Striptease für den Feminismus? – Jennifer Rostock zwischen Pose und Position

In seiner “Hörmal”-Kolumne erörtert Ulf Kubanke Jennifer Rostocks “Hengstin”, einen der in Form und Inhalt wichtigsten deutschen Songs des Jahres. Die kritische Würdigung findet schlussendlich (s)eine Antwort. Diese Antwort ist rein subjektiv und entbindet den Hörer nicht davon, sich eine eigene Ansicht zu bilden.

Said_20164581 von Oliver Seitz - gemeinfrei

Unbestreitbar gelingt Jennifer Rostock mit “Hengstin” einer der deutschsprachigen Kernsongs des Jahres. Die Botschaft ist klar: „Unsere Gesellschaft gibt sich auf der Fassade progressiv und fortschrittlich, aber das Furnier ist dünn. Wir sind noch weit entfernt von echter Gleichberechtigung. Allerdings wollen wir uns nicht nur beschweren – sondern im Video zum Song auch eine ganze Bandbreite an Vorbildern präsentieren, die sich in ihren Nischen einen Weg geebnet haben. Wir hoffen auf diese Weise, eine nachwachsende Generation an Mädchen ermutigen zu können, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen.“

Pro und Contra

Text und Musik werfen dennoch einige kontroverse Fragen auf, an denen man nicht ohne weiteres vorbei kommt. Das ist per se ja schon mal gut. Denn dafür ist Kunst da. Nachfolgend erörtere ich das spontane „Pro“, das ebenso spontane „Contra“ und das nicht minder spontane „Neutral“ auf der Basis des folgenden Videos.

1. Pro: Was Jennifer Rostock sagen, hat Hand, Fuß und ist nicht unberechtigt. Dennoch stellt sich die Frage, ob Weists Text “Ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist.” besonders gut passt, wenn man genau diesen – durchaus berechtigt – so offensiv einsetzt, wie sie es in diesem Video macht. Sie nutzt also selbst Brain und Body. Warum auch nicht? Alles ist eine Waffe, falls man es richtig einsetzt. Der Geist, der Körper, das Charisma, die Worte – einfach alles! Entscheidend ist doch lediglich, ob man die erwählte Waffe effektiv einsetzt, um eigenverantwortlich zu gestalten und nicht als Marionette verheizt zu werden.

Feminismus-taugliche Beispiele gibt es genug. Nehmen doch nur die zu Unrecht oft unterschätzte Marilyn Monroe. Frau Baker hat sich als Sexsymbol inszeniert – wie Rockstars und damit auch Weist auf der Bühne – um Hierarchien zu brechen. Das klappte recht gut. Als eine der ersten Frauen im Showbiz überhaupt nutzte sie ihren popkulturellen Status und die daraus resultierende Unabhängigkeit, um ausgerechnet in den miefigen 50ern – um genau zu sein bereits 1954 – ihre eigene Produktionsfirma zu gründen und dort Richtlinienkompetenz plus Mehrheit der Anteile zu halten. Sun-Tzu hätte ihr auf die Schulter geklopft und manche spätere Feminismus-Ikone hätte dies ebenso tun sollen, statt die Schauspielerin mit ihren Rollen zu verwechseln.

Und heute?

Da steht Rihannas “Schaut mal, wie sexy ich bin!” neben Lady Gagas “Schaut mal, wie “Fuck Perfection!” und Anti-Schönheitsideal und unabhängig ich bin!” Nun auch Jenny Weist – “Schaut mal wie Hengstin ich bin!” – als tätowierte Absage gen kuschende Herdentiermentalität. Besonders berechtigt ist sowas womöglich gerade in unseren Zeiten, die Frauen weltweit noch immer mit Kleiderordnungen (bis hin zum bösen “B” samt verfassungsrechtlicher Verbotsdiskussion) oder Zensur gängeln. Beim überkommenen Puritanismus etwa ist leider Facebook mit seiner restriktiven Haltung gen Festivalpics mit Frauenbrüsten oder Sperre des weltberühmten Vietnamkrieg-Fotos von Hoang Van Danh drangsalierender Vorreiter der Rückschrittlichkeit. Vor allem letzteres ist ein Armutszeugnis sondergleichen, da die Macht eines Konzerns danach strebt, ein historisch wichtiges Mahnmal gegen Kriegsgräuel zu Schund zu degradieren.

Wir sehen also: Die Baustellen sind vielseitig und erbärmlich. Auch im teilaufgeklärten Deutschland entdecken metaphysisch aufgeladene Christianisierungsfetischisten nicht nur in (neu)rechten Splitterparteien einen milieugetriebenen Spießer-Hang zu erschreckend tumber Neo-Prüderie im Sakro-Mantel. In einer sich mithin zu großen Teilen rückentwickelnden Welt ist der selbstbewusste – dabei nicht hirnfreie – Körpereinsatz von Künstlern bis hin zu Proteestorganisationen a la “Femen” ergo auch 2016 noch immer ein Akt des Aufbegehrens, Emanzipierens und Indivudualisierens. Ziemlich traurig, leider wahr!

Gute und böse Waffen?

