Zur Ehrenrettung des Reimes

„Moderne Lyrik reimt sich nicht“ vs. „was sich nicht reimt ist kein Gedicht“. Sören Heim plädiert für bewusstes Reimen

Nicht alles was sich reimt ist gut, aber gutes darf sich reimen - von Denis Apel / flyingpixel.de / Wikipedia unter CC BY-SA 4.0, zugeschnitten

Zum lyrischen Gedicht bedarf es nur eines beneidenswert kurzen Darms; und schon der Ablauf 1 einzigen Tages widerlegt alle Lyrik: dem wechselnden Tempo von auch nur 24 Stunden wird nur gute Prosa gerecht

Das findet der große Arno Schmidt, sicher einer der dichtesten, mancher mag behaupten wollen, geradezu dichtenden Prosaiker in deutscher Sprache. Besonders den Reim verabscheute er, wie mein Namensvetter Sören Brandes in einer der wenigen offen zugänglichen Arbeiten zur wenig bekannten Lyrik Arno Schmidts darlegt:

Schmidt tritt vehement für den Primat des Inhalts über die Form ein: Die Form habe dem Inhalt adäquat zu sein, nicht umgekehrt. Traditionelle Metren und Reimschemata können aber einer Welt nicht mehr gerecht werden, die zwei Weltkriege und den Holocaust hervorgebracht hat.

Faulheit und Tradition

Im Großen und Ganzen hat Schmidt wohl recht. Was Virginia Woolf an ihrem To the Lighthouse lobte, dass es ihr hier einmal gelungen sei jedes Wort passend und genau an die richtige Stelle zu setzen sollte der an jedes literarische Kunstwerk herangetragene Anspruch sein. Dass aus dem Werk, formal wie inhaltlich, erklärbar ist warum es so und nicht anders aussieht. „Goethe hat das auch schon gemacht“ oder „ man reimt Lyrik schon seit 1000 Jahren, das gehört sich so“ sind Entschuldigungen für die Faulheit vor der Tradition, aber kaum Begründungen warum ein Gedicht sich reimen muss.

Allerdings klingt in der Schmidtschen Abwehr doch auch schon etwas vom Affekt gegen den Reim an, der unter modernen Lyrikern und Freunden moderner Lyrik heute oft so selbstverständlich wirkt, wie unter Traditionalisten die Phrase: “Das soll ein Gedicht sein? Das reimt sich ja gar nicht!”. So scheint es mir manchmal notwendig dem geprügelten Reim beizuspringen. Auch und gerade um ihn vor seinen Rettern zu retten, Poetry Slammern zum Beispiel, die ja dann doch seit den späten Neunzigern weniger aus souveräner Überlegung heraus, denn aus der Gewohnheit vom gereimten Gedicht, das auf den hyperradikal marktförmigen Poetry-Slams zu allererst die Gunst eines an Hiphop & Popmusik gewöhnten Publikums zu gewinnen hat, tatsächlich den Reim wieder zu dem stilistischen Merkmal der Dichtung machen, und die Dichtung dabei einmal mehr zu halbwillkürlichen Reimerei degradieren.

Warum nur der Reim?

Finden wir einen Mittelweg, finden wir einen Platz für den Reim abseits von Feme und bemühten Leierkaskaden à la „ich würde gern so vieles tun, meine Liste ist so lang, / aber ich werd eh nie alles schaffen, / also fang ich gar nicht an“! Und schauen wir uns doch dazu einfach mal in aller Kürze ein Gedicht des Reimfeindes Schmidt an. Etwa:

Der goldgetränkte Himmel über mir
und das mänadische Gesöff in mir. –
[…]
Nachts schlitzen goldene Messer im Himmel;
Regen trabt, trollt, trabt. Dann wieder:
Maschensilber der Gestirne;
hakiger Mond verfangen im nachlässig hängenden.
Gegen 5 johlt der Zug durch Cordingen.
Verbreitet am Morgen Brandmale der Wolken:
wieder versah sich der Äther am Irdenen. Oder auch:
riemenschmal in olivne Himmelshaut gepeitscht.
Rauch beginnt krautig und wachsgelb: aus jenem Dach!
Der Mond erscheint ernst und blechern
in Gestalt eines Menschenauges
im Kalkblauen über Stellichte.

So beginnt DER GOLDGETRÄNKTE HIMMEL ÜBER MIR (Bargfelder Kassette I/4.1). Es fällt auf: Auch Schmidt nutzt, selbstverständlich, wo er Lyrik verfasst, das gesamte tradierte stilistische Arsenal. Assonanzen, Anaphern, den altnordischen Stabreim, den Zeilensprung usw. All die Dinge, die wir in der Schule mal lernen mussten. Und wirklich alle modernen Dichter, die sich irgendwann naserümpfend vom Reim abgewandt haben, verfahren so. Naja, alle lesenswerten. Einige besonders erbärmliche Exemplare rotzen wohl wirklich Prosa hin und hauen dann ein paar Zeilenbrüche rein. Eine vernichtende Kritik stilistischer Kniffe abseits des Reimes findet ganz selbstverständlich nicht statt. Wie auch, das Schreiben würde über kurz oder lang unmöglich (nebenbei, auch eine konstruktive, sprich auf neue und bewusstere Verwendung zielende Kritik dieser Formen ist selten). Sollten alle überlieferten Stilmittel akzeptabel bleiben, und nur der Reim dem Verdikt der Geschichte anheimfallen?

Also bitte. Selbst Schmidt verbannte ihn ja, in einem dieser seiner wenigen nicht gereimten (!) Gedichte nicht ganz, in assonanten Klangfolgen wie “hängenden … Cordingen … irdenen” (lesen Sie das obige Gedicht einmal laut!) ist zumindest immer noch ein Erinnern an reimendes Dichten aufgehoben. Sicher: die Textbeispiele, in denen der Reim nur formales Beiwerk, Konvention ist, sind Legion, besonders auch im Schmidtschen Werk. Aber heißt das, dass der Reim stets inadäquat sein muss?

Jenseits von Slam und Schmähvers

Ich sage nein. Bewusst gesetzt (und bewusst auf ihn verzichtend, wo er nicht hingehört) hat der Reim seinen Platz in der Lyrik auch abseits von Lied, Slam und Schulhof-Schmähvers. Wie es überhaupt in moderner Literatur im allgemeinen nichts geben sollte, was nicht geht. Im konkreten Text allerdings nur wenig, was überhaupt geht. Denn das ist vielleicht einer der Kardinalen Stolpersteine der Moderne: Aus dem Postulat prinzipiell möglichst weit gefasster Freiheit im Ganzen eine Lizenz zu- oder gar einer Adelung der Beliebigkeit im Einzelnen herzuleiten.

Das Gegenteil ist richtig: Wo die Tradition zu recht als künstlerische Leitlinie für untauglich angesehen wird muss das einzelne Werk so brutal bewusst angelegt sein, dass es stets Rechenschaft darüber ablegt, warum es nur so und nicht anders sein kann.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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