Über die Freiheit, eine Niere zu verkaufen

Wenn man an Organhandel denkt, tauchen düstere Bilder von kriminellen Banden auf, die Menschen ausbeuten oder gar morden, um von skrupellosen Käufern einen Haufen Geld zu kassieren. Thilo Spahl stellt sich die Frage, ob es nicht auch anders ginge.


Sollte der Handel mit menschlichen Organen legalisiert werden? Der unleugbare Ausgangspunkt für die Überlegungen ist, dass es eine starke Nachfrage nach Organen gibt. Und wo es eine solche Nachfrage gibt, entsteht zwangsläufig auch ein Markt. Die Frage ist, wie dieser gestaltet wird. Heute können wir vor allem zwei Formen des Handels beobachten: die altruistische Organspende und den illegalen Organhandel.

Auch die Organspende hat Charakteristika eines Handels. Allen Beteiligten ist bewusst, dass es sich um ein Geschenk von hohem Wert handelt. Der Spender kann daher eine Gegenleistung erwarten. Die kann in irgendeiner Weise geldwert sein, sie kann aber auch in Verbundenheit, Loyalität, Dankbarkeit oder der Erwartung bestehen, irgendwann im Leben, wenn man es nötig hat, jemanden zu haben, der einem noch etwas schuldet. Oft wird es auch so sein, dass die Motivation wirklich altruistisch ist. Doch auch wenn der Spender nicht glaubt, dass ihm etwas geschuldet wird, kann immer noch der Empfänger denken, dass er etwas schuldet. Dass kein Preis genannt wird und kein Geld gezahlt wird, heißt nur manchmal, dass es keinen Preis gibt.

Ein illegaler Handel ergibt sich relativ unvermeidbar als Konsequenz des Verbots:  Wo es eine Nachfrage, aber keinen legalen Markt gibt, gibt es einen illegalen Markt mit allen bekannten Nachteilen: unzureichende Versorgung, hohe Kosten, hoher Risiken für die Beteiligten, geringe Kompensation für die Spender, erhebliche Folgekriminalität, inkl. Gewaltverbrechen. Über Ausmaß und Ausprägungen dieses Handels gibt es sicher Untersuchungen. Ich will hier aber nicht weiter darauf eingehen. Es soll genügen, festzustellen, dass er zweifellos keine ideale Lösung ist, um die weltweite Nachfrage zu befriedigen.

Wege zur Kommerzialisierung der Organspende

Die meisten Spendenorgane stammen von Menschen, die gestorben sind und vorher einer Organentnahme nach dem Tod zugestimmt haben. Da jeder Mensch zwei Nieren hat, aber nur eine benötigt, und da die Leber in hohem Maße regenerationsfähig ist, also nachwächst, spielen insbesondere bei diesen beiden Organen auch Lebendspenden eine erhebliche Rolle. Bei Nierentransplantationen stammen in Deutschland knapp ein Drittel der Organe von Lebendspendern. Die Vorteile für den Empfänger sind erheblich. Das Risiko des Eingriffs für den Spender ist gering. Spenden darf aber nicht jeder für jeden. Laut Deutschem Transplantationsgesetz ist die Entnahme einer Niere, des Teils einer Leber oder anderer nicht regenerierungsfähiger Organe (…)  nur zulässig zum Zwecke der Übertragung auf Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, eingetragene Lebenspartner, Verlobte oder andere Personen, die dem Spender in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen.“

In Deutschland warten rund 8000 Menschen auf eine Spenderniere, durchschnittlich 6-7 Jahre lang. Die jährlichen Kosten für die Dialyse liegen bei rund 40.000 Euro. Eine Transplantation kostet etwa 18.000 Euro.

Immer mehr Leuten ist klar, dass das System nicht befriedigend ist. Die Frage ist, wie man den Anreiz, eine Niere oder ein Stück der Leber zu spenden, in einer Weise erhöhen kann,  die den meisten Menschen als ethisch vertretbar erscheinen würde. Ein erster Schritt wäre hier sicher, dafür zu sorgen, dass der Spender bei der Aktion nicht noch drauf bezahlt.

