Herz und Plauze

Bud Spencer ist tot. Mit Mutterwitz, arglosen Geschichten und epischen Prügelszenen begeisterten der als Carlo Pedersoli geborene Italiener und sein Dauerpartner Terence Hill eine ganze Generation. Ihre Filme sollten nicht als Brachialkomik, sondern als professionelle Unterhaltung zweier vielschichtiger Multitalente in Erinnerung behalten werden.

Überall in der Welt hatte Bud Spencer Fans. Ungarische Verehrer haben ihn in Budapest mit Graffiti verewigt. Foto: Wikimedia Commons; Autor: Oppashi

Seinen ersten Kinofilm vergisst man nie. Deshalb werde ich Bud Spencer nie vergessen, diesen Menschenberg mit der eisernen Faust, der dicken Plauze und dem riesengroßen Herzen. Mit 86 Jahren ist er in der vergangenen Woche von uns gegangen. Nie mehr haut er seinen Gegnern mit dem berühmten Spencer-Move von oben senkrecht auf den Kopf. Nie mehr vertilgt er unmäßige Portionen an Spaghetti in einem Rutsch. Nie mehr sagt er seinem ewigen Filmkumpanen Terence Hill, für wie bescheuert er dessen Ideen hält.

Geht es allerdings nach dem katholischen Glauben, dem der gebürtige Neapolitaner ein Leben lang treu geblieben ist, kann er nun herausfinden, ob die Engel wirklich Bohnen essen (so der deutsche Titel eines Spencer-Films). Und wenn dem so ist, dann dürften Sie nun viel Spaß im Himmel haben – mit Spencer, diesem ebenso stoischen wie blitzgescheiten Unikum, das einst als Carlo Pedersoli das Licht der Welt erblickte.

Moderner Robin Hood mit eiserner Faust

Auf der Erde indes trauern die Fans um einen Darsteller, mit dem viele von Ihnen groß geworden sind  – und den sie im wahrsten Sinne des Wortes lieb gewonnen haben. Denn bei aller Rauflust, böse war Bud nie. Wie ein moderner Robin Hood verteidigte er in seinen Filmen die Armen und Schwachen. So ließ er in seiner Rolle als Kommissar Plattfuß stets die kleinen Fische laufen, während er um die großen ein engmaschiges Netz legte. Und selbst wenn er noch so viel austeilte, niemals floss Blut, keiner seiner Widersacher starb. Nach ein paar Minuten der Ohnmacht standen sie wieder auf den Beinen – und waren bereit, sich die nächste Backpfeife abzuholen. Dann folgte auch schon wieder ein cooler Spruch. Deshalb: Es mögen viele Stars in jüngster Zeit gestorben sein, von David Bowie über Prince bis Götz George. Jeder von Ihnen ein Verlust. Aber kein Tod eines Promi hat mich zuletzt so berührt, wie der von Bud Spencer, dem scheinbar unverwüstlichen Held meiner Kindheit.

So wie mir dürfte es vielen ergangenen sein, die in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts groß geworden sind. Denn an Spencer und Hill kam damals niemald vorbei. Jahr für Jahr stürmten die beiden Italiener, die ich wie viele andere für Amerikaner hielt, mit Western- oder Polizeikomödien die Kinocharts. Prügeln, Sprüche, Bohnen essen, so lautete das ebenso einfache wie erfolgreiche Erfolgsrezept ihrer Filme.

Der Held einer Generation

Dabei war Spencer alles – unter anderem Jurist, Aushilfsbibliothekar, Schwimmer, Wasserballspieler, Olympionike, Sänger, Komponist, Fabrikant, Drehbuchautor, Modedesigner, Musikproduzent, verhinderter Politiker, Erfinder sowie Gründer einer Fluglinie – nur kein ausgebildeter Schauspieler. Dennoch dürften der gutmütige Hüne und Kompagnon Hill die kommerziell erfolgreichsten italienischen Darsteller ihrer Zeit gewesen sein, wenn nicht sogar überhaupt. Warum? Vor allem weil sie authentisch waren. Der Spaß, den sie an ihren Rollen hatten, übertrug sich auf die Arbeit. Auch der Genuss am Vertilgen von Nudelbergen oder kiloweise Bohnen war nicht gespielt, sondern echt. Zudem war der Mutterwitz ihrer Dialoge (ein Verdienst der deutschen Synchronisation) für das hiesige Unterhaltungskino eine echte Neuerung.

Um es kurz zu fassen: Spencer und Hill lieferten einfach gute Show ab, sie verbreiteten Lebenslust und augenzwinkernden Humor. Das war mehr, als man sonst vom europäischen Kino der frühen 70er Jahre erwarten konnte. In Deutschland schwankte das Pendel zwischen dem verkopften Autorenkino eines Rainer Werner Fassbinder, das außer den Produzenten und ein paar Feulletonisten niemand sehen wollte, und dem Brachialhumor der Lederhosen-, Edgar-Wallace- und Lümmelfilme. In Italien wiederum hatte der Niedergang der düsteren Urform der Italo-Western längst begonnen. Abgesehen von Spencer/Hill dominierten nun Mafia-Filme und Horrorstreifen die dortige Filmproduktion.

Lebenslust und augenzwinkernder Humor

Spielerisch leicht wirkten dagegen die Eskapaden der selbstironischen Raufbolde. Schnell war man mitten drin – in anderthalb Stunden arglosem, aber doch irgendwie intelligentem Vergnügen. Dabei gaben sich Spencer und Hill so, wie zumindest Kinder und Heranwachsende gerne sein wollen. Vorlaut, manchmal auch Flegelhaft, auf Konventionen und Etikette pfeifend, politisch inkorrekt. Jeder Mutter dürften die Tischmanieren in Spencers Filmrollen wohl Schweißperlen auf die Stirn getrieben haben.

