Pferde wetten nicht auf Menschen

Es gibt geile Bücher, die viel zu wenig bekannt sind und deshalb nicht gekauft werden. Das ist eines davon. Ich will versuchen das zu ändern. Eine Leseempfehlung.


Dieses Buch flatterte mir mit einem kleinen Kärtchen ins Haus. Einfach so. Das passiert mir häufiger. Vermutlich hoffen die Autoren auf eine positive Rezension. 90% dieser Zusendungen sind absoluter Müll und ich tue den Einsendern einen gnädigen Gefallen, indem ich die Bücher gar nicht erst kritisiere. Die haben sich ja damit vermutlich viel Arbeit gemacht. Wozu soll ich die noch kaputtschreiben?

Hier war es anders. Die Autorin, Susann Klossek, wünschte mir viel Spaß mit diesem Buch. Und den hatte ich. Ich nahm es mit in Urlaub und hatte neben meiner eigenen Reise gleich eine zweite im Gepäck.

Völlig verdreht

Zunächst war es gar nicht einfach, diese Buch zu lesen. Entgegen der üblichen Gewohnheit bei europäischen Büchern, wird es nicht von rechts nach links geblättert, sondern von unten nach oben. Man muss das Ding um 90 Grad drehen, mit beiden Händen festhalten, einen Daumen in die Mitte klemmen, damit es nicht zuschlägt. Völlig verdreht. Bequem ist das nicht, aber warum sollte ein Buch auch bequem sein. Durch diesen Trick zwingt die Autorin den Leser schon mal gleich zu einem Perspektivwechsel. Gleichzeitig kann sie für ihr Road-Poem die gesamte Fläche von zwei Seiten nutzen und tut das auch ausgiebig.

Unterschiedlich Schrifttypen, Schriftgrößen, nebeneinandergesetzte Texte, kursiv, fett, alles vertreten.

Zum Inhalt will ich gar nicht allzu viel verraten. Es geht vermeintlich um Orte.

Susann Klossek, in Leipzig geboren, nach der Wende schnell nach Zürich gezogen, reist gerne. Die Ich-Erzählerin, die vielleicht mit der Autorin identisch ist, vielleicht aber auch nicht, tut das auch. Auf ihrer Homepage heißt es u.a.:

Klossek, geboren 1966 in Leipzig, absolvierte eine Ausbildung zum Wirtschaftskaufmann. Zudem studierte sie Germanistik und Slawistik an der Universität Leipzig, wechselte nach dem Studium aber in die Wirtschaft. Im Zuge der Wende siedelte sie 1990 in die Schweiz über, wo sie die ersten acht Jahre Rohöldestillationsanlagen nach Russland verkaufte, später als freischaffende Malerin tätig war und schliesslich in den Journalismus wechselte. Heute lebt und arbeitet sie in Zürich.

Ein Sog

Das Buch ist nur anhand von Orten gegliedert, Seitenzahlen sucht man vergeblich. Das ist nur blöde, wenn man sich Notizen machen will. Aber es gibt ja Klebezettel.

Ich weiß nicht, wie die Frau das macht, aber diese Orte entstehen – obwohl es gar nicht so sehr um die Orte geht – wie Bilder vor dem Auge des Lesers. Mag sein, dass das daran liegt, dass Susann Klossek nicht nur Autorin ist, sondern auch Malerin, die natürlich auch das Cover selbst gestaltet hat. Personen erscheinen und verschwinden wieder. Michel Houellebecq, Charles Bukowski, Erdogan, Beethoven und verschiedene Lover und ein Ehemann, tauchen auf, ohne das auch nur der Verdacht des Namedroppings entstünde.

Kleine Gedankenschnipsel, größere Gedichtpassagen, jede Menge verspielte Erotik. Zwischen den beiden großen Zehen ist ordentlich Alarm.  Ja, eine Weltreise, aber nicht nur. Das Ding erzeugt einen Sog und spätestens nach einer halben Stunde hat man vergessen, wie bekloppt man mit diesem gedrehten Buch in den Händen aussieht und es ist einem auch egal, wenn die Leute blöd grinsen.

Ich bringe Ihnen hier keine Leseprobe, weil jede Leseprobe die falsche wäre und Sie erwarten würden, dass der Rest des Buches ähnlich daher kommt. Ich verspreche Ihnen, kommt es nicht. Alles ist anders, alles ist überraschend, nichts erwartbar.

Der Epilog hat Recht.

willkommen im Irrenhaus Leben

der Eintritt ist frei

die Show beginnt

hereinspaziert und Platz genommen

die Dame ohne Unterleib zeigt

wie’s auch ohne geht

und unser Affe hat Physik studiert ….

„Darf ich ihnen das Fick dich anbieten?“

Mir ist völlig schleierhaft, wie ich diese irrwitzige Autorin bisher übersehen konnte. Die Frau ist boshaft, ironisch, satirisch, mitunter zynisch, witzig, saukomisch, ernst, philosophisch, spielt leidenschaftlich mit Worten, Situationen und Erotik. Man merkt, dass sie auch schon als Gagschreiberin für das Schweizer Fernsehen gearbeitet hat. Die Gags sitzen. Nichts ist schal. Keine Sekunde langweilig,  auch nicht an den ruhigeren Stellen.  Sie fegt förmlich durch die Welt und die Gedankenwelt, ohne Rücksicht auf Konventionen. Ob das nun ein Roadpoem oder ein Roman oder eine Kollage ist, das ist mir vollkommen wurscht. Es ist einfach geil. Einzelne Formulierungen wie

Darf ich ihnen das Fick dich anbieten?

habe ich schon in mein persönliches Repertoire übernommen.

Dieses Feuerwerk ist im Gonzoverlag erschienen und kostet 18.–€. Eine Auszeit und eine wahnsinnige Reise, die Sie sich gönnen sollten. Denn:

Sie werden’s nicht bereu’n

zu Hause wartet nur der Tod

Susann KlossekCover FIN Front Web
Pferde wetten nicht auf Menschen
Roadpoem

312 Seiten

ISBN: 978-3-944564135
18,00 €  März 2016

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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