In den meisten Ländern wird man nicht nur nicht bezahlt, man muss als Spender auch direkte und indirekte Kosten übernehmen, etwa Reisekosten, Verdienstausfall, ggf. Kinderbetreuung, Kosten für medizinische Nachsorge, usw. Wenigstens das scheint sich allmählich zu ändern: U.a. in Australien, Neuseeland, Großbritannien, Kanada, Irland, Singapur  werden solche Kosten mittlerweile ganz oder teilweise übernommen.

Ein weiterer Schritt in Richtung eines Marktes sind Gegenleistungen, die nicht in direkter Bezahlung bestehen. Geschenke sind eine Möglichkeit oder Sachleistungen, die einen gewissen Bezug aufweisen, etwa kostenlose Krankenversicherung. Eine Gegenleistung kann zum Beispiel darin bestehen, dass man bevorzugt wird, sollte man selbst ein Organ benötigen. Das 2012 eingeführte israelische System sieht bei der Vergabe von Organen neben der medizinisch angezeigten Dringlichkeit  folgende Priorisierung vor: Als erste werden  Lebendspender und ihre Familien berücksichtigt. Es folgen Menschen, die mehr als drei Jahre als Spender (im Todesfall) registriert sind, und danach deren Familien. Lebendspender werden zudem für ihren Arbeitsausfall entschädigt, erhalten 5 Jahre lang freie Kranken- und Lebensversicherung und andere Vergünstigungen, etwa freien Eintritt in Nationalparks.

In den USA hat Sally Satel, eine Psychiaterin an der Yale Universität und Empfängerin von inzwischen zwei Spendernieren (von Freunden), ein Programm vorgeschlagen, das Steuererleichterungen, Bildungsgutscheine, Krankenversicherung oder andere geldwerte Leistungen in Höhe von 50.000 Dollar vorsieht.

Bezahlte Spende

Das einzige Land, in dem Nierenspender legal bezahlt werden, ist der Iran. Die Bezahlung erfolgt zu einem von der Regierung festgelegten, aber zum größten Teil durch den Empfänger zu entrichtenden Preis und wird offiziell als Geschenk in Anerkennung des Altruismus der Spender bezeichnet.  Männliche Spender werden zudem vom Militärdienst befreit. Wartelisten gibt es auch hier. Allerdings nicht für Patienten, sondern für Spender. Diese sind in der Regel arm und kommen aus ländlichen Regionen. Organempfänger dürfen nur Iraner sein. Ein Transplantationstourismus soll nicht entstehen. Auch für arme Empfänger funktioniert das System. Da viele Patienten Lebendspenden erhalten, gibt es  auch für Nierentransplantationen von Verstorbenen, die ohne Kosten erfolgen, nur eine kurze Warteliste. Das von einer Charity organisierte  iranische System ist nicht perfekt, vor allem in Hinblick auf die medizinische Nachversorgung der Spender. Aber die Vorteile gegenüber einem illegalen Markt sind erheblich.

Ein unmoralisches Geschäft?

Das zentrale Argument gegen die bezahlte Organspende lautet natürlich, dass hier die Notlage von Menschen ausgenutzt wird. Und es ist nicht von der Hand zu weisen. Nur wer arm ist, wird für Geld ein Organ spenden. Aber das ist nicht nur bei Organspendern der Fall, sondern bei  jeder bezahlten, mit einem Risiko verbundenen Tätigkeit. Es gilt für Bergleute, Fischer, Dachdecker, Gerüstbauer, Sprengmeister und fast alle Menschen, die in Fabriken und Agrarbetrieben in armen Ländern all das produzieren, was wir täglich konsumieren. Das Paradoxe ist, dass es uns unmoralisch erscheint, jemandem 30.000 Euro für einen fünftägigen Krankenhausaufenthalt mit einem Risiko für tödliche Komplikationen von 0,03% zu geben, während wir es für akzeptabel halten, wenn er für die gleiche Summe jahrelang hart arbeiten muss und ein größeres Risiko hat, dabei zu sterben. Ist es nicht unmoralisch, diese Chance, an Geld zu kommen, zu verweigern? „Einem Armen die Möglichkeit vorzuenthalten, seine Niere zu verkaufen, finde ich fast kriminell“, sagt der niederländische Philosoph und Medizinethiker Marcel Zuijderland.