Insofern macht Weist doch alles richtig. Das Separieren zwischen “guten” Waffen und “bösen” Waffen hat sie gleichwohl nicht nötig. Aber sei es drum; als Mittelfinger gegen “Tussi als Lebensplan” geht das alles auch textlich letztendlich klar. “Kein Herdentier!” Auch die ganze Anlage des Videos als Symbol vielfältiger Frauenpower macht Spaß. Wenn unter anderem Melbeatz und manch andere vorbildtaugliche Dame auftaucht, freut man(n) sich über präsentiertes Selbstwertgefühl und durchgesetztes Talent.

2. Neutral: Unter rein musikalischen Gesichtspunkten hinterlässt das Lied einen zwiespältigen Eindruck. Jennifer Rostock standen ohnehin nie im Verdacht, songwriterisch wirklich herausragendes zu bieten. Die Stärken der Band liegen eher in energetischer Performance/Agitation – emotional wie politisch. So auch hier. Als Parolengeschoss ballert “Hengstin” aus allen trendy Rohren. Mit punky Hektik, Fashionshop-R&B und Raps steht vor allem die junge Zielgruppe auf dem Plan. Warum auch nicht? Im Dienste der Botschaft mag der Zweck jedes noch so kalkuliert anmutende, künstlerische Mittel heiligen. Jenseits dieser Mission bleibt vom Lied aus sich selbst heraus jedoch wenig übrig. Gerade der Appell an Individualität und weibliches Selbstbewusstsein geht in diesem konventionell gestrickten Allerweltsmuster komplett vor die Hündinnen. Ohne die Lyrics wären Klangerlebnis und Komposition nicht entfernt der Rede wert. Und zeitlos ist es schon gar nicht. Fazit für alle, denen es nach einer echten Hymne gelüstet: Ohren zu im Sinne der Sache!

Typisches First World-Geleier?

3. Contra: Trotz aller Anstrengung, den erkennbar so gut gemeinten Track mögen zu wollen. Der skeptische Anwalt des Teufels im Hinterkopf klopft an: Ein wenig kommt ihm diese “Hengstin” wie wohlfeiles, typisches First World-Geleier von der Sommerfrischlerseite kommerzialisierten Pseudofeminismus vor. Die Band müht sich so redlich, als Feuerwehr das Lagerfeuer “Plattenfirma, Schlips, Vips” in Schach zu halten, während man den nur 2 Meter entfernten Großbrand ignoriert.

“Wer hat dich in Ketten gelegt? Ketten aus Silber und aus Gold.” Der Käfig so silbern, so golden? Nein, das kommt JR eventuell nur deshalb so vor, weil die Kombo vor der nicht falschen wohl aber irrelevanteren Fessel verharrt. Der echte Käfig ist aus eiskaltem, blutigen Stahl, besetzt mit dornigen Ketten!

Denn: Wenn man die schlimmste Seite folgender Definition zugrunde legt – “Sexismus ist eine auf genderstereotype ausgerichtete Abwertungsstrategie mit dem Ziel eine Hierarchie zu etablieren” – sieht es doch ein wenig bauch(frei)ladenhaft mau aus. Es gibt nämlich auch in Deutschland genug Frauen/Mädchen, die von familiär etabliertem Bildungsverbot, physischer Unfreiheit und sonstwelchem, derben, unzumutbaren Druck hardcore-patriarchalischer Strukturen gegängelt werden. Gerechtfertigt vor allem mit Tradition/Religion. Das alles nur weil, sie Frauen/Mädchen sind! Unzumutbar für jeden Humanisten! In Ansehung solch gravierender Missstände mit einer textlich harmloseren, braveren Ausweichschiene einen auf “Big Feminist Icon” zu machen, ist schon etwas dünn.

Popstar, nicht Politiker

Doch halt! „Moment mal!“, ruft es in mir dem Advocatus Diaboli entgegen. Ist diese Sichtweise nicht unfair? Ja! Ist sie! Man muss als Popstar sicherlich nicht jede Weltrettungsproblematik erschöpfend aufgreifen; schon gar nicht mit sozialwissenschaftlicher Detailgenauigkeit. Man ist Popstar und kein Politker. Skepsis ist wichtig. Doch sobald man nur noch das Haar in der Suppe sieht, verliert man den Blick fürs Wesentliche. Letzteres liegt vor allem in der Fähigkeit Weists, Mut zu machen, Mädchen zu signalisieren, dass man nicht allein und unverstanden ist und Denkanstöße in die richtige Richtung zu liefern. Eine Art positiv geladener Energietransport! Mehr kann, mehr darf man von Künstlern nicht erwarten, ohne selbst zum korinthenkackenden Soldaten eines Heeres der Destruktiven zu werden. Insofern zieht das “Contra” hier klar das wesentlich kürzere Hölzchen.

4. Ergebnis: Am Ende des Tages stellt sich somit nur die Frage: Ist es gut oder schlecht, dass der Song in der Welt ist? Natürlich ist es gut. Sehr gut sogar! Denn “Hengstin” verkörpert – trotz Schwächen – ein flammendes Signal, ein deutlicher Schritt auf richtigem Wege zu einer hoffentlich gerechteren Gesellschaft. Das Lied ist ein progressiver Tropfen, der mit weiteren Tropfen den konservativen Stein der Greisen höhlen wird. Wann auch immer dieser Tag kommen mag. Props für die “Hengstin”!

 

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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