstanden. Möge es den gegenwärtig üblichen Verdächtigen als Nachhilfeunterricht dienen.

…und hier geht es zum Mixtape:

www.aufnahmeundwiedergabe.de/thesecondwave

 

 

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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