War man einmal in ihre Welt eingetaucht, wuchs schnell der Wunsch, mehr vom Dicken und vom Frechen zu sehen. So ging es mir jedenfalls, als ich – irgendwann tief in den 70ern – erstmals ein Lichtspielhaus von innen gesehen hatte und sofort ins Fanlager von Spencer und Hill überlief. Dabei war „Zwei Missionare“ nicht einmal ihr stärkster Film, der Spaghetti-Western „Vier Fäuste für ein Hallelujah“ gilt bis heute als das Glanzstück. Aber bereits ein mittelprächtiger Streifen reichte, um mich mit dem Bud-Spencer-Virus zu infizieren. Für alle Filme mit „Buddy“  pilgerte ich ins Kino. Und als später der Videorekorder erfunden wurde, liefen Spencer/Hill-Filme in High Rotation.

Auch Kinohelden kommen in die Jahre

Irgendwann in den 90ern endete der Hype. Die ewig gleichen Geschichten zweier prügelfreudiger Außenseiter, die sich mit dem Rest der Welt anlegen, waren auserzählt. Gleichzeitig kamen die Darsteller endgültig in ein Alter, in dem man ihnen die Rolle der agilen Raubauze nicht mehr abnehmen konnte. Auch hatte das US-Blockbusterkino endgültig seinen Siegeszug angetreten. Prügelnde Filmhelden trugen nicht mehr nur englische Namen, sie kamen nun auch ausschließlich aus den USA – oder bestenfalls noch aus Großbritannien (auch wenn im UK gerade andere Stoffe angesagt waren. Danny Boyle, der genialische Schöpfer von Milieustudien wie „Trainspotting“ oder „Slumdog Millonaire“, startete durch – und ein gewisser Hugh Grant versorgte die Welt im Akkord mit romantischen Komödien).

Das deutsche oder das italienische Kino dagegen fiel nach Spencer/Hill (immerhin waren Deutsche oft Co-Produzenten ihrer Filme; Mario Girotti alias Terence Hill war zudem der in Dresden geborene Sohn einer deutschen Mutter) international kaum noch durch echte Kassenerfolge auf. Oscar prämierte Streifen wie Roberto Benignis „La Vita e bella„, Giuseppe Tornatores Herzen erwärmendes „Nuovo Cinema Paradiso„, die Stasi-Tragikkomödie „Das Leben der Anderen„, aber auch das Weltkriegsdrama „Der Untergang“ blieben Ausnahmen, die die Regel bestätigten.

Moderne Form der Comedia dell`arte?

Spencer und Hill sollten daher nicht bloß als die Brachialkomiker in Erinnerung bleiben, für die manche Feuilletonisten sie lange hielten. Nicht zu Unrecht gesteht Ihnen ein Autor der „Zeit“ in seinem Nachruf nun Anleihen bei Don Quijote und Sancho Panza, Laurel und Hardy, der Commedia dell’arte und dem US-amerikanischen Stummfilm zu. Für überzogen halte ich dagegen die Interpretation, dass sich in der Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere das Spannungsverhältnis zwischen dem traditionellen, ländlichen Italien mit seiner Lebenslust und Bodenständigkeit (Spencer) sowie dem sich abzeichnenden globalisierten Kapitalismus widerspiegelt, der windige Gestalten mit fragwürdigen Geschäftsmethoden (Hill) hervorgebracht hat. Auch gibt es keine Belege dafür, dass Hill mit seiner Großsprecherei und Durchtriebenheit einen bekannten Unternehmer und späteren Politstar karikiert hat. Vielmehr war das Kino von Spencer/Hill im positivsten Sinne unpolitisch und lebensbejahend, auch wenn immer wieder Themen wie Umweltzerstörung, Drogenhandel und Mafia-Kriminalität aufgegriffen wurden.

Zudem dürfte dem Klardenker Pedersoli alias Spencer bewusst gewesen sein, dass ihm für Oscar-Ambitionen oder politische Botschaften schlicht die schauspielerischen Mittel fehlten. Zu klug und zu selbst reflektiert war er. Die Grenzen seiner Fähigkeiten als Mime umriss er in seiner Autobiographie : „Ich bin kein Schauspieler, ich bin ein Charakter.“ Den aber liebten Millionen. Und deshalb konnte er fast zwei Jahrzehnte lang als Zentrum seines eigenen Kosmos reüssieren. Bud Spencer gab es nur in  den typischen „Bud Spencer-Filmen“. What you get is what you see, würden US-amerikanische Autoverkäufer sagen.

Spencer schuf sein eigenes Genre

Zwar endet das Genre „Bud Spencer“-Film zwangsläufig mit dem Tod seines Namensgebers, dennoch wird es irgendwie weiterleiben. So dürften noch viele Jahre Produktionen wie „Zwei Asse trumpfen auf„, „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ oder „Sie nannten ihn Mücke“ in Wiederholungsschleifen auf Sendern wie Kabel 1 laufen.

Mit Sicherheit werde ich das eine oder andere Mal einschalten und „Bud Spencer“-Filme als unwiederbringliche Highlights meiner Kindheit in Erinnerung behalten. Dafür: Arreividerci e grazie per tutti, Bud! Hoffentlich schmecken sie Dir, die Bohnen, die die Engel essen!

 

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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