Bei den Massen, die in ihren alltäglichen Jobs für wenig Geld erhebliche Risiken eingehen, ist es gerade die schlechte Bezahlung, die unser Gewissen beruhigt: Diese Leute wurden nicht mit viel Geld geködert. Also sind sie nicht in gleicher Weise Opfer. In gewisser Weise schwingt auch ein moralischer Vorwurf an die Spender mit, die der „Verlockung des schnellen Geldes“ verfallen würden. Mitunter entstehen Assoziationen zwischen dem  Verkauf der Niere und dem Verkauf der Seele.

Die Kommerzialisierung des Lebens bereitet Unbehagen. An der Diskussion um die Organspende sehen wir das deutlich. Der Spender und der Empfänger mögen beide profitieren. Aber was wird so aus unserer Welt? Wird sie kalt? Verschwinden Gemeinsinn, Opferbereitschaft, Nächstenliebe, wenn alles käuflich wird? Man muss das Thema im größeren Zusammenhang sehen. Gesundheit ist längst käuflich. Der Gesundheitsmarkt ist riesig. Nicht nur Transplantationen, sondern auch viele andere Operationen und sonstige Therapien kosten Zehntausende von Euro. Warum sehen wir das üblicherweise nicht als Problem? Weil in vielen Ländern ein Versicherungssystem und ggf. andere Wohlfahrtsinstrumente dafür sorgen, dass sie nicht den Reichen vorbehalten sind. Das wäre auch bei der bezahlten Organspende der richtige Ansatz. Man könnte zudem Mindestpreise festlegen und lebenslange medizinische Nachversorgung garantieren. Als Käufer würden nicht Patienten, sondern die Krankenkassen auftreten. Dann wäre es nicht von den finanziellen Möglichkeiten des Patienten abhängig, ob er eine Niere erhält. Allerdings dürfte dann die altruistische Spende aus dem Kreis von Freunden und Familie wahrscheinlich weitgehend verschwinden. Aber so ist es ja auch bei allen anderen teuren medizinischen Eingriffen: Es bezahlt die Versicherung, nicht die Familie.

Ein solcher regulierter Organhandel im Rahmen von Versicherungssystemen ist eine Option, die vielen akzeptabel erscheinen könnte. Im Übrigen ist zu hoffen, dass die Forschung in den Bereichen der Xenotransplantation und der Gewebezüchtung Humanspenden in absehbarer Zeit obsolet machen wird.
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Thilo Spahl

Thilo Spahl

Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Redakteur bei der Zeitschrift NovoArgumente.

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  • UJ

    Ein heikles Thema, dem Sie sich hier widmen. Ihrem Punkt, dass es ja bereits einen Markt für Organe gebe und man sich daher Gedanken über seine Regulierung machen sollte, kann ich noch zustimmen. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass z.B. ein Bill Gates oder Mark Zuckerberg sich schön brav auf eine Warteliste setzen ließe, wenn er oder ein Familienmitglied eine neue Niere brauchen.

    Trotzdem: Das Argument der Ausnutzung von sozial Schwächeren wiegt schwerer. In dem Augenblick in dem Organe auch zu einer legalen Ware werden können, ist die Gefahr real, arme Menschen nicht nur moralisch sondern auch ökonomisch stark unter Druck zu setzen, Organspender zu werden.
    So könnte z.B. Hartz IV-Empfängern die Hilfe gekürzt werden, wenn sie sich nicht als Organspender registrieren lassen- schließlich enthalten sie der Gesellschaft ja Vermögenswerte vor.
    Denkbar wäre auch, dass die Krankenkassen ihre Beiträge anpassen, je nachdem, ob man Organspender ist oder nicht.
    Beides wäre nicht nur menschenverachtend sondern auch illiberal.

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    Freundliche Grüße.

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